Lade Inhalt...

Der Mensch-Tier-Kontakt als Teil der systemischen Therapie

Welchen Nutzen haben KlientInnen durch die Einbeziehung von Pferden?

Masterarbeit 2012 119 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Theoretischer Hintergrund
1.1 Einleitung
1.2 Pferde allgemein

2. Tiergestützte Therapie
2.1 Begriffsdefinition

3. Experteninterviews
3.1 Interview mit Dr. Kurt Kotrschal – 6. Juli 2011
3.2 Interview mit Mag. Norbert Trompisch, 22. Juli 2011
3.3 Interview mit Doris Gilli , 25. Juli 2011
3.4 Interview mit Lynn Thomas, 20. Jänner 2010

4. Pferde als „Co-Therapeuten“
4.1 Verschiedene Therapieformen mit dem Pferd
4.1.1 Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd
4.1.2 Hippotherapie
4.1.3 Reittherapie/Reitpädagogik
4.1.4 Pferde in der systemischen Arbeit

5. Das Spiegeln
5.1 Fallbeispiel 1:
5.2.1 Systemische Strukturaufstellung und Familienskulptur
5.2 Fallbeispiel 2:
5.3 Fallbeispiel

6. Qualitative Forschung
6.1 Erkenntnisinteresse und Fragestellung
6.2 Methodologische Positionierung
6.2.1 Die Grundsätze qualitativen Forschens
6.2.2 Forschungsperspektiven
6.3 Wahl der Erhebungsverfahren
6.3.1 Problemzentriertes Interview, Fokussiertes Interview
6.4 Wahl der Auswertungsmethoden
6.4.1 Zusammenfassung und induktive Kategorienbildung

7. Empirischer Teil
7.1 Forschungsfeld
7.2 Diagnostik – ICD
7.2.1 Diagnose der Symptome bei Burnout Z 73.0 - Erschöpfungssyndrom
7.2.2 Panikstörung F 41.0
7.2.3 Andere Angststörungen F 41.
7.2.4 Generalisierte Angststörung F 41.1
7.2.5 Angst und depressive Störung, gemischt F 41.2
7.2.6 Depressive Episode F 32.
7.2.7 Mittelgradige depressive Episode F 32.1
7.2.8 Zwangsstörung F 42.
7.3 Durchführung der Therapieeinheiten
7.4 Sondierung des Filmmaterials
7.5 Erstellung des Interviewleitfadens
7.6 Durchführung des Interviews
7.7 Auswertung der Fragebögen

8. Schlussfolgerungen

9. Kritische Reflexion

10. Literaturverzeichnis

11. Abbildungsverzeichnis

12. Anhang

Fragebögen

Der Einfachheit und besseren Lesbarkeit halber wird im Text auf die Unterscheidung der geschlechtsspezifischen Unterscheidungen der Worte zugunsten der männlichen Form verzichtet.

1. Theoretischer Hintergrund

1.1 Einleitung

Pferde begleiten den Menschen seit Jahrtausenden und sind nach wie vor Bestandteil des Lebens auch in diesem Teil unserer Erde. In den letzten Jahrzehnten gewann das Pferd mehr Bedeutung im therapeutischen Feld, als Gebrauchstier ist es nur mehr selten im Einsatz. Es wird in den Bereichen der Hippotherapie, der heilpädago-gischen Förderung mit dem Pferd (früher Voltigieren) und zunehmend auch in den psychotherapeutischen Heilverfahren eingesetzt. Monty Roberts (2000) legte mit seinem Werk „Das Wissen der Pferde“ einen Grundstein für das pferdegestützte Mitarbeiter-Coaching und die Unternehmensberatung. Er machte mit weiteren Büchern auf die Möglichkeit aufmerksam, Pferde gewaltlos zu erziehen und als Kooperationspartner zu nutzen. Der „Pferde-flüsterer“, ein Hollywood-Highlight, verfilmt nach dem Roman von Nicholas Evans (2004), mit Robert Redford in der Hauptrolle, ist vielen Menschen, nicht nur Pferdeliebhabern, bekannt.

Im Rahmen der Studie interviewte der Autor vier Experten. Befragt wurden der Wissenschaftler des Jahres 2010, Dr. Kurt Kotrschal, über seine Arbeit mit Wölfen, Mag. Norbert Trompisch über seinen therapeutischen Zugang zu Delfinen, Lynn Thomas über die Gründung und den Stand von EAGALA und Doris Gilli über ihre Arbeit mit Pferden im Rahmen der tiergestützten Therapie für das Psychosomatische Zentrum Waldviertel in Eggenburg. Beschrieben wird, warum diese Experten es für hilfreich halten Tiere einzusetzen und welche Erfahrungen sie persönlich machten. Veränderten die Tiere ihr Leben oder setzten sie diese nur als eine Methode von vielen ein? Wie stellt sich der Mensch-Tier-Kontakt beim Wolf oder Delfin im Unter-schied zum Pferd dar und wie ist er „psycho“therapeutisch nutzbar? Der Kontakt mit den hochsensiblen Tieren ermöglicht den Klienten, wichtige Rück-meldungen über ihr eigenes Verhalten zu erkennen. Pferden wird nachgesagt, ein Spiegel der menschlichen Seele, des Inneren, zu sein. Dies wird im Kapitel fünf näher ausgeführt.

Die Autoren McCormick und McCormick (1997) beschäftigen sich mit der thera-peutischen Wirkung dieses Phänomens. Durch das Erkennen der eigenen Gefühle in der Pferdearbeit soll das Streben nach Selbstverwirklichung und Veränderung unterstützt werden. Die Idee des Spiegelns war bis dato nicht wissenschaftlich untermauert. Durch einen Synergieeffekt im Bereich der Studien am Tiersektor konnte der Autor von der Forscherin Mag.a Emily Bauer neue Trends in die Untersuchungen über das Spiegeln in seine eigene Forschungsarbeit einbeziehen. Für ihre Masterarbeit in Verhaltensbiologie (mit Unterstützung von Kurt Kotrschal) mit dem Schwerpunkt der Mensch-Tier-Beziehung stellte sie Fragen zum Thema Stressverhalten von Mensch und Pferd und versuchte zu klären, ob und welche Emotionen bei Pferden ausgelöst werden, wenn sie von der Koppel geholt und/oder geritten werden und was sie bei Menschen bewirken. Helfen Pferde Stress abzubauen oder können sie selbst zu einem Stressfaktor werden? Übertragen Menschen, die Pferde reiten oder mit ihnen arbeiten ihre gestresste Stimmung auf die Pferde oder umgekehrt? Die angewandten Methoden, um wissenschaftlich fundierte Antworten zu bekommen, waren beispielsweise Stresspegelmessungen aus Speichelproben und Herzfrequenzanalysen bei Reitern und Pferden.

