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Sprache und Politik - Zur politischen Terminologie in der BRD 1949-1974

Magisterarbeit 2011 58 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Sprache und Politik
1.1 Gibt es eine politische Fachsprache?
1.2 Der politische Wortschatz – Klassifizierungsversuche
1.3 Symbolwörter als Kernbestand des Ideologievokabulars
1.3.1 Differenzierung durch Evaluation: Miranda, Anti-Miranda
1.3.2 Differenzierung durch Gebrauch: Fahnenwörter, Stigmawörter
1.4 Ideologische Polysemie
1.5 Das politische Schlagwort
1.6 Abgrenzung des Symbolwortes gegen das Schlagwort
1.7 Die Metapher der Begriffebesetzung

2. Der Wahlslogan als Bestandteil des Wahlplakates
2.1 Das Wahlplakat
2.2 Der Wahlslogan
2.3 Die Wahlslogans der CDU und der SPD aus den Bundestagswahlkämpfen 1953 und 1957

3. Politische Terminologie in der BRD 1949-1974
3.1 Konrad Adenauer 1949-1963
3.2 Ludwig Erhard 1963-1966
3.3 Willy Brandt 1969-1974
3.4 Schlussbetrachtung

Nachwort

Streszczenie

Literaturverzeichnis

Vorwort

Sprache und Politik ist ein interessantes und schwieriges Thema. Die Politiker legen großen Wert auf die Sprache. Sie müssen es tun wenn sie neue Wähler gewinnen wollen. Die Absicht der vorliegenden Arbeit war es, einige Aspekte aus dem Themenkomplex Sprache und Politik zu beschreiben. Ich unternehme auch den Versuch, die politische Terminologie in der Bundesrepublik in der Zeit von Adenauer bis zu Brandt zu untersuchen.

Die Arbeit besteht aus drei Kapiteln. Im ersten Kapitel versuche ich die Frage zu beantworten, ob es eine politische Fachsprache gibt. Ich stelle die Klassifizierungsversuche des politischen Vokabulars und die Differenzierung der Symbolwörter durch Evaluation und gruppeninternen Gebrauch dar. Ich erkläre den Begriff ideologische Polysemie und charakterisiere das politische Schlagwort. Das Kapitel enthält auch die Abgrenzung des Symbolwortes gegen das politische Schlagwort und gibt den Ursprung der Begriffbesetzungs -Metapher an.

Im zweiten Kapitel beschäftige ich mich mit dem Wahlplakat und mit dem Wahlslogan, der oft Bestandteil des Wahlplakates ist. Ich präsentiere auch die zugkräftigen Wahlslogans aus den Bundestagswahlkämpfen 1953 und 1957.

Im letzten, dritten Kapitel gehe ich zu der politischen Terminologie in der BRD über. Im Mittelpunkt der Betrachtung steht die politische Sprache der beiden größten Gruppierungen, also der Sozialdemokraten und der Christdemokraten. Der Zeitraum der Erforschung erstreckt sich von der Gründung der BRD im Jahre 1949 bis zum Ende der Regierungszeit von Willy Brandt 1974. Die Zeit der Grossen Koalition 1966-1969 wird von vielen Experten als eine Übergangsphase zur Ära Brandt betrachtet und wird deshalb von mir nicht analysiert. In diesem Kapitel wurden die wichtigsten Schlagwörter aus diesem Zeitraum gesammelt und kurz beschrieben. Die Frage, die dieses Kapitel beantworten soll, lautet: welche Partei hat die politische Terminologie in dieser Zeit dominiert? .

