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Der Hermeneutische Zirkel in Hans-Georg Gadamers "Wahrheit und Methode"

Bachelorarbeit 2011 33 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart

Leseprobe

INHALT

Vorwort

1. Einleitung

2. Zur Hermeneutik Schleiermachers
2.1. Die Zirkelbewegung im Ansatz Schleiermachers

3. Von Schleiermacher zu Heidegger

4. Erweiterung des Hermeneutikbegriffs bei Heidegger
4.1. Die Zirkelbewegung im Ansatz Heideggers

5. Gadamers Heidegger – Rezeption als Grundlage von „Wahrheit und Methode“
5.1. Die kritische Auseinandersetzung mit dem Ansatz Schleiermachers

6. Zur Universalhermeneutik Gadamers
6.1. Der Universalitätsbegriff in „Wahrheit und Methode“
6.2.Gadamers argumentatives Vorgehen

7. Der Hermeneutische Zirkel in „Wahrheit und Methode“

8. Fazit

Anmerkungen

Verwendete Literatur

Vorwort

Hans – Georg Gadamers Darstellung der Problematik des „Hermeneu- tischen Zirkels“ umfasst nur wenige Seiten in seinem Hauptwerk „Wahrheit und Methode“ und ist dort eingebettet in den grossen Zu- sammenhang seiner Entwicklung einer philosophischen Universal – hermeneutik. Sein Denkansatz wiederum ist vorläufiger Endpunkt einer Ent- wicklung des Verständnisses von Hermeneutik, die letztlich, verein – fachend ausgedrückt, bei Schleiermacher beginnt und über mehrere Stationen, nicht zuletzt und insbesondere über Dilthey und Heidegger bis eben hin zum Gadamerschen Denken führt. Die Absicht dieser Arbeit ist es, Gadamers Position hinsichtlich des Hermeneutischen Zirkels nicht lediglich isoliert als solche, sondern diese vielmehr im Zusammenhang der oben bereits angesprochen Entwicklung darzustellen.

Zu diesem Zweck erscheint es sinnvoll, die gedanklichen Ansätze Schleiermachers, Heideggers und Gadamers nacheinander darzu – stellen, wobei in Unterabschnitten jeweils deren Begriff der Zirkel – bewegung herauszuarbeiten ist. Gadamers grundsätzliche Kritik am Schleiermacherschen Hermeneutikkonzept ergibt sich bereits aus der Befassung mit Heidegger und kann daher bereits zusammen- gefasst dargestellt werden , bevor dann ausführlicher auf die Hermeneutik Gadamers eingegangen wird. Danach kann dann seine Ausarbeitung des Zirkelproblems in „Wahrheit und Methode“ genauer untersucht werden. Eine Darstellung und Untersuchung seiner Auseinandersetzung mit Dilthey muss aus Platzgründen leider unterbleiben.

1. Einleitung

Mit dem Begriff des „Hermeneutischen Zirkels“, auch „Zirkel des Verstehens“ genannt(1), verbindet sich eine zentrale Problemstellung geisteswissen - schaftlich orientierter Wissenschaftstheorien, die Erklärung der Art und Weise des Zustandekommens höheren Verstehens aus elementaren Verständnis- inhalten aufgrund der Wechselbeziehung des Ganzen und der einzelnen Teile des zu Verstehenden.

In dieser Wechselbeziehung ergibt sich die Schwierigkeit, dass beispielsweise

bei einem zu interpretierenden Text einerseits das Ganze verstanden sein muss, um das Einzelne zu verstehen, das Ganze seinerseits nur ver- standen werden kann, wenn das Einzelne verstanden wird – formal aus – gedrückt: „Um A zu verstehen, müsste man erst B wissen ; um ein Wissen über B zu erwerben, müsste man erst A verstehen.“(2)

