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Russischer Nationalismus der 1960er und 1970er Jahre

Der Anfang vom Ende?

Hausarbeit 2010 20 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Chruššev bahnt den Weg
a. Entstalinisierung
b. Reformen und Kampagnen in Landwirtschaft, Religion, Nation und Umwelt

III. Formen des russischen Nationalismus in den 1960er und 1970er Jahren
a. Ideologische Differenzierung
b. Praktische Differenzierung

IV. Brežnev zwischen Unterdrückung und Politik der Inklusion
a. Praktiken und Diskurse
b. Gründe

V. Ausblick

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Eine 600 Kilometer lange Menschenkette von Tallinn nach Vilnius, Massendemonstrationen in Tiflis, Pogrom in Baku – das Ende der Sowjetunion hatte viele Gesichter. Bis heute – 20 Jahre danach – besteht immer noch keine Einigkeit darüber, welches der Hauptgrund für den Zusammenbruch war. Diskutiert werden die marode Wirtschaft, die Unfähigkeit der marxistisch-leninistischen Ideologie zur Reform, das Versagen der Partei bei der Mobilisierung der Sowjetbürger, aber auch das Aufkommen nationalistischer und separatistischer Bewegungen.1 Auch wenn letztere schließlich zum Zusammenbruch geführt haben, können sie kaum zu dessen genuinen Ursachen gezählt werden, da die nationalistischen Strömungen erst ab 1988 an Massenwirksamkeit gewannen und auch erst in dieser Phase Forderungen nach Separation laut wurden. So erscheinen die nationalen Bestrebungen eher als späte Katalysatoren, welche der Auflösung ihre Form gaben und sie beschleunigten.

Zu den einzelnen Nationalismen und ihren historischen Entwicklungen existieren vielfältige Forschungsarbeiten im deutsch- wie englischsprachigen Raum.2 Vor allem die baltischen wie die kaukasischen nationalistischen Strömungen haben besondere Aufmerksamkeit von der Forschungsgemeinde erhalten. Der russische Nationalismus fand weit weniger Beachtung.3 In den allgemeinen sozialen Prämissen seiner Entwicklung gleicht er durchaus den Nationalismen der anderen Republiken. In der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) kam es, wie in den anderen Republiken, in den 1960er und 1970er Jahren zu einem Aufblühen nationalen Denkens vor allem unter den Eliten. Nach Ende des Stalinschen Terrors erholten sich diese nach und nach, die Entstalinisierung Chrušcevs bot wieder mehr kulturelle Freiheit, die sie nutzten, um sich verstärkt mit ihren nationalen Geschichten und Kulturen zu beschäftigen. Zugleich entstanden im Zuge der allgemeinen Steigerung des Bildungs- und Lebensstandards besonders in den westlichen Republiken breite Mittelschichten, welche in den 1980er Jahren zu Trägern des nationalen Bewusstseins werden konnten und aus den Nationalismen lokaler Eliten Massenbewegungen entstehen ließen.4 Doch genau diese Massenmobilisierung war dem russischen Nationalismus versagt. Er spielte daher bei der Auflösung der Sowjetunion im Gegensatz zu den Nationalismen anderer Republiken, wenn überhaupt, nur eine marginale Rolle. Vielmehr schlossen sich Teile der russischen Nationalisten mit den reaktionären Kräften in der Zentralregierung zusammen und waren bestrebt, das Ende der Sowjetunion abzuwenden.5 Diese Umstände zeigen den schwer fassbaren Charakter des russischen Nationalismus und möglicherweise ist gerade dieser der Grund für die weniger intensive wissenschaftliche Beschäftigung mit ihm.6 Der Großteil der Literatur, die sich mit den russischen Nationalisten der letzten drei Jahrzehnte der Sowjetunion beschäftigt, liegt in englischer Sprache vor. Besonders zu erwähnen sind die Arbeiten von Yitzhak Brudny, John B. Dunlop und Stephen K. Carter.7 Bei diesen Autoren finden sich ausführliche Darstellungen der verschiedenen russischen nationalistischen Strömungen von der Zeit der Entstalinisierung bis zur Perestrojka. Allerdings streifen diese wie auch andere Arbeiten die Frage nach der mangelnden Massenfähigkeit des russischen Nationalismus nur, so dass sich in der derzeit vorliegenden Literatur kein Beitrag findet, der den Versuch unternimmt, diese Frage umfassend zu beleuchten. Einen solchen Versuch möchte die vorliegende Arbeit unternehmen.