1. Sprache und Politik

„Das Wort hat Macht. Die Macht hat das Wort.“

Theodor Gehrke

1.1 Gibt es eine politische Fachsprache?

Am Anfang der Arbeit will ich die Frage stellen, ob man überhaupt von einer politischen Fachsprache sprechen kann. Welche Meinung dazu vertreten die Sprachwissenschaftler? Als mögliche Antwort auf diese Frage können die Worte Flucks, der sich mit Fachsprachen beschäftigt, gelten:

“Der Fachbereich ‚Politik’ umfaßt so viele Teilgebiete und ist so vielfältig in sich geschichtet, dass von der Existenz einer einheitlichen politischen Fachsprache nicht gesprochen werden kann. Zwar gibt es zahlreiche Untersuchungen, die das Thema Sprache und Politik behandeln, Abgrenzungskriterien für eine politische Fachsprache gegenüber anderen Fachsprachen oder gegenüber der Gemeinsprache bieten sie jedoch nicht.“[1]

Walther Dieckmann schreibt, dass man unter politischer Sprache entweder die Anwendung der Sprache in der Politik oder den speziellen politischen Wortschatz verstehen kann. Politik, ähnlich wie andere Sachbereiche wie Zoologie, Chemie oder Militärwesen, soll über eigenen fachsprachlichen Wortschatz verfügen. Dieckmann betont jedoch, dass die Bestimmung des politischen Vokabulars sich in der Praxis als schwierig erweisen kann.[2] Er sieht die Politik nicht als ein typisches Sachgebiet, sondern als „Handlungs- und Funktionskomplex“.[3]

Ähnliches behauptet Heiko Girnth. Im Unterschied zu Sachgebieten wie Chemie, Physik, Medizin, Mathematik oder Elektrotechnik kennzeichnet sich die Politik nicht durch einen klar abgrenzbaren Fachwortschatz. Politik kann nämlich alle Bereiche des menschlichen und gesellschaftlichen Lebens erfassen. Jedes Wort und jedes Thema kann unter bestimmten Bedingungen politisch werden (obwohl es oft als sehr unwahrscheinlich zu sein scheint). Der politische Wortschatz ist von Fachwörtern anderer Sachgebiete durchdrungen.[4] In politischen Diskussionen können Wörter wie z.B. Aids, HIV-positiv, künstliche Befruchtung, Embryo, Kastration oder Pflegeversicherung auftauchen.[5]

Auch Dieckmann betont die Offenheit des politischen Vokabulars. „Der Bereich des Politischen ist offen“[6] – stellt er fest. Strauss vertritt auch die Meinung, dass es keine einheitliche politische Fachsprache gibt.

„Politische Sprache ist ein spezifischer Verbund aus Fachsprachenpluralität und öffentlicher Sprache, eine Sprache, deren soziale Geltung nicht auf bestimmte Expertengruppen eingeschränkt ist“.[7]

Strauss fügt noch hinzu:

„Eine ‚Fachsprache der Politik’ verwendet allenfalls die Politologie, die den Staatsaufbau, Herrschaftsformen und Funktionen im Staat beschreibt.“[8]

Man muss zwischen dem politischen Gebrauch von Sprache und dem politischen Wortschatz im engeren Sinne unterscheiden. In der Sprachwissenschaft gab es Versuche, den politischen Wortschatz im engeren Sinne zu klassifizieren.

1.2 Der politische Wortschatz – Klassifizierungsversuche

Einen bedeutenden Vorschlag für die Gliederung des politischen Wortschatzes bietet Walther Dieckmann in seiner Arbeit Sprache in der Politik. Einführung in die Pragmatik und Semantik der politischen Sprache an. Er unterscheidet zwischen:

