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Mt 5, 38-48: Exegese und bibeldidaktischer Entwurf

Hausarbeit 2011 36 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Allgemeine und begriffliche Einführung
1.2. Vorgehensweise

2. Historisch-kritische Exegese von Mt. 5, 38-48
2.1. Bibelvergleich
2.2. Literarkritische Betrachtung
2.2.1. Abgrenzung
2.2.2. Aufbau der Perikope und ergänzende Deutung wichtiger Verse
2.2.3. Synoptischer Vergleich: Mt und Lk
2.3. Formgeschichtliche Betrachtung
2.4. Traditionsgeschichtliche Betrachtung
2.4.1. Exkurs: Das Gesetz und die Propheten
2.4.2. Das Gesetz im Alten und Neuen Testament
2.5. Redaktionsgeschichtliche Betrachtung
2.5.1. Hintergrund des Autors und der Rezipienten
2.5.2. Entstehungszeit
2.5.3. Theologische Themen und Schwerpunkte
2.5.4. Auffällige literarische Mittel / Gliederung
2.5.5. Redaktionskritik in Bezug auf Mt 5,38-48

3. Bibeldidaktischer Entwurf (historisch-kritischer Ansatz)
3.1. Bibeldidaktische Prinzipien nach Wolfgang Langer
3.2. Bedingungsanalyse
3.3. Didaktische Folgerungen
3.4. Skizzierung des bisherigen Verlaufs der Unterrichtseinheit
3.5. Geplanter Unterrichtsverlauf
3.6. Didaktische und methodische Begründung
3.7. Lernziele und weiterführende Möglichkeiten

4. Fazit
4.1. Zusammenfassung zentraler Thesen
4.2. Die Bergpredigt heute

5. Literaturverzeichnis

6. Anhang
6.1. Übersetzungstexte
6.2. Synopse

1. Einleitung

1.1. Allgemeine und begriffliche Einführung

ÄDie Erzähler des Neuen Testaments waren nicht nur Gestalter oder gar Schöpfer ihrer Erzählungen, sondern in erster Linie selber Rezipienten. Mit ihren eigenen Vorstellungen, mit ihrem Verstehen, ihren Fragen, erzählten sie die Jesus-Christus- Geschichte nach, und sie erzählten sie neu.“1

So antwortet Eckart Reinmuth in seinem Werk Hermeneutik des Neuen Testaments auf die Frage, was in neutestamentlichen Texten erzählt wird. Die Jünger waren Augenzeugen eines der größten Ereignisse in der Geschichte und beschreiben dies vor dem Hintergrund ihrer persönlichen Vorstellungen, Erfahrungen und dem Kontext ihrer Kultur. Somit tradieren sie nicht nur den faktischen Inhalt der Geschichte, sondern auch einen ihr beigemessenen Bedeutungsinhalt.

Handelt es sich bei den biblischen Erzählungen nun um persönlich erfahrene Wahrheiten, die eine bestimmte Personengruppe für sich erschließen und in Anspruch nehmen konnte - oder handelt es sich um allgemeingültige, absolute Wahrheiten, die für die ganze Menschheit geltend gemacht werden können? Reinmuth legt seine Emphase darauf, nach Wahrheit zu fragen, und konstatiert, dass wir mit unterschiedlichen Wahrheiten und Annahmen von Wahrheit leben, die widersprüchlich nebeneinander stehen können.2 Dabei ist er sich des Risikos bewusst, das besteht, wenn ein Text Kritikern und Befürwortern gleichermaßen ausgesetzt ist, der sich nicht vor seiner eigenen Interpretation schützen kann, sondern dem Verständnis und dem Urteil seiner Rezipienten ausgeliefert ist.