Warum ist es den russischen Nationalisten nicht gelungen, große Teile der ethnisch- russischen Bevölkerung an sich zu binden und damit zu einer Triebkraft der Erneuerung des politischen Systems zu werden, wie das z.B. in den Staaten des Baltikums der Fall war? Die Gründe werden vor allem in der Konstituierungsphase der verschiedenen Ausprägungen des russischen Nationalismus vermutet. Daher wird die Arbeit in einem ersten Teil die Entstehungsbedingungen des russischen Nationalismus unter Chrušcev beleuchten, um anschließend zu einer Darstellung der einzelnen Strömungen, ihrer Protagonisten und Inhalte überzugehen. In einem dritten Teil wird dann der Umgang Brežnevs mit nationalistischem Gedankengut und seinen Vertretern expliziert. Schließlich werden diese Überlegungen in einem Ausblick zusammengeführt und zu dem russischen Nationalismus der 1980er Jahre in Beziehung gesetzt. Nur mit dem Verständnis der historischen Entstehungsbedingungen und Relationen können fruchtbare Untersuchungen und Bewertungen der russischen nationalistischen Kräfte in den darauffolgenden Jahrzehnten vorgenommen werden.

Grundlegend für eine Beschäftigung mit Nationalismen ist eine eindeutige Definition der Begriffe Nation und Nationalismus, die leider häufig ausgelassen wird und so zu Missverständnissen in der Diskussion führt. Die folgende Arbeit bedient sich einer Kombination von Andersons Definition von Nation als einer „vorgestellten politischen Gemeinschaft – vorgestellt als begrenzt und souverän“ mit Hobsbawms Konzept der invented traditions.8 Diese Zusammenführung bietet eine konstruktivistische Basis, mit der Diskurse und Praktiken untersucht werden können, die eine potentiell nationale Gemeinschaft betreffen oder zu realisieren suchen. Die invented traditions bilden dabei die Voraussetzungen für die Formierung der „vorgestellten Gemeinschaft“, denn durch den Rückgriff auf die Vergangenheit und die Umdeutung derselben werden neue Praktiken hergestellt, die durch bekannte formelle oder informelle Regeln definiert werden. So lassen sich neue Werte und Normen einführen und festigen, die vor allem bei schnellen sozialen Veränderungen notwendig werden, um dem neu entstandenen System den Anschein von Kontinuität und somit Legitimität zu verleihen.9 Nationalismus ist, Gellner folgend, „primarily a political principle, which holds that the political and the national unit should be congruent”.10 Der Vorteil dieser Definition ist ihre Neutralität gegenüber dem Phänomen Nationalismus, die es ermöglicht, alle seine Formen einzuschließen.

II. Chruššev bahnt den Weg

In der Nationalismusforschung herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass die Modernisierung und die damit einhergehende Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Situation breiter Bevölkerungsschichten Grundvoraussetzungen für die Entstehung von Nationalismen sind.11 Allgemein kann festgestellt werden, dass es unter Chrušcev zu einer beständigen Steigerung des Lebens- und Bildungsstandards kam. Doch bestimmt die Modernisierung alleine nicht, dass nationalistische Bewegungen entstehen und in welcher Form sie dies tun. Aus der Logik der Nationalismus-Definition Gellners folgt, dass sich nationale Bewegungen an den politischen und ideologischen Diskursen und Praktiken des Regimes orientieren, welches ihnen gegenübersteht oder aber mit ihnen kooperiert. Im Fall der russischen Nationalisten hieß der Gegenspieler zunächst Chrušcev, der das nationale Bewusstsein der russischen Eliten durch die Entstalinisierung, deren Implikationen, aber auch durch den freiheitlichen Tendenzen widersprechenden Kampagnen maßgeblich prägte.

