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Von der Unglaubwürdigkeit der Offenbarung - Die Kritik Karl Jaspers am christlichen Verständnis der Offenbarung und ihrer Vermittlung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2001 56 Seiten

Theologie - Systematische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Karl Jaspers und die Frage nach der Offenbarung
2.1 Grundlagen der Philosophie Karl Jaspers'
2.1.1 Das Umgreifende.
2.1.2 Existenz und Transzendenz
2.1.3 Chiffer
2.1.4 Zusammenfassung
2.2 Jaspers' Kritik an der Offenbarung
2.2.1 Vorausgehende Betrachtungen: Der Gottesbegriff und das Verhältnis
zwischen Philosophie und Religion
2.2.1.1 Gott
2.2.1.2 Religion und Philosophie
2.2.1.3 Zusammenfassung
2.2.2 Jaspers' Haupteinwand
2.2.3 Felder der Offenbarung
2.2.3.1 Jesus und Christus
2.2.3.2 Bibel und Kanon
2.2.3.3 Autorität und Kirche
2.2.3.4 Zusammenfassung

3 Kritik
3.1 Argumente gegen Jaspers' Offenbarungskritik
3.2 Schlußbemerkung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Nach einer Vorlesung über Metaphysik kam am Semesterschluß ein katholischer Pfarrer zu mir, sich als mein Hörer zu bedanken, sein Einverständnis auszusprechen: „Ich habe nur den einen Einwand, daß das meiste von dem, was sie vorgetragen haben, nach unserer Auffassung Theologie ist.[1]

So beschreibt Karl Jaspers in seiner Autobiographie den ersten Moment, an dem ihm bewußt wurde, daß er in seinen Vorlesungen wie selbstverständlich über von den Theologen für sich beanspruchte Themen sprach. Nicht, daß er sich auf theologisches Gebiet hätte begeben wollen, aber der Grundansatz seiner Philosophie verlangte nicht nur eine Beschäftigung mit dem Gottesgedanken, sondern auch mit dem Glauben, den Jaspers nicht nur als Phänomen, sondern als notwendige Kategorie jeden menschlichen Daseins ansieht, ohne die der Mensch auch in Zukunft nicht leben können wird.[2]

Was Jaspers an scheinbar theologischen Inhalten lehrte, lehrte er allerdings immer bewußt als Philosoph, unabhängig von jedem Bekenntnis zu irgendeinem religiösen Glauben, wenn auch vom jüdisch-christlichen Kontext geprägt. Diese Unabhängigkeit des Philosophen machte Jaspers in der Folgezeit zum Fundament eines „philosophischen Glaubens“, welcher in der individuellen, existentiellen Ausrichtung des Menschen auf die Gottheit gründet. Dieser Glaube bewahrt sich die Offenheit, unabhängig von geschichtlichen Ereignissen, Glaubensformen und Institutionen zu sein. Obwohl dem philosophisch Glaubenden die verschiedenen geschichtlichen Weisen, durch die Menschen in Kontakt mit Gott gekommen sind, bewußt sind und er sich diese aneignet, schließt er sich nicht einer bestimmten, für sich Ausschließlichkeit beanspruchenden Form des Glaubens an.

Mit einer solchen Auffassung von Glauben gerät Jaspers unweigerlich in Widerspruch zu einem Offenbarungsglauben, wie er in den biblischen Religionen, am ausgeprägtesten im Christentum zu finden ist. Einen solchen Glauben meint er ablehnen zu müssen, da er in der Offenbarung die Gefahr einer Einschränkung der Freiheit des Menschen sieht.[3]

Auf welcher Grundlage Jaspers zu dieser kritischen Haltung gegenüber der Offenbarung kommt, wie er sie begründet und wodurch sie sich seiner Meinung nach von seinem System des philosophischen Glaubens unterscheidet, soll Inhalt der folgenden Ausführungen sein. In einem ersten Schritt soll dazu auf die Basis, von der Jaspers sein Denken aufbaut anhand der wichtigsten Grundbegriffe erörtert eingegangen, anschließend das Auseinandertreten von Philosophie und Religion deutlich gemacht, der Haupteinwand Jaspers gegen die Religion dargestellt sowie dies in einem weiteren Schritt auf die einzelnen Felder der Offenbarung angewandt werden. Den Abschluß bildet ein Überblick über die zu Jaspers’ Entwurf geäußerte Kritik, sowie eine kurze Stellungnahme zur Bedeutung des jasperschen Ansatzes.

