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Der Film als Genderdiskurs: Männlichkeitsreflexionen in Fight Club

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 22 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Wann ist ein Mann ein Mann?
1.1. Männlichkeitskonstruktionen in Forschung und Medien
1.2. Krise der Männlichkeit (im Film)

2. Männliche Identitätskonstruktion und ihre Reflexion in Fight Club
2.1. „Jacks“ Identitätskrise und Ersatzkonstruktionen
2.2. Konsumorientierte Konstruktion von Männlichkeit und deren Kritik
2.3. Tyler Durden/Brad Pitt als mediales Idealbild
2.4. Ödipuskomplex und Kastrationsangst: Freudrezeption in Fight Club

3. Performative Männlichkeit in Fight Club
3.1. Performative Sexualität
3.2. Sixth Rule: No shirts, no shoes
3.3. Homosozialität und Performativität im Kampf

4. Zusammenfassung

1. Wann ist ein Mann ein Mann?

„ Männer kriegen keine Kinder, Männer kriegen dünnes Haar, Männer sind auch Menschen, Männer sind etwas sonderbar, ohh Männer sind so verletzlich, Männer sind auf dieser Welt einfach unersetzlich. Männer haben’s schwer, nehmen’s leicht, außen hart und innen ganz weich, werden als Kind schon auf Mann geeicht... Wann ist ein Mann ein Mann?“1

Mit diesen Zeilen sang sich Herbert Grönemeyer 1984 in die Charts und thematisierte damit die ambivalente Stellung der Männer in der heutigen Zeit. Tatsächlich hatten Männer es in ihrer traditionellen Rolle, so scheint es, noch nie so schwer wie heute. Oszillierend zwischen Familie, Haushalt, Freunden, Selbstbehauptung, starken Frauen, etc. müssen sie sich die Frage stellen, was denn nun „einen echten Kerl ausmacht“ und wie sie den Erwartungen gerecht werden können.

Dass auch das Medium Film diese Frage aufgreift, betrachtet, spiegelt und vorantreibt, soll in der folgenden Arbeit am Beispiel von David Finchers „Fight Club“ (1999) gezeigt werden. Untersucht werden dabei die Konstruktion von Männlichkeit, Männlichkeitsbild und -Identität sowie deren Reflexion unter Einbezug tradierter Gender-/Soziologie-/Psychologie- und Mediendiskurse die Männlichkeit betreffend. An dieser Stelle gilt es nicht, zu versuchen, das Thema der Männlichkeit und seinen historischen Diskurs in seiner Komplexität darzulegen und abzuhandeln, als vielmehr, wie der Film und paradigmatisch hierfür „Fight Club“, auf bestehende Stereotype, Inszenierungen und Probleme rekurriert, diese erweitert oder dekonstruiert und letztlich somit selbst Konstruktionen von Männlichkeit und Männlichkeitsbilder hervorbringt. Es geht darum, wie Kathrin Mädler schreibt, zu zeigen, dass „das konstruktivistische Verständnis von Gender zu einem Hauptthema der Filme wird, es in ihnen häufig ganz explizit um die Formierung und Entstehung männlicher Identität als Gender-Identität geht.“2

Einleitend soll nun grob skizziert werden, wie „Mann“ in der Forschung und in den Medien dargestellt und konstruiert wird, getreu der Frage: „Wann ist ein Mann ein Mann?“

Bevor ich auf einige Positionen näher eingehe und versuche, den Begriff der Männlichkeit zu umreißen, sei vorweg gesagt: die stabile Männlichkeit und deren Eigenschaften gibt es nicht. Wenn wir von Männlichkeit sprechen, so sind dies Konstruktionen der Männlichkeit, der Zusammenschluss von Stereotypen. Wie Herrad Schenk 1979 konstituierte, lassen sich lediglich empirische Forschungsergebnisse und Experimente verallgemeinern und einem gängigen Männerbild zuordnen, letztlich trägt dies aber zu einer weitergehenden Stereotypisierung bei.3

