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„Vernichten und Heilen“ - Ein Forschungsbericht zur Militärmedizin des Zweiten Weltkriegs

Forschungsarbeit 2012 41 Seiten

Medizin - Geschichte

Leseprobe

„In 1945 Field-Marshal Bernard Montgomery declared that the contribution of the military medical services to Allied victory had been beyond all calculation.”1

Diese Feststellung des britischen Feldmarschalls und Armeeführers verdeutlicht, dass der medizinischen Versorgung im Kampfeinsatz während des Zweiten Weltkriegs eine enorme, fast schlüsselartige Bedeutung beizumessen ist. Ohne den Einsatz von Frontlazaretten, Sanitätssoldaten und den sie befehligenden Sanitätsoffizieren wären unzählige Gefechte weitaus verlustreicher ausgegangen und hätten dabei die jeweilige Kampfkraft um ein Vielfaches schneller geschwächt. Der Leistung der medizinischen Versorgung im Feld, zur See oder auch in der Wüste Nordafrikas kommt daher - zweifellos auf jeder kriegs- teilnehmenden Seite - eine entscheidende Rolle in der Geschichte der Militärmedizin zu. Somit ist es nicht verwunderlich, dass die Rolle der Militärmedizin während der Zeit des Zweiten Weltkriegs in den vergangenen Dekaden immer häufiger im Interesse der Forschung stand und stetig neue Veröffentlichungen zu verschiedenen Aspekten dieser Teildisziplin der Medizingeschichte für die Öffentlichkeit verfügbar werden. ROBERT JÜTTE spricht in diesem Zusammenhang daher völlig zu Recht von einem Boom, indem er konstatiert, „dass es kein Thema der Medizingeschichte gibt, das in den letzten 30 Jahren so intensiv erforscht worden ist wie die Rolle der Medizin im Nationalsozialismus“.2

Da die Militärmedizin des Zweiten Weltkriegs jedoch einen elementaren Pfeiler der nationalsozialistischen Medizin ausmacht und auch hier kontinuierlich neue Desiderate entdeckt werden, will der vorliegende Forschungsbericht den Versuch wagen, einen groben Überblick über die extensive und bisweilen auch hochdifferenzierte Forschungsliteratur zur Militärmedizin des Zweiten Weltkriegs anzubieten. Dies soll nicht nur dazu dienen, bereits bekannte Forschungsfelder und konkrete Forschungsergebnisse aufzuzeigen und somit eine Landschaft der medizinhistorischen Forschung zu skizzieren, vielmehr soll versucht werden, auch neue, bislang weniger beachtete Bereiche militärmedizinischer Praxis auszuloten und somit für weitere wissenschaftliche Untersuchungen ins Blickfeld zu rücken.

Die medizinhistorische Forschung hat sich der Militärmedizin viele Jahrzehnte nur zögerlich genähert. Dennoch gab es vereinzelt Veröffentlichungen, die zum großen Teil von ehemaligen Sanitätsoffizieren verfasst wurden, dabei von einer „introspektiven Herangehensweise“ gekennzeichnet waren und den eigentlichen Gegenstand ohne „allgemeinhistorische Leitperspektiven“ behandelten.3 Oftmals kam es in diesem Zusammenhang zu einer rückblickenden Heroisierung vergangener Zeiten und Akteure, ohne eine historisch-kritische Reflektion eigener oder fremder Handlungen durchzuführen. Exemplarisch steht hierfür die „Geschichte des Sanitätsdienstes“, die von Hubert Fischer, einem ehemaligen Oberfeldarzt, ab 1982 in fünf Bänden herausgegeben wurde und sehr stark an eine nachträgliche Würdigung militär- ärztlichen Organisationsvermögens erinnert, ohne dabei objektiv und reflektiert Stellung zu beziehen. Ab den 1990er Jahren rückte die Militärmedizin endgültig in den Fokus der medizinhistorischen Forschung, was durch mehrere drittmittelfinanzierte Forschungsprojekte sowie mehrere Spezialstudien zu belegen ist.4 Die Ergebnisse lassen den Schluss zu, dass die militärärztliche und sanitätsdienstliche Tätigkeit5 während des Zweiten Weltkriegs ein immer stärker wachsendes Gebiet militär- und medizinhistorischer Forschung wird. Hieran will der vorliegende Forschungsbericht anknüpfen und anhand von vier aufgestellten Kategorien (Sanitätsdienstliche Praxis im soldatischen Frontalltag, Forschung und Experimente innerhalb der Militärmedizin, Organisation der Militärmedizin, psychologische und psychiatrische Herausforderungen an die Militärmedizin), die einen möglichst breiten Blick auf die Gesamtheit medizinhistorischer Arbeiten zur Militärmedizin während des Zweiten Weltkriegs des letzten Jahrzehnts zulassen, Möglichkeiten für weitere Arbeiten und potentielle Forschungsfelder ausloten. Die Grundlage für diese Kategorienbildung stellte eine erste grobe Sichtung der vorhandenen aktuelleren militärmedizinischen Literatur zum Zweiten Weltkrieg dar, in der anhand der vorhandenen Inhaltsverzeichnisse und der aufgeführten Beiträge ein erstes thematisches Kategorisieren vorgenommen wurde. Letztendlich wurden hieraus schließlich die vier genannten Bereiche mit dem Ziel herausgearbeitet, die vorhandenen Werke hinsichtlich ihrer inhaltlichen Themata zu untersuchen, sie innerhalb der Kategorien zu positionieren und somit eine thematische Karte der militärmedizinischen Forschung zum Zweiten Weltkrieg nebst potentiellen Desideraten zu skizzieren. Abgesehen von neueren Beiträgen zur Militärmedizingeschichte im Allgemeinen konzentrieren sich die folgenden Ausführungen vorwiegend auf fünf einschlägige Veröffentlichungen der letzten zehn Jahre, die sich dezidiert mit militärmedizinischen Themen wie etwa militärmedizinischer Praxis, Organisationsformen oder besonderen Herausforderungen an die Militärmedizin beschäftigen.6

