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Klassenunterschiede in den historischen Fertilitätsraten

Auswirkungen der Geburten- und Sterberate auf unterschiedliche Gesellschaften zu unterschiedlichen Zeiten

Bachelorarbeit 2012 45 Seiten

BWL - Wirtschafts- und Sozialgeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

2. Einfluss der unterschiedliche Geburtenraten
2.1. Survival of the fittest
2.2. Durchsetzen der Geschicktesten
2.3. Argumente für und gegen die Annahme der höheren Fertilität von Reichen
2.3.1. Unterschiedliche Kriterien bei der Wahl der Frau
2.3.2. Versorgungssicherheit durch Reichtum
2.4. Beschreibung der vorindustriellen Welt durch das Malthusische Modell
2.4.1. Modellannahmen
2.4.2. Positive (Repressive) und Präventive Checks
2.4.3. Beispiele für einen präventiven und repressiven Check

3. Empirische Evidenz des Modells
3.1. Survival of the richest - England von 1585 bis 1638
3.1.1. Mögliche Verzerrungen der Analyse
3.1.2. Schätzung des vererbten Vermögens anhand des Berufes
3.1.3. Schätzung des vererbten Landes
3.1.4. Schätzung des vererbten Vermögens
3.1.5. Höhere Geburtenrate der Reichen
3.1.6. Kein Hinweis auf Verzerrung durch Ausschluss einiger Nachkommen vom Erbe
3.1.7. Gründe für mehr Nachkommen bei Reichen Personen
3.1.8. Auswirkungen auf die Gesellschaft
3.2. Entwicklung der Geburtenrate in der Geschichte Chinas seit dem 13. Jahrhundert
3.2.1. Datenerhebung
3.2.2. Unterschiede in der Geburtenrate zwischen Asien und Europa
3.2.3. Gründe für die niedrigere Geburtenrate während der Ehe
3.2.4. Unterschiedliche Geburtenraten von dem niedrigen und dem hohen Adel
3.2.5. Kindestötungen
3.2.6. Gründe für das Auseinanderdriften der Geburtenraten
3.2.7. Urbane Qing-Familien vs. Ländlichen Bauernfamilien aus Liaoning
3.2.8. Höhere Geburtenraten bei den Reichen Chinas
3.3. Geburtenraten in Neufrankreich (Quebec), Kanada von 1600 bis 1800
3.3.1. Einteilung der Berufe in Klassen
3.3.2. Unterschiedliche Geburtenraten der einzelnen Berufsklassen
3.3.3. Gründe für das entgegen der Annahme resultierende Ergebnis
3.4. Entwicklung der Geburtenraten in Aarhus und Rouen (1680 -1796)
3.4.1. Nähere Betrachtung der analysierten Daten
3.4.2. Auswirkungen von Ernteausfällen auf ländliche Gegenden wie Aarhus
3.4.3. Auswirkungen schlechter Ernten auf Städte und urbane Gebiete
3.4.4. Auswirkungen auf die Geburtenrate durch solche Checks
3.4.5. Rückkehr zur Normalität

4. Schlussfolgerung

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Historische Entwicklung des Einkommens pro Kopf,

Quelle: A Farewell to Alms, Gregory Clark, S.18

Abbildung 2: Langfristiges Gleichgewicht in einer malthusischen Ökonomie,

Quelle: A Farewell to Alms, Gregory Clark, S.22

Abbildung 3: The European marriage pattern,

Quelle: A Farewell to Alms, Gregory Clark, S.75

Abbildung 4: Änderungen in der Geburtenrate,

Quelle: A Farewell to Alms, Gregory Clark, S.26

Abbildung 5: Änderungen in der Sterblichkeitsrate,

Quelle: A Farewell to Alms, Gregory Clark, S.26

Abbildung 6: Anzahl der Nachkommen in den einzelnen Vermögensgruppen,

Quelle: Survival of the Richest: The Malthusian Mechanism in PreIndustrial England, Gregory Clark et al., S.16