Den Beginn dieser Stereotypisierung setzt George L. Mosse Ende des 18. Jahrhunderts an und führt fort, dass das starke, selbstbewusste, mutige, etc. angestrebte Idealbild des Mannes sich seither kaum verändert hat:4 „A consistent and allembracing male stereotype had not yet emerged before the end of the eighteenth century, one that took in the whole personality and set a definite standard for masculine looks, appearance, and behaviour.“5 Im weiteren Verlauf korrelierte das Männerbild immerfort mit dem der Frauen: Durch die immer stärker werdende Frauenbewegung, die im 19. und 20. Jahrhundert gipfelte, war und ist das männliche Geschlecht ständig gezwungen, sich neu zu definieren und sich von dem weiblichen abzugrenzen. In klassischer Auffassung und stereotypisierter Verinnerlichung ließe sich diese Abgrenzung vornehmen als das starke, aktive Geschlecht des Mannes auf der einen, das schwache und passive Geschlecht der Frau auf der anderen Seite. Jedoch kritisierte schon Freud diese scharfe Trennung, da jedes Geschlecht beides besäße. Freud betonte da hingegen eine Ablehnung der weiblichen Eigenschaften auf beiden Seiten, zurückzuführen auf Kastrationsangst und Penisneid. Beide Geschlechter wollen stark, unverletzlich und „nicht kastriert“, eben: männlich sein.6 Dieser Konstruktion zufolge ist der Mann der „Prototyp“ und die Frau eine Abweichung dessen, „das Andere“. Zwar ohne Penis, aber mit der Möglichkeit, diesen - infolge dessen den Mann - durch Koketterie, etc. unter ihre Kontrolle zu bringen. Dies ist auch heute noch eine Ausgangsposition zur Konstruktion von Geschlechterdispositionen.7

Insbesondere durch die Konfrontation mit dem Aufkommen des Feminismus und eines neuen, „aufbegehrenden“ Frauenbildes in den 70er Jahren resultierte ein Machtkampf und ein Ringen des Mannes mit seiner Identität. Seit den 70er/80er Jahren entstanden also in Reaktion auf die feministische Bewegung die „Masculinty-Studies“, und somit eine neue Auslegungsart des Genderdiskurses. Untersucht wurden nun nicht mehr nur Hierarchien zwischen Mann und Frau, sondern auch zwischen Männern untereinander.8 Connel geht hierbei nicht nur von einer, sondern von mehreren Männlichkeiten aus und macht dabei vier Männertypen fest, wobei er die Typisierung als Handlungsmuster klassifziert: Hegemonie, Unterordnung, Komplizenschaft und Marginalisierung.9 Nicht unerwähnt bleiben darf an dieser Stelle auch Laura Mulvey, deren vielzitierter Aufsatz „Visual Pleasure and Narrative Cinema“ von 1975 die feministische Filmdebatte vorantrieb, häufig diskutiert wurde und wird. Mulvey stellt insbesondere den männlichen Blick, den „gaze“, auf die Frau als Subjekt im Film heraus, aber auch die Bedeutung des Blicks innerhalb des (Kino-) Apparats.10

In der aktuellen Forschung wird Gender und Geschlechteridentität, besonders aber Männlichkeit, mehr denn je als performativ begriffen. Auch Männer haben feminine Facetten, diese müssen aber unterdrückt werden, um dem (immer außer Reichweite stehenden) Ideal von Männlichkeit näher zu kommen.11 Letztlich bedeutet das, dass „männlich sein“ immer verbunden ist mit der Anstrengung, selbiges Ideal zu erreichen, infolge dessen der Mann unter dem permanentem Druck steht, sich zu beweisen. Männlichkeit lässt sich also, wie es Kathrin Mädler (unter Einbeziehung von Judith Butler) argumentiert, als „performatives Konstrukt“ bezeichnen.12 „It is not that we are our identity; rather, we perform our identity. Thus, we perform our gender and our sexuality. By these performances, we keep the system(s) of gender and sexuality alive.“13 Die Queer-Theory geht davon aus, dass Geschlecht durch seine ständige Performation entsteht und somit auch geändert werden kann.14 Einer solchen Theorie zufolge weist Männlichkeit „durch deren Infragestellung ein erhöhtes Krisen- und Dekonstruktionspotential auf, sie wird zunehmend als Repräsentationsprozess und nicht als feststehendes Produkt begriffen.“15