Die erste Kategorie, die sanitätsdienstliche Praxis im soldatischen Frontalltag, beschäftigt sich mit den Beiträgen, welche die Rolle der Sanitätssoldaten im Gefecht fokussieren und den kriegsbedingten Alltag von Ärzten an den diversen Frontabschnitten während des Krieges untersuchen. Hierbei steht insbesondere die Rolle der Verwundetenversorgung im Blickpunkt, wenngleich auch Fragen etwa hinsichtlich der Aus- und Fortbildung des Sanitätspersonals oder der Umgang mit verwundeten Gegnern nicht vernachlässigt werden dürfen.

Auch dem Bereich der Forschung und Experimente innerhalb der Militärmedizin kommt eine besondere Bedeutung zu. Den drei Sanitätswesen der Wehrmacht, hier des Heeres, der Luftwaffe und der Marine, oblagen zwar primär die Verwundetenversorgung oder etwa Maßnahmen zur Verhütung und Bekämpfung übertragbarer Krankheiten, aber gerade die Kriegssituation selbst und die damit verbundenen Ein- und Beschränkungen zwangen die Mediziner zu Improvisation und auch experimentellem Handeln. Dazu kam, dass sich den Ärzten aufgrund der hohen Verwundetenzahlen viele Möglichkeiten boten, ihre eigenen, beispielsweise chirurgischen Kenntnisse, weiter zu entwickeln oder Medikamente zur Beruhigung, Schmerzlinderung oder Betäubung weiter zu verfeinern. Das „Merkblatt für Beratende Ärzte“ der Wehrmacht konstatierte zum „Massenexperiment Krieg“7 mahnend: „Nicht selten ergeben sich im Kriege einmalige Gelegenheiten für die medizinische Forschung. Sie dürfen nicht ungenutzt vorübergehen.“8

Unabdingbare Grundlage für eine funktionierende medizinische Versorgung ist die Organisation der Militärmedizin. Diese sollte nicht nur effizient und logistisch sinnvoll, sondern auch flexibel sein und sich den auftretenden Problemen, wie etwa dynamischen Frontverläufen oder etwaigen Gebietsverlusten, anpassen. In dieser dritten Kategorie soll es u.a. darum gehen, die gewaltige Logistik innerhalb der Sanitätswesen und die Versorgung mit Medikamenten oder Heil- und Hilfsmitteln in den Blick zu nehmen und organisatorische Aspekte der nationalsozialistischen Militärmedizin näher zu beleuchten. Hierbei können basierend auf der bereits vorhandenen Literatur womöglich Fragen generiert werden, die einzelne, bisher unberücksichtigte Aspekte stärker in den Fokus rücken und dadurch den organisatorischen Aufwand der gesamten medizinischen Versorgung der Wehrmacht noch transparenter erscheinen lassen.

