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Die Rhetorik des Investiturstreits

Wenrichs von Trier Streitschrift in der rhetorischen Analyse

Hausarbeit 2010 21 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Streitschriften
II.1. Begriffsklärung, Entstehung und Verbreitung
II.2. Themen und Argumentation
II.3. Rhetorik in den Streitschriften

III. Wenrichs Brief an Gregor VII
III.1. Die Person Wenrich und der Kontext seines Briefes
III.2. Textüberlieferungen und Briefinhalt
III.3. Rhetorische Analyse

IV. Zusammenfassung und Ausblick

V. Quellen- und Literaturverzeichnis
V.1. Quellenverzeichnis
V.2. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Der „Gang nach Canossa“ Heinrichs IV. bildet den prominentesten Höhepunkt des so genannten Investiturstreits. Nach der Bannung durch Papst Gregor VII. sah sich Heinrich IV. dazu gezwungen, Buße zu tun, und begab sich im Büßergewand nach Canossa, um beim Papst seine Wiederaufnahme in die christliche Gemeinde zu erwirken. Wenn auch eine scheinbare Aussöhnung zwischen Papst und König gelang, währte der Frieden nicht lange und auf der Fastensynode 1080 wiederholte Gregor VII. die Bannung des Königs. Die Frage der Investitur bildete zunächst den Hauptstreitpunkt zwischen dem kirchlichen und dem weltlichen Oberhaupt. Daher war diese namensgebend für den Konflikt, welcher die gesamte Herrschaftszeit Heinrichs IV. prägte. Obwohl Gregor VII. ein Verbot für die Bischofsinvestitur durch Laien ausgesprochen hatte, hielt Heinrich IV. an dieser Praxis fest. Dies blieb allerdings nicht der einzige Streitgegenstand. Vielmehr wuchs sich der Konflikt zu einer grundsätzlichen Krise der politischen und ideellen Weltordnung aus. Das Verhältnis zwischen regnum und sacerdotium stand von nun an zur Debatte. Zusätzlich verwob sich diese Frage mit den Kontroversen um innerkirchliche Reformen, so dass sich hinter dem Begriff des Investiturstreits ein Konglomerat von strittigen Fragen verbirgt.

Die Auseinandersetzungen mit diesen Fragen manifestierten sich literarisch in den so genannten Streitschriften. Die meisten lassen sich heute ediert in den drei Bänden der Monumenta Germaniae Historica finden, die den Titel Libelli de lite imperatorum et pontificum saeculis XI. et XII. conscripti tragen.1 Auch wenn der Titel „Streitschriften“ eine einheitliche literarische Gattung andeutet, ist dem nicht so. Vielmehr bedienten sich die Autoren dieser Schriften verschiedener Gattungen, der Brief und die theologische Abhandlung waren hierbei die beliebtesten Formen.2 Was die Zusammenfassung der betreffenden Schriften rechtfertigt, ist ihre Intention. Sie wurden zu einem Medium, in dem die jeweiligen Parteien des Kirchenstreits ihre Meinung ausdrücken und an Sympathisanten wie Gegner vermitteln konnten.3 In diesem Zusammenhang erhielt die Argumentation einen vollkommen neuen Stellenwert. Mit den Worten Hans-Werner Goetz‘:

„[…] in diesem Ausmaß erstmals seit den apologetischen Schriften der Kirchenväter gegen Heiden und Häretiker – [lag] ein Zwang zur Argumentation und zur Begründung der eigenen Meinung vor, der nicht nur der Aussage, sondern auch der zu deren Absicherung herangezogenen Beweisführung eine entscheidende Bedeutung verlieh.“4

Die Beweisführung war aber nicht nur für die damaligen Autoren von besonderer Bedeutung, sondern sie beschäftigte auch die meisten Forscher, die sich der Untersuchung der Streitschriften widmeten. Eine bis heute noch sehr – auch wegen ihres Umfangs – fruchtbare Darstellung findet sich bei Carl Mirbt.5 Dieser konzentrierte sich besonders auf die inhaltlichen Aspekte der Schriften, wobei die analytische Ebene stark hinter dem aufzählenden Charakter seiner Publikation zurücksteht. Ihm nachfolgende Forscher zeigten ein besonderes Interesse an der Verwendung von biblischen Textstellen und Zitaten kirchlicher Autoritäten. Weiterer Forschungsschwerpunkt ist der Einsatz historischer exempla. Während Ziese sich mehr mit den exempla selbst beschäftigt, verschiebt Goetz die Forschungsperspektive und fragt nach der Wahrnehmung von Geschichte durch die mittelalterlichen Zeitgenossen, zielt also auf ein mehr grundsätzliches Verständnis.6