Werden Pferde in der Psychotherapie eingesetzt, besteht die Möglichkeit, die Selbst- und Fremdwahrnehmung sichtbar und besprechbar zu machen. Klienten verlassen für die Arbeit mit den Pferden die Komfortzone der psychotherapeutischen Praxis, das Setting (Klient/Klientensystem – Therapeut) wird verändert, durch die Pferde erweitert (Grote 2011). In diesem veränderten Setting und durch die Erweiterung der Optionen besteht die Möglichkeit, Neues auszuprobieren und eventuell zu anderen, hilfreicheren Lösungen zu kommen. Pferde reagieren auf Respekt, Vertrauen, Distanz und Nähe – all die Eigenschaften, die Beziehungen prägen. In Einzel- oder Gruppenübungen wird schnell sichtbar, welche Fähigkeiten, Stärken und Schwächen die Menschen haben. Verhaltensveränderungen auf der nonverbalen, körperlichen Ebene können in der Arbeit mit den Pferden erprobt und geübt werden. So sind die Tiere die Lehrmeister und eine möglicherweise negative Sichtweise der Klienten von „belehrt werden“ wird hintan gehalten.

Die erlebnisorientierte Methode ermöglicht es den Teilnehmern, Ergebnisse ihrer Arbeit unmittelbar in den Alltag zu transferieren (Gehart, Karrer, Koch, 2010).

Nicht vordergründig das Tun der Klienten am Pferderücken, sondern vom Boden aus, lieferte im Bereich der Psychotherapie neue hilfreiche Einsichten. In den letzten Jahren entstand durch EAGALA (Equine Assisted Growth and Learning Association), für Menschen die im psychosozialen Feld arbeiten, ein qualifiziertes Ausbildungsverfahren mit systemischer Orientierung. Die wissenschaftliche Forschung rund um die Wirkungsweisen der tiergestützten Therapie (TAT) beschreibt, welche Möglichkeiten diese hat, aber auch wo sie sich von der psycho-therapeutischen Arbeit mit Tieren abgrenzt und unterscheidet. Trotz des Glaubens an die positive Wirkung der Tiere steckt die wissenschaftliche Erforschung der TAT noch in den Kinderschuhen. Es gibt kaum Studien, welche die Wirkungsweisen belegen. Nach Otterstedt (2001) scheitert die Durchführung von Studien am Kosten- und Zeitaufwand, welcher notwendig wäre, um solche Therapiemethoden und ihre Effekte zu untersuchen. Die vorliegende Arbeit soll einen Forschungsbeitrag in qualitativer Hinsicht leisten und Hinweise liefern, wie im Rahmen der systemischen Psychotherapie das Pferd wirkungsvoll und nachhaltig eingesetzt werden kann. Durch drei Fallbeispiele aus der Praxis des Autors werden der Zugang zur Pferde-arbeit, sowie der systemische Aspekt zur praktischen Arbeit und der Bezug zur systemischen Theorie, aufgezeigt und erläutert. Vor allem, wenn man das sogenannte „Problemsystem“ nach Ludewig (1991) betrachtet, muss man um eine Theorie des Heilens aufzustellen den Gegenstand abgrenzen und definieren, aber auch eine passende Methodologie entwerfen. In der systemischen Perspektive liegt der Fokus auf der Betrachtung von Mehr-Personen-Systemen, in den Fallbeispielen erweitert um ein oder mehrere Tiere. Therapie muss also Kommunikation sein, die das „Problemsystem“ auflöst oder Möglichkeiten aufzeigt, dies zu tun. In der humanis-tischen Theorie steht die Inkongruenz zwischen dem aktuellen Selbst und den neuen Erfahrungen im Mittelpunkt, was für das fallweise Einbeziehen von Pferden spricht. Es können neue Erfahrungen und Erkenntnisse gemacht und erlebt werden. Im Problemsystem geht man davon aus, dass nicht soziale Strukturen Probleme haben, sondern dass Probleme soziale Strukturen erzeugen.

Die Grundlage zur Bildung von Problemsystemen sind negative Emotionen. Spannung und Druck werden auch unmittelbar negative Reaktionen, zumeist als erstes bei den Pferden, dann bei den Klienten auslösen, sie werden rasch sichtbar und damit auch - prozessorientiert - besprechbar.

Da der Autor einerseits in die therapeutische Arbeit mit Pferden involviert ist und andererseits auch Pferdebesitzer ist, war es umso wichtiger für die Interviews Klienten von Psychotherapeuten einzuladen, die nicht selbst mit Tieren beruflich in engerem Kontakt stehen. In einem strukturierten Interviewleitfaden hat der Autor 22 Klienten befragt. Diese wurden von drei Kollegen genannt und es lagen krank-heitswertige Störungen, diagnostiziert nach dem sogenannten ICD 10 (internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme - international statistical classification of diseases and related health problems) vor, wodurch eine Abgrenzung zur psychotherapeutischen Selbsterfahrung erfolgte. Die Klienten standen zum Zeitpunkt der Untersuchung in psychotherapeutischer Behandlung, welche nach der Pferdeeinheit weitergeführt wurde. Die behandelnden Therapeuten luden die Klienten zu einer Einheit Pferdetherapie mit dem Autor der Studie ein. Nach zwei Monaten erhielten sie einen einminütigen Film per Email übermittelt und im Anschluss daran wurde das Interview geführt. Es sei vorweg genommen, dass die Ergebnisse in ihrer Aussage überraschend klar das Pferd als hilfreiche Methode der systemischen Psychotherapie darlegen.

1.2 Pferde allgemein

Pferde wurden im Laufe der Geschichte ein wichtiger Teil unserer Lebenswelt. Sie sind heute noch als sogenannte Gebrauchs- und Reitpferde im Einsatz (Gehart, Karrer, Koch, 2010, S. 56 ff), in einigen Ländern werden sie nach wie vor zum Zusammentreiben des Viehs benötigt, in schwer erreichbaren Gebieten finden sie noch Einsatz als Zugtier und Kutschenpferd. Durch Höhlenbilder ist der Kontakt zwischen Mensch und Pferd seit fünf Jahrtausenden belegt. Einen Hinweis auf die erweckten Emotionen geben künstlerische Darstellungen wie die Figur des Zentauren. Der Zentaur aus der Fabel ist halb Mann und halb Pferd, er symbolisiert den Versuch, diese innere Trennung aufzulösen und unsere menschliche und animalische Seite zusammenzubringen.