Dass nicht nur die Verwundetenversorgung und die sanitätsdienstliche Organisation elementare Bereiche der Militärmedizin ausmachen, soll anhand der letzten Kategorie dargestellt werden, in der die vorhandene Forschungsliteratur hinsichtlich der psychologischen und psychiatrischen Herausforderungen an die Militärmedizin näher untersucht wird. Abseits von Primärversorgung oder chirurgischen Eingriffen im Einsatzlazarett kam es auch unter den Wehrmachtssoldaten zu Suiziden, Kampfmüdigkeit infolge von Belastungsstörungen oder etwa auto-erotischen Unfällen. Hat man sich in der aktuelleren Forschung vornehmlich eher der Ermordung von Psychiatriepatienten gewidmet und diesen Bereich als „Nebenschauplatz des totalen Krieges“9 interpretiert, so kam menschlichen Grundbedürfnissen wie Sexualität oder der psychologischen Verarbeitung von Kriegserlebnissen bislang eher ein Schattendasein zu.

In einem Ausblick soll schließlich die bisherige Forschung für den Zeitraum des Zweiten Weltkriegs in Bezug auf die englische Militärmedizin in das Blickfeld gerückt werden. Hierbei lassen sich evtl. Gemeinsamkeiten oder ganz eigene Forschungsergebnisse ausmachen, die durch Kontrastierung mit der aktuellen deutschen Forschung transparent gemacht werden sollen. Erkenntnisse hinsichtlich der medikalen Versorgungslage oder der sanitätsdienstlichen Praxis können sich beim Blick auf den ehemaligen Kriegsgegner Deutschlands und insbesondere im Vergleich mit selbigem durchaus als vielversprechend und fruchtbar erweisen, da sich so unter Umständen Aspekte wehrmedizinischen Handelns aufzeigen lassen, die in der Forschung bislang unberücksichtigt geblieben sind.

Sanitätsdienstliche Praxis im soldatischen Frontalltag

In der aktuellen militärmedizinischen Forschung stellen die hier zu behandelnden Kategorien ganz eigene Bereiche dar, die für sich genommen bislang recht unterschiedlich erforscht wurden. Die sanitätsdienstliche10 Praxis im Frontalltag, welche die Primär- und Verwundetenversorgung an der Front und den Alltag der Sanitätssoldaten abbildet, stellt dabei in gewisser Hinsicht eine Ausnahme dar.11 Denn das Interesse der Forschung scheint diesen grundlegenden Bereich des militärärztlichen und sanitätsdienstlichen Wirkens bislang eher zu vernachlässigen. Die Untersuchungen, die sich mit der medizinischen Versorgung direkt hinter der Front und insbesondere mit dem Lazarettalltag der Soldaten allgemein beschäftigen, sind bisher sehr überschaubar.

Wolfgang Uwe ECKART hat bereits 1992 das Schicksal der 6.Armee im Kessel von Stalingrad untersucht, wobei seine Erkenntnisse in aktualisierter Form in verschiedenen Publikationen der letzten Dekade auftauchen.12 Nicht nur, dass er die verbittert geführten Kämpfe und das von der militärischen Führung geforderte Ausharren im Kessel von Stalingrad als medizinisches „Hungerexperiment“13 der nationalsozialistischen Propaganda entlarvte, er skizziert zudem den verzweifelten Kampf einer zum Sterben verurteilten Armee, die aufgrund der katastrophalen Ernährungs- und Versorgungslage annähernd 150.000 Soldaten verlor. Auch beleuchtet er wichtige Problemfelder, wie beispielsweise unzureichende Transportkapazitäten die sanitätsdienstliche Versorgung der Soldaten erheblich beeinträchtigten oder die sich immer weiter verschlimmernde Mangelernährung, die, ebenfalls durch logistische Engpässe verursacht, die Soldaten neben den extrem niedrigen Temperaturen zusätzlich zermürbte. Eine Form von kriegsbedingter Notwendigkeit zwang die behandelnden Ärzte14 im Kessel von Stalingrad dazu, aufwendige Operationen mangels Erfolgsaussichten und aufgrund personeller wie materieller Engpässe aufzuschieben oder gar ganz zu unterlassen, was unweigerlich tödliche Konsequenzen für die verwundeten Soldaten hatte. Er kommt schließlich zu dem Schluss, dass die militärische Führung die Vernichtung der 6.Armee für propagandistische Zwecke billigend in Kauf nahm und die medizinische wie auch die materielle Versorgungslage durch unzureichende Transportkapazitäten völlig desolat war und die deutschen Soldaten im Kessel von Stalingrad somit zwangsläufig zum Untergang verurteilt waren. „Für den Abtransport aus dem Kessel selbst […] standen zu keinem Zeitpunkt der Umschließung hinreichende Lufttransportkapazitäten zur Verfügung.“15 Der Sanitätsdienst des Heeres erfuhr hier wie auch während des schnellen Bewegungskrieges der ersten Jahre des Zweiten Weltkriegs aufgrund organisatorischen Missmanagements eine erhebliche Schwächung, was eine unzureichende oder verzögerte Behandlung von verletzten Soldaten zur Folge hatte. Munitionslieferungen oder etwa die Verlegung von kämpfenden Verbänden wurden indes ein schnellerer Transport zugestanden als den Nachschubmaterialien aus den diversen Sanitätsmateriallagern entlang der Ostfront.