Auch im Artikel Die Welt verstehen „gemäß den Schriften“ von Thomas Ruster finden sich wichtige Punkte zur Frage wie sich Bibeltexte verstehen lassen. Zu Beginn geht er auf die Situation des heutigen Religionsunterrichts ein, dessen Methode es ist, an das Gottesverständnis der Kinder anzuknüpfen und ihnen damit das christliche Gottesverständnis zu erläutern. Dabei kann sich das Wirklichkeitsverständnis der Schüler3 von dem der Bibel unterscheiden. Es kann nicht einfach assimiliert werden, sondern der Religionsunterricht komme da zum Ziel, wo die tatsächliche Lebenswelt als Voraussetzung genommen und von dort aus das Wirklichkeitsverständnis der Bibel erklärt wird. Die Schüler sehen sich mit ihnen fremden Welten konfrontiert und reagieren unterschiedlich auf die Anschauung der Bibel. Die meisten Schüler und auch Lehrer richten ihr Wirklichkeitsverständnis an den Naturgesetzen aus, wohingegen die Bibel andere Maßstäbe gelten lässt. Somit dient der Religionsunterricht als Einführung in ein differierendes Realitätsverständnis und ermöglicht die Teilhabe an fremder Erfahrung. Nur wenn man es zulässt, die Bibel als eine fremde Welt zu akzeptieren, kann der Aneignungsprozess der SchülerInnen beginnen.4 Den Schülern wird hierbei zugemutet, sich mit Dingen auseinander zu setzen die über ihren Erfahrungshorizont hinausgehen, wobei gleichermaßen anerkannt wird, dass jeder einzelne Schüler einen individuellen Hintergrund mitbringt und einen ganz einzigartigen Zugang zur Bibel hat. Der Sinn und die Bedeutung biblischer Texte, die Schüler erkennen, muss nicht mit der Intention des Verfassers übereinstimmen. Ebenso kann jeder individuell einen anderen Sinn erkennen. Dieses Phänomen der individuellen Auslegung von Texten, die Frage danach, was der antike Text dem Menschen in der Moderne zu sagen hat, nennt man Hermeneutik. Daneben steht die Exegese, die sich mit dem kulturellen Kontext, der Geschichte, der Sprache und anderen wissenschaftlich erforschbaren Fakten beschäftigt, um den Erhalt des ursprünglichen Sinns zu wahren und den Text vor Fehlinterpretation zu schützen. Im allgemeinen Sprachgebrauch verschwimmt der Unterschied zwischen Hermeneutik und Exegese etwas, obwohl beide unterschiedliche, aber sehr wichtige Herangehensweisen an die Bibel sind.

Hermeneutische Grundfragen, die sich im Bezug auf einen Bibeltext stellen, sind demnach Fragen zum Verständnis des jeweiligen Textes, zum Unterschied von alt- und neutestamentlichen Aussagen oder sie fragen danach, ob sich Textstellen wörtlich auf die heutige Zeit übertragen lassen, wie sie zu verstehen sind und ob eventuelle Forderungen des Textes realistisch und erfüllbar sind.

1.2. Vorgehensweise

Für eine eigene zu bearbeitende exegetische Arbeit im Rahmen des Seminars ÄMethoden der Auslegung in Exegese und Bibeldidaktik“ wurde der Bibeltext aus Matthäus 5 , 38-48 gewählt, der ein Teil der Bergpredigt Jesu ist und zwei der für sie charakteristischen Antithesen umfasst. In einer Abhandlung über das Verhältnis von Gesetz und Propheten lässt Jesus deutlich werden, dass er nicht gekommen sei um das Gesetz aufzuheben, sondern um es zu erfüllen. In den darauf folgenden Antithesen wird dies gezeigt: Einem von Jesus zitierten Gebot aus dem Alten Testament stellt er stets ein ÄIch aber sage euch [...]“ 6 gegenüber.

Die Intention des Verfassers Matthäus könnte gewesen sein, Jesus als Lehrer darzustellen, der über große Weisheit verfügt, die über die menschliche Erkenntnis hinausgeht. Außerdem kann eines seiner Anliegen gewesen sein, die Botschaft, die ihn selbst zur Buße und in die Nachfolge getrieben hatte, weiterzusagen und einen authentischen Bericht über das Leben und Wirken Jesu zu verfassen.