2 Karl Jaspers und die Frage nach der Offenbarung

2.1 Grundlagen der Philosophie Karl Jaspers’

Um die Offenbarungskritik Karl Jaspers’ überhaupt verstehen zu können, bedarf es zunächst einer Darstellung des philosophischen Fundaments, von dem aus Jaspers seine Gedanken entwickelt und welches er weniger als System, sondern vielmehr als „offenhaltende Systematik“[4] verstanden wissen möchte. Schon sein Verständnis von Philosophie, sein Ausgehen von der existentiellen Erfahrung des Menschen, bereitet Schwierigkeiten.[5] Dies äußert sich vor allem bei dem Versuch, die für jaspersches Denken zentralen Begriffe in ihrer häufig vielschichtigen Bedeutung exakt erfassen zu wollen.[6] Dennoch soll nun der Versuch gemacht werden, die für das Verständnis der Offenbarungskritik entscheidenden philosophischen Voraussetzungen anhand der Begriffe des Umgreifenden, der Existenz und Transzendenz, sowie der Chiffer zu verdeutlichen.[7]

2.1.1 Das Umgreifende

Philosophieren ist für Jaspers ein Denken, das auf die Einheit und Ganzheit zielt.[8] Alles, was im Laufe der Geschichte der Philosophie auf die Frage nach dem alles Umfassenden, also nach dem Sein[9], an bestimmbaren Größen, sei es Materie, Geist, oder Leben, zur Grundlage genommen worden ist, hat keine befriedigende Antwort hervorbringen können, sondern im Gegenteil nur zu einem Streit verschiedener Schulen geführt.[10] Dies hängt seiner Meinung nach damit zusammen, daß hier eine Weise des bestimmten Seins „zum Sein selbst verabsolutiert“ wurde.[11] Jaspers wendet sich somit gegen jede Ontologie.[12] Das Problem, welches sich bei der Betrachtung des Seins stellt, ist, daß der Mensch nicht aus dem Horizont dessen, was er erkennen kann, ausbrechen kann.[13] Es ist dem Menschen weder möglich, einen übergeordneten Standpunkt, von dem aus er alles überblicken kann, einzunehmen, noch, durch eine Vielzahl von Standpunkten, das geschlossene Sein rekonstruieren zu können[14]:

Das Sein bleibt für uns ungeschlossen; Es zieht uns nach allen Seiten ins Unbegrenzte. Es läßt immer wieder Neues als jeweils bestimmtes Sein uns entgegenkommen.[15]

Das Sein selbst scheint geradezu vor dem, was uns als neue Erscheinung entgegenkommt, zurückzuweichen. Dieses Sein bezeichnet Jaspers als das Umgreifende.[16] Das Umgreifende selbst kann nie Gegenstand sein, es ist nicht die Welt, das Dasein oder das Bewußtsein. Daher kann es auch nicht abgeleitet werden.[17] Das Umgreifende kommt nicht von etwas Ursprünglicherem her, sondern ist das Unüberschreitbare, über das hinaus nichts mehr ist.[18] Aus dem Umgreifenden kann auch nichts abgeleitet werden, da es nicht einem Gegenständlichen entspricht.[19] Es kündigt sich vielmehr nur im Gegenständlichen an.[20] Wird das Umgreifende aber gedacht, wird es automatisch gegenständlich gedacht. Somit ist (und das scheint paradox) eigentlich jeder Satz über das Umgreifende widersinnig, oder zumindest mißverständlich, schon allein, da er sich in der Gestalt einer Wörtlichkeit ausdrücken muß.[21] So ist es nun die Aufgabe der Philosophie, das sich uns erschließende Gegenständliche (so wie ja auch der Mensch zum Bereich des Gegenständlichen gehört) in seiner Transparenz auf das Umgreifende hin zu sehen.[22]

Was im Sinne des gewohnten Erkennens widerspruchslos unvollziehbar ist, ist doch philosophisch vollziehbar als das Hellwerden eines mit allem bestimmten Wissen unvergleichbaren Seinsbewußtseins. Wir treten in den weitetesten Raum des Möglichen. Alles als Gewußtsein für uns Seiende gewinnt eine Tiefe durch den Bezug auf diesen Raum, aus dem es an uns herantritt, das Sein ankündigend, ohne es selbst zu sein.[23]