Abbildung 7. Zusammenhang zwischen vererbten Vermögen und der Wahrscheinlichkeit mindestens ein Sohn/ Kind hinterlassen zu haben,

Quelle: Survival of the Richest: The Malthusian Mechanism in PreIndustrial England, Gregory Clark et al., S.17

Abbildung 8: Geburtenraten innerhalb einer Ehe von den Jahren 1600 bis 1800,

Quelle: One Quarter of Humanity, James Z. Lee et al., S.87

Abbildung 9: Durchschnittliche Anzahl an Nachkommen in den einzelnen Berufsgruppen,

Quelle: Economic Status and Reproductive Success in New France, Gregory Clark et al., S.39

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Herkunft der untersuchten Testamente,

Quelle: Survival of the Richest: The Malthusian Mechanism in PreIndustrial England, Gregory Clark et al., S.5

Tabelle 2: Ausgeübte Berufe der Erblasser,

Quelle: Survival of the Richest: The Malthusian Mechanism in PreIndustrial England, Gregory Clark et al., S.6

Tabelle 3: Anzahl der Kinder und deren Geschlecht in den Testamenten,

Quelle: Survival of the Richest: The Malthusian Mechanism in PreIndustrial England, Gregory Clark et al., S.8

Tabelle 4: Unterteilung in unterschiedliche Berufsklassen,

Quelle: Survival of the Richest: The Malthusian Mechanism in PreIndustrial England, Gregory Clark et al., S.11

Tabelle 5: Ergebnis für die Schätzungen der Regressionsvariablen,

Quelle: Survival of the Richest: The Malthusian Mechanism in PreIndustrial England, Gregory Clark et al., S.13

Tabelle 6: Aufteilung der Kinder auf die einzelnen Berufsgruppen,

Quelle: Economic Status and Reproductive Success in New France, Gregory Clark et al., S.30

1. Einleitung

Unterschiedliche Geburtenraten zwischen dem armen und dem reichen Teil der Bevölkerung beeinflussten die historische Entwicklung der Gesellschaften. Es wird gezeigt, dass die Annahme, dass Reiche eine höhere Geburtenrate hatten als arme meist zutrifft aber in Einzelfällen auch widerlegt werden kann. Im Weiteren wird auf die unterschiedlichen Ausprägungen der Gesellschaft durch die höheren Geburtenraten von dem reichen Teil der Bevölkerung eingegangen, wie beispielsweise der soziale Abstieg. In der Zeit vor der industriellen Revolution gab es wenig Bevölkerungswachstum, es lag stets unter 1% pro Jahr, teilweise war auch ein Rückgang der Einwohnerzahl zu verzeichnen.1

Die Zusammensetzung der Bevölkerung, sprich der Anteil von Armen und Reichen an der Bevölkerung hat sich jedoch immer wieder geändert. Dies konnte starken Einfluss auf die Gesellschaft haben. Gregory Clark führt diesen Grund sogar als eine der Hauptursachen dafür an, dass die industrielle Revolution überhaupt so stattfinden konnte. Im vorindustriellen England war die Geburtenrate der Reichen deutlich höher als die der Armen, wodurch ein fortlaufender sozialer Abstieg in der Gesellschaft in Gang gesetzt wurde. Erst dadurch konnte sich die Denkweise und Bildung der Oberschicht in der gesamten Bevölkerung verbreiten. Damit wurde auch dem einfachen Arbeiter die Bedeutung der Arbeitsteilung und seiner eigenen gewissenhaften Arbeit bewusst. Besonders hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang, dass im 18. Jahrhundert in England keine höhere Vergütung für die Fähigkeit lesen und schreiben zu können erzielt wurde als im 12. Jahrhundert. Sprich es gab keine wirtschaftlichen Anreize für die Bevölkerung lesen und schreiben zu lernen, was allerdings keinen Hindernisgrund für die Aneignung darstellte. Diese Ansicht teilen nicht alle Wissenschaftler und deshalb stieß sie auf teils heftige Kritik von Ökonomen wie beispielsweise Deirdre N. McCloskey, Hans-Joachim Voth und George Grantham. Dennoch ist die Bedeutung der unterschiedlichen Fertilitätsraten zwischen Arm und Reich im Verlauf der Weltgeschichte unumstritten.2