Schülern könnte sich einen Sinn einerseits erschließen, indem sie das geforderte Verhalten Jesu als richtig und nachahmenswert erkennen, andererseits könnte es aber auch als unerfüllbare Forderung erkannt werden. Schüler könnten Jesus ebenso als Gesetzesgeber und Lehrer, wie auch als Gerechten, für den das Liebesgebot im Vordergrund steht, deuten. Auf den Leser kann der Text sehr herausfordernd wirken. Er kann für ihn persönlich die Darbietung eines moralisch richtigen Verhaltens im Umgang mit den Mitmenschen sein. Auch können die Erzählungen ermutigend wirken, da Jesus eine völlig neue Möglichkeit eröffnet mit Konflikten, Hass und Streit umzugehen, auf den anderen wiederum wirkt sie verstörend und unbegreiflich, ja geradezu utopisch.

In der Folgenden Arbeit beschäftigen wir uns als Gruppe mit der genannten Textstelle, die zweigeteilt unter den Titeln ÄVom Vergelten“ und ÄVon der Feindesliebe“ in der Lutherübersetzung erscheint. In der Wahl des methodischen Zugangs stützen wir uns auf die historisch-kritische Exegese, die besonders viel Wert darauf legt, den biblischen Text in seinem historischen Kontext zu verstehen und auszulegen, wobei die Entstehungsgeschichte eine besondere Rolle spielt. Zu Beginn wird die ausgewählte Stelle aus der Luther- Übersetzung mit anderen Übersetzungstexten verglichen. Anschließend werden innerhalb einer literarkritischen Betrachtung, Aufbau und Gliederung, ein synoptischer Vergleich und weitere stilistische Besonderheiten herausgestellt. Darauf folgt eine formgeschichtliche Betrachtung, die sich mit sprachlichen Besonderheiten sowie einer möglichen Gattungsbestimmung beschäftigt, bevor mit der traditionsgeschichtlichen Betrachtung das Thema des Gesetzes aufgegriffen und zwischen Altem und Neuem Testament verglichen wird. Abschließend werden in der redaktionsgeschichtlichen Betrachtung, in der es insbesondere um die Intention des Verfassers geht, die Ergebnisse des synoptischen Vergleichs und der formgeschichtliche]n Betrachtung zusammengefasst.

2. Historisch-kritische Exegese von Mt. 5, 38-48

2.1. Bibelvergleich

Vergleicht man die Lutherübersetzung mit anderen Übersetzungstexten, so fallen je nach Übersetzung mehr oder minder starke Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten auf. Diese Tatsache liegt darin begründet, dass jede Bibelübersetzung prinzipiell das Produkt eines oder auch mehrerer Verfasser ist, der oder die beim Schreiben eine ganz bestimmte Übersetzungsabsicht verfolgt haben. So wie nach hermeneutischem Verständnis jeder Text von seinen Lesern individuell ausgelegt bzw. verstanden wird, so müssen auch Bibelübersetzungen jeglicher Art immer schon als Interpretationen ihrer jeweiligen Vorlagen angesehen werden.

Im Folgenden wird zunächst die Lutherübersetzung von Mt. 5, 38-48 mit dem entsprechenden Text der Elberfelder-Bibel vergleichen. Dabei liegt der Fokus insbesondere auf syntaktischen Unterschieden, auf Unterschieden in der Begriffswahl oder der Formulierung sowie auf Unterschieden im verwendeten Tempus. In einem zweiten Schritt werden diese Ergebnisse aufgegriffen und vergleichsweise spezifische Eigenheiten - d.h. vor allem stark interpretierende Zusätze - der »Guten Nachricht« skizziert. Abschließend wird noch die für unsere Arbeit relevante Übersetzung aus dem Kommentar von Ulrich Luz in den Bibelvergleich mit einbezogen.7