Von dieser Basis aus läßt sich das bislang eher abstrakte „Umgreifende“ noch weiter ausdifferenzieren. Jaspers spricht hier von den Weisen des Umgreifenden.[24] Diese sind bedingt durch die Gegenständlichkeit bestimmter Erscheinungen[25] und somit Ausdruck der endlichen Annäherung an das Umgreifende.[26] Jaspers gliedert das Umgreifende in drei Schritten:

Der erste Schritt geht von der kantischen Subjekt-Objekt-Spaltung aus. Alles, was für uns ist, ist nur unter der Bedingung des denkenden, alles Sein umfassenden Bewußtseins. Das „Sein-für-uns“ ist also Erscheinung des „Seins-an-sich“.[27] So sieht Jaspers das Umgreifende in zwei Weisen. Auf der Subjektseite ist es das Bewußtsein überhaupt, welches allen Subjekten gemeinsam ist und sich im individuellen Bewußtsein konkretisiert.[28] Auf der Objektseite ist das Umgreifende die Welt, in der die Erscheinungen die Konkretisierungen darstellen.[29] Der erste Schritt stellt also die Subjekt-Objekt-Spaltung innerhalb des Umgreifenden fest.

Der zweite Schritt geht von der Beobachtung aus, daß der Mensch nicht nur Bewußtsein ist. Ebenso gehört zu ihm auch sein Dasein[30] , sein Gebundensein an eine leibliche Realität, mit der er in seiner Umwelt wirksam wird. Aber auch das Dasein hat nicht nur eine wissenschaftlich untersuchbare Komponente, sondern, ebenso wie das konkrete Bewußtsein im Bewußtsein überhaupt, einen umgreifenden Aspekt in einem überindividuellen Dasein als „dunklen Grund“ und Geheimnis einer jeden Existenz, der mit allem anderen konkreten Dasein geteilt wird.[31]

Daneben ist der Mensch, und dies ist laut Jaspers seine dritte Bestimmung, in der sich das Umgreifende zeigt, Geist.[32] Der Geist ist auf der Suche nach den Ideen, den Sinntotalitäten und Ganzheiten und erforscht unter dieser Rücksicht die Welt.[33] Das vom Geist in seinem Schaffen Gefundene ist sein Objekt, die Phantasie, mit der er das Gefundene vermittelt und greifbar macht, sein Subjekt.[34] Der Geist ist auf das Umgreifende aus, vermittelt es aber in zeitlicher Abhängigkeit und an Inhalte gebunden.[35]

Im dritten Schritt weist Jaspers zunächst noch einmal darauf hin, daß die genannten Weisen des Umgreifenden, also auf der subjektiven Seite Dasein, Bewußtsein überhaupt und Geist, sowie auf der objektiven Seite Welt, gegenwärtig, bzw. immanent sind.[36] In dieser Immanenz und ihrem So-Sein, also der Wirklichkeit, ist noch nicht alles erschöpft. So ist der Mensch nicht nur Wirklichkeit, sondern auch Möglichkeit.[37] Und was er als solche Möglichkeit wirklich ist, bezeichnet Jaspers als Existenz . Auf der Ebene der Welt erfolgt der Sprung aus der Immanenz zur Gottheit.[38]

Zusammenfassend beschreibt Jaspers die drei Schritte: 1) vom Umgreifenden allgemein zur Unterscheidung von subjektiv und objektiv Umgreifendem, 2) die Ausdifferenzierung des subjektiv Umgreifenden, und 3) von der Immanenz zur Transzendenz[39].

Damit sind die beiden Schlüsselbegriffe, Existenz und Transzendenz, abgeleitet, die im folgenden näher erläutert werden sollen.