2. Einfluss der unterschiedliche Geburtenraten

Obwohl die Geschichte der Menschheit vor mehreren millionen Jahren ihren Ursprung fand, stellen die letzten zwei Jahrhunderte eine große Ausnahme im Bezug auf viele Entwicklungen dar, sowohl das Einkommen pro Kopf als auch das Bevölkerungswachstum betreffend. Selbst ohne die Betrachtung der letzten 200 Jahre, stellen die letzten 10.000 Jahre eine große Veränderung aufgrund der neolithischen Revolution dar. Davor gab es so gut wie keine Entwicklung der Bevölkerung und ebenfalls keine Entwicklung bezüglich des Einkommens. Seit der Domestizierung von Tieren und Pflanzen ergaben sich erhebliche Verbesserungen in diesen Bereichen. Durch Arbeitsteilung und gezielter Produktion von Nahrung konnten erstmals Menschen ohne dem Einsatz von Jagdgebieten ernährt werden. Diese Entwicklung erreichte mit der industriellen Revolution ihren Höhepunkt und wurde in weiterer Folge zu diesem Zeitpunkt abgeschlossen.

2.1. Survival of the fittest

Vor der Neolithischen Revolution, der Domestizierung von Pflanzen und Tieren, lebten die Menschen als Jäger und Sammler in kleinen Gruppen zusammen. Zu jener Zeit gab es auch noch keine Arbeitsteilung oder Spezialisierung auf bestimmten Gebieten. Je nachdem wie die Natur in dem Gebiet beschaffen war, konnte man entweder Tiere jagen oder Früchte und Beeren sammeln. Die Gruppen in denen die Menschen zusammenlebten waren meist sehr überschaubar und in der Regel nicht viel größer als 20 Personen. Da man nur von der Natur in der direkten Umgebung leben konnte, wäre es unmöglich gewesen mehrere hundert oder gar tausende Menschen zu ernähren. Innerhalb dieser Gruppen herrschte eine sehr flache Hierarchie, Anführer wurden in der Regel nicht benötigt. Natürlich gab es die „Big-men“ welche sich besser Gehör verschaffen konnten als andere, allerdings hatte diese Position nicht viel mit Macht und Entscheidungsgewalt zu tun. Konflikte wurden meist mehr oder weniger friedlich innerhalb der Gruppe gelöst. Aber auch zu dieser Zeit galt schon, dass die am wirtschaftlichsten arbeitenden Männer die meisten Nachkommen hatten. Am wirtschaftlichsten bedeutete damals, dass diese Person bei der Jagd am meisten Fleisch erbeuten konnte und somit seine Familie ernähren konnte. Das hatte zur Folge, dass diejenigen die sich am besten an die Lebensumstände anpassten die meisten Nachkommen hatten. Bei einem Volk in Paraguay, den Ach é , hatten die erfolgreichsten Jäger und Sammler 0,31 Kinder pro Jahr, während die weniger erfolgreichen 0,20 Nachkommen hinterließen. Die Sterberate zeigte keine großen Unterschiede zwischen den beiden Gruppen auf. Das hatte zur Folge, dass sich nach und nach die besten Gene zum Jagen und Sammeln durchsetzten.3