Alexander NEUMANN, der bei ECKART über die Heeressanitätsinspektion und das Amt „Chef des Wehrmachtssanitätswesens“ promovierte, gelangt in seiner Dissertationsschrift16 nicht nur zu wichtigen Erkenntnissen hinsichtlich der medizinischen Realversorgung an den deutschen Frontverläufen, sondern zeichnet ebenso objektiv wie historisch-kritisch die Umrisse des bislang unberücksichtigten Forschungsgebiets der sanitätsdienstlichen Lazarettpraxis nach. Dies erreichte er u.a. dadurch, dass er den gesamten Archivbestand der Heeressanitätsinspektion im Bundesarchiv-Militärarchiv in Freiburg nicht nur sichtete, sondern dabei auch auf bisher kaum genutzte Dokumente stieß, die er für seine Untersuchung nutzen konnte und somit ein sehr breites Bild des Heeressanitätswesens entstand.17 Hierbei arbeitete er u.a. heraus, dass Soldaten, die an einer Bauchverletzung litten, nach Maßgabe des behandelnden Arztes in sogenannte Heimatlazarette verlegt werden sollten. Diese Sonderlazarette, die in der Vergangenheit vermehrt als Ziel wissenschaftlicher Untersuchungen fungierten18, bargen für die Soldaten dabei mitunter eine besondere Gefahr. Durch die angeordnete Verlegung und bestehende Transportengpässe entstand oft ein tödlicher Zeitverlust, welcher als Folge bspw. schwerwiegenden und schwer zu diagnostizierenden Abdominalverletzungen einen optimalen Nährboden bot, um den Gesundheitszustand des Soldaten schleichend aber doch stetig zu verschlechtern.

Dem Alltag im Lazarett widmet er mehrere Unterkapitel, die sich mit Überweisungen, Disziplin und Moral oder den diversen Behandlungsformen beschäftigen. So zeigt er beispielsweise auf, dass für die militärärztliche Führung19 insbesondere die Motivation und die Einstellung der Soldaten einen unabdingbaren Faktor zur Genesung und damit erfolgreichen Behandlung ausmachte. Der ärztlichen Forderung, „bei weichlichen, überempfindlichen, einsatzschwachen Menschen ein[en] besonders strenge[n] Maßstab an die Bewertung der Beschwerden [anzulegen]“20, wurde daher damit begegnet, insbesondere gefestigte und fronterfahrene Sanitätsoffiziere in den Krankensammelstellen hinter der Front einzusetzen, da diese keine ungerechtfertigten Rücktransporte veranlassen würden. Auch stellt er dar, dass für die Lazarettinsassen ein vorgeschriebener Dienstplan existierte, der militärische wie propagandistische Übungen beinhaltete. Eine in den Augen der militärärztlichen Führung sinnvolle Beschäftigung der Soldaten war notwendig, um sie einerseits von den Krankheiten oder Verletzungen abzulenken und um andererseits möglichst wenig Gelegenheit zur Langeweile zu bieten. Deutlich wird dies u.a. in Form der sogenannten Ohrenbataillone, in denen Soldaten mit chronischer Mittelohreiterung oder auch Taube erfasst wurden. Sie erfüllten gleichsam einen kriegsdienlichen Zweck, indem sie beispielsweise als Bau- oder Transporttrupps oder als Begleitkommandos fungierten und damit der Gesundheitszustand des einzelnen Soldaten dem militärischen Primat weichen musste.