Eine Hermeneutik als „methodisch geleitete Konstruktion eines ursprüng – lichen Sinnzusammenhangs in einem sprachlichen Gebilde mit der methodischen Grundforderung, das Einzelne aus dem Sinnzusammenhang eines Ganzen zu verstehen“(3) , gibt es erst in der Neuzeit. Eine Erörterung der vorhergehenden Geschichte und Entwicklung der Hermeneutik (beispielsweise des Aspektes der Entwicklung der Hermeneutik als Weiterentwicklung des Idealismus oder gewisser romantischer Ansätze, die „schon den Übergang zur Lebensphilosophie implizieren“)(4), ist auf - grund des vorgegebenen Maximalvolumens dieser Arbeit nicht möglich und von der Themenstellung her wohl auch nicht zwingend nötig, es sei daher an dieser Stelle der Hinweis auf die reichlich vorhandene Fachliteratur verwiesen, insbesondere auf die Arbeiten J.Wachs(5)

Allgemein besteht Einigkeit darüber, dass in der Philosophischen Herme – neutik als erster Friedrich Ast(6) und anschliessend F.D.E. Schleier – macher die „Zirkelstruktur des Verstehens“ bzw. den „Hermeneutischen Zirkel“ als Grundprinzip der Hermeneutik herausstellten (wobei Letzterer zu Leb – zeiten keine hermeneutische Systematik persönlich publiziert hat, dies realisierte dann sein Schüler sein Schüler Friedrich Lücke.

Gadamer entwickelt sein eigenes Konzept des Hermeneutischen Zirkels einerseits in der kritischen Auseinandersetzung mit Schleiermacher und letztlich klarer Ablehnung seiner Konzeption, auf der anderen Seite in einer gewissen, im Laufe dieser Arbeit noch genauer herauszuarbeitenden Adaption Heideggerscher Positionen, reduziert laut Loschelder insofern die Geschichte des Hermeneutischen Zirkels auf diese beiden „wichtigen, weil inhaltlich konträren Positionen, um seine eigene Position , gleichsam in Kontrast und Anlehnung an diese, herauszuarbeiten“.(7) (Es darf an dieser Stelle allerdings nicht verschwiegen werden, dass Grondin durchaus kritische Anfragen an diese „goldene Linie...die von Schleiermacher über Dilthey bis hin zu Heidegger und Gadamer hinführen soll“(8) äussert.)

Grundsätzlich stellt Gadamer die Zirkelbewegung als solche nie in Frage: „Dabei war von jeher klar, dass logisch gesehen hier ein Zirkel vorliegt...“.(9) „So verläuft die Bewegung vom Ganzen zum Teil und zurück zum Ganzen. Die Aufgabe ist, in konzentrischen Kreisen die Einheit des verstandenen Sinnes zu erweitern. Eingliederung aller Einzelheiten zum Ganzen ist das jeweilige Kriterium für die Richtigkeit des Verstehens. Das Ausbleiben solcher Einstimmung bedeutet Scheitern des Verstehens.“(10) Es sei an dieser Stelle der Arbeit noch betont, dass es von der Themenstellung (und auch vom vorgegebenen Umfang her) her ja nicht darum gehen kann, die Hermeneutiken der verschiedenen Personen in in ihrer Gesamtheit miteinander in Beziehung zu setzen respektive zu ver – gleichen, sondern lediglich hinsichtlich ihrer Bedeutung im Hinblick auf den Hermeneutischen Zirkel. Insofern kann die Hermeneutik Schleier - machers bzw. die „idealistischen Hermeneutik“(11) (bei Gadamer auch als „traditionelle“ oder auch „hermeneutische Theorie der Romantik“(12) bezeichnet), nur als Beispiel für die Befassung Gadamers mit dem von ihm abgelehnten Ansatz einer „Hermeneutik als Methode“ dienen, eine sachangemessene Darstellung seiner Auseinandersetzung beispielsweise mit dem Werk Diltheys würde die Volumenvorgabe dieser Arbeit weit übersteigen. Ebenso kann ein erster Überblick über den Ansatz Heideggers selbst nur skizzierenden Charakter haben, damit entsprechend Raum für die Darstellung der Position Gadamers und seiner Beziehung zu den Ansätzen Schleier - machers und insbesondere Heideggers verbleibt.