2.2. Durchsetzen der Geschicktesten

Anfangs waren die Gruppen in denen man lebte sehr klein und die Lebensräume zum Jagen und Sammeln sehr groß. Dennoch nahm die Dichte in besonders gut zu jagenden Gebieten zu, sodass Konflikte unausweichlich schienen. Bisher waren diejenigen Männer bei der Wahl zur Fortpflanzung bevorzugt, welche die besten Gene mit sich brachten. Die besten Gene stellen in diesen Zusammenhang die beste Veranlagungen dar, um als Jäger und Sammler erfolgreich sein zu können und in weiterer Folge die größtmögliche Anzahl an Personen ernähren konnten. Doch durch das nun vermehrte Auftreten von Konflikten in besonders dicht besiedelten Gebieten bekamen andere Gaben bzw. Gene eine wichtigere Rolle. In der Entstehungsphase der frühen Gesellschaften war es von Bedeutung, zwei Stämme oder Gruppen friedlich zu einen. Hier setzten sich die Anführer einiger Jäger-Sammler-Gruppen und Stämme durch, welche charismatischer, mächtiger und geschickter im Durchsetzen von Entscheidungen waren als die „Big-men“ anderer Stämme. Stämme mit mangelhafter Konfliktlösungsfähigkeit wie die Fayu, ein indonesisches Volk, zerfallen oft wieder in einzelne Gruppen. Während hingegen gut geführte Stämme mit wirksamen Konfliktregelungen und soliden Entscheidungsprozessen bessere Techniken entwickeln, ihre militärische Macht konzentrieren und größere fruchtbare Gebiete in ihren Besitz bringen können.4

So haben sich schon seit je her die „Reicheren“, welche in jeder Epoche anders definiert wurden, durch eine sicherere Versorgungsgrundlage durchgesetzt und mehr Nachkommen produziert als die „Ärmeren“. Wenn diese Anpassung, anfangs durch bessere Voraussetzungen für das Jagen, dann durch bessere Geschicklichkeit und Intelligenz in der Führung, nicht stattgefunden hätte, hätten sich vielleicht niemals fortschrittlichere Stämme bzw. Häuptlingsreiche mit Schrift und komplexen Gesellschaften mit bis zu 50.000 Bewohnern und Institutionen entwickelt.5

Ebenso war die Entwicklung von Jagen und Sammeln hin zur Agrarwirtschaft ein wichtiger Schritt. Dadurch war es erstmals möglich in solchen großen Gruppen zusammenleben zu können und diese Massen mit ausreichend Nahrung zu versorgen. Dies geschah beispielsweise 2500 BC in den Städten von Sumer. Dort lebten schon bis zu 40.000 Menschen in einer Stadt zusammen. Als Jäger und Sammler den dazugehörigen Jagdgebieten wäre dies nicht möglich gewesen.6

2.3. Argumente für und gegen die Annahme der höheren Fertilität von Reichen

Probleme im Zuge der Analyse der demographischen Bedeutung von Unterschieden zwischen Arm und Reich ergeben sich aus der schwierigen Verallgemeinerung des empirischen Beweismaterials. Man kann jedoch versuchen allgemeine Modelle zu entwerfen, welche typische Fälle darstellen und in besonderen Fällen modifiziert werden.

2.3.1. Unterschiedliche Kriterien bei der Wahl der Frau

Ein solches Modell beispielsweise begründet die Aussage, dass Reiche eine höhere Fertilitätsrate aufweisen als Arme damit, dass Frauen wohlhabender Männer nicht arbeiten mussten. Dies bedeutet, dass die Kriterien nach welchen sich wohlhabende Männer ihre Frauen aussuchten, hauptsächlich von sexuellen Neigung, dem Wunsch nach Harmonie und eventueller Mitgift geprägt waren. Demzufolge waren die Frauen meist jung. Im Gegensatz dazu suchte sich der ärmere Teil der Bevölkerung, welcher meist aus Bauern bestand, nach Frauen, welche bereits Erfahrungen in der Verwaltung des Haushalts und des Bauernhofes sammeln konnten. Diese Erfahrung konnten Frauen aber nur aufweisen, wenn sie davor bereits eine Dienstzeit im Haushalt eines vermögenden Gutsherrn oder Bauern geleistet hatten. Da der Bauer meist Land für die Hochzeit kaufen oder den Pachtvertrag neu bestätigen lassen musste, hatte der Landeigentümer natürlich auch ein Interesse daran, dass die Frau diese Eigenschaften für eine gute Weiterführung des Bauernhofes mit sich bringt. Daher hatten ältere Frauen oder Witwen mit eigenem Besitz von Land für Bauern eine größere Anziehungskraft als junge Konkurrentinnen. Auch die Überlegung, dass eine reifere Frau dem Bauern weniger Nachfolger schenkt, welche versorgt werden müssen, spielte in diesem Kontext eine entscheidende Rolle.7