1. Institutionssprache,
2 . Fachsprache des verwalteten Sachgebietes,
3 . Ideologiesprache.[9]

Die Institutionssprache besteht nach Dieckmann „aus den Bezeichnungen für die einzelnen Institutionen und Organisationen eines Gemeinwesens, ihre interne Gliederung, die Aufgaben, die sie erfüllen und die Prozesse, in denen sie funktionieren“.[10] Die Institutionssprache unterteilt er weiter in Organisationssprache und Verfahrenssprache. Zu der ersten Gruppe (Organisationssprache) gehören Ausdrücke für die Institutionen (z.B. Bundestag, Bundesrat, Partei), ihre Gliederungen (z.B. Fraktion, Ausschuss, Parteivorstand), ihre Aufgaben (z.B. Verfassungsschutz, Finanzpolitik, Entwicklungshilfe) und Amtsbezeichnungen (z.B. Bundeskanzler, Bundespräsident, Minister, Abgeordneter). Die zweite Gruppe (Verfahrenssprache) umfasst die Bezeichnungen für die formalen Praktiken in den politischen Institutionen (z.B. Wortmeldung, Abstimmung, Tagesordnung).[11] Zu der Fachsprache des verwalteten Sachgebietes gehören nach Dieckmann politikeigene „Sprachformen, die sich mit der staatlichen Verwaltung der verschiedenen Sachgebiete ergeben.“[12] Diese Sprache benutzen vor allem die Experten des jeweiligen Sachgebietes. Das betrifft z.B. die Bereiche der Wirtschaftspolitik, der Kulturpolitik, der Landwirtschaftspolitik usw. Der Begriff der Ideologiesprache bedürfe nach ihm keiner weiteren Erläuterung, die Ideologiesprache beschreibt Dieckmann genauer nicht.[13]

Die Gliederung Dieckmanns nimmt der Sprachwissenschaftler Josef Klein auf und teilt den politischen Wortschatz in:

1. Institutionsvokabular,
2 . Ressortvokabular,
3 . Ideologievokabular und
4 . allgemeines Interaktionsvokabel ein.[14]

Der Vergleich beider Einteilungsvorschläge führt zum folgendem Erkenntnis: Das Institutionsvokabular bei Klein entspricht der Institutionssprache bei Dieckmann, das Ressortvokabular entspricht der Fachsprache des verwalteten Sachgebietes und das Ideologievokabular entspricht der Ideologiesprache. Der Unterschied ist, dass von Klein Dieckmanns Dreiteilung um allgemeines Interaktionsvokabular erweitert wird. Zu dieser lexikalischen Gruppe gehören allgemeinsprachliche Bezeichnungen für menschliche Interaktion und ihre Aspekte. Allgemeines Interaktionsvokabular zeichnet sich durch hohe Verwendungsfrequenz in der politischen Sprache und in den Medien aus, die über politische Ereignisse berichten. Damit rechtfertigt Klein seine Erweiterung im Vergleich zu Dieckmann. In den Presseberichten finden wir Bezeichnungen für politische Handlungen und Handlungsaspekte, die weder fachsprachliche noch ideologiesprachliche Züge enthalten z.B. beteiligen, verhindern, Schaden, Opfer, Sorge, verschärfen, Kettenreaktion, Änderung, Bestürzung, Angriff, Kompromiss, Beschluss. Ausdrücke zur Bezeichnung sprachlicher Handlungen gehören auch dazu, z.B. begründen, fordern, fragen, versprechen, ankündigen, eingestehen, begrüßen, vorschlagen, verdächtigen, appellieren, erklären usw.[15]

Klein macht eine genauere Differenzierung innerhalb des Institutionsvokabular. Zu dem Institutionsvokabular zählen nach ihm:

- Ausdrücke für die staatlichen Organisationen, die politischen Institutionen und deren

Untergliederungen:

z.B. Parlament, Bundestag, Bundesrat, Bundesverfassungsgericht, Bundesamt ( für...), Fraktion, Opposition, die Parteinamen, also FDP, CDU, CSU, SPD, Die Linke Partei, Bündnis 90/Die Grünen.

- Bezeichnungen für staatliche und politische Aufgaben:

z.B. Amt, Ministerpräsident, Bundeskanzler, Gesundheitsminister, Parteivorsitzender, Regierungssprecher, Parteisprecher, Mitglied des Bundestages.

- Ausdrücke für kodifizierte Normierungen politisch institutionellen Handelns:

z.B. Grundgesetz, Gesetz, Pakt, Partei - Statut, Landesverfassung, Friedensvertrag.