2.1.2 Existenz und Transzendenz

Existenz ist bei Jaspers, wie oben beschrieben, nicht einfach eine der auf das Umgreifende verweisenden Bestimmungen des Menschen[40][41], sondern kann als „die Bedingung des Selbstseins“[42], „das Fundament allen bewußten Wissens“[43] oder als „der mögliche Grund allen Denkens und Handelns“[44] bezeichnet werden. Sie ist selbst kein Objekt der Erkenntnis.[45] Jaspers’ Definition von Existenz lautet: „Existenz ist das Selbstsein, das sich zu sich selbst und dadurch zur Transzendenz verhält, durch die es sich geschenkt weiß und auf die es sich gründet.“[46] Existenz und Transzendenz sind also eng miteinander verbunden.[47] Existenz verhält sich zu sich selbst in der Welt, als ihre unerläßliche Basis. Sie stößt aber immer wieder an die Grenzen der Welt und versucht, diese zu durchbrechen. Dafür bedarf sie notwendigerweise der Vernunft und der Freiheit.[48] Jaspers’ Meinung nach ist die Freiheit kein Erkenntnisobjekt, sondern wird nur vom Subjekt in seinem Selbstsein wirklich erfasst. Freisein erweist sich in der Tat, in der sie sich konkretisiert (auch wenn sie negative Folgen hat und der Handelnde unter ihr leiden muß).[49] Da sich Existenz durch die Freiheit in der Welt konkretisiert, steht sie nicht außerhalb der Geschichte.[50] Diese geschichtliche Dimension wird konkret in der Situation bewußt, in besonderer Weise in der Grenzsituation, in der sich die Existenz mit Kampf, Tod, Leid und Schuld konfrontiert sieht.[51] In Grenzsituationen erfährt die Existenz ihre kontingente Verhaftetheit.[52] Ebenso wichtig ist, daß die Existenz nur in Kommunikation mit anderer Existenz zu ihrem Selbstsein gelangt.[53] Jaspers’ Anliegen ist es also, die Existenz fest in der Realität zu verankern und sich gegen Solipsismus und Welt- bzw. Geschichtslosigkeit auszusprechen.[54] Allerdings ist es ebenso auch nicht möglich, die Existenz vollständig zu erfassen. Sie ist der Forschung unzugänglich und bleibt vielmehr die ständige, grenzenlose Offenheit und Ungeschlossenheit, die nie erkennbar werden kann, oder wie Jaspers selbst sagt, „ein Zeiger, der auf ein Jenseits aller Gegenständlichkeit verweist“.[55]

Wie bereits deutlich geworden ist, ist Existenz immer nur in Bezug auf ein Gegenüber, auf die Welt, die Geschichte usw. möglich. Durch diesen Bezug stößt die Existenz immer wieder an unüberwindbare Grenzen (wie z.B. in den Grenzsituationen). Die Begrenzung der Existenz rührt daher, daß sie sich nicht außerhalb ihrer selbst stellen kann, nicht wissen und zugleich gewußt werden kann.[56] In der Betroffenheit über diese Grenzen gelangt der Mensch in das Transzendieren, in dem er die Erscheinungshaftigkeit allen Daseins erfährt. Wenn Existenz sich als das Bedingte und Begrenzte erweist, so ist Transzendenz das Unbedingte und Unbegrenzte.[57] Im Transzendieren geht der Mensch also über sich hinaus.[58] Das Sein, das der Mensch ist, wird bei diesem Vorgang bezogen auf „ein Sein, das nicht Existenz, sondern ihre Transzendenz ist“[59]. Dieser Sprung von der Immanenz zur Transzendenz ist für Jaspers der Ausgangspunkt der Philosophie[60], ihr „Herzstück“[61]. In ihm erkennt der Mensch aber auch unweigerlich die Zerrissenheit des Seins. Das Sein erscheint dem Menschen immer nur als ein bestimmtes Sein, nie aber als „Sein- an-sich“.[62] Es ist daher zwischen der Transzendenz, die allen Weisen des Umgreifenden innewohnt, und der Transzendenz in ihrer eigentlichen Form, die Jaspers auch als Sein bezeichnet, zu unterscheiden.[63] Letztere bleibt nämlich dunkel und unerreichbar. Aber im Vorgang des Transzendierens öffnet sich dem Menschen die Tiefe dessen, was ist, ohne jedoch mit einem konkreten Inhalt gefüllt werden zu können:

Stehe ich vor diesem Sein als Transzendenz, so suche ich den letzten Grund auf eine einzigartige Weise. Er scheint sich zu öffnen; doch wird er sichtbar, so zergeht er; will ich ihn fassen, so greife ich nichts. Will ich an die Quelle des Seins dringen, so falle ich hindurch in das Bodenlose. Niemals gewinne ich, was ist, als einen Wissensinhalt.[64]

Das Seiende an sich läßt sich also in keiner Weise konkret begrifflich oder gegenständlich fassen. Über das Sein läßt sich nichts aussagen, es ist vielmehr ein in Innerlichkeit erfahrenes ganz Anderes.[65] In der Transzendenz hört so auch die Freiheit (ebenso wie die Unfreiheit) auf, da auch sie in der Transzendenz ihre Erfüllung sucht. Die Erfüllung wird ihr „Möglichkeit von Vollendung, Versöhnung, Erlösung oder Schmerz im Sein der Transzendenz“[66].

