Lade Inhalt...

Goethe und Shakespeare

Betrachtung der Rolle des englischen Dichters im Werk und Schaffen Goethes unter Berücksichtigung der Frage nach der Shakespeare-Urheberschaft

von Erich Resenbach (Autor)

Ausarbeitung 2012 12 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I. Überblick über die Shakespeare-Begeisterung in Deutschland - Von Lessing bis zur Gründung der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft

II. Analyse der Rede Goethes „Zum Shäkespears Tag“

III. Einfluss Shakespeares im Schaffen Goethes
a) Allgemeine Merkmale
b) Stilistische Parallelen
c) Gestaltung der Charaktere

IV. Exkurs: Die Shakespeare-Urheberschaft

V. Betonung der Rolle Shakespeares als Verkörperung einer Vorstellung und Idealfigur

I. Überblick über die Shakespeare-Begeisterung in Deutschland - Von Lessing bis zur Gründung der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft

Johann Wolfgang von Goethe kam bereits während seiner Studienzeit in Leipzig mit dem Werk William Shakespeares in Berührung. In seiner Autobiographie „Dichtung und Wahrheit“ legt er dar, wie er erstmals auf Texte Shakespeares stieß. „Gegenwärtig will ich nur die Art, wie ich mit ihm bekannt geworden, näher anzeigen. Es geschah ziemlich früh in Leipzig, durch Dodds `Beauties of Shakespeare`.“1 Bereits diese Auswahl von Textauszügen weckt im jungen Goethe eine tiefe Bewunderung und Begeisterung für den englischen Nationalpoeten. Vor allem die 1766 erschienene Übersetzung Wielands gab seiner Liebe zu Shakespeare einen entscheidenden Auftrieb. „Sie ward verschlungen, Freunden und Bekannten mitgeteilt und empfohlen.“2 Die Begeisterung für den „Barden von Avon“ ist nicht ungewöhnlich, sondern für die Zeit üblich und wird von vielen Schriftstellern geteilt. Bereits Gotthold Ephraim Lessing begründete die Shakespearebegeisterung in Deutschland rund 10 Jahre zuvor. In seinem 1759 erschienenen „17.Brief“ aus der Sammlung „Briefe, die neueste Literatur betreffend“3, stellte er Shakespeare den französischen Autoren Corneille und Racine entgegen, um die von Johann Christoph Gottsched favorisierte Anlehnung an französische Vorbilder zu kritisieren und befürwortet eine stärkere Anlehnung an Shakespeare, da er der Überzeugung ist, dass „wir mehr in den Geschmack der Engländer, als der Franzosen einschlagen [ ]“.4 Durch die Bekanntschaft Goethes mit dem Theologen und Literatur- und Kunsttheoretiker Johann Gottfried Herder im Jahr 1770, während seines Studiums in Straßburg beginnt eine verstärkte Beschäftigung mit Shakespeare. „ Auch Herder ist durch Lessing auf Shakespeare zugeführt worden. Wie anders wirkt dieser aber auf ihn ein!“5 Herder ist begeistert von Shakespeare, in seinem Aufsatz „Shakespeare“ aus der von ihm herausgegebenen Aufsatzsammlung „Von deutscher Art und Kunst. Einige fliegende Blätter.“6 beschäftigt er sich intensiv mit dessen Wirken und Schaffenskunst. In diesem Text beschreibt er seine Theorie der Geschichtlichkeit, in der er sagt, dass die jeweiligen Regeln für die Dichtung bzw. für das Theater sind aus der jeweiligen Zeit heraus entstanden sind. Durch das Festhalten an diesen wird keine lebendige Wirkung erzielt- „In Griechenland entstand das Drama, wie es in Norden nicht entstehen konnte. [ ] In Norden ist´s also nicht und darf nicht sein, was es in Griechenland gewesen.“7 Er lehnt, wie Lessing in seinem „17. Brief“ die zeitgenössische französische Theaterdichtung ab, die sich sehr stark an den aristotelischen Regeln orientiert. „[ ] der Puppe [damit ist das französische Drama gemeint; Anm. d. V.] fehlt Geist, Leben, Natur, Wahrheit [ ].8 Es stellt dem antiken griechischen das nordische Drama entgegen. Er rühmt Shakespeare für seine Werke und sein Schaffen, anhand der Person Shakespeares bestimmt er eine Vorstellung des Geniebegriffs. Shakespeare versetze „mit Schöpfergeist das verschiedenartigste Zeug zu einem Wunderganzen zusammen“9. Der englische Dichter wird als Idealvorstellung des „Genies“ charakterisiert, er sei ein „Sterblicher mit Götterkraft“. Herder betont die Rolle der Natur und beschreibt ihre Bedeutung für das Drama. Der Aufsatz stellt eine wichtige kunsttheoretische Schrift des Sturm und Drangs dar und beeinflusst die Autoren der Zeit maßgeblich. Durch Herders Aufsatz, aber auch durch viele weitere Texte und Schriften, auch Briefe von ihm, von Goethe und anderen Schriftstellern der Zeit wird der Einfluss Shakespeares auf das Schaffen der deutschen Literaten deutlich. Besonders für die Stürmer und Dränger verkörpert William Shakespeare eine Idealfigur, er ist das Genie schlechthin. Sein Werk gibt ihnen ein Beispiel, wie durch Gefühlsregungen und Subjektivität Wirkung erzielt werden kann. Sein Lebensverständnis wird als jenseits ständischer und traditioneller Ordnung verstanden. In seinem Schaffen erkennen sie die Einheit von Verstand und Gefühl, die Nachahmung der Natur, die Natur als Quelle allen Schöpferischen.