Der Kult um das Pferd machte auch vor dem Schweizer Psychologen, Psychiater und Begründer der Analytischen Psychologie, Carl Gustav Jung, nicht halt. Nach Jung (1999) repräsentieren wilde Pferde die menschlichen unkontrollierbaren Triebe und niederen Instinkte. Erscheint ein Pferd im Traum, so soll es als göttlicher Bote dem Menschen durch Schwierigkeiten hindurch helfen. Jung vertrat die Ansicht, dass wilde Pferde unsere unkontrollierbaren, instinktiven Triebe verkörpern, die aus dem Unbewussten auftauchen, obwohl wir versuchen, sie zu unterdrücken. Jung glaubte darüber hinaus, dass Pferde im Mythos unsere magische Seite symbolisieren, „die Mutter in uns“, die intuitiv und verständnisvoll ist. In vielen Teilen der Welt, in der Pferde einen festen Platz haben, gibt es solche Mythen. Es wurde und wird ihnen auch heute noch heilende Kraft zugeschrieben. Otterstedt (2003, Seite 60 f) spricht von einem „äußeren Heiler“, wie dem Arzt oder Therapeuten, und dem „inneren Heiler“, die miteinander in Kooperation treten müssen, wenn Gesundung stattfinden soll. Otterstedt betont in Bezug auf die tiergestützten Maßnahmen, dass der „heilende Prozess“ in der Mensch-Tier-Interaktion nicht allein durch die Begegnung von Tier und Mensch passiert, sondern als ganzheitliche Entwicklung zu verstehen ist; die durch den Tierkontakt entstehenden Impulse, die auf physischer, psychischer und interaktioneller Ebene ihre Wirkung entfalten. Dies ist nach Annahme des Autors am ehesten möglich, wenn von einem Tier bereits eine „heilende Wirkung“ angenommen wird.

Biophilie ist ein biologisch begründeter Prozess, der sich in der Stammes- geschichte entwickelt hat. Der Begriff beschreibt die Menschen inhärente Affinität (Anziehungskraft) zur Vielfalt von Lebewesen in ihrer Umgebung ebenso wie zu ökologischen Settings, welche die Entwicklung von Leben ermöglichen (Olbrich, 2003, S. 69).

Olbrich bezieht sich hier auf die Ergebnisse von Kellert und Wilson (1993) die beweisen, dass „die Menschen das Bedürfnis haben, mit anderen Formen des Lebens in Verbindung zu sein“ (Kellert und Wilson, 1993, S. 69). Er geht in Bezug auf heilsame Erfahrungen davon aus, dass Tiere einen sozial katalysatorischen Effekt haben im Sinne von Unterstützung im sozialen Austausch mit anderen. Pferde sind Herdentiere und zeichnen sich durch ein ausgeprägtes Sozialverhalten aus. Es ist zu beobachten, dass die Tiere sehr oft zu zweit stehen, was daraus resultiert, dass Fohlen mit ihren Müttern eine Einheit bilden. Ferner gibt es in den Herden eine feste Rangordnung; diese sichert den Bestand der Herde und wird immer wieder aktualisiert, das bedeutet Pferde „rangeln“ immer wieder um ihren Platz innerhalb der Herde. Jedes Tier hat seinen festen Platz in dieser Rangordnung, was für die Sicherheit der (zum Teil noch frei lebenden) Herden notwendig ist. Pferde wollen durch dieses ständige Gerangel Klarheit über Hierarchie und Führung (Krisch, 2008). Arbeiten Menschen therapeutisch oder reiterisch mit Pferden, so wird sogar das speziell ausgebildete Therapiepferd versuchen, mit dem Menschen mehr oder weniger stark in einen Positionierungs- und Hierarchiekampf zu treten. Wollen Therapeuten mit dem Pferd und den Klienten erfolgreich arbeiten, ist es notwendig, dem Pferd zu signalisieren: Ich stehe in der Hierarchie über dir. Pferde sind Fluchttiere und auch noch nach langer Zeit der Domestizierung tragen sie die Angst in sich, angefallen und getötet zu werden. Sie interpretieren jedes Signal und reagieren sofort auf einen Widerspruch ihres Gegenübers bezüglich innerer Absicht und dem äußeren Auftreten. Pferde haben kein über ihre Grundbedürfnisse hinausgehendes Ziel, sie akzeptieren den Menschen wie er ist und haben keine Idee der Machtausübung oder Kränkung. Aus diesem Grund können Klienten Rück-meldungen von Pferden eher annehmen als von Menschen (Urmoneit, 2005).

2. Tiergestützte Therapie

2.1 Begriffsdefinition

Tiergestützte Therapie bzw. tiergestützte Therapieverfahren sind Therapieformen, bei denen Tiere zum Einsatz gebracht werden, um bestehende Therapien zu festigen oder den Therapieprozess zu erweitern. Sie sind keine Therapie an sich und können Therapieformen bzw. -richtungen, wie Psychotherapie, Logopädie, Ergotherapie, Physiotherapie nicht ersetzen. Jeglicher Einsatz von Tieren als „Co-Therapeuten“ wird als „Tiergestützte Therapie“ verstanden. Die veterinärmedizinische Universität bietet einen Lehrgang für tiergestützte Therapie und tiergestützte Fördermaßnahmen an. Zielsetzung ist die Qualifikation zur akademisch geprüften Fachkraft für tiergestützte Therapie, den professionellen Einsatz von Tieren in der Betreuung von Menschen aller Altersgruppen, im Besonderen von Menschen mit einem erhöhten Förderbedarf (z.B. verhaltensauffällige, behinderte, kranke Menschen) im Sinne der Gesundheitsförderung, sowie zur Hebung der Lebensqualität und der Erhaltung des Wohlbefindens. Zielgruppe sind Personen mit abgeschlossenem Studium in einem pädagogischen, sozialen, medizinischen oder biologischen Bereich, wie Pädagogen, Sozialarbeiter, Sozialpädagogen, Therapeuten, Ärzten, Psychologen, Biologen und Tierärzten nach absolviertem Aufnahmegespräch mit der Prüfungskommission. Lehrgangsabsolventen sind qualifiziert für ein eigenverantwortliches, tiergestütztes therapeutisches und/oder pädagogisches, sowie gesundheitsförderndes, Arbeiten im Rahmen von Institutionen oder in der freien Praxis. Der Verein „Tiere als Therapie“ beschreibt auf seiner Website die vielschichtigen Möglichkeiten auch unterschiedliche Tiere mit Patienten einzusetzen. Auch sind wissenschaftliche Arbeiten angeführt, die den Erfolg der tiergestützten Therapie z.B. im Bereich der Motivation, Kontaktaufnahme und Verbesserung von depressiven Zustandsbildern von Klienten, belegen.