2. Zur Hermeneutik Schleiermachers

Wie oben bereits angedeutet, ist Schleiermacher von der philosophischen Romantik geprägt, nicht zuletzt durch seine Zeit im Kreis der Romantiker um Schlegel in Berlin) und hat diese seinerseits beeinflusst. Von daher steht der Einzelne in seiner Besonderheit für ihn im Mittelpunkt, menschliche Werke sind für ihn Ausdruck dieser Individualität, gleichzeitig postuliert Schlei – ermacher aber auch, dass der Mensch nur als Mitglied der Gemeinschaft sich als Individuum verwirklichen kann, indem er sich anderen offenbart und mitteilt.Dies ist der Hintergrund seiner Umgestaltung der traditionellen Hermeneutik ( die im Wesentlichen nur zwei Definitionen ihres Gegenstandes kannte, „nämlich der Lehre vom richtigen Verständnis der gesprochenen oder geschriebenen Rede eines anderen“)(13).

„Da die menschlichen Hervorbringungen Ausdruck von etwas sind, lassen sie sich auch verstehen (auslegen). S. entwickelt die Idee einer Hermeneutik als allgemeiner Lehre des Verstehens sprachlicher Ausdrücke .

Die methodische Interpretation wird aufgrund der Möglichkeit von Miss – Verständnissen zur Aufgabe; die Lehre, Missverständnisse zu vermeiden, formt sich bei S. zur Hermeneutik aus.“(14)

Schleiermacher unterscheidet zwischen einer grammatischen Auslegung, also der Interpretation eines Ausdrucks innerhalb eines lexikalischen Systems(15) und einer technischen oder psychologischen Deutung(16), die den individuellen Stil rekonstruktiv untersucht. Später gewichtet er die psychologische Seite deutlich stärker.

Da sich das gegenseitige Sichausdrücken (s.o.) im Gespräch vollzieht, geht es im Gespräch für Schleiermacher (anknüpfend an Plato) letztlich darum, sich der Wahrheit gemeinsam zu nähern. Da sich die Dialektik mit den Prinzipen der Gesprächsführung hinsichtlich dieses gemeinsamen Wahrheitsstrebens befasst, es insofern mit der Wahrheit als transzendentem Grund des Gesprächs zu tun hat, kommt der Dialektik bei Schleiermacher zentrale systematische Bedeutung zu.

An dieser Stelle muss nun auf die zentrale Bedeutung der Universalität der Sprache im philosophischen Ansatz Schleiermachers hingewiesen werden, wobei hier unter „Sprache“ die Gesamtheit des dialogischen Gesprächs, also auch in geschriebener Form, zu verstehen ist.

Der entscheidende Punkt ist hier, dass Sprache als Gespräch und Denken eine unlösbare Einheit darstellt . Rhetorik, Dialektik und Hermeneutik stellen letztlich drei Seiten eine Ganzen dar: „Das Reden ist die Vermittlung für die Gemeinschaftlichkeit des Denkens, und hieraus erklärt sich die Zusammen - gehörigkeit von Rhetorik und Hermeneutik unter ihr gemeinschaftliches Verhältnis zur Dialektik.“(18)

Der Problematik des Sprachaspekts widmet sich Gadamer ausführlich im 3. Teil von „Wahrheit und Methode“ (der allerdings nicht Gegenstand dieser Arbeit ist).