Ceteris paribus ist das Resultat dieses Modells, dass die Fruchtbarkeit nahe am Gipfel der Gesellschaftspyramide höher sein musste. Dieser Effekt konnte auch noch verstärkt werden, da die Reichen die Möglichkeit hatten sich Ammen für die Stillung des Babys anzustellen. So wurde die Wahrscheinlichkeit, dass die Frauen bald wieder schwanger wurden vergrößert. Ein Dämpfer für dieses Modell ist die Tatsache, dass Wohlhabende schon viel früher Methoden zur Verhütung anwendeten.

2.3.2. Versorgungssicherheit durch Reichtum

Ein weiterer Grund für die Annahme, dass die soziale Mobilität in der Gesellschaft nach unten tendiert, folgt aus der offensichtlichsten Tatsache, dass die Reichen wohlhabender sind. Zu jenen Zeiten bedeutete „reich sein“ so viel wie „satt sein“. Dies hat die obere Schicht zwar nicht gänzlich gegen Seuchen oder Ernteausfälle geschützt, doch waren sie mobiler und konnten so versuchen, diesen Umständen zu entgehen. Im Weiteren sind wohlgenährte Menschen robuster und nicht so anfällig für Infektionen wie jene, die seit Monaten am Rand des Existenzminimums leben.8

Doch ist auch dieser Effekt nicht eindeutig belegbar. Auf der anderen Seite lebte nämlich der Großteil der ärmeren Bevölkerung auf dem Land, während Wohlhabendere Menschen in größeren Städten lebten, wo das Einkommen pro Kopf höher war. Dort verdiente ein Großteil der Bevölkerung sein Geld mit Tätigkeiten außerhalb des Landwirtschaftssektors. Falls nun ein oder zwei Jahre die Ernte geringer ausfiel oder gänzlich ausblieb, waren jene, die nicht in der Landwirtschaft arbeiteten, am stärksten vom Ausfall betroffen, da dort die meisten Einsparungen vorgenommen wurden. Im Gegensatz dazu konnten sich arme Bauernfamilien auf dem Land besser ernähren. Ebenso verhielt es sich mit Krankheiten und Seuchen, welche entweder plötzlich oder im Anschluss an eine Hungersnot auftraten. Dies machte die ohnehin bereits erschwerte Situation für die Leute in der Stadt noch schlimmer, da sich dort aufgrund der hohen Bevölkerungsdichte (London hatte beispielsweise im Jahre 1660 bereits etwa 450.000 Einwohner) Epidemien viel schneller ausbreiten konnten als auf dem dünn besiedelten Land. Im Jahre 1603 starben in London mindestens 33.000 Menschen an der Pest und weitere 10.000 aufgrund anderer Ursachen. In der gleichen Zeit forderten die Seuchen auf dem Land nahezu kein einziges Menschenleben, zumindest gab es keine derartigen Sterbewellen.9

Allgemein lässt sich dennoch sagen, dass dieses Modell, welches zumindest für den europäischen Raum eine gute Annäherung darstellt, eine höhere Geburtenrate für Reiche und somit eine soziale Mobilität nach unten vermuten lässt.