a. Entstalinisierung

Mit dem Tod Stalins setzten große Umbrüche in der sowjetischen Politik und Gesellschaft ein. Auch wenn die potentiellen Nachfolger Stalins – Chrušcev, Berija und Malenkov – durchaus unterschiedliche Auffassungen über den zukünftigen politischen Kurs hatten, so bestand dennoch unausgesprochen Einigkeit darüber, dass der Massenterror zu beenden sei. Nachdem seine Konkurrenten ausgeschaltet waren, instrumentalisierte Chrušcev die Entstalinisierung im Sinne der Festigung seiner Machtposition und rief das „Tauwetter“ in Gesellschaft und Kultur aus.12 So öffnete er die Pforten für Diskussionen über politische, soziale und wirtschaftliche Reformen, die er gegen seine Gegner im Politbüro durchzusetzen gedachte und für die er gesellschaftlichen Rückhalt benötigte.13

Zugleich wurden mit dem Verzicht auf Terror, mit der Freilassung vieler Lagerinsassen und schließlich mit der den Personenkult um Stalin zurückweisenden Geheimrede die ideologischen Grundpfeiler des Stalinismus angegriffen und ließen vor allem im Denken der Eliten eine große Lücke entstehen, die es zu füllen galt. Dunlop geht so weit, die Glaubwürdigkeit des Marxismus-Leninismus untergraben zu sehen.14 Aus diesem Wanken der ideologischen Grundlagen und den neu gewonnenen Freiheiten heraus lässt sich allerdings noch nicht eindeutig erklären, warum es zu der von Wimbush beschriebenen Hinwendung zu nationalen Motiven kam:

„Many Russians took advantage of these opportunities to resurrect previously repressed aspects of their own national culture, national past, and national present, although many of the participants were not yet self-consciously nationalistic.”15

Laut Brudny sind die Gründe hierfür in einem Zusammenspiel zwischen den biographischen Hintergründen der neuen russischen Eliten und den teilweise mit der Entstalinisierung im Widerspruch stehenden Maßnahmen Chrušcevs zu sehen. Unter den russischen Nationalisten finden sich besonders viele junge, gut ausgebildete Städter, die allerdings auf dem Land oder in einer Kleinstadt aufgewachsen sind und erst im Rahmen ihrer Ausbildung an den bedeutendsten Hochschulen und Instituten der UdSSR in eine größere Stadt gelangt sind.16 Diese jungen Wissenschaftler, Mediziner, Ingenieure u.a. waren durch ihre neue Umgebung und die weitere Horizonte eröffnende Ausbildung besonders von der gesellschaftlichen Neuorientierung unter Chrušcev betroffen, während sie sich zugleich aus ihrer ersten Sozialisation heraus an die ländlichen Gegenden ihrer Kindheit und Jugend gebunden fühlten. Einige Reformen und Kampagnen Chrušcevs, welche die Landwirtschaft, die Ökologie, aber auch Religion und Nation betrafen, empfanden sie als gegen die ländliche Bevölkerung und Lebensweise, d.h. gegen ihre Wurzeln gerichtet, so dass sie sich verteidigend zu ihren Ursprüngen zurückwandten in Form eines russischen Ethnonationalismus.17

[...]