Der Sprung von der Immanenz zur Transzendenz hat für Jaspers drei konkrete Folgen[67]:

1) Der Mensch wird frei für die Welt. Durch das Bewußtsein des unbestimmbaren und unergründlichen Anderen, vor das die Transzendenzerfahrung den Menschen stellt, ist die Welt als Totalität aufgebrochen, sie „schließt nicht mehr“. Dadurch wird es dem Menschen ermöglicht, jedes Weltbild, das die Welt und den Menschen beschränken möchte, zu durchbrechen und in der Erkenntnis darüber hinaus zu gehen.
2) Der Mensch wird frei für sich selbst in der Welt. Obwohl als Dasein aus der Welt stammend, erkennt der Mensch in seiner möglichen Existenz seinen Ursprung außerhalb der Welt und wird so frei, nicht nur aus seinem bloßen Dasein heraus in der Welt wirken zu müssen.
3) Der Mensch wird frei für sich selbst in Bezug auf die Transzendenz. Der Mensch findet seine Zuflucht in der Transzendenz und enthebt sich somit seiner bloßen Weltverhaftetheit.

Es geht Jaspers also um ein Leben aus der Transzendenz, die eine radikale Offenheit des Menschen bewirkt. In einem solchen Bewußtsein hat eine Totaltheorie, welche die Welt vermittels weltlicher Begriffe zu erklären versucht, keinen Platz mehr. Vielmehr werden alle Totalvorstellungen als irrig durchschaut, „sie bewahren alle nur einen Charakter von Aspekten in bestimmten Perspektiven“[68]. Der Mensch öffnet sich für jede neue Erfahrung.[69] Im Transzendieren befindet sich der Mensch in einem Schwebezustand zwischen dem „In-der-Welt-sein“ und dem „Außer-der-Welt-sein“, in dem er sich seines früheren „In-der-Welt-seins“ im Ursprung bewußt wird.[70] In seinem Sein außerhalb der Welt lernt er also, sein Sein in der Welt kritisch im oben genannten Sinn zu überschauen.

Um Transzendenz, die ja, wie gesehen, von der Existenz vollkommen verschieden ist, dennoch irgendwie greifbar oder sichtbar zu machen, bedient sich Jaspers des Begriffes der Chiffer[71], einem weiteren, für die spätere Betrachtung wichtigen Kernpunkt seines philosophischen Systems.[72]

2.1.3 Chiffer

Die Beziehung zwischen Existenz und Transzendenz ist ein immer wieder sich auf dem Boden der Existenz ereignendes „In-Berührung-kommen“ mit dem Transzendenten schlechthin, mit dem Sein. Um diesen Berührungspunkt irgendwie ausdrücken und verdeutlichen zu können, bedient sich der Mensch des Symbols, welches Jaspers auch Chiffer nennt.[73] Die Chiffer ist dabei in der Schwebe zwischen Objektivität und Subjektivität anzusiedeln[74] ; in ihr ist die Trennung zwischen dem was sie als Symbol ist und dem, was sie symbolisiert, unmöglich.[75] Da die Chiffern aus dem Vollzug des Transzendierens des einzelnen Individuums gewonnen werden, dieser Vollzug in ihnen ja gleichsam Sprache wird, sind sie jeder allgemeingültigen Erfahrung und Verifizierbarkeit entzogen.[76] Allerdings ist im Erfassen einer Chiffer (bzw. eines Symbols[77]), auch die Erkenntnis des dahinterstehenden Seins mitgegeben, es macht dieses geradezu wirklich. So kann auch kein Gedanke (der ja wiederum immanent ist) das Symbol wirklich erfassen. Es ist somit auf seine Weise unendlich, indem es den Menschen eben für das Sein öffnet und es ihm vor Augen hält.[78] Dabei wird das Lesen der Chiffern für Jaspers zu einem Grundvollzug des Menschen, ja, zum Ersten des eigentlichen Menschseins.[79]