Ein weiterer Beleg für die Verehrung sind die zahlreichen Übersetzungsversuche ins Deutsche, besonders sollen hier die Übertragungen von Ludwig Tieck und August Wilhelm Schlegel Erwähnung finden. Schon 1864 wurde in Deutschland eine Shakespearegesellschaft gegründet, Shakespeare wird oft als „Dritter deutscher Klassiker“ neben Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller bezeichnet.10

II. Analyse der Rede Goethes „Zum Shäkespears Tag“, 1771

Die Verehrung Goethes für Shakespeare, die er schon seit frühen Studienjahren hegt, wird besonders in seiner Rede „Zum Shäkespears Tag“ vom 14. Oktober 1771 deutlich. An diesem Tag feierte er in seinem Elternhaus in Frankfurt am Main „mit großem Pomp“ ein Fest zu Ehren des britischen Nationaldichters.11 Es ist eine flammende Rede, die der 22jährige Goethe hielt, in ihrer Sprache und ihrem Stil verdeutlicht sie die große Verehrung und Zuneigung zu William Shakespeare.12 Man bekommt den Eindruck, dass die Rede „ frei vom Herzen“ gehalten wurde, versehen mit Gefühlsregungen und Beschreibungen des eigenen Empfindens. Im ersten Teil der Rede betont er Shakespeares übermenschliche Größe und Unerreichbarkeit, da niemand ihn je einholen kann. „Wir ehren heute das Andenken des größten Wandrers, und tun uns dadurch selbst eine Ehre an. Von Verdiensten, die wir zu schätzen wissen, haben wir den Keim in uns.“ Goethe beschreibt wie er sich vor kurzem noch wenig mit Shakespeare beschäftigt hat und dessen Wirken und Leistung nur geahnt hat. „Die erste Seite die ich in ihm las, machte mich auf Zeitlebens ihm eigen“. Der erste Kontakt (durch die erwähnten „Beauties of Shakespeare“) überwältigt Goethe, durch Shakespeare wird sein Horizont erweitert, er fühlt seine „Existenz um eine Unendlichkeit erweitert“. Er wendet sich in dieser Ansprache, nach dem Vorbild Shakespeares, aber auch in Anlehnung an Herder von der durch Aristoteles begründeten Drei-Einheiten-Regel des Theaters ab und greift die Kritik gegen das französische Drama auf. Mit der „Griechischen Rüstung“, die für die Franzosen „zu groß und zu schwer“ sei bezieht er sich direkt auf Herders Konzept der Geschichtlichkeit in der bereits erwähnten Abhandlung aus „Von deutscher Art und Kunst“. Er zeigt Bewunderung für das griechisches Theater, aber ordnet es in seine Zeit ein, er lehnt das Französische Trauerspiel, wie Lessing und Herder ab. Im weiteren Verlauf der Rede beschreibt er das Wesen der Shakespeare’schen Dichtkunst. „Wer eigentlich zuerst drauf gekommen ist die Haupt und Staatsaktionen auf´s Theater zu bringen weiss ich nicht,[..], Ob Shäkespearen die Ehre der Erfindung gebührt, zweifl ich [ ].“ Aber nach Meinung Goethes treibt dieser diese Themen zur Perfektion, in seinen Werken erlangen sie die höchste Art der Darstellung. „Shäkespears Theater ist ein schöner Raritätenkasten, in dem die Geschichte der Welt vor unsern Augen an dem unsichtbaren Faden der Zeit vorbeiwallt. Seine Pläne sind, nach dem gemeinen Stil zu reden, keine Pläne, aber seine Stücke drehen sich alle um den geheimen Punkt (den noch kein Philosoph gesehen und bestimmt hat), in dem das Eigentümliche unsres Ichs, die prätendierte Freiheit unsres Wollens mit dem notwendigen Gang des Ganzen zusammenstößt.“ Laut Goethe schafft es Shakespeare ohne gezielte Planung in seinen Werken einen philosophischen Kern des Ganzen zu erschaffen und zu beschreiben. Er zeigt die Welt wie sie ist und wie sie sich im Lauf der Dinge bewegt. Seine Darstellung der Menschen und Umstände selbst ist philosophisch ohne zu philosophieren. In seinen Texten sind die philosophischen Elemente von selbst enthalten. „Das was edle Philosophen von der Welt gesagt haben, gilt auch von Shakespeare: Das, was wir bös nennen, ist nur die andre Seite vom Guten, die so notwendig zu seiner Existenz und in das Ganze gehört.“ Die Figuren Shakespeares verfügen über beide Seiten, seine] Charaktere sind vielschichtig. In seinem Schaffen kommen Wünsche und Begierden mit den Notwendigkeiten, Ziele und Pläne mit dem Lauf der Zeit zusammen. Wie für den Sturm und Drang üblich wird vor allem auf die Bezugnahme zur Natur verwiesen. „ Und ich rufe: Natur! Natur! Nichts so Natur als Shakespeares Menschen.“ Bei Shakespeare findet sich dieser Bezug so sehr wie bei keinem anderen. Goethe vergleicht ihn sogar mit Prometheus, der Schöpfergestalt aus der griechischen Mythologie. So wie Prometheus die Menschen erschaffen hat, so „bildete [Shakespeare] ihm Zug vor Zug seine Menschen nach, nur in kolossalischer Größe“. Sogar sich selbst, für den selbstbewussten Goethe eher untypisch, ordnet er dem Können Shakespeares unter. „Ich schäme mich oft vor Shakespearen, denn es kommt manchmal vor, dass ich beim ersten Blick denke: Das hätt’ ich anders gemacht! Hintendrein erkenn’ ich, dass ich ein armer Sünder bin, dass aus Shakespearen die Natur weissagt und dass meine Menschen Seifenblasen sind, von Romanengrillen aufgetrieben.“ Durch diese Ansprache wird die Rolle die Shakespeare für Goethe spielt deutlich. Er ist für ihn das ideelle Vorbild und eine Überfigur, an der man sich orientieren muss. Man soll danach streben sich an sein Können anzunähern, erreichen kann man ihn sowieso nie.