Auf nichts anderes rekurriert das Medium Film. Noch viel mehr als im bloßen Diskurs werden Stereotype aufgegriffen, verbildlicht und verarbeitet. Die Normen der Darstellungsweise unterliegen dabei dem Wandel der Zeit, aktuelle Trends fließen in den Film mit ein und werden somit zu filmischen Normen der Männlichkeit. Insbesondere kommt im „bewegten (Männer-)Bild“ das Prinzip der Performanz zum Tragen - äußert sich Männlichkeit im Film schließlich über audiovisuelle Zeichen, über Körper, Haltung und Handlung, die Bewegung, sowie Sprache etc.16 Auch im Film werden die als männlich erachteten stereotypen Eigenschaften aufgegriffen: Selbstbewusstsein, Souveränität, Entschlossenheit, Unabhängigkeit, Aktivität, Stärke, Ruhe, Durchsetzungsvermögen, Schlagfertigkeit, eine gewisse Emotionslosigkeit sowie auch die Tendenz zur Aggressivität.

Letzten Endes wird Film selbst dadurch Teil des Diskurses: Indem er aktuelle Entwicklungen und Positionen reflektiert, „thematisiert [er] hier also möglicherweise explizit, was in der Gesellschaft nur unterschwelliger Diskurs ist, und problematisiert gleichzeitig die gendertheoretische Überlegung, dass Männlichkeit hergestellt und konstruiert wird, indem Film selbst Gender auf einer Repräsentationsebene herstel]len muss.“17

Wie sieht diese Repräsentation der Männlichkeit im Film also aus? Während der Film der Nachkriegszeit damit beschäftigt war, die „Demokratie, Klassenlosigkeit und Individualität“ zu feiern und positive, verdrängende Tendenzen bemerkbar waren, sollte das (Film)Bild des Soldaten wieder zu dem einer bürgerlichen Identität gemacht werden.18 Beispielhaft sind hierfür Familien- und Heimatfilme der 40er-60er Jahre und natürlich auch die Werbung der 50er, insbesondere in Zusammenhang mit der Darstellung der Frauen als „Heimchen am Herd“ in dieser Zeit. Das Männerbild hingegen war ein toughes (Humphrey Bogart oder John Wayne).

In der Weiterentwicklung des Männlichkeitsbildes war, so Mosse, die Jugendbewegung von besonderer Bedeutung. Es entstand eine neue Populärkultur, die sich in Musik, Kleidung und im Film abzeichnete und auch ein neugeborener Starkult entstand - man denke hierbei an James Dean oder die Beatles. Die 68er Bewegung spielt hierbei eine große Rolle: sie führte zu einem neuen (langhaarigen) Bild der Männlichkeit. Androgynität, Anfang des 20. Jahrhunderts noch verschmäht, lebte neu auf und möglicherweise liegt hier auch der Ursprung für ein neues, „untypisches“ androgynes Männerbild der nachfolgenden Jahrzehnte, wie es z.B. Stars wie David Bowie, Boy George, Michael Jackson oder Bill von Tokio Hotel verkörpern.19