Zwischen Luther- und Elberfelderübersetzung lassen sich nur minimale Unterschiede feststellen. Während Luther beispielsweise in Vers 40 den Ausdruck Ärechten“ benutzt, wird in der Elberfelder-Bibel die modernere Wendung Ävor Gericht gehen“ verwendet und statt ÄRock“ der erklärende Begriff ÄUntergewand“. Gemeinsam haben beide Übersetzungen zum Beispiel, dass innerhalb der rhetorischen Fragen in Vers 46 die Gruppe der ÄZöllner“ erwähnt wird. Im folgenden Vers hingehen fragt Luther, ob nicht die ÄHeiden“ dasselbe tun würden, während in der Elberfelder-Bibel nach den ÄNationen“ gefragt wird. Darüber hinaus antworten die Übersetzungen jeweils unterschiedlich auf die in Vers 38 angeführte These. Bei Luther heißt es: ÄIch aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, [«].“ Im Gegensatz dazu steht in der Elberfelder-Bibel der direkte Ausrufungssatz: Ä[«] Widersteht nicht dem Bösen, [«].“ Ein weiterer Unterschied auf syntaktischer Ebene findet sich in Vers 45. Während Luther die einfache Wendung ÄVater[s] im Himmel“ verwendet, steht das singulär gebrauchte Attribut ÄHimmel“ in der Elberfelderübersetzung im Plural, sodass es hier heißt: Ä[«] Vater[s], der in den Himmeln ist!“. Die elementarsten Unterschiede ergeben sich jedoch aus dem Vergleich des Tempusgebrauchs. Luther benutzt in Vers 39 und 41 das Präsens von Äschlagen“ und Änötigen“, wohingegen die Übersetzer der Elberfelder-Bibel das Futur dieser beiden Wörter benutzt haben. Den umgekehrten Fall findet man in Vers 46. Luthers in die Zukunft gerichtete Frage: Ä[«] was werdet ihr für Lohn haben?“ unterscheidet sich fundamental von der präsentischen Ausdrucksweise: Ä[«] welchen Lohn habt ihr?“.

Luther verweist in seiner Übersetzung also eher auf den zukünftigen und damit dauerhaften Lohn, während in der Elberfelder-Bibel vielmehr eine gegenwärtige Belohnung fokussiert wird.

Alles in allem sind die Unterschiede zwischen Luther- und Elberfelderübersetzung aber im Vergleich zu ihren Übereinstimmungen als gering zu betrachten. Anders verhält es sich mit der modernen und recht freien Übersetzung der »Guten Nachricht«. Hier finden sich nicht nur begriffliche, temporale oder syntaktische Abweichungen, sondern gänzlich veränderte bzw. stark interpretierende Ausdrücke und Satzkonstellationen. Schon beide Thesen in den Versen 38 und 44 werden im Unterschied zur gebräuchlichen Redewendung: ÄIhr hab gehört, dass gesagt ist [«]“ mit der Aussage: ÄIhr wisst, dass es heißt [«]“ eingeführt. Letztere impliziert viel stärker die Tatsächlichkeit der jeweils folgenden Antithese, was sich aus der Verwendung von ‚wissen‘ statt ‚hören‘ ergibt. Ziel dieser Übersetzung war es wohl die provokativ wirkende Antithese Jesus noch expliziter herauszustellen. Dieselbe Wirkung hat auch die Ersetzung der Konjunktion Äsondern“ durch den Ausdruck Ämehr noch“ in Vers 39. Ebenso wird in der »Guten Nachricht« ausdrücklich der ÄVerzicht auf Gegenwehr“ gefordert, während bei den beiden anderen Übersetzungen die Forderung einfach lautet, dem Übel nicht zu widerstreben bzw. dem Bösen zu widerstehen. Auffällig ist darüber hinaus, dass in der Gute-Nachricht-Übersetzung der alttestamentliche Bezug zu den 10 Geboten fehlt. Das charakteristische Ädu sollst nicht«“ ist in der zweiten These von Vers 43 ausgelassen. Es heißt lediglich: ÄLiebe deinen Mitmenschen; hasse deinen Feind.“ Prinzipiell ist die »Guten Nachricht« erkennbar für die heutige Zeit geschrieben. Neben einem vereinfachten und oftmals umgangssprachlich wirkenden Satzbau werden oft verallgemeinernde oder modern gebrauchte Wendungen benutzt. So soll beispielsweise für Äalle“ Verfolger gebetet werden oder aber es wird der lutherisch verwendete Ausdruck ÄZöllner“ durch den allgemeinen Begriff ÄBetrüger“ ersetzt oder die Gruppe der ÄHeiden“ mit Ädie, die Gott nicht kennen“ umschrieben. Die gravierendsten Abweichungen finden sich allerdings in den Versen 45 und 48. Während der Vater es bei Luther über ÄGerechte und Ungerechte“ regnen lässt, interpretiert die »Gute Nachricht« Gerechte als Menschen, die Gott Äehren“ und Ungerechte als Menschen, die ihn Äverachten“. Vergleichsweise stark wird auch der letzte Vers der Perikope ausgelegt. Hier heißt es nicht mehr wie bei Luther: ÄDarum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“, sondern Ä[«] wie die Liebe eures Vaters im Himmel, so soll auch eure Liebe sein: vollkommen und ungeteilt.“. Der Anspruch der Vollkommenheit bezieht sich in der »Guten Nachricht« also nicht auf den gesamten Menschen, sondern explizit auf seine Liebe, die nach dem Vorbild göttlicher Liebe ebenfalls vollkommen und ungeteilt sein soll.