III. Einfluss Shakespeares im Schaffen Goethes

Nicht nur direkt in Texten und Schriften Goethes lässt sich die Begeisterung für den englischen Dichter nachweisen, auch kann man einen starken Einfluss in seinem eigenen Schaffen erkennen. Natürlich ist nicht alles direkt durch William Shakespeare beeinflusst, aber vieles passt zur Art des Schaffens, man könnte sagen, dass manches in ähnlichem Denken entstanden ist. Bei Goethe muss man natürlich darauf hinweisen, dass sich sein Stil im persönlichen Übergang vom Sturm und Drang zur (später so genannten) Weimarer Klassik verändert und neu orientiert, aber auch beim klassischen Goethe finden sich Elemente aus der Sturm und Drang-Zeit (vor allem beispielsweise im „Faust“).

[...]


1 Goethe (1814): Aus meinem Leben - Dichtung und Wahrheit in: Lizenzausgabe (1962): Goethes Werke in zehn Bänden, Achter Band; Zürich: Artemis Verlag; S. 539

2 Goethe (1814): Aus meinem Leben; S. 540

3 Lessing, Gotthold Ephraim (1759): 17.Brief, aus: Briefe, die neueste Literatur betreffend, in: Staehle, Ulrich: Theorie des Dramas , Stuttgart: Philipp Reclam Jun. Verlag S.26ff

4 Lessing: 17.Brief; S. 27

5 Böhtlingk, Arthur (1909): Goethe und Shakespeare, in: Böhtlingk, Arthur (1909) : Shakespeare und unsere Klassiker; Leipzig: Fritz Eckardt Verlag; S.9

6 Herder, Johann Gottfried (1773): Shakespeare ; In: Irmscher, Hans Dietrich (Hrsg.) : Von deutscher Art und Kunst, Stuttgart: Philipp Reclam Jun. Verlag

7 Herder (1773): Shakespeare

8 Herder (1773): Shakespeare

9 Herder (1773): Shakespeare

10 Irmgard Ruhs-Woitschützke (07/2011): Shakespeare - ein deutscher Dichter; Im Internet: http://www.rheinische-art.de/cms/topics/dank-englischen-humor-shakespeare---ein-deutscher-dichter.php; letzter Aufruf: 06.03.2012

11 Böthlingk (1909): Goethe und Shakespeare S.32

12 Alle folgenden Zitate in diesem Abschnitt stammen aus: Goethe, Johann Wolfgang (1771): Zum Shäkespears Tag; in: Goethe: Schriften und Abhandlungen; in: Lizenzausgabe (1962): Goethes Werke in zehn Bänden, Zehnter Band; Zürich: Artemis Verlag; Seite 727ff

Details

Seiten
12
Jahr
2012
ISBN (Buch)
9783656164500
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v191592
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,0
Schlagworte
goethe shakespeare betrachtung rolles dichters werk schaffen goethes berücksichtigung frage shakespeare-urheberschaft

Autor

  • Erich Resenbach (Autor)

Teilen

Zurück

Titel: Goethe und Shakespeare