In den 70ern entstand eine neue Form des Actionkinos, bzw. des „New Hollywood“, deren Gemeinsamkeiten ein politischer Pessimismus und Illusionslosigkeit waren. Der neue Actionheld entstand: ein Mann, der über allem und für sich selbst steht und jenseits gesellschaftlicher Normen das Richtige tut. „Je orientierungsloser die Gesellschaft, desto entschlossener sein eigenes Handeln im Dienste idiosynkratischer Vorstellung von Moral, Vernunft und Gerechtigkeit.“20 Thomas Marsch geht davon aus, die Männlichkeit wird, um den Verlust eines stabilen Rollenbildes durch die Frauenbewegung zu kompensieren, in den 80ern bis hin zum Exzess getrieben.21 Augenfällig ist in dem Zusammenhang der Umgang mit dem männlichen Körper in dieser Zeit. Paradigmatisch hierfür ist beispielsweise Arnold Schwarzenegger, mit Muskeln bepackt und vor Kraft strotzend. Mädler sieht diese hypermaskuline Bewegung als Remaskulisierungsversuch, als Kontrastieren und Visualisieren des harten, Männlichen in Abgrenzung zum emotional Weiblichen.22

Den Körper der männlichen Protagonisten betreffend, lässt sich in den 90ern nun wieder eine Veränderung beobachten, die nicht zuletzt auf bisherige Diskurse und Entwicklungen, die aufgeführt wurden, rekurriert. Die Muskeln werden weniger, der Trend geht weg von Bodybuilding hin zu Fitness und Wellness,23 weiter noch, die Darstellungsweise der Körperlichkeit ist symptomatisch für eine sich in der Krise befindenden Männlichkeit.

Solche Krisen lassen sich bei einer konstruktivistischen Betrachtungsweise von Männlichkeit zyklisch immer wieder verorten, so zum Beispiel im Fin de siècle:

The enemies of modern, normative masculinity seemed everywhere on the attack: women were attempting to break out of their traditional role; „unmanly“ men and „unwomanly“ women [...] were becoming ever more visible. They and the movement for women’s rights threatened that gender division so crucial to the construction of modern masculinity.24

Die Frauenbewegung des 20. Jahrhunderts übte nun einen noch größeren Druck auf Männer aus, was dazu führt, dass Männlichkeit sich bis heute in der Umwälzung und ständiger Selbstreflexion befindet. Hinzu kommt die Forderung der erstarkten Frau ebenso wie der Psychologie, Mann solle mehr Gefühl, Reflexion, Einfühlsamkeit und Empfindungen zeigen.25

Im Film äußert sich dieses darin, dass Männer Schwäche zeigen, verzweifelt sind, weinen und (Versagens)Ängste haben - die problematische Stellung des Mannes wird im Film thematisiert und reflektiert.26

[...]


1 Herbert Grönemeyer: Männer, 1984, Songtext auf: http://www.magistrix.de/lyrics/Herbert%20Grönemeyer/Maenner-3960.html (21.7.2011).

2 Mädler 2008, S. 16.

3 Schenk 1979, S.13f.

4 Vgl. Mosse 1996, S. 3-5.

5 Ebd., S. 19.

6 Vgl. Nitzschke 2003, S. 62.

7 Vgl. Benz, 71-74.

8 Vgl. Mädler 2008, S.21f.

9 Vgl. Hißnauer/Klein 2002, S. 25-30.

10 Vgl. Greiner 1998, S. 7f.

11 Vgl. MacKinnon 2003, S. 6f.

12 Vgl. Mädler 2008, S. 24-28.

13 MacKinnon 2003, S. 5.

14 Vgl. ebd.

15 Mädler 2008, S. 34.

16 Vgl. Ebd., S. 20-25.

17 Mädler 2008, S. 13.

18 Vgl. Chopra-Gant 2006, ix und S.100.

19 Vgl. Mosse 1996, S. 184f.

20 Marsch 2002, S. 51.

21 Vgl. ebd., S. 52.

22 Vgl. Mädler 2008, S. 14.

23 Vgl. Marsch 2002, S. 63.

24 Mosse 1996, S. 78.

25 Vgl. Guggenbühl 1994, S.11-13.

26 Vgl. Mädler 2008, S.13f.

Details

Seiten
22
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656163084
ISBN (Buch)
9783656163329
Dateigröße
586 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v191556
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Deutsche Philologie
Note
1,0
Schlagworte
film genderdiskurs männlichkeitsreflexionen fight club

Autor

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