Bei Luz lassen sich Elemente aus allen drei Übersetzungen finden. Er verwendet diese im jeweiligen Kontext, in dem sie für seine individuelle Übersetzungsintention bedeutsam sind und ergänzt sie auch durch eigene Varianten. So gebraucht Luz beispielsweise in Vers 40 die Wendung Äprozessieren“ wie die »Gute Nachricht«, im weiteren Verlauf wählt er allerdings den Begriff ÄUntergewand“ wie die Elberfelder-Bibel, anstatt den lutherischen Ausdruck ÄRock“ zu gebrauchen. In Vers 41 ergänzt er in seiner Übersetzung den Begriff ÄFrondienst“, wodurch deutlich wird, in welchem Kontext der Zwang Äeine Meile mitzugehen“ eigentlich gebraucht wird. Eine weitere eigenständige Variation findet sich im Vers 42. Mit der Verwendung eines doppelten Imperativs in Schlussstellung unterscheidet sich Luz von der Lutherübersetzung, die die Imperative von ‚geben‘ und ‚abwenden‘ an den Versanfang stellt. Im Allgemeinen ähnelt seine Übersetzung am stärksten der Elberfelder-Bibel. Dies zeigt sich zum Beispiel in Vers 45, in dem Luz sowohl den Ausdruck ÄSöhne“ als auch den Plural von Himmel verwendet. Allerdings gebraucht die Elberfelder-Übersetzung die finale Wendung: Ädamit ihr Söhne eures Vaters seid [«]“, die den Zweck bzw. die Absicht des Gebots der Feindesliebe betont. Es wird offenbar implizit ausgesagt, dass es schon jetzt möglich ist, ein Kind des himmlischen Vaters zu sein - vorausgesetzt man erfüllt das Gebot der Feindesliebe. Luz hingegen begreift die Möglichkeit, Gottes Kind zu sein, eher als Prozess. So benutz er keinen Final- sondern einen Konsekutivsatz, der das ‚Sohn-Werden‘ betont. Darüber hinaus lehnt sich Luz auch stark an die Lutherübersetzung an. Beispielsweise benutzt er in den Versen 46 und 47 analog zu Luther die Begriffe ÄZöllner“ und ÄHeiden“. Auch der letzte Vers unterscheidet sich nicht wesentlich von der Luther- oder der Elberfelderübersetzung. Im Gegensatz zur »Guten Nachricht«, die die Liebe mit einbezieht, verwendet Luz den allgemeineren Ausruf: ÄSeid ihr nun vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist!“.

2.2. Literarkritische Betrachtung

2.2.1. Abgrenzung

Die Perikope Mt. 5, 38-48 behandelt die beiden Themen Vergeltung und Feindesliebe. Die Verse sind Teil der sogenannten Antithesen (Mt. 5, 21-48), welche wiederum Bestandteil der Bergpredigt aus dem Matthäusevangelium sind. Sie lassen sich aufgrund ihrer festen Struktur klar vom übrigen Text abgrenzen, da jedes Kapitel mit einem (frei wiedergegebenen) Zitat aus dem Alten Testament beginnt und anschließend durch Jesu Worte konkretisiert bzw. radikalisiert wird. Insgesamt werden die fünf Themen Töten, Ehebrechen, Schwören, Vergelten und Feindesliebe behandelt.