2.4. Beschreibung der vorindustriellen Welt durch das Malthusische Modell

Thomas Robert Malthus war ein britischer Ökonom, der die historische Entwicklung der Weltbevölkerung analysierte und versuchte diese anhand von Modellen zu erklären. Allgemein bekannt wurde seine Theorie durch sein Werk „An Essay on the Principle of Population“ das im Jahre 1798 erschien. Weitere Werke wie „Principles of Economics“ festigten seinen Ruf als herausragender Ökonom und Denker. Mit seiner Arbeit beeinflusste er auch Menschen außerhalb der Ökonomie, wie zum Beispiel Charles Darwin und dessen Evolutionstheorie. Malthus´ Versuch die vorindustrielle Welt zu erklären unterliegt der Annahme, dass die Gewinne von technologischen Fortschritten immer wieder durch die Vergrößerung der Bevölkerung zunichte gemacht wurden. Dadurch blieb das Einkommen pro Kopf im Verlauf der Geschichte immer auf einem ähnlichem Niveau. Natürlich unterliegt dieses auch kurzfristigen Schwankungen, die durch Umwelteinflüsse wie der Pest hervorgerufen wurden. Langfristig war das Einkommen pro Kopf relativ konstant.

Abbildung 1 zeigt die Entwicklung des Einkommens pro Kopf von 1000 BC bis zur heutigen Zeit. Da man das Einkommen pro Kopf für die unterschiedlichen Epochen nicht wie heutzutage einfach anhand des Lohneinkommens bemessen kann, wird hierfür eine Bemessungsgrundlage gewählt, welche auch von renommierten Ökonomen wie Gregory Clark unterstützt wird. Dabei wird das Einkommen pro Kopf durch die Versorgung mit Nahrung, Kleidung, Wärme, Licht und Behausung definiert. Wie man in der Grafik sehen kann, variiert das Einkommen pro Kopf über die Gesellschaften, Regionen und Epochen hinweg. Bis kurz vor dem Eintreten der Industriellen Revolution gegen Ende des 18. Jahrhunderts waren keinerlei langfristige Auf- und Abschwünge erkennbar.10

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Historische Entwicklung des Einkommens pro Kopf

Es war nur vereinzelten Menschen möglich, wie zum Beispiel dem Adel oder den Großgrundbesitzern, ihr Einkommen über das substantielle Einkommen, welches gerade zum Leben ausreichte, zu vermehren. Der Großteil der Bevölkerung im 17. Jahrhundert verfügte über ein ähnliches Einkommen wie ihre Vorfahren 2000 Jahre zuvor. Dieser Zusammenhang wird unter dem Begriff „Malthusische Falle“ zusammengefasst.

2.4.1. Modellannahmen

Da die Produktionsmöglichkeiten für Nahrung, die den größten Anteil am Einkommen ausmacht, auch nach der Neolithischen Revolution begrenzt waren, mussten sich die Geburtenraten langfristig den Todesraten angleichen, da ansonsten nicht mehr Leute ernährt werden konnten.11

Diese Theorie wird durch eine einfache Grundprämisse belegt:

Jede Gesellschaft verfügt über eine Geburtenrate, welche durch kulturelle und gesellschaftliche Normen reguliert wird. Mit steigender Wohlfahrt erhöht sich die Geburtenrate und die Todesrate nimmt ab. Durch die wachsende Bevölkerung sinkt die Wohlfahrt wieder.