Die Arbeitstherapie, die insbesondere in speziellen Genesendenkompanien, einer Art Zwischenstation zwischen Lazarett und kämpfender Truppe, Anwendung erfuhr, sah auch Rüstungsarbeit vor, die gemäß der Genfer Konvention ausdrücklich verboten war. Soldaten, die in Lazaretten auf ihre Genesung warteten, sollten demnach nicht, wie Neumann am Beispiel Clausthal-Zellerfeld aufzeigt, Maschinenteile für U-Boote oder Flugzeuge herstellen, sondern ausschließlich mit ihrer Gesundung befasst sein. Im Zusammenhang mit den Arbeitstherapie-Abteilungen des Heeressanitätswesens weist der Autor zudem auf einen Bereich hin, der in der gegenwärtigen Forschung ebenfalls noch keine tiefere Bedeutung gefunden hat. Die im deutschen Reich befindlichen Heil- und Pflegeanstalten, die vorwiegend für psychisch kranke Menschen vorgesehen waren und die sich durch das „Euthanasie“-Programm21 der Nationalsozialisten aktiv an der Ermordung der eigenen Patienten beteiligten, wurden vereinzelt für die Wehrmacht beschlagnahmt. Am Beispiel der Heil- und Pflegeanstalt Branitz in Oberschlesien zeigt er auf, dass die Wehrmacht hier eine Lungenheilstätte für Soldaten auf Kosten der zivilen Patienten aufbaute: „Eine geringe Anzahl noch beschäftigter Zivilpfleglinge mit leichten psychischen Abweichungen stört die Zahl der Wehrmachtsangehörigen augenscheinlich nicht, doch soll ihre Zahl allmählich vermindert werden, bis sie ganz ausgeschaltet sind“.22 Ob Wehrmachtsangehörige in Person von Sanitätsoffizieren, Sanitäts- personal oder anderen Soldaten aktiv am Krankenmord im Rahmen der „Euthanasie“ beteiligt waren, stellt bislang noch ein Desiderat der Forschung dar.

Die Gruppe der Magenkranken, für die in Deutschland spezielle Magenlazarette angelegt wurden, stellte im weiteren Kriegsverlauf ein immer ernster werdendes Problem für die militärärztliche Führung dar. Viele Soldaten reagierten auf die verlustreichen Geschehnisse an der Front vielfach mit nervösen Magenleiden oder Magenbeschwerden und wurden daraufhin u.a. als „Duodenalquerulanten“23 bezeichnet. Zudem bedeuteten sie im Vergleich zu Soldaten mit anderen - sichtbar kriegsbedingten - Erkrankungen eine vermeintlich sichtbare Schwächung der Kampfmoral. So konstatierte ein Stabsarzt: „[Der Magenkranke] bildet sowohl für die Truppe als auch für die Sanitätseinrichtungen eine lästige Erscheinung, sie birgt unverkennbare Gefahren in sich und bedeutet zweifellos neben der erheblichen Belastung eine wesentliche Herabsetzung der Wehrkraft.“24 Dass die Einrichtung den gewünschten Erfolg erzielte, ist schließlich anhand des Rückgangs an Magenkranken nach der Aufstellung der Magenlazarette und Magenbataillone zu verzeichnen.

Interessant ist auch das Ergebnis, das NEUMANN in Bezug auf die Ausfallzeiten der Soldaten in Folge einer Zahnbehandlung aufzeigt. Gemäß einer Vorgabe der militärärztlichen Führung sollten die Zahnstationen lediglich die Kaufähigkeit gewährleisten und keine ausgedehnten Zahnsanierungen vornehmen, da hierdurch längere Ausfallzeiten der Soldaten befürchtet wurden. Es wurde angenommen, dass die Soldaten durch allzu häufige Lazarettbehandlungen verweichlichten und Gebissschäden als Vorwand für eine Krankmeldung nutzen würden. Um diesem Phänomen entschieden gegen zu treten, wurde sogar kurzzeitig überlegt, ausgedehnten Lazarettaufenthalten der Soldaten damit zu begegnen, ihre Krankentage im Soldbuch einzutragen. So wäre für jeden Soldaten eine genaue Lazarettübersicht möglich gewesen und den Lazarettstrategien der Soldaten hätte man so auf formale Art begegnen können.