Die Bergpredigt (Mt. 5-7) selbst hat ebenfalls einen klar bestimmbaren Anfang und ein eindeutiges Ende. Der Text beginnt mit den Versen: ÄAls er aber das Volk sah, ging er auf einen Berg und setzte sich; und seine Jünger traten zu ihm. Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach: [«]“ (Mt 5, 1-2). Und endet mit den Worten: ÄUnd es begab sich, als Jesus diese Rede vollendet hatte, dass sich das Volk entsetzte über seine Lehre; denn er lehrte sie mit Vollmacht und nicht wie ihre Schriftgelehrten“ (Mt. 7, 28-29). Rezipienten der Rede sind also das Volk und die Jünger.

2.2.2. Aufbau der Perikope und ergänzende Deutung wichtiger Verse

Im ersten Teil der Perikope (Mt 5,38-42) geht es um den Aspekt der Vergeltung. Es heißt, Ä [«] dass gesagt ist: »Auge um Auge, Zahn um Zahn«“ (Mt 5, 38). Das Zitat aus dem Alten Testament ist hier scheinbar negativ konnotiert und wird dahingehend ausgelegt, dass es nach allgemeinem Verständnis üblich ist, sich für einen Verlust mit den gleichen Mitteln zu rächen. Demgegenüber steht kontrastiv Jesu Antithese, dem Übel überhaupt nicht zu widerstreben, sondern - ganz im Gegenteil - seinem Widersacher sogar noch Ädie andere Backe hinzuhalten“. Es folgen daraufhin vier Mahnsprüche, die Jesu These konkretisieren bzw. näher beschreiben (V. 39b-42). Ein besonderer Akzent liegt dabei auf dem letzten Vers, da sich dessen Struktur durch einen doppelten Imperativ von der Struktur der drei vorangegangenen Verse unterscheidet. Der Leser wird hier aufgefordert zu geben und sich nicht abzuwenden: ÄGib dem, der dich bittet und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will.“ (Mt 5, 42).

Wie sind nun die drei Beispiele für rechtes Verhalten - vor dem Hintergrund der damaligen Rechts- und Lebensgrundlage - zu verstehen? Vers 39b fordert: Ä[«] wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.“. Laut Manfred Köhnlein handelt es sich hierbei um einen symbolischen Schlag innerhalb der damaligen Gerichtspraxis, weshalb Änicht jede im Alltag mögliche Auseinandersetzung gemeint“8 sein könne. ÄDas Hinhalten der anderen Wange ist von Jesus durchaus als aktive Gegenhandlung und keinesfalls nur als passive Hinnahme eines Angriffs gemeint.“9 Ähnlich verhält es sich mit dem folgenden Beispiel. Denn auch bei Vers 40 geht es um eine spezifische Situation, die eine aktive Handlung des Geschädigten beinhaltet. Der Vers beschreibt die Situation eines Pfändungsprozesses, bei dem einem Armen das Untergewand gepfändet werden soll. Die Forderung, auch noch den Mantel dazuzugeben, hat eine besondere Bedeutung. Laut Köhnlein Äwar der Mantel damals durch einen Restbestand von Armenrecht vor der Pfändung geschützt“10, da er eine überlebenswichtige Funktion innehatte. Auch die Forderung von Vers 41, eine zweite Meile mitzugehen, hat ähnlichen Charakter. Hierbei gehe es um Äzwangsweise geforderte Leistungen“11 der Armee oder von Beamten, denen eine eigene, souveräne Tat entgegengesetzt wird. Anhand dieser drei Beispiele lässt sich folglich erkennen, dass es Jesus nicht um einen passiven Gewaltverzicht ging, sondern vielmehr um einen aktiven Protest.

