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Das Planspiel in der politischen Bildung

Konzeption und Relevanz für die politische Mündigkeit

Hausarbeit 2010 16 Seiten

Didaktik - Politik, politische Bildung

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Entstehung und Entwicklung der Planspiel-Methodik

3. Definition des Planspiels

4. Merkmale und Formen des Planspiels
4.1 Aufbau und Phasen des Planspiels
4.2 Die Vorbereitungsphase
4.3 Die Spielphase
4.4 Die Reflexionsphase

5. Die Bedeutung des Planspiels für die politische Bildung

6. Diskussion und Fazit

1. Einleitung

„Erzähle mir und ich vergesse, zeige mir und ich erinnere, lass es mich tun und ich verstehe.“

Dieses bekannte Zitat von dem chinesischen Philosophen Konfuzius (551 v. Chr. bis 479 v. Chr.) lässt sich in zweierlei Hinsicht auf die Thematik des Planspiels übertragen. Zum einen wird in dem Zitat das Verständnis eines Sachverhalts zu einem höheren Ziel erklärt als dessen Reproduktion, was der heutigen Entwicklung von den stufen- und schulformabhängigen Curricula hin zur Kompetenzorientierung entspricht, die mit Einführung der Bildungsstandards oberste Priorität im hessischen wie im deutschen Bildungssystem erhalten soll. Zum anderen steht das aktive Tun des Individuums zum Lernen im Sinne von tiefergehendem Verständnis im Vordergrund und rückt damit die Handlungsorientierung als methodisches Prinzip ins Zentrum des Lernprozesses.

Das Planspiel als stark handlungsorientierte Methode müsste daher heute so aktuell sein wie nie und trotzdem wird sie im Schulunterricht noch sehr wenig angewendet. Diese Arbeit stellt daher die Entwicklung und Methodik des Planspiels zunächst vor und definiert die Planspiel-Methodik. Daraufhin wird die Methode mit Hilfe ihrer Merkmale näher vorgestellt, um dann ihre Bedeutung für die politische Bildung in der Schule herauszustellen. Abschließend werden mögliche Erklärungsansätze für die nur langsame Entwicklung des Planspiels im deutschen Bildungssystem betrachtet sowie ihre Implementierung in den Unterricht diskutiert.

2. Entstehung und Entwicklung der Planspiel-Methodik

Die Planspiel-Methode ist im Vergleich zu anderen spielerischen Lernformen, die erst in den letzten 15 Jahren größere Beachtung in der didaktischen Fachdiskussion gefunden haben, eine sehr alte Methode.1 So gilt „das Schach-Spiel als strategisches Brettspiel zwischen zwei Spielenden [ ] als Urform des Planspiels.“2 Die Geburtsstunde des Planspiels wird auf eine militärische Simulationsübung im Jahr 1811 zurückgeführt, bei der in der preußischen Armee ein Sandkasten als Modell des Kriegsschauplatzes verwendet wurde und in ihm militärische Operationen durchgespielt wurden.3 Später wurde das Planspiel auch erfolgreich in der Wirtschaft, besonders in der Managementausbildung eingesetzt.4 Seit ca. 50 Jahren ist die Planspiel-Methode immer wieder im Gespräch, aber konnte sich trotzdem im deutschen Bildungssystem noch nicht durchsetzen.5 Im internationalen Vergleich gilt Deutschland daher als „Planspielentwicklungsland“, welches die Möglichkeiten der Methode, insbesondere in den Sozialwissenschaften, bei weitem nicht ausschöpft.6