Aus den verschiedenen hier vorgestellten Beiträgen ergibt sich ein zunehmend kritisches Bild der Realversorgung innerhalb des deutschen Sanitätswesens. Einerseits wurde das Sanitätspersonal mit der Behandlung und medizinischen Versorgung der unterstellten Soldaten mit zunehmendem Kriegsverlauf immer mehr überfordert, andererseits wird die enorme militärische Entscheidungsgewalt deutlich, der sich das Wehrmachtssanitätswesen unterzuordnen hatte. Die Folgen waren u.a. eine Patientenversorgung, die im Kampf gegen fortschreitende Verletzungen fast aussichtslos war oder Sanitätsoffiziere, die das gesundheitliche Wohl des Soldaten immer mehr den militärischen und ideologischen Erwägungen, die auf einen „Endsieg“ unter radikaler Einbeziehung aller verfügbaren Ressourcen abzielten, unterordneten.25 Somit kann das oftmals herausgestellte Bild der vermeintlich „sauberen Wehrmacht“, das insbesondere in den Nachkriegsjahren von Beteiligten und Tätern etabliert wurde26 oder besonders das eines „sauberen Sanitätsdienstes“, dessen Mythos insbesondere ehemalige Mitarbeiter der Heeressanitäts-inspektion bis weit in die 1950/1960er Jahre hinein pflegten27, nicht aufrecht erhalten werden. Vielmehr muss die Frage gestellt werden, wie die ideologische Wirkung der nationalsozialistischen Führung Militärärzte, die sich dem hippokratischen Eid verpflichteten, dazu bringen konnte, die Genesung der unterstellten Soldaten dem militärischen Erfolg unterzuordnen. Ein möglicher Erklärungsansatz wäre hier beispielsweise die bedingungslose Verpflichtung für den Volkskörper, welche der Wahrnehmung staatlich-militärischer Pflichten durch die Soldaten eine höhere Bedeutung beimaß als die ärztliche Betreuung des einzelnen Patienten.28

Die Ergebnisse NEUMANNS zeigen deutlich, dass insbesondere dem Lazarettwesen, welches das Hauptbetätigungsfeld der Sanitätsoffiziere darstellt, eine umfassende und tiefer gehende Darstellung, die den Alltag, die entstandenen Herausforderungen und insbesondere die medizinische Behandlung an den verschiedenen Fronten in den Blick nimmt, bislang fehlt. Die praxisbezogene Studie von Wolfgang Uwe ECKART zur Verwundetenversorgung in Stalingrad stellt die einzige bislang wissenschaftlich verwertbare Untersuchung zur sanitätsdienstlichen Behandlung in einem konkreten Kampfgebiet dar.29 Wünschens- wert wäre daher eine Ausweitung auf andere Orte und Schauplätze des Zweiten Weltkriegs, die womöglich auch eine Kontrastierung der medizinischen Versorgung an den verschiedenen Frontabschnitten beinhalten könnte. Vielversprechende Ergebnisse sind beispielsweise auch bei der Betrachtung der sanitätsdienstlichen Ausbildung vor Ort, also der Unterweisung der kämpfenden Soldaten in Erster Hilfe oder etwa der Betreuung von Verwundeten, bei denen eine medizinische Behandlung erfolglos schien, zu erwarten. Diese bislang unberücksichtigen Bereiche der sanitätsdienstlichen Praxis im soldatischen Frontalltag können im Rahmen einer wissenschaftlichen Untersuchung dazu beitragen, die Situation der (Sanitäts-)Soldaten insbesondere im kämpfenden Gebiet noch besser nachzuvollziehen und damit einhergehend Ausgangspunkt für weitere Bereiche militär- und medizinhistorischer Forschungen sein.

Forschungen und Experimente innerhalb der Militärmedizin

Das bereits zitierte „Massenexperiment Krieg“30 bot den Wehrmachtsärzten und -wissenschaftlern vor und besonders während des Zweiten Weltkriegs ein extrem breites Feld an empirischer Erprobungsmöglichkeit, das von vielen Disziplinen und Wehrmachtsorganisationen gern genutzt wurde. Ziel war es, mittels synthetisierter Medikamente wie etwa dem leistungssteigernden Medikament Pervitin oder Mitteln gegen Krankheiten wie Malaria die Kampkraft der deutschen Wehrmacht zu stärken und zu verbessern. Insbesondere durch den Krieg entstanden moralische Freiräume, die sich durch die Verschiebung von moralischen Maßstäben ergaben, die dem „Forschen für den Führer“31 und damit für einen erfolgreichen Kriegsverlauf Deutschlands dienlich sein sollten.

Die militärmedizinische Forschung während des Zweiten Weltkriegs steht durch mehrere Spezialstudien der letzten Jahre vermehrt im Fokus des wissenschaftlichen Interesses. Insbesondere die Kampfmittelforschung32 und die Ernährungsphysiologie genießen hierbei eine erhöhte Aufmerksamkeit. Wolfgang ECKART hat in seinen Beiträgen zur Situation der 6.Armee in Stalingrad auf das ‚Hungerexperiment’ der deutschen Soldaten hingewiesen. Er skizziert die Situation im Kessel der Stadt, in der die hungernden Soldaten nicht selten bei der geringsten Nahrungsaufnahme, beispielsweise durch ein kleines Stückchen Fettfleischkonserve, ohnmächtig wurden. „Der Beginn der Verdauungsarbeit hatte den Kreislauf überfordert [...]“33, woraufhin ein stilles und undramatisches Sterben einsetzte.

gewinnbringendes Element dar, wenn es beispielsweise darum geht, die Mentalitätsgeschichte deutscher Soldaten während des Zweiten Weltkriegs näher in den Fokus wissenschaftlicher Untersuchungen zu rücken.