2.1. Die Zirkelbewegung im Ansatz Schleiermachers

Der Ausgangspunkt in diesem Zusammenhang liegt im weiter oben bereits kurz angesprochenen Bereich der psychologischen Auslegung : Nach Schleiermacher (im Gegensatz zu früheren Autoren bis hin zu Wolff ) geht es nicht darum, den Sinn eines Autors, sein Wollen präzise und logisch zu erfassen, vielmehr gilt : Jede Rede ist immer nur zu verstehen aus dem ganzen Leben, dem sie angehört... (aus seinem Totalzusammenhang), da jede Rede nur als Lebensmoment des Redenden in der Bedingtheit aller seiner Lebensmomente erkennbar ist.“(19)

Von daher ergibt sich die Notwendigkeit der Entwicklung neuer Methoden des Verstehens, zunächst einmal die „divinatorische“ Methode, den Versuch des sich „Hineinlebens“ in den Urheber in seiner Lebenssi- tuation, das aber letztlich nie logisch – demonstrative Gewissheit bringen kann, sondern eben nur „divinatorische“. Das Problem der dabei ständig präsenten Fehlerquelle der Subjektivität soll dabei durch die „komparative“ Methode als ständiger Rückgriff auf das Moment des Allgemeinen gelöst werden : „Die divinatorische ist die, welche, indem man sich selbst gleichsam in den andern verwandelt, das Individuelle unmittelbar aufzufassen sucht. Die komparative setzt erst den zu Verstehenden als ein Allgemeines und findet dann das Eigentümliche, indem sie mit andern unter demselben Allgemeinen Befaßten verglichen wird ...Beide weisen aufeinander zurück ... die Divination wird sonach aufgeregt durch Ver- gleichung mit sich selbst. Wie aber kommt die komparative dazu, den Gegenstand wieder durch ein Allgemeines zu setzen ? Offenbar entweder wieder durch Komparation ,und dann ginge es ins Unendliche zurück, oder durch Divination. Beide dürfen nicht voneinander getrennt werden ... Das Allgemeine und das Besondere müssen einander durchdringen ...“(20)

Auf diese Weise ergibt sich dann eine Nachkonstruktion der gegebenen Rede , bei der der Ausleger dann auch u.U. den Urheber „besser (versteht) als er selbst“.(21) Zu dieser Zirkelbewegung des Verstehens zwischen Divination und Komparation muss dann gegebenenfalls, wenn es besonders um das Verstehen des Gesamtwerkes gehen soll, hinsichtlich der Vermeidung von Missverständnissen dann auch noch die technische Ausle- gung kommen, die etwa Fragen nach der Komposition etc. nachgeht.(22) Zu erwähnen ist hier noch, dass Schleiermachers Theorie des Einlebens verbunden ist mit einer allgemeinen metaphysischen Theorie, bei der er „Verfasser und Leser beide Ausdruck ein und desselben über – Individuellen Lebens (des Geistes) sind, welches sich durch die Weltgeschichte entwickelt. Dieses Leben garantiert letzten Endes die Möglichkeit und Sinnfülle des Verstehens.“(23)

[...]


(1).Geldsetzer,127

(2).Stegmüller 1986,70

(3).Regenbogen/Meyer,286

(4).Diemer,52f

(5).Wach,1925ff

(6).Ast,178ff

(7).Loschelder,4

(8).Grondin,Von Heidegger zu Gadamer,81f

(9).Gadamer,Wahrheit und Methode („WM“),178

(10).WM 275

(11).vgl.Diemer,51

(12).WM 280

(13).Frank,10

(14).Hügli,514

(15).Frank,101ff

(16).a.a.O.,167ff

(17).vgl.Hügli,514

(18).Schleiermacher,zit.in:Diemer,57

(19).a.a.O.,58

(20).Frank,169f

(21).Schleiermacher,zit.in:Diemer,58

(22).ebd.

(23).Hügli,252

Details

Seiten
33
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656174592
ISBN (Buch)
9783656175117
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v191846
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Fakultät für Philosophie
Note
2,0
Schlagworte
hermeneutische zirkel hans-georg gadamers wahrheit methode

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