3. Definition des Planspiels

Eine einheitliche Definition zum Begriff des Planspiels ist bis heute nicht zu finden. Besonders die Grenzen zu den Begriffen „Simulationsspiel“ und „Rollenspiel“ verschwimmen in der Literatur häufig und werden teilweise synonym verwendet.7 Oftmals wird das Planspiel auch als eine Variante des Simulationsspiels betrachtet.8 Wolfgang Grimm definiert das Planspiel als „ [ ] ein Lehrverfahren, das dem Lernenden Gelegenheit gibt, Entscheidungen für ein wirklichkeitsbezogenes, periodengegliedertes Zeitablaufmodell zu treffen und die Qualität der Entscheidungen aufgrund der quantifizierten Periodenergebnisse zu überprüfen.“9 Diese Auffassung liegt noch sehr nahe an der Verwendungsweise des Planspiels zu militärischen Zwecken oder in der Managementausbildung, bei denen es als eine Art Probelauf für den Ernstfall verstanden wird, in dem bestimmte Verhaltensweisen eintrainiert werden sollen. Ähnlich begreift auch Klaus Tiemann das Planspiel als „eine gedachte Lage oder Situation, einen Fall auf eine Lösung oder ein Ziel hin durchzuspielen. Es entsteht ein Denk-, Handlungs- oder Funktionsmodell durch spielende Personen, die ihrerseits am Modell Kenntnisse und Fertigkeiten, aber auch Fähigkeiten anwenden und erproben.“10 Hier kommt allerdings ein weiterer Aspekt hinzu, nämlich der eines ergebnisoffenen Ausprobierens, das nicht als Vorbereitung auf den Ernstfall zu verstehen ist, sondern ein Verständnis der Situation erwecken soll, indem die Konsequenzen auf das eigene Handeln erfahren werden können. Hinsichtlich dieses Gesichtspunktes deckt sich Tiemanns Ansicht im Kern mit der von Herbert Ammann, der unter dem Planspiel „eine Lehr- und Forschungsmethode, die sich vor allem dazu eignet, soziale Systeme, deren Aufbau und Funktionieren zu begreifen und begreiflich zu machen“ versteht. Weiterhin führt er aus, „im Planspiel können soziale Systeme abgebildet und von den Lernenden handelnd erlebt werden. Insofern kann das Planspiel auch als ein soziales Labor verstanden werden.“11 Diese Definition kommt der Verwendungsweise des Planspiels zu schulischen Lehrzwecken sehr nahe, die sich auch in der etwas jüngeren Literatur häufiger wieder findet. So fasst Wolfgang Mickel das Planspiel, konkretisiert auf Schule, als eine Situation auf, in der „ein(e) vorgegebene(r) Lage / Fall auf eine Lösung hin (über mehrere Stunden / Tage) anhand komplexer (dennoch meist reduzierter) (Original-)Materialien durchgespielt wird. So entsteht ein vereinfachtes Modell von Wirklichkeit, dessen pädagogische Sinn für die Spieler/innen in der erfahrbaren Transparenz von Entscheidungsprozessen und -strukturen liegt“12. Da in dieser Definition sowohl die pädagogische bzw. schulische Ausrichtung als auch wesentliche Merkmale des politischen Planspiels enthalten sind, soll diese für die weitere Arbeit leitend sein.

4. Merkmale und Formen des Planspiels

Das Kernelement des Planspiels ist der politische Entscheidungsprozess.13 Dazu nehmen die Schüler in der Regel Rollen ein, die mit bestimmten (politischen) Positionen behaftet sind und damit politische Institutionen, Organisationen oder Interessengruppen repräsentieren sollen.14 Durch die personengebundene Identifikation, die nicht gezwungenermaßen erfolgen muss, allerdings die Simulation authentisiert und veranschaulicht, und daher oftmals in das Planspiel implementiert wird, wird zugleich das soziale Lernen gefördert15. Innerhalb eines wirklichkeitssimulierenden Modells, welches die Rahmenbedingungen (bzw. Spielregeln) vorgibt, sollen die Schüler in einer inszenierten problem- oder konfliktbehafteten Situation interagieren, kommunizieren und Entscheidungen treffen.16 Es kann sich sowohl um ein tatsächliches als auch um ein fiktives Szenario handeln, das in Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft zu einem möglichen Konflikt führt.17 Eine weitere zentrale Eigenschaft des Planspiels ist die didaktische Reduktion. Dabei wird der politischen Realität ein Teil ihrer Komplexität genommen, die die Simulation einerseits nicht abzubilden vermag (wie beispielsweise die tatsächlich zur Verfügung stehende Zeit oder die Anzahl der Akteure) und andererseits nicht muss, solange die wesentlichen Bestandteile beispielsweise in Form einzelner typischer Daten, Strukturen, Bedingungen, Intensionen und Handlungsabläufe erhalten bleiben.18

Weiterhin kennzeichnend für das Planspiel in der Schule ist, dass „das Planungs- und Entscheidungshandeln der beteiligten Spielgruppen grundsätzlich auf die „hypothetische“ Lösung der anstehenden Probleme gerichtet ist, ohne dass freilich immer eine konsensfähige Lösung (Kompromiss) erreicht werden muss“19.

4.1 Aufbau und Phasen des Planspiels

Das Planspiel wird üblicherweise in drei Phasen eingeteilt, die zwar unterschiedlich benannt werden können, inhaltlich jedoch bei allen Autoren weitgehend übereinstimmen, weshalb eine genauere Unterscheidung zwischen den Termini der Autoren nicht Gegenstand der Arbeit sein wird. Stattdessen wird die inhaltliche Gliederung in Vorbereitungsphase, Spielphase und Reflexionsphase nach Peter Massing im Folgenden näher erläutert, da seine weitere Unterteilung der drei Phasen sehr praxisnah verläuft.