[...]


1 Harrison, Mark: Medicine & Victory. British Military Medicine in the Second World War, New York 2008, S.1.

2 Jütte, Robert: Medizin und Nationalsozialismus. Bilanz und Perspektiven der Forschung, Göttingen 2011, S.7.

3 vgl. dazu Jütte 2011, S.194f.

4 vgl. hierzu insbesondere die Ergebnisse von Eckart 2006 und Neumann, Alexander: "Arzttum ist immer Kämpfertum". Die Heeressanitätsinspektion und das Amt "Chef des Wehrmachtssanitätswesens" im Zweiten Weltkrieg (1939-1945) (Schriften des Bundesarchivs 64), Düsseldorf 2005 oder auch Jütte 2011, S.196f.

5 Unter militärärztlicher Tätigkeit wird in diesem Forschungsbericht insbesondere die rein ärztliche Tätigkeit, die von Sanitätsoffizieren ausgeübt wurde, verstanden. Unter der sanitätsdienstlichen Tätigkeit die Gesamtheit der medizinischen Versorgung, bestehend aus eingesetzten Militärärzten sowie Sanitätssoldaten, bspw. Sanitätsunteroffiziere oder Sanitätsmannschaftsdienstgrade.

6 darunter Neumann 2005; Eckart, Wolfgang/ Neumann, Alexander (Hg.): Medizin im Zweiten Weltkrieg. Militärmedizinische Praxis und medizinische Wissenschaft im "Totalen Krieg" (Krieg in der Geschichte 30), Paderborn 2006; Quinkert, Babette/ Rauh, Philipp/ Winkler, Ulrike (Hg.): Krieg und Psychiatrie 1914-1950 (Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus 26), Göttingen 2010; Harrison 2008 sowie Larner, Melissa/ Peto, James/ Schmitz, Colleen (Hg.): Krieg und Medizin, Göttingen 2009.

7 Eckart 2006, S.9.

8 BA-MA RH 12-23/947.

9 Quinkert 2010, S.25; vgl. dazu auch Schmuhl, Hans-Walter: Die Genesis der „Euthanasie“. Interpretationsansätze, in: Rotzoll, Maike u.a. (Hg.): Die nationalsozialistische „Euthanasie“-Aktion T4. Geschichte und ethische Konsequenzen in der Gegenwart, Paderborn u.a. 2010, S.72.

10 Der Begriff „Sanitätsdienst“ fungiert in diesem Bericht als Oberbegriff für die gesamte Organisationseinheit der medizinischen Soldatenversorgung. Ihm gehörten nicht nur Ärzte als Sanitätsoffiziere, sondern auch Sanitätsunteroffiziere und Sanitätsmannschaftsdienstgrade an, die speziell für die ärztliche Unterstützung oder beispielsweise für die medizinische Materialversorgung zuständig waren, vgl. dazu Neumann 2005, S.68f oder auch Guth, Ekkehart: Der Sanitätsdienst der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Ein Überblick, in: Ders. (Hg.): Sanitätswesen im Zweiten Weltkrieg (Vorträge zur Militärgeschichte 11), Herford 1990, S.11f.

11 Die Grundlage dieses Abschnittes bildet hierbei vornehmlich die Behandlung des Heeressanitätswesens. Über das Marinesanitätswesen und die Versorgung an Bord haben vor allem Volker Hartmann und Hartmut Nöldeke geforscht: Hartmann, Volker/ Nöldeke, Hartmut: Der Sanitätsdienst in der deutschen Flotte im Zweiten Weltkrieg. Schwere Seestreitkräfte, Hamburg 2003 oder Dies.: Der Sanitätsdienst in der deutschen Flotte im Zweiten Weltkrieg. Leichte Seestreitkräfte, Hamburg 1999 oder Nöldeke, Hartmut: Sanitätsdienst an Bord. Ein Beitrag zur Organisation und ärztlichen Tätigkeit auf Kriegsschiffen, Herford 1981.