- Bezeichnungen für politische Handlungen, Prozesse und Zustände:

z.B. Ratifizierung, konstruktives Misstrauensvotum, Regierungserklärung, Immunität, Parteitag, Wahlkampf, geheime Wahlen.[16]

Zu dem Ressortvokabular gehören nach Klein Ausdrücke aus den Fachsprachen der Sachgebiete, für die es Ressorts gibt. Das betrifft also Außenpolitik, Wirtschaft, Finanzen, Umwelt, Justiz, Bildungswesen, Sozialpolitik usw. In der öffentlichen Diskussion verwenden es vor allem Politiker, die für diese Ressorts zuständig sind. Wenn sie aber vor sich keine Fachleute haben, dann müssen sie mit dem Ressortvokabular sparsamer umgehen, weil dieser Wortschatz für Laien oft unverständlich ist. Beispiele aus diesem Wortschatzbereich sind: Konjunktur, Bruttosozialprodukt, Sozialhilfe, Steuersatz, Einkommensteuer, juristische Person, Marktwirtschaft[17] usw.

Klein informiert auch genauer über das Ideologievokabular. Zu diesem Wortbereich gehören Wörter, in denen Bewertung der Welt und Prioritäten der politischen Gruppierungen zum Ausdruck gebracht werden. Hier lassen sich 3 Lexemgruppen unterscheiden:

1. Lexeme favorisierter sozialer Beziehungen und Formationen:

z.B. Familie, Gemeinschaft, Nation, Staat bei Konservatisten oder Klassenkampf, klassenlose Gesellschaft bei Marxisten.

2. Lexeme, in denen die favorisierten Prinzipien der Organisation des politischen Lebens zum Ausdruck kommen:

z.B. Gewaltenteilung, Pressefreiheit, Opposition, Parteien, Pluralismus, parlamentarische Demokratie, Rechtsstaatlichkeit. Die Prinzipien, die in diesen Beispielen formuliert werden, teilen alle im Bundestag vertretenen Parteien. Man kann jedoch nicht sagen, dass sie ideologieübergreifend sind und nicht zu dem Ideologievokabular gehören. Diese Prinzipien stehen nämlich in ideologischer Opposition zu marxistisch-leninistischen, faschistischen und religiös-fundamentalistischen Ideologien.

3. Wörter, in denen die grundlegenden Werte und Handlungsorientierungen formuliert werden:

z.B. Würde des Menschen, Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität, Recht, Fleiß, Ehrfurcht vor Gott, nationales Bewusstsein usw.[18]

Eine ganz andere Einteilung des politischen Lexikons bietet Strauss an. In der politischen Kommunikation unterscheidet er folgende 4 Lexemklassen:

1. Politische Fachtermini der Institutions-, Verfahrens-, Organisationssprache, der Fachsprachen der verwalteten Sachgebiete, der Rechts-, Verwaltungssprache usw. Das sind z.B. Mandat, Immunität, Fraktion, Legislaturperiode, Bruttosozialprodukt.
2. Gesellschaftspolitische Termini der Ideologiesprache z . B . Sozialismus, Kapitalismus, Pazifismus, Demokratie, Klassenkampf usw.
3. Politische Metaphern, Euphemismen, okkasionelle Wortbildungen (Neologismen) z.B. Aufschwung, Intervention, Friedensgrenze, Schutzwall.
4. Termini der fächerübergreifenden Wissenschafts- und der Bildungssprache z.B. System, Basis, Struktur, Tendenz, Funktion, Tradition.[19]

Die ersten 2 Lexemklassen bezeichnet Strauss als „zentraler politischer Wortschatz“ und die 2 letzten als „Wortschatz der Bildungssprache“.[20]

Strauss macht auch eine Differenzierung der Morpheme im Bereich des Politischen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung.1. Morpheme im Bereich des Politischen nach Strauss.[21]