4.2 Die Vorbereitungsphase

Zu Beginn des Planspiels muss die Lehrkraft einen Fall bzw. ein Problem zu der von ihm ausgewählten Thematik finden, welcher im Sinne einer Adressatenorientierung die Schüler interessiert und mit dem sich die Schüler identifizieren können, so dass der Ausgangszustand eine motivierende Wirkung hat.20

Beginnend mit der Spieleinführung wird den Schülern das Planspiel vorgestellt. Dabei wird über die benötigten Rollen und Gruppen, vorgesehene Aufgaben und den Spielablauf informiert. Diese Phase sollte möglichst nicht abgeschlossen werden, solange noch Schülerfragen offen sind, um zu verhindern, dass Missverständnisse das Spiel behindern.21 In der anschließenden Informationsphase informieren sich die Schüler mit Hilfe des vom Lehrer zusammengestellten Informationsmaterials in Form von Zeitungsartikeln, Broschüren, Gesetzestexten etc. über die Problematik und die notwendigen Hintergründe.

[...]


1 Vgl. Scholz, Lothar: Spielend lernen: Spielformen in der politischen Bildung. In: Sander, Wolfgang (Hrsg.): Handbuch politische Bildung. 3. Aufl. Schwalbach: Wochenschau, 2005. S. 547.

2 Rappenglück, Stefan: Die Planspiel-Methodik. In: bpb.de, 06.04.2010.

URL: http://www.bpb.de/methodik/OQ8QI4.html [zuletzt abgerufen: 30.09.2010]

3 Vgl. Böhret, Carl / Wordelmann, Peter: Lernmodell virtuelle Zukunft. Experimentelle Politik im Planspiel TAU. Speyer: Forschungsinstitut für öffentliche Verwaltung, 1997. S. 3.

4 Vgl. Ammann, Herbert: Die Konzeption der Planspielmethode. Lernen in und an sozialen Systemen, eine Konkretisierung des Innovativen Lernens. Zürich: Zentralstelle der Studentenschaft, 1989. S. 7.

5 Vgl. Ebd. S. 7.

6 Vgl. Herz, Dietmar / Blätte, Andreas: Simulation und Planspiel in den Sozialswissenschaften. Eine Bestandsaufnahme der internationalen Diskussion. Münster: LIT, 2000. S. 1.

7 Vgl. Ammann 1989: S. 24.

8 Vgl. Scholz 2005: S. 558.

9 Grimm, Wolfgang: Simulationsgebundene Unterrichtsformen. Das Planspiel. In: Lehmann, Jürgen: Simulations- und Planspiele in der Schule. Bad Heilbrunn: Julius Klinkhardt Verlag, 1977. S. 33.

10 Tiemann, Klaus: Planspiele für die Schule. Methode und Praxis des Planspiels mit einer Beispielsammlung. Frankfurt am Main: Hirschgraben-Verlag, 1978. S. 9.

11 Ammann 1989: S. 37.

12 Mickel, Wolfgang: Methoden. Leitfaden durch die politische Bildung: eine strukturierte Einführung. Schwalbach / Ts: Wochenschau Verlag, 1996. S. 52.

13 Vgl. Massing, Peter: Planspiele und Entscheidungsspiele. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Methodentraining für den Politikunterricht. Bonn: bpb, 2004. S. 164.

14 Vgl. Mickel, Wolfgang: Methodik des politischen Unterrichts. Frankfurt am Main: Cornelsen Verlag, 1980. S. 195.

15 Vgl. Massing 2004: S. 164.

16 Vgl. Klippert, Heinz: Wirtschaft und Politik erleben. Planspiele für Schule und Lehrerbildung. Weinheim und Basel: Beltz Verlag, 1984. S. 41-42.

17 Vgl. Massing 2004: S. 165.

18 Vgl. Rappenglück, Stefan: Die Planspiel-Methodik. In: bpb.de, 06.04.2010.

URL: http://www.bpb.de/methodik/OQ8QI4.html [zuletzt abgerufen: 30.09.2010]

19 Klippert 1984: S. 42.

20 Vgl. Massing, Peter: Das Planspiel im Politikunterricht, Teil 2. In: Methodik zu Wochenschau-Themenheft. Nr. 6 / 1995. S. 3. URL: http://www.wochenschau-verlag.de/downloads/Planspiel 1.pdf [zuletzt abgerufen: 30.09.2010]

21 Vgl. ebd: S. 3.

Details

Seiten
16
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656164609
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v191558
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Institut für Didaktik der Sozialwissenschaften
Note
13
Schlagworte
Planspiel politische Bildung Methoden

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