Eine besondere Bedeutung kommt in der tiergestützten Therapie den Hunden zu. Kotrschal und Ortbauer (2003) untersuchten in Zusammenarbeit mit der Universität Wien und der Konrad Lorenz Forschungsstelle die Wirkung von Hunden auf das Verhalten von Schulkindern einer Wiener Volksschulklasse. Die Volksschul-pädagogin und Besitzerin der Therapiehunde unterrichtete die Schüler ein Semester lang drei Mal wöchentlich mit ihren Hunden. Diese Stunden wurden mit einer Videokamera festgehalten und die Ergebnisse danach wissenschaftlich ausgewertet. Es konnte festgestellt werden, dass die Anwesenheit der Tiere den Zusammenhalt der Klassenkameraden, die Aufmerksamkeit der Lehrkraft gegenüber und auffälliges Verhalten mit aggressiven Tendenzen deutlich verbesserte. Aber auch den Kindern, die eher zurückgezogen und isoliert im Klassenverband lebten, war es nach dem Projekt möglich, offener zu sein. Am markantesten war die Wirkung allerdings auf jene Kinder (geschlechtsunabhängig), die sich laut und bewegungsaktiv zeigen und den Lehrern und Mitschülern die Teilnahme am Unterricht oft erheblich erschweren.

Auch Vanek-Gullner (2002) untersuchte den Einfluss von Tieren im schul-pädagogischen Bereich, sie unterscheidet zwischen Klassen- und Einzelarbeit. Im Bereich Klassenarbeit ist der Hund während des gesamten Schultages – einmal pro Woche – anwesend. In der Einzelarbeit hat das betroffene Kind über eine Zeitspanne von fünf bis sechs Wochen nach Unterrichtsende – einmal wöchentlich für etwa eine halbe Stunde – den Klassenlehrer und seinen Hund für sich alleine. Vanek-Gullners Konzept erstreckt sich über acht Arbeitsebenen, auf denen heilpädagogische Übungen stattfinden. Ebene 1 und 8 betreffen die Arbeit mit der Klasse als Ge-meinschaft (z.B. Umgang mit dem Hund lernen), die Ebene 2 – 7 sind durch verschiedenste Übungen heilpädagogischer Einzelarbeit charakterisiert (z.B. Gespräche mit dem verhaltensauffälligen Kind außerhalb der Klasse, analoge Kommunikation, Sensibilisierung der Wahrnehmung und Kommandoarbeit mit dem Hund). Vanek-Gullners Ziel in der Gruppenarbeit ist das individuelle Erleben der einzelnen Schüler als Teil der Gruppe und ihre Integration. Die Einzelarbeit hingegen forciert das Ernstnehmen und Artikulieren eigener Bedürfnisse, Selbstbewusstsein und Kenntnis der eigenen Stärken, Mut zur Bewältigung neuer Herausforderungen, die Anpassung an die jeweiligen Lebensumstände und die Stärkung des anti-zipatorischen Denkens.

Nach 2-jähriger Arbeit konnten über Fallanalysen, konkretisiert durch teil-standardisierte Beobachtungen und Leitfadeninterviews mit Eltern, Kindern und Lehrerinnen, folgende Erfolge verzeichnet werden:

- Stärkung des Selbstbewusstseins,
- Verbesserung hinsichtlich Selbstsicherheit bei ängstlichen Kindern,
- Außenseiter konnten besser in die Gemeinschaft integriert werden,
- aggressive Kinder konnten ein breiteres Interaktionsspektrum an

Reaktionen entwickeln.

Bereits während des 1. Weltkrieges wurden in Deutschland Hunde zur Unterstützung blinder Soldaten ausgebildet. In den 1960iger Jahren fanden sich in den angel- sächsischen Ländern die ersten „Hörhunde“, seit den 1970igerer Jahren werden Behindertenbegleithunde ausgebildet (Jung, 2003).

Unter Assistenzhunden werden speziell ausgebildete Hunde verstanden, welche Menschen mit motorischen, sensorischen oder emotionalen Beeinträchtigungen in ihrer Lebensführung unterstützen. Mittlerweile haben sich Hunde als Signalhunde für Diabetiker oder Epileptiker durch ihren besonderen Geruchssinn und ihre Fein-fühligkeit bewährt. Der therapeutische Effekt der Assistenzhunde für Menschen ist durch mehrere Aspekte bedingt, beispielsweise durch uneingeschränkte soziale Akzeptanz des Menschen durch das Tier, die Förderung der psychischen Stabilität und der Unabhängigkeit im Alltag und der Erleichterung der sozialen Kontakte mit der Umwelt durch den Hund.

Beetz (2003) berichtet über „Green Chimneys“, eine Farm mit grünen Kaminen, in Brewster (New York), die sich als Einrichtung mit tiergestützter Therapie für Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichen Störungen aus Familien mit wenig förder-lichem Hintergrund (Verwahrlosung, körperlicher oder psychischer Missbrauch, Alkohol- und Drogenmissbrauch ) etabliert hat. Die tierischen Therapeuten sind unterschiedliche Farmtiere, wie Ziegen, Schafe, Kühe, Pferde, Hühner, Kaninchen, Gänse, Lamas, Esel und auch Wildtiere, da auch ein staatliches Rehabilitations-zentrum für verletzte Wildtiere angeschlossen ist. Eine berührende Verknüpfung dieser beiden Zentren zeigt sich in dem Ritual, dass ein Kind, Jugendlicher oder junger Erwachsener, der Green Chimneys nach erfolgreichem Aufenthalt verlässt, auch eines der geheilten Wildtiere in die Freiheit entlassen darf.

Nach ähnlichem Konzept arbeiten auch die Fürsorgebauernhöfe in den Niederlanden. (Hassink, 2003). Dabei handelt es sich um Bauernhöfe, die das Führen einer Land-wirtschaft und die Betreuung von Menschen mit speziellen sozialen, körperlichen und/oder psychischen Bedürfnissen kombinieren. Die Zielgruppe sind einerseits Menschen mit speziellen Bedürfnissen, aber auch Langzeitarbeitslose, ehemals Süchtige, Haftentlassene und ältere Menschen, die an Demenz leiden. Das Betreuungsziel erstreckt sich über unterschiedliche Ansprüche, wie Tagesbetreuung, Training zur Arbeitsfähigkeit und wenn nötig auch intensive Fürsorge.

Aus den USA kommend ist die Idee, Tiere als Co-Therapeuten im forensischen Bereich zu nützen. Nach Gusella (2003) wurde dies 1975 erstmals von David Lee im Lima State Hospital umgesetzt. In Washingtoner Hochsicherheitsgefängnis für Frauen läuft ein Projekt namens „Prison Pet Partnership Program“, welches vorsieht, dass inhaftierte Frauen während ihrer Haftstrafe Hunde ausbilden. Die Tiere kommen aus den örtlichen Tierheimen. Am Anfang steht eine Gehorsamsausbildung, welche, je nach Eignung des Hundes, auf eine Ausbildung zum Therapie- und Behinderten- hund ausgeweitet wird. Die Insassinnen erfahren über die Arbeit mit den Hunden wieder anregende Beziehungen, lernen sich einzulassen, Zuneigung geben und annehmen. So ist es den Frauen auch wieder möglich ein positives Selbstbild aufzubauen. Darüber hinaus bestätigen die Vollzugsbeamten eine wesentliche Verbesserung des Anstaltsklimas. Über das Projekt wird der Kontakt zu den Mitgefangenen, den Menschen, welche die Hunde übernehmen, mit denen ein gemeinsames Training erfolgt und verschiedenen Helfern forciert.