12 Basierend auf der Erstpublikation „Von der Agonie einer mißbrauchten Armee, in: Wette, Wolfram/ Ueberschär, Gerd R. (Hg.): Stalingrad - Mythos und Wirklichkeit einer Schlacht, Frankfurt 1992, S.108-130“ finden sich aktualisierte Versionen seines Beitrages ebenso in Eckart 2006, S.69-95 wie auch in Larner 2009, S.147-170.

13 Eckart 2006, S.69

14 Die Anzahl der im Kessel von Stalingrad eingeschlossenen Ärzte ist heute nicht mehr genau zu rekonstruieren. Die Zahl variiert von 23 bis 600 eingesetzten Sanitätsoffizieren. Vgl. dazu Ebd., S.73.

15 Ebd., S.71.

16 Neumann 2005.

17 Ebd., S.1f.

18 vgl. Valentin, Rolf: Die Krankenbataillone. Sonderformationen der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg, Düsseldorf 1981; Ders: Die Sonderlazarette des Heeres, in: Guth 1990, S.167-182;

19 Auf die Struktur und Organisationsformen der nationalsozialistischen Militärmedizin wird insbesondere im Abschnitt „Organisation der Militärmedizin“ noch näher eingegangen.

20 Neumann 2005, S.196f.

21 vgl. insbesondere die Arbeiten von Ernst Klee, v.a.: „Euthanasie“ im Dritten Reich. Die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“, Frankfurt am Main 22010 oder auch Bock, Gisela: Zwangssterilisation im Nationalsozialismus. Studien zur Rassepolitik und Geschlechterpolitik, Münster 22010.

22 Ebd., S.188.

23 Ebd., S.198.

24 Ebd., S.196.

25 vgl. hierzu besonders: Frewer, Andreas/ Bruns, Florian: Zuerst Arzt oder Soldat? Zwischen medizinischer Ethik und militärischer Pflicht im „totalen Krieg“, in Larner 2009, S.133-144 oder auch Schmiedebach, Heinz-Peter: Der Arzt als Gesundheitsoffizier. Die systematische Militarisierung der Medizin von 1933 bis zum Zweiten Weltkrieg, in: Bleker, Johanna/ Schmiedebach, Heinz-Peter (Hg.): Medizin und Krieg. Vom Dilemma der Heilberufe 1865 bis 1985, Frankfurt am Main 1987, S.191-208.

26 vgl. dazu: Rosenthal, Gabriele: Vom Krieg erzählen, von den Verbrechen schweigen, in: Heer, Hannes/ Naumann, Klaus (Hg.): Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944, Frankfurt am Main 1995, S.651-663 oder Neitzel, Sönke/ Welzer, Harald (Hg.): Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben, Frankfurt am Main 2011, S.201f u. S.299f.

27 Beispielsweise durch eigene Publikationen, wie den ab 1957 erschienenen „Wehrmedizinischen Mitteilungen“, vgl. dazu Eckart 2006, S.9.

28 vgl. dazu Larner 2009, S.144.

29 Unabhängig von Eckarts Ausführungen existieren ebenso viele weitere, meist biografisch geprägte Berichte und Publikationen, denen jedoch, was nachvollziehbar ist, die kritische Distanz zum Untersuchungsgegenstand abgeht. Trotzdem stellen gerade diese Darstellungen auch ein

30 vgl. Fußnote 7.

31 vgl. Cornwell, John: Forschen für den Führer. Deutsche Naturwissenschaftler und der Zweite Weltkrieg, Bergisch Gladbach 2004.

32 vgl. dazu Philippu, Athineos: Geschichte und Wirken der pharmakologischen, klinisch-pharmakologischen und toxikologischen Institut im deutschsprachigen Raum, Innsbruck 2004; Schmaltz, Florian: Kampfstoff-Forschung im Nationalsozialismus. Zur Kooperation von KaiserWilhelm-Instituten, Militär und Industrie, Göttingen 2005 oder auch die Literatursammlung in Eckart 2006, S.128f sowie 148f.

33 Larner 2009, S.156.

Details

Seiten
41
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656165965
ISBN (Buch)
9783656166702
Dateigröße
777 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v191670
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – Institut für Geschichte
Note
1,0
Schlagworte
Medizingeschichte Nationalsozialismus Militärmedizin Karl Brandt Marine Luftwaffe Heer Wehrmacht Heeressanitätsinspektion Chef des Wehrmachtssanitätswesens Psychiatriegeschichte Euthanasie Soldaten Stalingrad Wolfgang Eckart Nordwestdeutschland Medizin Medizin im Dritten Reich Adolf Hitler Konzentrationslager

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