Luz betont diesbezüglich in seinem Kommentar, dass erstens jegliche ÄMotivierung des Gewaltverzichts“12 fehle und zweitens keine tatsächliche Plausibilität innerhalb der Forderungen zu erkennen sei. Die bewusst überspitzt und konkret formulierten Gebote seien folglich keine tatsächlichen Ratschläge Äzur Praxis einer Entfeindungsliebe“13, sondern vielmehr ein Akt der Provokation. Es gehe um ÄVerfremdung, um Schockierung, um einen symbolischen Protest gegen den Regelkreis der Gewalt“14. Dementsprechend zeigen die Gebote den Gegensatz zwischen dem Gottesreich, das zwar schon angebrochen, aber noch nicht vollständig verwirklicht ist und einer von Gewalthandlungen geprägten Welt.

Der zweite Teil der Perikope (Mt 5, 43-48) beginnt mit dem alttestamentlichen Zitat: ÄIhr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen«. (Mt 5, 43). Und setzt sich fort mit Jesu Antithese: [«] Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen [«].“ (Mt 5, 44). Jesus verschärft das Gebot durch die Antithese der Feindesliebe in radikaler Weise. In Vers 45a folgt ein (weiterer) Zusatz: die Voraussetzung, Gottes Kind zu sein bzw. zu werden, besteht in der Einhaltung des Gebots der Feindesliebe. Vers 45b beinhaltet schließlich die Begründung. Es heißt, Gott lässt seine ÄSonne über Böse und Gute aufgehen“ und lässt es regnen Äüber Gerechte und Ungerechte“. Die folgenden beiden Verse (46 und 47) stellen den Unterschied zwischen wahren ÄChristen“ und ÄNicht-Christen“ heraus. Mit rhetorischen Fragen verdeutlicht Jesus, dass es keinen Wert habe, nur die Menschen zu lieben, die einen selbst lieben oder zu den Brüdern (der Gemeinde) freundlich zu sein, da dies auch die Zöllner oder die Heiden täten. Eine gewisse Sonderstellung hat der letzte Vers. Mit der Forderung nach Vollkommenheit ergibt sich ein scheinbarer Bruch der vorangegangenen Argumentationskette.

[...]


1 Reinmuth, E.: Hermeneutik des Neuen Testaments - Eine Einführung in die Lektüre des neuen Testaments, Göttingen 2002, S. 77.

2 Vgl. Reinmuth: a.a.O., S.70ff.

3 Zur besseren Lesbarkeit wird sich auf die männliche Form beschränkt.

4 Vgl. Ruster, T.: Die Welt verstehen „gemäß den Schriften“ - Religionsunterricht als Einführung in das biblische Wirklichkeitsverständnis, in: rhs-Religionsunterricht an höheren Schulen 43 (2002), S. 196ff.

5 Deutsche Bibelgesellschaft: Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers. Stuttgart 1985. Matth. 5 Vers 39; 44.

6 Alle folgenden Bibelzitate werden in runden Klammern angezeigt und beziehen sich auf die Übersetzung nach Martin Luther (ausgenommen Kapitel 2.1.).

7 Im Anhang (Kapitel 6.1) findet sich zusätzlich ein visuell aufbereiteter Bibelvergleich.

8 Köhnlein, M.: Die Bergpredigt, 2. Auflage, Stuttgart 2011, S. 111.

9 Köhnlein: a.a.O., S. 111.

10 Köhnlein: a.a.O., S.113.

11 Vgl. Luz, U.: Evangelisch-katholischer Kommentar zum Neuen Testament - Das Evangelium nach Matthäus (Mt. 1-7), Düsseldorf u. Zürich 2002, S. 396.

12 Luz: a.a.O., S. 397.

13 Luz, U.: a.a.O., S. 388.

14 Luz: a.a.O., S. 388.

Details

Seiten
36
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656164913
ISBN (Buch)
9783656165095
Dateigröße
697 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v191595
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
13
Schlagworte
Matthäusevangelium Exegese Bibeldidaktik Neues Testament Bergpredigt historisch-kritischer Ansatz

Autor

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Titel: Mt 5, 38-48: Exegese und bibeldidaktischer Entwurf