Die Hunde öffnen damit einen Kanal zur Welt außerhalb des Gefängnisses. So findet bereits während der Haft eine Reintegration der Insassinnen in die Gesellschaft statt ( Gusella, 2003, S. 433).

Laut Gusella wurde bisher keine der mitarbeitenden und mittlerweile entlassenen Frauen wieder straffällig.

Der positive Effekt der TAT auf Menschen ist unbestritten, das Wirkungs- und Einsatzfeld ist breit. Eine psychotherapeutische Aufarbeitung oder Reflexion erfolgt nach den Berichten der TAT-Therapeuten in psychotherapeutischen Einzel-, Gruppen- oder Familiengesprächen. Das Tier wird als Ressource für Veränderung oder als Medium für die Kontaktaufnahme eingesetzt. Dies stellt den Unterschied zu Psychotherapeuten dar, welche direkt mit den Tieren (in den beschriebenen Fall-beispielen bzw. der Forschungsarbeit mit Pferden) am psychischen Geschehen arbeiten. Ihnen dient das Pferd „Co-Therapeut“, der mithilft den Prozess zu gestalten und im Fluss zu halten, außerdem werden direkt in der Arbeit mit Tier und Mensch Interventionen durch den Psychotherapeuten gesetzt, die der psychischen Gesundung und Stabilisierung dienen.

3. Experteninterviews

Therapeuten, die Tiere zur Verfügung haben, werden wohl eher dazu neigen, diese auch in ihrer Arbeit einzusetzen. Was mich als Autor zur Frage führte, was bringt Experten dazu, mit Tieren zu arbeiten, Tiere zu erforschen? Ob es hier rein professionelle Aspekte oder auch so etwas wie eine „Berufung“ gibt bzw. die persönliche Erfahrung des Lernen oder Erkennens durch die Arbeit mit Tieren. Dazu interviewte der Forscher Dr. Kurt Kotrschal, Wissenschaftler des Jahres 2010, im Wolfsforschungszentrum Ernstbrunn, welches er mitbegründete, Mag. Norbert Trompisch, der in Antalya die Station für Delfintherapie leitet (Telefoninterview) und im persönlichen Gespräch Doris Gilli, Fachkraft für Tiergestützte Pädagogik, Therapie und soziale Arbeit. Sie arbeitet im psychosomatischen Zentrum Waldviertel (PSZW). In diesem wird ein integratives Psychotherapiekonzept, auch tiergestützte Arbeit, angeboten. Ferner ist das Telefoninterview mit Lynn Thomas der Gründerin von EAGALA, geführt am 20.1.2010, zu lesen.

3.1 Interview mit Dr. Kurt Kotrschal – 6. Juli 2011

Zu Kurt Kotrschal: Mag.rer.nat., Prof. Dr., seit 1990 Leiter der Konrad Lorenz Forschungsstelle für Ethologie in Grünau/Oberösterreich und Professor am Department für Verhaltensbiologie, Fakultät für Lebenswissenschaften, Universität Wien. Forschung an hormonalen, kognitiven und energetischen Aspekten sozialer Organisation und zunehmend auch Mensch-Tierbeziehung. Mitbegründer des Wolfsforschungszentrums in Ernstbrunn. Sein aktuelles Projekt ist die Mensch-Wolf-Hund Beziehung.

Kurt Kotrschal und Geronimo, Foto: Walter Vorbeck

Warum gerade der Wolf als Forschungsobjekt?

„Es geht hier um die Frage, wie kam der Hund auf den Menschen beziehungsweise umgekehrt. Wir untersuchen die Leistungs- und Kooperationsfähigkeit. Es handelt sich um ein Säugetiermodell, bei dem es um soziale Komplexität - ich komme ja aus der Komplexitätsforschung - das heißt, Langzeitbeziehungen geht. Wölfe und Menschen ticken sozial ähnlich.“

Welche Eigenschaften braucht der Mensch, um mit Wölfen gut arbeiten zu können?

„Ruhe, ein soziales Auge, du musst sehen - wann - was - ist. Es hat etwas mit Attachement, mit Persönlichkeit zu tun und, dass man spontan reagieren kann, ohne die Ruhe zu verlieren. Es hat keinen Sinn 5 Minuten später zum Wolf zu sagen: „Schau mal was du jetzt gemacht hast, das war aber nicht richtig“. Die Reaktion muss hier gleich oder besser dann gar nicht kommen.

Wie sie bei den kommenden Tests hier, wo es um das Erkennen von Mengen gehen wird, sehen werden, ist es wichtig, dass unsere Mitarbeiter einen Überblick haben müssen, ob die Wölfe bereit zur Kooperation sind. Dass es wichtig ist, keinerlei Druck zu entwickeln.“

Man sagt, Pferde spiegeln die Seele des Menschen, was können Sie hier über den Wolf sagen?

„Ich weiß nicht ob das die Seele ist. Als wir das Coachingseminar mit Wölfen abhielten war ich ein wenig skeptisch, aber dann habe ich selbst erlebt wie das geht. Wir haben drei Haupteffekte, der erste ist die Emotionalisierung. Die Leute kommen anders rein (in den Bereich des Wolfsprojektes) als sie rauskommen, der zweite ist die Bewusstmachung, dass die Wölfe schon sehr gut die Körpersprache und die Stimmung spiegeln. Zu Leuten, die sich irgendwie „verkrampfen“ da gehen sie sowieso nicht hin. Wir haben das dann auf Video aufgezeichnet und besprochen. Der dritte Effekt ist einfach die kognitive Ebene. Es wird klar gemacht, dass Gruppen-mechanismen bei Menschen nicht viel anders laufen wie bei Wölfen. Das sehe ich als dieses „Spiegeln“: schon zu sehen, dass Wölfe sich entweder entspannt annähern oder angespannt distanziert bleiben, wie eben die Teilnehmer selbst auch sind. Beim Entspannen sehe ich mehr Schwierigkeiten bei den Männern.“

Wie könnte ein außenstehender Beobachter erkennen, dass der Mensch mit dem Wolf in einem tragfähigen guten sozialen Kontakt einzusteigen beginnt?