1.3 Symbolwörter als Kernbestand des Ideologievokabulars

Die Symbolik spielt in der Politik eine enorme Rolle. Das betrifft sowohl nicht-sprachliche Symbole wie Nationalhymnen, Fahnen, Orden, Wappen, Gebäude, Gedenktage, Hauptstädte als auch sprachliche Symbole. Den Kernbestand des Ideologievokabulars stellen die sogenannten Symbolwörter dar. In wissenschaftlichen Arbeiten, die sich mit dem Themenkomplex Sprache und Politik beschäftigen, findet man auch andere Bezeichnungen für Symbolwörter wie key symbols, hochaggregierte Symbole, Grundwerte-Lexeme, Schlüsselwörter, Leitvokabeln oder Verdichtungssymbole.[22] Ich werde in dieser Arbeit bei der Formulierung Symbolwörter bleiben. Die Funktion der Symbolwörter besteht darin, die „komplexe Wirklichkeit, vereinfachend, man könnte auch sagen verdichtend, darzustellen“[23] – so Girnth. Analyse der in einer bestimmten historischen Ära verwendeten Symbolwörter ermöglicht uns das Verständnis dieser Epoche. Beispiele für Symbolwörter sind Freiheit, Demokratie, Menschenrechte, Frieden. Sie sind jedoch nicht mit den Hochwertwörtern wie Mut, Leistung, Sicherheit, Solidarität, Heimat, Zukunft, Ehre, Engagement, modern zu verwechseln, die immer positive Konnotationen besitzen. Hochwertwörter werden zu dem Ideologievokabular nicht gezählt und gelten als ideologieunabhängig.[24]

Symbolwörter können nach zwei Kategorien weiter differenziert werden, nämlich nach ihrer Evaluation und nach ihrem gruppeninternen Gebrauch.

1.3.1 Differenzierung durch Evaluation: Miranda, Anti-Miranda

Hier unterscheidet man zwischen Miranda[25] und Anti-Miranda. Miranda sind ideologieübergreifende Symbolwörter, die für beide Seiten der Auseinandersetzung positiv konnotiert sind. Miranda bezeichnen erwünschte positive Werte wie z.B. Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit oder Gleichheit. Sie erwecken Bewunderung, sprechen die Gesinnung an. Diese Wörter sollten die Loyalität gegenüber dem Staat oder einer Gruppe stärken und das Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Zuhörern entstehen lassen.[26]

Das negative Pendant der Miranda sind die Anti-Miranda, die „das Bekämpfte, Verachtete, nicht Wünschenswerte“[27] zum Ausdruck bringen. Beispiele für diese negativ konnotierten Wörter sind Krieg, Ungerechtigkeit, Rassismus, Diktatur, Diskriminierung, Aggression, Unterdrückung.[28]

1.3.2 Differenzierung durch Gebrauch: Fahnenwörter, Stigmawörter

Nach dieser Kategorie lassen sich die Symbolwörter in Fahnenwörter und Stigmawörter[29] klassifizieren. Diese lexikalischen Erscheinungen bilden das sogenannte Abgrenzungsvokabular. Strauss/Zifonun definieren es folgendermaßen:

„Das (Freund-Feind-) Abgrenzungsvokabular besteht aus Wörtern, die in den beiden Kommunikationsgemeinschaften/ideologischen Systemen mit jeweils unterschiedlicher Funktion, d.h. als Fahnen- oder als Stigmawörter verwendet werden.“[30]

Öffentliche Verwendung von parteiinternem Vokabular ermöglicht eine Abgrenzung gegenüber anderen Parteien. Mit dem Abgrenzungsvokabular wird der Parteistandpunkt in plakativer Weise kenntlich gemacht, Freund und Feind können ihn leicht erkennen.[31]