Zur Verdeutlichung dieser inhaltlichen Bestimmung der Chiffer soll ein von Jaspers gewähltes geschichtliches Beispiel dienen[80]: Die Rede von den ewigen Höllenstrafen hatte, so Jaspers, bei den Menschen, die sie hörten, Angst zur Folge, die eine gewisse Hemmschwelle erzeugte. Der Mensch, der aus Angst vor den ewigen Höllenstrafen, die er in der Zukunft für sein Tun erhalten wird, handelt, wird in seinem Handeln unfrei. Etwas anderes ist es, wenn die Höllenstrafen als Chiffer aufgefaßt werden. In diesem Augenblick wird dem handelnden Menschen die Hölle geradezu Wirklichkeit. Ihm leuchtet der volle Ernst seines Tuns auf. Somit handelt der Mensch nicht gut aus der Angst vor Strafe, sondern aus der Angst davor, sich selbst verlieren zu können. Grundsätzlich handelt er aber frei. Wenn also die ewigen Höllenstrafen Wirklichkeit sind, üben sie eine zwingende Gewalt aus, sind sie eine Chiffer, tun sie dies nicht.

Jaspers’ Anliegen ist es also, deutlich zu machen, daß die Chiffern als existenzielle Sprache für den Menschen mächtiger und freier als leibhaftige Dinge sein können.[81] So betont er auch, daß die Chiffern innerhalb der Geschichte stets eine große Rolle gespielt haben. In ihnen haben Menschen Wahrheit und Wirklichkeit gesehen, sie scheinen, obschon sie keine immanenten Dinge sind, als Realitäten gegolten zu haben.[82] Der Fehler aber lag Jaspers’ Meinung nach bislang darin, die Chiffern zur letzten Instanz menschlichen Lebens zu machen. Der Mensch sollte sich seiner Meinung nach vielmehr für die vieldeutige Sprache der Chiffern öffnen; zur über den Wahrheitsgehalt entscheidenden Instanz soll die gelebte Existenz und das Philosophieren erhoben werden.[83] Chiffern bleiben Bilder oder Leitfäden im Transzendieren, sind somit nicht eindeutig[84] und dürfen nicht mit Realitäten verwechselt werden.[85] Die Chiffern verhalten sich vielmehr zu ihrem Ursprung wie ein „Herbarium zu lebendigen Pflanzen, wie eine Knochensammlung zu den lebendigen Leibern“[86].

[...]


[1] Jaspers, K., Philosophische Autobiographie (PA), in: Schilpp (Hg.), Karl Jaspers, Stuttgart 1957, 1-79, 63.

[2] Vgl. Jaspers, Vom Ursprung und Ziel der Geschichten (UZG), München 1949, 266ff.

[3] Jaspers, Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung (Off), München 1963, 37f.: „Wäre Offenbarung Realität, so wäre sie das Unheil für die geschaffene Freiheit des Menschen.“

[4] Jaspers, Von der Wahrheit (W), München 1947, 26.

[5] Vgl. Salamun, K., Karl Jaspers: Existenzverwirklichung in der Kommunikation, in: Speck, J. (Hg.), Grundprobleme der großen Philosophen, Göttingen 1982, 10f.

[6] Vgl. Hoffman, Die Grundbegriffe der Philosophie bei Karl Jaspers, in: Schilpp, a.A.o., 81-100, 81f.: „Jaspers’ Philosophie ist charakterisiert durch eine besondere innere Spannung, durch eine Bewegung, die der begrifflichen Analyse widerstrebt,... . Denn diese Philosophie muß im Gegensatz zu den meisten anderen als ein integrales Ganzes, das in sich gerundet ist,..., aufgefaßt werden, in der jedes Element seine organische Stelle und Funktion hat.“

[7] Es kann hier wirklich nur um einen groben Umriß und eine Beschränkung auf für den weiteren Argumentationsgang Wichtiges gehen, sind genannte Begriffe doch maßgebend für Jaspers Gesamtwerk.

[8] Vgl. Knauss, G., Der Begriff des Umgreifenden in Jaspers’ Philosophie, in: Schilpp, a.A.o., 130.

[9] Ebd., 131.

[10] S. Jaspers, Einführung in die Philosophie (EiP), München 1966, 28f.

[11] Jaspers, Existenzphilosophie (Ex), Berlin 1964, 13.

[12] S. W, 159.

[13] Der Grund für die von Jaspers gewählte Grundüberzeugung der prinzipiellen Unerkennbarkeit des Seins liegt in der Übernahme Kants’ erkenntniskritischen Systems der Subjekt-Objekt-Spaltung, nach der das „Sein-an-sich“ dem Menschen immer nur als „Sein-für-ihn“ erscheinen, also das Objekt an sich nicht subjektiv erkannt werden kann. Somit besteht eine prinzipielle Erkenntnisgrenze, aus der der Mensch nicht ausbrechen kann. S. dazu das Folgende; genauer dargestellt bei Knauss, Begriff des Umgreifenden, S.135-138.