„Wenn Nähe vorhanden ist und wenn es nette Interaktionen gibt. Wölfe verhalten sich hier dem Hund ähnlich, zwar cooler und distanzierter, aber im Wesentlichen sind sie ihnen ähnlich. Man muss aber Wolfskörpersprache lesen können, um bewerten zu können, in welcher Art sich dieser Kontakt anbahnt. Wenn es dem Wolf zu blöd wird, geht er. Die Sozialisierung findet im Babyalter statt. Wölfe werden nie unter Druck gesetzt, wir trainieren und testen sie von Anfang an. Es wird weder den Hunden noch den Wölfen etwas verboten, sie werden nie gemaßregelt. Bei Wölfen ist es eine Sicherheitsfrage und man kriegt so Tiere, die vor nichts Angst haben und den Kopf frei zum Arbeiten.

Bei Druck bekommt man entweder sofort Widerstand oder etwas später und das kann bei Wölfen ziemlich rabiat ausfallen. Das bezieht sich auf unsere Gehegetiere.

Beim Privathund ist es etwas anderes, aber auch hier arbeite ich persönlich mit wenig Druck und nie mit Gewalt. Es wird gerade diskutiert, ob die gemeinsame Jagd mit dem Wolf ein Kriterium für gewisse ausgefeiltere Formen von Kooperation und auch Intelligenz sein könnte und es fällt auf, dass Schimpansen, Wölfe, Menschen, etc. ähnlich ticken. Pferde, Gänse, Gnus eher weniger. Pferde haben sicher eine hohe soziale Intelligenz aber diese Art von „Wolfs“instinkt brauchen sie ja nicht. Sie müssen wissen, wer wer ist und wen sie am besten fernhalten sollen. Mit Pferden etwas kognitiv zu machen ist nicht ganz einfach, die brauchen zum Teil sehr lange bis sie was verstehen. Mit einem Wolf redet man, sagt, dass man das erwartet und er sagt: OK, machen wir oder machen wir nicht.“

Muss der Mensch den Wolf dominieren?

„Der Begriff Dominanz kommt nicht vor. Im Rudel gibt es zwar eine Dominanz-hierarchie. Wenn ich zu einem Wolf – „Sitz“ und „Platz“ – sage, dann bin ich definitionsgemäß dominant, aber wir versuchen das so wenig wie möglich zu tun. Wir mischen uns in deren Angelegenheiten auch nicht ein.

Eine souveräne Ausstrahlung kann sicher nicht schaden. Eine dominante hingegen ist nicht gut bei Wölfen, sogenannte „Macho-Männer“ tun sich damit schwer.

Wir geben den Takt vor und der Wolf kooperiert gewöhnlich, manchmal zeigen sie, dass sie etwas so nicht wollen. Die Funktion eines Alpha-Wolfes ist ja vermutlich eine andere wie die Funktion einer Leitstute, der Alpha-Wolf bestimmt ja nicht was gemacht wird, wann gejagt wird. Das sind die Kompetenzen der Rudelmitglieder. Der Alpha-Wolf dominiert und zeugt die Nachkommen, er trifft keine Entscheidungen.“

Welche Auswirkungen der Arbeit mit den Wölfen bemerken Sie in Hinblick auf sich selbst?

„Die Arbeit mit den Wölfen macht entspannt und ruhig. Es gibt Vertrauen der Tiere in uns und wir vertrauen ihnen, denn wir haben sie aufgezogen. Die Trainer, die nicht bei der Aufzucht dabei waren müssen sich das hart erarbeiten. Respekt ist bei Wölfen eine ganz zentrale Geschichte. Wir sind sehr konzentriert, aber es gibt entspannte Momente in dieser Arbeit und es hat eine gute Wirkung gegen Stress.

Auf der kognitiven Ebene sehe ich eigentlich nichts. Ich glaube nicht, dass man von Tieren irgendetwas lernen kann. Ich überlege mir nicht, weil ich mit dem Wolf so umgehe, muss ich mit meinen Studenten auch so umgehen.

Welche Emotionen lösen Wölfe bei Ihnen aus? Welche Auswirkungen gibt es Ihrer Meinung nach für Ihre Mitarbeiter?

„Ruhe, Freude, Respekt. Selten Ärger, der hält sich in Grenzen. Wenn ein Wolf etwas nicht will, muss man es „aussitzen“, bis er es aufgibt, vor allem die Alpha-Wölfe sind hartnäckig. Für mich verändert sich das im Laufe der Zeit nicht, die positiven Emotionen bleiben, man bleibt konzentriert. Wölfe testen in der Pubertät aus, was alles gehen könnte und werden manchmal übergriffig, halten sich nicht an Regeln, aber so nach zweieinhalb Jahren ist es vorbei, ähnlich wie bei unseren Kindern. Hunde vertragen ein größeres Spektrum an Menschen (und auch negativen) Umgangsformen. Der Wolf nicht.“

Haben Sie sich von der Arbeit mit den Wölfen auch in ihren beruflichen wie privaten Alltag etwas mitgenommen?

„Nein und welche Auswirkungen die Arbeit auf die Mitarbeiterinnen bzw. Studentinnen hat, da müssten Sie die selbst fragen“.

Befragung der Mitarbeiter: Diese teilten mit, dass neben der Anspannung, der Aufgeregtheit und dem Respekt auch manchmal zu Beginn etwas Angst dabei war, mit den Wölfen Kontakt aufzunehmen. Die legte sich aber im Laufe der Zeit, was auf das steigende Vertrauen und den gewohnten Umgang zurückgeführt wird.

Die Mitarbeiterinnen erwähnten auch, dass sie den Eindruck hätten, die nötige Konsequenz und den Respekt, den sie in der Arbeit mit den Tieren brauchten, auch in den Alltag zu transferieren.

3.2 Interview mit Mag. Norbert Trompisch, 22. Juli 2011

Foto: Norbert Trompisch

Nach Erwin Breitenbach (2003) kann im Rahmen der Therapie mit Delfinen das Tier einerseits als Verstärker und andererseits als Interaktionspartner dienen. Der therapeutische Prozess wird von einem Therapeuten und einem Delfintrainer begleitet. Die einzelnen therapeutischen Bausteine dauern 20 – 40 Minuten über einen Zeitraum von ca. 7 – 14 Tagen. Der Delfin bewährte sich aufgrund seiner überaus guten visuellen und auditiven Wahrnehmungs- und Lernfähigkeit. Bei der delfingestützten Therapie werden die Eltern intensiv über Vor- und Nachbe-sprechungen in das Behandlungsgeschehen einbezogen. Neben der anregenden Begegnung mit den Delfinen und der Elternarbeit ist noch ein anderer Aspekt von Bedeutung – der therapeutische Prozess findet in Urlaubs-atmosphäre statt und ist somit von jeglicher Alltagsproblematik entkoppelt. Im Rahmen unterschiedlicher Studien, vorwiegend mit autistischen Kindern, Kindern mit geistiger und/oder körperlicher Behinderung und Verhaltensauffälligkeiten, lassen sich folgende Effekte feststellen: mehr Interesse und Aufmerksamkeit der Umwelt gegenüber (z.B. mehr Reaktionen auf Außenreize, längere Konzentration), positive Veränderung in der Kommunikation (z.B. verstärkt zielgerichtetes Verhalten, Zulassen von mehr Nähe), Steigerung des Selbstwertgefühls und Selbstbestimmung und entspannte Zufriedenheit.