Die Geburten pro Jahr und pro Person definieren die Geburtenrate. Meist wird diese als Geburten pro 1000 Menschen angegeben, ebenso wie die Todesrate.12

Daraus ergibt sich für Änderungen der Bevölkerung folgende Definition:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Laut Definition ergibt sich die Änderung der Bevölkerung aus der Geburtenrate abzüglich der Sterberate. Die höchsten Geburtenraten, die in der Geschichte bisher gemessen wurden, lagen knapp über 50. Im Jahre 2000 wurden zum Beispiel in Afrika unter anderem folgende Geburtenraten gemessen: Niger 55; Somalia 52; Uganda 51. Diese Raten stellen allerdings große Ausnahmen im Verlauf der Geschichte dar. England hatte zum Vergleich in der Zeit vor der industriellen Revolution Geburtenraten meist niedriger als 30.13

Die Sterberate hingegen kann stark schwanken, je nachdem ob die Bevölkerung gerade in Zeiten von Frieden oder Hungersnöten, Kriegen oder Seuchen lebte. Zur Veranschaulichung dient folgendes Beispiel. Falls eine Bevölkerung eine sehr hohe Geburtenrate wie 50 pro tausend und gleichzeitig eine Sterberate von 30 pro tausend aufweist, dann wächst diese Bevölkerung mit einer Rate von 20 pro tausend, oder anders ausgedrückt mit einer Rate von 2%. Die Bevölkerungsraten müssen nicht zwangsläufig positiv sein. Deutschlands Wachstum beispielsweise liegt in dem Zeitraum von 2005-2010 bei -0,2%.14

Der renommierte Bevölkerungswissenschaftler E.A. Wrigley hat das sinnbildlich wie folgt veranschaulicht:

„Die Badewanne füllt sich mit Wasser, das aus dem Hahn fließt und durch das Verschlussloch wieder abläuft. Die Kapazität des Wasserhahns bestimmt den möglichen Maximalzufluss. Außer in Fällen, in denen die Altersstruktur der Bevölkerung sehr ungewöhnlich ist, beträgt die jährliche maximale Zuwachsrate ungefähr 50 : 1000. […] Daher kann das Wasservolumen in dem Bad jährlich um höchstens ein Zwanzigstel erhöht werden. […] In großen vorindustriellen Bevölkerungen betrugen die Mindestzahlen nur selten weniger als 15 : 1000. Im Gegensatz zu den vergleichsweise engen Grenzen, die den Veränderungen der Zuwachszahlen gesetzt sind, war der Durchmesser des Badewannenausflusses in der vorindustriellen Zeit sehr groß. In schlechten Jahren hatten manche Gemeinden Sterbezahlen von 200, 300 und sogar 400 : 1000. In relativ kurzer Zeit konnte das Wasservolumen des Bades durchaus merklich reduziert werden.“15

In Abbildung 2 wird die Annahme für das einfache Malthusische Modell in einer Grafik zusammengeführt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Langfristiges Gleichgewicht in einer Malthusischen Ökonomie

Langfristig müssen die Geburtenraten den Sterberaten gleichen. N stellt die Bevölkerungsgröße dar, y das Einkommen. Falls sich die Bevölkerung an dem Punkt ݕ଴befindet, das Einkommen höher ist als das substantielle Einkommen y* und die Bevölkerung ܰ଴ kleiner ist als die Bevölkerungsgröße N im Gleichgewicht, übertrifft die Geburtenrate die Sterberate und die Bevölkerung wächst. Dieser Vorgang dauert solange an, bis das Einkommen pro Kopf wieder bei y* angelangt ist und die Geburtenrate und Sterberate im Gleichgewicht sind. Die Geburtenkurve ist positiv mit dem Einkommen pro Kopf korreliert. Höheres Einkommen pro Kopf bedeutet in der Regel eine höhere Anzahl an Nachkommen. Die Sterblichkeitskurve ist negativ mit dem Einkommen pro Kopf korreliert.

Je höher das Einkommen, desto niedriger ist die Sterblichkeitsrate, da eine bessere Nahrungsversorgung oder Hygiene bereitgestellt werden kann.16

Folglich gelangt man, unabhängig vom Startpunkt, langfristig immer zum erwähnten Gleichgewicht, außer man versucht entweder die Geburtenrate oder die Sterberate zu beeinflussen. Diese Beeinflussung erfolgt durch sogenannte Checks, welche mehr oder weniger bewusst von der Bevölkerung angewendet werden.