[14] Ex, 13., auch EiP, 29.

[15] Ex, 13.

[16] Ebd., 14.

[17] S. W, 158.

[18] Ebd., 158.

[19] W, 159.

[20] Ex, 14.

[21] Ebd., 14f. Laut Jaspers kann das Umgreifende auch kein Satz sein (der ja zur gegenständlichen Welt gehören würde), aus dem dann ein Satzsystem folgen würde. S. W, 159.

[22] Ex, 14. Jaspers denkt das Umgreifende und die objektive Welt nicht getrennt voneinander. Er konstruiert nicht verschiedene Welten. S. z.B. Jaspers, Philosophie (Phil), Berlin 1948, 64; Hoffman, Grundbegriffe, 84f.

[23] Ex, 15.

[24] S. z.B. Ex, 15-17; W, 53-83; Off, 111-122. Auf diese Frage soll hier nur mit ein kurzer Blick in Bezug auf die Darstellung in Ex eingegangen werden.

[25] Ex, 15.

[26] Knauss, Begriff des Umgreifenden, 141.

[27] Ex, 16.

[28] Ebd., 16; auch Off, 112: „[Bewußtsein überhaupt] ist nicht die zufällige Subjektivität der vielen, sondern die eine Subjektivität, die das Allgemeine und Allgemeingültige gegenständlich erfaßt.“; W, 64-71; Knauss, Begriff des Umgreifenden, 141: „Endlichem Denken zerfällt das Eine immer wieder in endliche Perspektiven.“

[29] Ex, 16; auch Phil, 62: „[Die objektive Wirklichkeit] ist die Welt, welche als das Andere, für sich Bestehende allgemeingültig zu wissen ist. Welt als das subjektive Dasein würde in jeder ihrer Gestalten Gegenstand für dieses Wissen, und zwar als Gegenstand neben anderen.“; W, 53-64; s. auch Hoffman, Grundbegriffe, 83ff.

[30] Ex, 16; s. dazu auch Salamun, Existenzverwirklichung, 16-22.

[31] Off, 114: „...-[Dasein] ist je einmaliges, einzelnes Dasein, in das es, zum Bewußtsein erwacht, hineinblickt, wie in eine Unendlichkeit unergründlichen Dunkels- es könnte auch nicht da sein und wird sich des Geheimnisses des Zufalls, daß es ist, bewußt.“; W, 62f.; s. auch Knauss, Begriff des Umgreifenden, 141f.

[32] Ex, 16. W., 71-76.

[33] Vgl. Knauss, Begriff des Umgreifenden, 142f.; Ebd., 143: „Wir verwandeln [mit Hilfe des Geistes] die Welt und uns selbst in verstehbare Ganzheiten.“

[34] Vgl. Off, 115.

[35] Vgl. Knauss, Begriff des Unbedingten, 143.

[36] Ex, 16f.

[37] Ebd., 17; vgl. auch Knauss, Begriff des Umgreifenden, 143.

[38] Ex, 17; s. auch Phil, 71.

[39] Ebd., 17.; S. zum Thema Gottheit dann 2.2.1.1.

[40] Als Leitfaden zu diesem Abschnitt dient (auch um den Umfang begrenzen zu können) der Artikel von Fries, H., Existenz und Transzendenz, Gott und Mensch in der Philosophie Karl Jaspers, in: Weindel/Hoffmann (Hg.), Der Mensch vor Gott, Düsseldorf 1948, 303-320.

[41] S. dazu W, 77; auch Off, 115f.

[42] Fries, Existenz, 306.

[43] Furger, F., Struktureinheit der Wahrheit bei Karl Jaspers, Salzburg 1960, 44.

[44] Hoffman, Grundbegriffe, 85.

[45] W, 77: „Wenn ich des Umgreifenden, das ich selbst bin, als Existenz inne werde, so erfahre ich keinen neuen, gegenständlich und eigentümlich erfüllten Raum, sondern transzendente Wirklichkeit, welche, obgleich sie gar nicht faßlich ist, doch alles tragen soll.“; s. auch Hoffman, Grundbegriffe, 85.