Trompisch schreibt in seiner Diplomarbeit (2005) über die Entwicklung der Alpha-Therapie, dass der Delfin, wie in der klassischen Delfintherapie, nicht zur Belohnung eines gewünschten Verhaltens eingesetzt wird, sondern die Effekte der Interaktion selbst stärker genützt werden. Dazu ist es wichtig in der Arbeit mit den Tieren druckfrei zu agieren. Von den Delfinen werden Prozesse angeregt, welche die Kommunikationsmöglichkeiten verbessern. Trompisch sieht dies auch im erweiterten Kontext von Familienarbeit und in der Arbeit mit den Tieren. Im anschließenden Interview erläuterte er persönlich dem Autor seine Sichtweisen und seinen Forschungsstand.

Wie sind Sie auf den Delfin gekommen?

„In der tiergestützten Therapie im allgemeinen versucht man sich verschiedene Fähigkeiten der Tiere zu Nutze zu machen, die beim Tier mehr ausgeprägt sind, als sie beim Menschen ausgeprägt sind. Fähigkeiten die man auch als instinktives Verhalten bezeichnet. Beim heilpädagogischen Voltigieren mit den Pferden ist es vermutlich ähnlich, dass man hier soziale Fähigkeiten des Pferdes nutzt. Es gibt bei der Delfintherapie ähnliche Ansätze wie in psychotherapeutischen Heilverfahren. Es gibt z.B. den verhaltenstherapeutischen Ansatz, wie auch ganzheitliche Ansätze. Verhaltenstherapeutisch setzt man den Delfin als Attraktor ein, als Motivator und als Belohnung im Verhaltensmodifikationsprozess.

Das würde man beim humanistischen Ansatz nicht so tun, da würde der Delfin als sozialer Partner im sozialen Lern- oder Entwicklungsprozess zum Zug kommen. Im Ansatz, den wir verfolgen ist das der Fall, das heißt, wir sind wenig auf der verhaltenstherapeutischen Schiene unterwegs, sondern wir versuchen die sozialen Fähigkeiten der Delfine, angeeignet in Millionen von Jahren, in einem Anpassungs-prozess und als Überlebensstrategie, zu nutzen. Delfine verfügen über ein sehr ausgeprägtes Feingefühl in Bezug auf die Befindlichkeit des sozialen Partners und gehen auch auf das ein und modifizieren ihr Verhalten entsprechend und das ist in einem therapeutischen Setting für uns sehr wichtig und wertvoll. Nähe und Distanz, Spielaufforderung, passives „sich zur Verfügung stellen“ für die Annäherung des Menschen oder aktive Kontakt- und Interaktionsangebote sind im Repertoire dieser Tiere. Je nach Themenstellung der Klienten können wir unsere Delfine dann gezielt einsetzen. Das spielt sich im nonverbalen Bereich ab und das kommt natürlich auch Teilnehmern zugute, die selbst auch nicht oder kaum sprechen können, z.B. autistische Menschen. Der autistische Mensch ist erreichbar, aber das Feingefühl des sozialen Partners muss dafür sehr hoch sein. Und da erweist sich der Delfin als besonders qualifiziert. Aber es betrifft jeden Menschen, wir können beobachten, dass ein und dasselbe Tier mit unterschiedlichen Menschen unterschiedlich kommuniziert. Jedoch in Bezug auf dieselbe Person hat der Delfin ein sehr konstantes gezieltes Verhalten. Das haben wir auch wissenschaftlich untersucht und herausgefunden, dass der Delfin sehr gezielt in seinem Verhalten mit dem Menschen interagiert und, dass dies ein wesentlicher Punkt in der Delfintherapie ist. Welche Interaktionen können angenommen werden und warum ist dies so? Hinzu kommt natürlich noch der Faktor, dass dies sich alles im Wasser abspielt. Der Mensch geht in einen anderen Erlebensraum, wo er sich unter Aufhebung der Schwerkraft zum Teil neu erfahren kann. Weiters spielt auch der Ultraschall des Tieres eine Rolle. Delfine senden Ultraschall aus um sich zu orientieren und zu kommunizieren und Ultraschall setzen den auch bei Menschen ein, um ihn zu scannen. Er kann Muskelverspannungen erkennen, die Befindlichkeit checken und der Ultraschall stimuliert auch das Gewebe und die Nervenzellen des Menschen und dadurch vermuten wir weitere Stimulationseffekte auf verschiedenen Wirkebenen. Die Delfintherapie stellt eine große Herausforderung an die Teilnehmer dar, weil das Tier immer den Menschen an seine Grenzen bringen kann und sehr viel Aufmerksamkeit einfordert und das macht die Therapie so wirkungsvoll und spannend. Es ist auf keinen Fall eine „Tier-kuschel-Therapie“.

Ein integraler Ansatz unserer Therapien ist es, dass diese in psychotherapeutische Verfahren mit einbezogen werden. Wir führen die therapeutisch begleitete Interaktion durch und im Anschluss daran finden die Therapiesitzungen statt, in welchen auf die Arbeit mit den Delfinen Bezug genommen wird. Von der Beeinträchtigung der Menschen hängt es dann ab, wie intensiv in diesen reflektierenden Sitzungen gearbeitet werden kann. Es können kognitive, pädagogische und psychothera-peutische Nachbesprechungen sein. Ein wichtiger Punkt ist bei uns auch die Förderung der Motorik, bei uns ist die Hauptzielgruppe die Familie mit behinderten Angehörigen. Ein psychotherapeutisches Setting im engeren Sinne haben wir hier nicht, ich würde es eher als Coaching bezeichnen. Es kann vorkommen, dass die Eltern auch mit den Delfinen schwimmen und sie werden dann zu einem Gespräch eingeladen. Wir besprechen die Familiensituation, was wir an Kommunikation und miteinander beobachtet haben. Wir erarbeiten gemeinsam Ideen was an Ent-wicklungsprozess und Behandlung initiiert werden könnte. Wir haben erwachsene Menschen, die zu uns kommen, die die Delfintherapie als persönlichen Ent-wicklungsstimulator nutzen wollen für ihren persönlichen Entwicklungsprozess. Wir gehen mit den Klienten in die Interaktion mit den Delfinen und arbeiten am unmittel-baren Erleben in den reflektierenden Sitzungen im Anschluss an die Delfineinheit. Es entsteht oft ein roter Faden, der zu aktuellen relevanten Lebensthemen führt.

Wie ist ein guter Kontakt zwischen Delfin und Mensch erkennbar?