2.4.2. Positive (Repressive) und Präventive Checks

Im Allgemeinen gibt es zwei verschiedene Arten von Checks, positive und präventive.

Positive Checks sind jene Ereignisse, welche die Sterberate erhöhen, wie beispielsweise Kriege, Seuchen und Hungersnöte. Diese Art der Regulierung erfolgte zufällig und lies sich kaum steuern, man konnte sie lediglich indirekt durch das eigene Verhalten beeinflussen. So gehörten zum Beispiel Faktoren wie Gewalt, schlechte Hygiene oder Ernteausfälle zu den Tugenden der Malthusischen Zeit.17

Einen besseren Einfluss auf die Größe der Bevölkerung lies sich durch präventive Checks ausüben. Präventive Checks sind all jene Maßnahmen, welche die Geburtenrate beeinflussen. Im Westen Europas wurde schon seit dem 16. Jahrhundert die Geburtenrate indirekt durch das späte Heiraten kontrolliert. Uneheliche Kinder waren bereits zu dieser Zeit gesellschaftlich nicht akzeptiert. Lediglich drei bis vier Prozent der Kinder ließen sich auf außereheliche Geburten zurückführen. Des Weiteren war es damals, ähnlich wie heute, normal für Frauen erst im Alter zwischen 24 und 26 Jahren zu heiraten. Auch das Erreichen eines gewissen wirtschaftlichen Status, wie ein Meisterbrief oder der Besitz von Land, gehörte zur kulturellen Norm als Bedingung für eine Heirat. Diese Mechanismen sorgten in Westeuropa für Geburtenraten weit unter den Möglichkeiten, wie in Abbildung 3 veranschaulicht.18

[...]


1 http://www.census.gov/population/international/data/idb/worldhis.php

2 Vgl. Clark, Gregory, A Farewell to Alms (2007), S.180

3 Vgl. Clark, Gregory, A Farewell to Alms (2007), S.129

4 Vgl. Diamon, Jared, Arm und Reich (2011), S.355

5 Vgl. Diamon, Jared, Arm und Reich (2011), S.348

6 Vgl. Clark, Gregory, A Farewell to Alms (2007), S. 184

7 Vgl. Wrigley, E. A., Bevölkerungsstruktur im Wandel (1969), S.102

8 Vgl. Wrigley, E. A., Bevölkerungsstruktur im Wandel (1969), S.102

9 Vgl. Wrigley, E. A., Bevölkerungsstruktur im Wandel (1969), S. 97

10 Vgl. Clark, Gregory, A Farewell to Alms (2007), S.1

11 Vgl. Clark, Gregory, A Farewell to Alms (2007), S.20

12 Vgl. Clark, Gregory, A Farewell to Alms (2007), S.20

13 Vgl. Clark, Gregory, A Farewell to Alms (2007), S.20

14 http://hdr.undp.org/en/reports/global/hdr2011/download/de/

15 E.A. Wrigley - Bevölkerungsstruktur im Wandel, S.62

16 Vgl. Clark, Gregory, A Farewell to Alms (2007), S.23

17 Vgl. Clark, Gregory, A Farewell to Alms (2007), S.37

18 Vgl. Clark, Gregory, A Farewell to Alms (2007), S.74

Details

Seiten
45
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656165934
ISBN (Buch)
9783656166719
Dateigröße
1.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v191682
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Volkswirtschaftliche Fakultät
Note
1,7
Schlagworte
LMU Volkswirtschaftslehre VWL Volkswirtschaft Cantoni Economics Geschichte Wirtschaftsgeschichte Geburtenrate Sterberate Fertilitätsrate Gesellschaft entwicklung economic history jared diamond Gregory Clark Lee Wang malthus malthusian trap subsistence income

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Titel: Klassenunterschiede in den historischen Fertilitätsraten