Bisher stark vernachlässigt wurde die Rhetorik der Streitschriften. Zwar wurde immer wieder betont, dass sie eine besondere Rolle für die Streitschriften spiele – dies ergibt sich schließlich aus deren Intention, den Leser zu überzeugen –, doch blieben die Bemerkungen eher oberflächlicher Natur.7 Die mangelnde Beschäftigung mit der Rhetorik resultiert weiter in der bisher nicht überzeugend gelösten Frage, wer denn die Adressaten der Streitschriften waren. Die bisherigen Publikationen pendelten zwischen zwei Optionen: den Anhängern der eigenen Partei und den zu überzeugenden Gegnern.8 In neuester Zeit hat Oliver Münsch die Unentschlossenen als dritte Kategorie eingeführt.9 Leider belässt es Münsch nur bei seiner theoretischen Überlegung, ohne eine exemplarische Untermauerung darzulegen. Genau dieses Vorhabens will sich die vorliegende Arbeit annehmen. Denn erst die Untersuchung der Rhetorik einer Schrift kann tiefergehend eröffnen, welchen Leser der Autor vor Augen hatte.10

Im ersten Teil der Arbeit werden einige grundsätzliche Fragen zu den Streitschriften, ihren Themen und Argumentationsweisen geklärt werden, dabei wird auch die Rolle der Rhetorik erläutert werden. Anschließend soll exemplarisch an dem Brief Wenrichs von Trier, den er im Namen des Bischofs Theoderich von Verdun an Gregor VII. verfasst hatte, eine detaillierte rhetorische Analyse vorgenommen werden.11 Leitend wird dabei die Frage nach dem Adressaten des Wenrich sein. Die Untersuchung genau dieser epistola bietet sich zum einen durch Mirbts Aussage an, Wenrichs Werk sei „eine Perle unter den Streitschriften“, die „eine gehobene Sprache […] auszeichnet, – die Rhetorik eines Mannes, dessen Herz aufs Tiefste bewegt ist, und der im Stande ist, seinen Empfindungen Ausdruck zu geben.“12 Zugleich meint Irene Schmale-Ott, dass „aus heutiger Sicht kaum zu entscheiden [ist], auf welcher Seite Wenrich wirklich steht.“13 Folglich wäre auch ebenso nicht zu entscheiden, an wen die Schrift gerichtet ist. Der Brief Wenrichs ist in der Tat sehr komplex, doch sollte diese Komplexität eher dazu anregen, in die Tiefe seiner Sprache einzudringen und nicht vor ihr zu kapitulieren.

II. Streitschriften

II.1. Begriffsklärung, Entstehung und Verbreitung

Was die Definition des Begriffs „Streitschrift“ betrifft, meint Carl Mirbt feststellen zu können:

„Darüber darf allerdings Einverständnis vorausgesetzt werden, dass die ‚Streitschrift‘ einerseits den Zweck voraussetzt, zu irgend einer Kontroversfrage Stellung zu nehmen, andererseits die Absicht für diese besondere Auffassung Propaganda zu machen. Die ‚Streitschrift‘ vereinigt demnach die zwei Momente: 1) Parteinahme 2) beabsichtigte Öffentlichkeit.“14

Diese Definition ist durchaus brauchbar anzuwenden, wenn die von Mirbt benutzten Begriffe der Propaganda und der Öffentlichkeit dem Mittelalter entsprechend eingeordnet werden. Der erste Teil der Definition kann wohl unhinterfragt übernommen werden, da sich bei den meisten Schriften leicht eine Parteinahme herauslesen lässt. Allerdings reicht dieser Aspekt nicht aus, weil die meisten Schriften dieser Zeit durch eine solche zu charakterisieren sind, wie Mirbt selbst feststellt.15

In jüngster Zeit hat Monica Suchan in Zweifel gezogen, dass die Autoren der Streitschriften propagandistische Ziele fokussiert hatten. Dies leitet sie aus der nur spärlichen Überlieferung der meisten Streitschriften in nur ein oder zwei Manuskripten ab.16 Drei Aspekte sind gegen diese Sichtweise einzuwenden. Erstens muss man bedenken, dass die meisten Streitschriften nicht rechtsverbindliche Dokumente waren, sondern situationsbezogen entstandene Einzelschriften, deren Archivierung den Zeitgenossen nicht unbedingt erforderlich erschien.17 Eine Bedeutung für die Zeit nach dem Investiturstreit erhielten die Streitschriften vor allem aufgrund ihres literarischen Gehalts. Daher sind uns die meisten Schriften nicht direkt überliefert, sondern in so genannten „reichspolitischen Briefsammlungen“.18 Solche Briefsammlungen fanden des Weiteren Eingang in historiographische Schriften, wie dem De bello Saxonico von Bruno von Merseburg. Eine dritte Überlieferungsquelle bilden Lehrbücher des späten Hochmittelalters und des Spätmittelalters. Hier dienten Teile der Streitschriften als Beispiele für die besonders gelungene Anwendung von Rhetorik.19

Zweitens ist der Mischcharakter der mittelalterlichen Kultur miteinzubeziehen, der in der Verbindung von Mündlichkeit und Schriftlichkeit bestand.20 Die eigentlichen Streitschriften waren nur einem exklusiven Teil der mittelalterlichen Gesellschaft zugänglich, doch weist Münsch darauf hin, dass die in der Regel des Lesens mächtigen Mönche als Multiplikatoren dienten, indem sie den Inhalt der Schriften durch ihre Predigten in der Bevölkerung verbreiteten.21 Auf diese Weise waren im Investiturstreit „erstmals auch nichtklerikale Gruppen in nennenswertem Umfang unmittelbar in den Diskurs über kirchenpolitische Themen einbezogen […].“22 Letztlich ist eher schwierig festzustellen, wie weit die einzelnen Schriften Verbreitung fanden. Ob sie auf ein größeres Publikum zielten, wird die rhetorische Analyse zeigen.