1 Zaslavsky, Victor: Die Erbschaft der sowjetischen Nationalitätenpolitik; in: Claussen, Detlev/ Negt, Oskar/ Werz, Michael (Hrsg.): Kritik des Ethnonationalismus (Hannoversche Schriften 2), Frankfurt a.M. 2000, S. 81- 107, hier S. 81 f. Zaslavsky beklagt den Mangel einer Gesamtdarstellung und Verknüpfung der unterschiedlichen Gründe für den Zusammenbruch und vermutet hinter der Festlegung einzelner Wissenschaftler auf einzelne Begründungen eher einen Zusammenhang mit deren Spezialgebieten als eine fundierte Abwägung. Die Nationalismusthese findet sich z.B. bei Suny, Ronald: The Revenge of the Past. Nationalism, Revolution and the Collapse of the Soviet Union, Stanford, Kalifornien 1993.

2 Für einen breiten Überblick siehe Halbach, Uwe: Nationalitätenfrage und Nationalitätenpolitik; in: Plaggenborg, Stefan (Hrsg.): Handbuch der Geschichte Russlands, Band 5, Halbband 2, Stuttgart 2003, S. 659- 786; sowie Simon, Gerhard: Nationalismus und Nationalitätenpolitik in der Sowjetunion. Von der totalitären Diktatur zur nachstalinschen Gesellschaft (Osteuropa und der internationale Kommunismus, Bd. 16), Baden- Baden 1986.

3 Goble, Paul A.: Sowjetstaat und russischer Nationalismus; in: Kappeler, Andreas (Hrsg.): Die Russen. Ihr Nationalbewusstsein in Geschichte und Gegenwart (Nationalitäten- und Regionalprobleme in Osteuropa, Band 5), Köln 1990, S. 91-101, hier S. 91.

4 Es gibt unterschiedliche Theorieansätze zur Entstehung der ethnisch motivierten Nationalismen in der UdSSR. Allen ist jedoch gemein, dass die Modernisierung und die damit einhergehende Verbesserung wirtschaftlicher und sozialer Faktoren eine Rolle spielen – entweder als Hauptargument oder als notwendige Voraussetzung, die im Zusammenspiel mit ideologischen oder politischen Faktoren zur Genese der nationalen Bewegungen geführt hat. Für einen Überblick zu den verschiedenen Ansätzen siehe Brudny, Yitzhak: Reinventing Russia. Russian Nationalism and the Soviet State, 1953-1991, London 1998, S. 28-30.

5 Ebd., S. 8.

6 Goble, Sowjetstaat, S. 91.

7 Siehe Brudny, Reinventing Russia; Carter, Stephen K.: Russischer Nationalismus. Von Dostojewski über Solschenizyn zu Schirinowski?, Berg am Starnberger See 1995; Dunlop, John B.: The Faces of Contemporary Russian Nationalism, Princeton 1983.

8 Benedict, Anderson: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines erfolgreichen Konzepts, Frankfurt a.M. 1988, S.15.

9 Hobsbawm, Eric: Introduction: Inventing Traditons; in: ders./ Ranger, Terence: The Invention of Tradition, Cambridge, 1983, S.1-4, hier S. 1.

10 Gellner, Ernest: Nations and Nationalism, Oxford 1983, S. 1.

11 Siehe Anm. 4.

12 Merl, Stefan: Entstalinisierung, Reformen und der Wettlauf der Systeme; in: Plaggenborg, Stefan: Handbuch der Geschichte Russlands, Band 5, Halbband 1, Stuttgart 2002, S. 175-272, hier S. 176-181.

13 Brudny, Reinventing Russia, S. 31-33.

14 Dunlop, Contemporary Russian Nationalism, S. 37.

15 Wimbush, S. Enders: The Great Russians and the Soviet State: The Dilemmas of Ethnic Dominance; in: Azrael, Jeremy R. (Hrsg.): Soviet Nationality Policies and Practices, New York 1978, S. 349-360, hier S. 350.

16 Brudny, Reinventing Russia, S. 33-39.

17 Ebd., S. 38 f. und S. 43.

Details

Seiten
20
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656167204
ISBN (Buch)
9783656167518
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v191792
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,7
Schlagworte
Sowjetunion Nationalismus Chruščev Brežnev

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