[46] Ex, 17; Off, 118; Diese Definition scheint Jaspers weitestgehend von Kirkegaard übernommen zu haben, s. Salamun, Existenzverwirklichung, 35.

[47] Off, 118: „Existenz ist nicht ohne Transzendenz.“

[48] Fries, Existenz, 306; Phil, 301f.

[49] Phil, 445f.; Hoffman, Grundbegriffe, 87: „Existenz und Freiheit sind für Jaspers austauschbare Begriffe.“

[50] Phil, 402: „Im geschichtlich Besonderen bin ich aus Freiheit mit ihm identisch, während ich zugleich darin die Möglichkeit der Nichtidentifizierung habe,..., die geschichtlichen Standpunkte sind Schritte einer Freiheit, die Existenz wird.“

[51] Ebd., 474; zum ganzen Begriff der Situation: Ebd., 467-512; s. auch Latzel, E., Die Erhellung der Grenzsituationen, in: Schilpp, a.A.o.,164-192, 171ff.

[52] Hoffman, 87.

[53] Ebd., 338-347, bei Fries, Existenz, 307.

[54] Fries, Existenz, 307f.

[55] Fries, Existenz, 308; s. auch Phil, 22.

[56] Vgl. Ex, 31.

[57] S. Fries, Existenz, 309.

[58] Phil, 23f., bei Fries, Existenz, 308f.

[59] Phil, 676.

[60] S. Ex, 21.

[61] Furger, Struktureinheit, 43.

[62] Phil, 676f.

[63] S. W, 108f.

[64] Phil, 676. S. auch W, 109: „Wir nennen Transzendenz jedoch im eigentlichen Sinne jedoch nur das Umgreifende schlechthin, das Umgreifende alles Umgreifenden. Sie ist von einem ursprünglich einzigen Gehalt. Sie ist gegenüber der allgemeinen, jeder Weise des Umgreifenden zukommenden Transzendenz die Trans-zendenz aller Transzendenzen.“

[65] Salamun, Existenzverwirklichung, 36f.

[66] Phil, 678.

[67] Für das Folgende: s. Off, 138f.

[68] Ebd., 139.

[69] Ebd., 139.

[70] S. Kunz, H., Auseinandersetzung mit der Transparenz bei Jaspers, in Schilpp, a.A.o., 493-515, 505f.

[71] S. Fries, Existenz, 311. Die Schreibweise des Wortes „Chiffer“ ist in den verschiedenen Werken Jaspers’ uneinheitlich; hier Schreibweise wie in Off.

[72] Furger, Struktureinheit, 70.

[73] Vgl. W, 1030; s. dazu auch Off., 156: „Wesentlich ist dieses: Existenz kommt nur in der Erscheinung der Immanenz sich zum Bewußtsein, Transzendenz aber erscheint nicht. An die Stelle ihrer Erscheinung tritt die Sprache der Chiffern.“

[74] W, 1030.

[75] Phil, 796.

[76] Vgl. Off, 153.

[77] Der Unterschied zwischen Chiffer und Symbol: Im Symbol fallen das Bedeuten und das Bedeutete zusammen, die Chiffer ist Sprache des Transzendenten; s. Off, 157; Hoffman, Grundbegriffe, 95.

[78] Vgl. W, 1032; auch Off, 190f.; Phil, 804ff.; Fries, Existenz, 311.

[79] W, 1037: „Erst das Wesen, das Chiffern vernimmt, wird Mensch.“

[80] S. Jaspers, Chiffren der Transzendenz (Chif), Saner, H. (Hg.), München, 1970, 29f.

[81] Chif, 30.

[82] Off, 153f.; s. auch Hoffman, Grundbegriffe, 95.

[83] Off, 154.

[84] S. dazu Phil, 796-804

[85] Off, 155.; auch 163: „Das Leibhaftigkeitwerden der Chifferninhalte ist daher die Grundverwechslung in unserem Umgang mit der Transzendenz. Wird so die Wirklichkeit der Transzendenz eingefangen in die Realität, dann geht sie uns selbst verloren.“

[86] W, 1036.

Details

Seiten
56
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638111775
Dateigröße
776 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v1918
Institution / Hochschule
Pontificia Università Gregoriana – Fachbereich Theologie
Note
1,0 (100%)
Schlagworte
Karl Jaspers Offenbarung Religionskritik

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Titel: Von der Unglaubwürdigkeit der Offenbarung - Die Kritik Karl Jaspers  am christlichen Verständnis der Offenbarung und ihrer Vermittlung