„Der gute Kontakt von Mensch und Delfin ist erkennbar - da sie eben miteinander tun. Würde sich der Delfin nicht für den Menschen interessieren, wäre das Tier auf Distanz, würde den Kontakt verweigern. Aber das ist ja auch hilfreich für unsere Fragen, wie die Klienten mit der Verweigerung umgehen, welche Bedeutung sie dieser zuschreiben, was dies auslöst und wie man es auflösen könnte. Es können ja Ängste vorhanden sein, die nicht spürbar waren, nur für den Delfin möglicherweise. In der Regel kommt es auch nach anfänglichen Schwierigkeiten zum Kontakt. Sollte ein Delfin einen Menschen nicht mögen, können wir zwei weitere Delfine nutzen. Jedoch kann es auch während des Therapieprozesses sein, dass sich das Tier abwendet, es orientiert sich am Tun des Menschen, an tieferen strukturierenden Ebenen: Sympathie, Antipathie, Körperwahrnehmung. Wir arbeiten mit drei Delfinen gleichzeitig, die Klienten suchen die Tiere aus. Mit einem Delfin zu arbeiten, wie wir es zu Anfang taten stellte es uns vor das Problem, was tun, wenn der jetzt mit dem Klienten nicht will. Nun arbeiten wir mit drei Tieren, das macht es leichter, hier mehr „Mitarbeiter im Wasser“ zu haben.

Welche Auswirkungen hat die Arbeit mit den Delfinen auf Sie selbst?

„Dazu kann ich nur sagen, ganz viele. Mein Leben hat sich durch die Arbeit mit den Tieren sehr verändert. Meine ganze berufliche Laufbahn hat sich auf diese Tiere ausgerichtet, zumindest die letzten 15 Jahre. Der Delfin hat mich, über Umwegen, an mich selbst herangeführt. Das habe ich auch bei Kollegen beobachtet, die mich begleitet haben, dass hier persönliche Weiterentwicklungen stattgefunden haben. Die Delfintherapie betrifft nicht nur die Teilnehmer, sondern auch definitiv die Thera-peuten. Ich beobachte auch, dass es ein privater Prozess ist, der in einem selbst im Hintergrund stattfindet. Es tritt vielleicht nicht so stark nach außen und ist in unserer professionellen Arbeit bemerkbar, jedoch in uns und wir tauschen uns auch über diese Erfahrungen aus.

Bei mir haben sich nicht nur Einstellungen und Haltungen verändert, sondern durch die Tiere viel fundamentalere Sachen, große existentielle Prozesse, von denen man ständig begleitet wird. Auf die Fokussierung achten, im Hier und Jetzt sein. Dieses Gewahr sein im Hier und Jetzt, das lernen wir von den Delfinen, das schulen sie uns auch. Das findet nicht von heute auf morgen statt. Das ist ein langfristiger Prozess. Der abendländische Mensch ist sehr stark in der Vergangenheit und in der Zukunft orientiert, er ist wenig im Hier und Jetzt präsent. Für die Delfine gibt es keine Vergangenheit und Zukunft, es wirkt zumindest so. Sie bringen uns immer ins Hier und Jetzt, in Büchern von Delfinforschern ist das auch immer wieder mal zu lesen. Wenn der Klient nicht präsent scheint, wird der Delfin viel versuchen um sie wieder ins Hier und Jetzt zu bringen. Der Delfin wird sie eindecken mit Interaktionen um sie wieder zu bekommen, er sucht etwas aus, von dem er glaubt, die Person erreichen zu können. Mir scheint es, dass er viel Wissen in solchen Situationen einsetzt. Er wendet sich selten gleich ab, das ist wohl ein Unterschied zu anderen Tieren, vielleicht auch zum Pferd. Es läuft wohl auch hier darauf hinaus die optimale Passung erreichen, da hat der Delfin wohl eine besondere Kompetenz.“

3.3 Interview mit Doris Gilli , 25. Juli 2011

Foto: Doris Gilli

Doris Gilli ist ausgebildete tiergestützte Therapeutin, Lebens- und Sozialberaterin und arbeitet für das Psychosomatische Zentrum Waldviertel (PSZW). Diese Klinik befindet sich in Eggenburg, Niederösterreich, besteht seit 1.Juli 2006 und bietet ein integratives Psychotherapiekonzept und Behandlungskonzept an. Im PSZW wird unter der Leitung von Doris Gilli ein externes, extramurales Therapieverfahren – die tiergestützte Therapie – unter anderem mit Pferden, angeboten. Ziel ist die ressourcenorientiere Verbesserung der Lebensqualität. Die Klinik legt Wert auf das Zusammenwirken von körperlichem und seelischem Befinden und fördert die Arbeit mit den Pferden, worüber bereits Studien im Bereich der tiergestützten Therapie (TAT) vorliegen. Folgend die Fragen an Frau Gilli:

Warum gerade das Pferd?

„Das Pferd ist ein Fluchttier, es reagiert mit Davonlaufen. Interessant und nutzbar ist der Umgang des Fluchttieres mit der Angst der Patienten, dieses Spiegeln der Gefühle, welches wir uns neben der Sensibilität des Pferdes zunutze machen, kann für Patienten ein Umdenken bedeuten und hilft, mit Angst und Panik selbst besser umgehen zu lernen. Pferde fordern uns auf, echt, lebendig und authentisch zu sein. Sie sind in jeder Sekunde ehrlich und ursprünglich. Sie reagieren auf das, was gerade, was in diesem Moment, ist. Sie fördern so unsere innere Zentrierung. Wir bemerken dies auch immer sehr bald in der Arbeit mit den Klienten aus der Klinik, aber sehr oft auch an uns selbst. Das Pferd reagiert sensibel auf Unsicherheit, es wird ebenso sehr unruhig, ja zappelig, lässt sich zum Beispiel schwer führen. Wir unterstützen hier die Weiterentwicklung des Menschen, hin zur Verfeinerung seiner Wahrnehmung und Stärkung seines Selbstvertrauens. Mit dem Pferd haben wir die Chance, Stärke und gleichzeitig Geborgenheit zu erfahren.“

Welche Eigenschaften braucht der Mensch um mit Pferden gut arbeiten zu können?

„Ruhe, Neugierde, Klarheit, Ausdauer, Durchsetzungsvermögen, Selbstvertrauen.“

[...]

Details

Seiten
119
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656165576
ISBN (Buch)
9783656165392
Dateigröße
11 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v191625
Institution / Hochschule
ARGE Bildungsmanagement Wien
Note
2
Schlagworte
Psychotherapie Pferde Qualitative Umfrage Metaphern systemische Therapie Outdoorarbeit mit Pferden

Autor

Zurück

Titel: Der Mensch-Tier-Kontakt als Teil der systemischen Therapie