Drittens sollte beachtet werden, dass weder bei dem Begriff der Propaganda noch bei dem der Öffentlichkeit moderne Vorstellungen anzuwenden sind. Das Kriterium der „massenhaften“ Verbreitung kann für mittelalterliche Propaganda nicht greifen.23

[...]


1 MGH Libelli de lite imperatorum et pontificum saeculis XI. et XII. conscripti, 3 Bde., ed. V. Ernst DÜMMLER u.a., Hannover 1891-1897 (ND 1956). Im Folgenden MGH Ldl

2 MIRBT, Carl: Die Publizistik im Zeitalter Gregors VII, Leipzig 1894 (ND 1965), S. 5.

3 MÜNSCH, Oliver: Fortschritt durch Propaganda? Die Publizistik des Investiturstreits zwischen Tradition und Innovation, in: Vom Umbruch zur Erneuerung? Das 11. und beginnende 12. Jahrhundert - Positionen der Forschung hrsg. v. Jörg JARNUT / Matthias WEMHOFF, München 2006, S. 151–167, hier S. 153.

4 GOETZ, Hans-Werner: Geschichte als Argument. Historische Beweisführung und Geschichtsbewußtsein in den Streitschriften des Investiturstreits, in: Historische Zeitschrift 245 (1987), S. 31–69, hier S. 34.

5 Mirbt, Publizistik.

6 Goetz, Geschichte als Argument; ZIESE, Jürgen: Historische Beweisführung in Streitschriften des Investiturstreites, Diss., München 1968;ERDMANN, Carl: Die Anfänge der staatlichen Propaganda im Investiturstreit, in: Historische Zeitschrift 154 (1936), S. 491–512.

7 HARTMANN, Wilfried: Rhetorik und Dialektik in der Streitschriftenliteratur des 11./12. Jahrhunderts, in: Dialektik und Rhetorik im früheren und hohen Mittelalter. Rezeption, Überlieferung und gesellschaftliche Wirkung antiker Gelehrsamkeit, hrsg. v. Johannes FRIED, München 1997, S. 73–95, hier S. 77 f.; ROBINSON, Ian: The 'Colores Rhetorici' in the Investiture Contest, in: Traditio 32 (1976), S. 209–238, hier S. 9.

8 Z.B. Robinson, 'Colores Rhetorici', S. 238.

9 Münsch, Fortschritt, S. 162.

10 HRUZA, Karel: Propaganda, Kommunikation und Öffentlichkeit im Mittelalter, in: Propaganda, Kommunikation und Öffentlichkeit (11. - 16. Jahrhundert), hrsg. v. Karel HRUZA, Wien 2002, S. 9–25, hier S. 17, Anm. 34.

11 Natürlich kann diese Arbeit nicht den Anspruch erheben, angesichts des Umfangs des Briefs, sämtliche rhetorischen Phänomene der Schrift zu diskutieren, da dies den Rahmen der Arbeit sprengen würde. Eine Tendenz des Briefs soll allerdings herausgearbeitet werden und die Möglichkeiten einer rhetorischen Analyse für die Geschichtswissenschaft erschlossen.

12 Mirbt, Publizistik, S. 24.

13 SCHMALE-OTT, Irene: Einleitung, in.: Quellen zum Investiturstreit. Zweiter Teil. Schriften über den Streit zwischen Regnum und Sacerdotium, hrsg. U. übers. v. Irene SCHMALE-OTT, Darmstadt 1984, S. 14.

14 Mirbt, Publizistik, S. 4.

15 Ebd.

16 SUCHAN, Monika: Publizistik im Zeitalter Heinrichs IV. Anfänge päpstlicher und kaiserlicher Propaganda im 'Investiturstreit'?, in: Propaganda, Kommunikation und Öffentlichkeit (11. - 16. Jahrhundert), hrsg. v. Karel HRUZA, Wien 2002, S. 29–45, hier S. 29 f.

17 Erdmann, Anfänge, S. 505 .

18 Ebd., S. 505-512. Hier geht Erdmann auf einzelne Sammlungen ein.

19 ROBINSON, Ian: Authority and Resistance in the Investiture Contest. The Polemical Literature of the Late Eleventh Century, New York 1978, S. 9.

20 Münsch, Fortschritt, S. 167.

21 Münsch, Fortschritt, S. 161.

22 Münsch, Fortschritt, S. 152 f.

23 Hruza, Propaganda, S. 14.

Details

Seiten
21
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656167211
ISBN (Buch)
9783656167495
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v191791
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,3
Schlagworte
Investiturstreit Streitschrift Rhetorik Gregor VII. Heinrich IV.

Autor

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