Sehen wir uns jetzt die Fahnen- und Stigmawörter etwas genauer an. Die Aufgabe der Fahnenwörter ist es, „als parteisprachliche Wörter aufzufallen. Sie sind dazu da, daß an ihnen Freund und Feind den Parteistandpunkt, für den sie stehen, erkennen sollen.“[32] Der politische Gegner versucht immer die Fahne des Konkurrenten zu beschmutzen. Paradebeispiele für diese programmatischen Wörter sind aus der Geschichte der Bundesrepublik demokratischer Sozialismus[33] (Fahnenwort der SPD) und Soziale Marktwirtschaft (Fahne der CDU). Als allgemeines Fahnenwort in der Bundesrepublik gilt z.B. Demokratie, zu dem sich natürlich alle im Bundestag vertretenen Parteien bekennen. Fahnenwörter können in der Tat wie eine Fahne für die eigene Seite und wie ein rotes Tuch für die Opposition wirken. Mit eigener Flagge, die man hoch hält, kann man die andersdenkende Seite irritieren, sogar provozieren. Nicht ohne Grund wird für die Fahnen- und Stigmawörter der Oberbegriff brisante Wörter verwendet.[34]

Das Gegenteil von Fahnenwörtern bilden die Stigmawörter.[35] Während Fahnenwörter für die eigene politische Gruppierung verwendet werden, um sie aufzuwerten, versucht man mit Hilfe von Stigmawörtern den Gegner zu diffamieren. Diese Wörter bezeichnen die gegnerische Seite negativ, stigmatisieren sie sozusagen. Stigmatisierenden Charakter haben Wörter wie Anarchist, Chaot, Terrorist, Extremismus. Jede Partei hat selbstverständlich Bedürfnis auch nach Stigmawörtern. Sie sind besonders dann an der Tagesordnung, wenn die politischen Gruppierungen zu erbitterten Feinden werden und die politische Szene stark polarisiert wird.[36] Der Gegner weist natürlich solche ihm im schlechtem Licht darstellenden Bezeichnungen zurück.

Bei Fahnenwörtern spricht man von Eigengruppenreferenz, weil sie sich auf Objekte des eigenen ideologischen Systems beziehen. Die Fremdgruppenreferenz betrifft Stigmawörter, denn sie werden in Bezug auf Objekte des fremden ideologischen Systems verwendet.[37] Böke unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen Selbstbezeichnung und Fremdbezeichnung.[38] Die Fahnen- und Stigmawörter charakterisieren sich durch gruppen- bzw. ideologieinterne Evaluation. Bei Miranda und Anti-Miranda ist die Evaluation dagegen gruppen- bzw. ideologieübergreifend.[39] Miranda können nicht als Stigmawörter verwendet werden und Anti-Miranda können nicht als Fahnenwörter gebraucht werden.

Fahnen- und Stigmawörter gelten als brisante Wörter. Mit ihrer Verwendung riskiert man etwas. Das Kenntlichmachen des eigenen Parteistandpunkts kann provokativ wirken und die Provokation ist nicht selten beabsichtigt. Man muss aber damit rechnen, dass die öffentliche Benutzung von brisanten Wörtern zum Gegenangriff führen kann.[40] Beide Formen können auch als Kampfwörter zusammengefasst werden. Mit ihnen kämpfen die Parteien für oder gegen eine Sache. Fahnenwörter stehen für ein politisch-gesellschaftliches Programm und die Stigmawörter sind dagegen gerichtet.[41]

Nach Klein sind zwei Hauptstrategien zu nennen, mit den Fahnenwörtern der Konkurrenzpartei umzugehen. Die erste Strategie besteht darin, das erfolgreiche Fahnenwort des Gegners zu übernehmen, an sich zu reißen. Diese Taktik bedeutet eine inhaltliche Annäherung an die Politik des Opponenten. Die zweite Strategie ist das Gegenteil. Man versucht die Fahne des Gegners zu beschmutzen, zu zerfetzen. Damit lehnt man die Politik der zweiten Seite deutlich ab. Die Parteivorsitzenden müssen oft die schwierige Entscheidung treffen, ob sie die erfolgreichen Fahnenwörter der Konkurrenzpartei übernehmen oder bekämpfen.[42] Weiter bezeichnet Klein die erste Methode als Assimilationstaktik und die zweite als Dissimilationstaktik.[43]

1.4 Ideologische Polysemie

Es kann passieren, dass ein Fahnenwort einer Partei gleichzeitig ein Stigmawort anderer Partei ist oder Freund und Feind dasselbe Wort als Fahnenwort benutzen. Es ist möglich, weil manche Wörter ideologisch polysem sind. Was versteht man in der Sprachwissenschaft unter ideologischer Polysemie ?

Der Terminus ideologische Polysemie kommt von Dieckmann und bedeutet, dass ein Ausdruck in verschiedenen Ideologien verschiedene Bedeutung, Konnotation haben kann. Nach Dieckmann liegt die ideologische Polysemie bei Wörtern vor, „die verschiedenen Ideologien gemeinsam sind und deren verschiedene Sinndeutungen nebeneinander in der Sprache auftauchen.“[44]

[...]


[1] Fluck. S. 75.

[2] Vgl. Dieckmann. S. 47.

[3] Ebenda.

[4] Vgl. Girnth. S. 47.

[5] Vgl. Toman-Banke. S. 23.

[6] Dieckmann. S. 46.

[7] Strauss. S. 194.

[8] Strauss. S. 191.

[9] Dieckmann. S. 50.

[10] Dieckmann. S. 50.

[11] Ebenda. S. 51.

[12] Ebenda.

[13] Ebenda. S. 50 f.

[14] Klein. S. 4.

[15] Vgl. ebenda. S. 7.

[16] Vgl. ebenda. S. 5 f.

[17] Vgl. ebenda. S. 6.

[18] Vgl. ebenda. S. 8.

[19] Vgl. Strauss. S. 260 ff.

[20] Ebenda.

[21] Strauss. S. 261.

[22] Vgl. Toman-Banke. S. 49.

[23] Girnth. S. 52.

[24] Vgl. ebenda.

[25] Strauss/Zifonun verwenden die Bezeichnung Leitwort. Vgl. Strauss/Zifonun. S. 100.

[26] Vgl. Girnth. S. 53.

[27] Dieckmann. S. 49.

[28] Vgl. Toman-Banke. S. 52.

[29] Der Neologismus Stigmawort kommt von Fritz Hermanns, der in seinem Artikel Brisante Wörter zwischen Fahnenwörtern und Stigmawörtern unterscheidet. Er bemerkt auch, dass der Terminus Fahnenwort schon 1906 in Historischem Schlagwörterbuch von Ladendorf auftaucht. Vgl. Hermanns. S. 102.

[30] Strauss/Zifonun. S. 107.

[31] Girnth. S. 54.

[32] Hermanns. S. 91.

[33] Über das Schlagwort demokratischer Sozialismus findet man Auskunft in Niehr. S. 141-150.

[34] Vgl. Hermanns. S. 89.

[35] Man findet auch alternative Bezeichnungen für Stigmawort wie Feindwort bei Strauss/Hass/Harras oder Diffamierungswort bei Böke . Vgl. Strauss/Hass/Harras. S. 36 und Böke. S. 39.

[36] Strauss/Hass/Harras. S. 35 f.

[37] Vgl. Girnth. S. 54.

[38] Vgl. Böke. S. 36.

[39] Vgl. Girnth. S. 54.

[40] Vgl. Hermanns. S. 89.

[41] Vgl. Strauss/Hass/Harras. S. 36.

[42] Vgl. Klein. S. 26.

[43] Ebenda. S. 80.

[44] Dieckmann. S. 71.

Details

Seiten
58
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656163503
ISBN (Buch)
9783656164074
Dateigröße
1.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v191563
Institution / Hochschule
Uniwersytet Rzeszowski – Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
sprache politik terminologie

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Titel: Sprache und Politik - Zur politischen Terminologie in der BRD 1949-1974