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Alltagsästhetik und politische Kultur

Hausarbeit 2003 25 Seiten

Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Facetten einer Ästhetisierung
2.1 Ästhetisierung der Lebenswelt
2.2 Ästhetisierung der Politik
2.3 Ästhetisierung der Lebensweise
2.4 Die sozialästhetische Segmentierung

3. Das Sinus Milieu-Konzept

4. Alltagsästhetik

5. Ätherisierung und politische Bildung

6. Schlußfolgerungen und Perspektiven für eine politische Bildung

7. Kritische Reflexion

8. Literatur-und Quellenverzeichnis

9. Anhang

1. Einleitung

Alltagsästhetik und politische Kultur – unter diesem Titel beschreiben die Autoren Berthold Bodo Flaig, Thomas Meyer und Jörg Ueltzhöffer ein Beziehungsgeflecht, dessen Relevanz im Kontext von Forschungen und Theorien zur politischen Bildung bis dato, hierin liegt ein wesentlicher Kritikpunkt der Verfasser, fast vollständig ausgeblendet wurde. Basierend auf Ergebnissen sozialwissenschaftlicher Forschungen, daß Alltagsästhetik zunehmend zum entscheidenden Faktor sozialer Differenzierungs- und Orientierungsprozesse wird, richtet sich ihr Fokus auf eben diesen Wandel und seinen Einfluß auf politische Bildung und politische Kommunikation.[1]

Der Paradigmenwechsel von einer durch ökonomische Determinanten wie Einkommen, Berufstruktur etc. streng vertikal untergliederten Gesellschaft, hin zu vermehrt durch sozialästhetische Kriterien wie Lebensstil und Habitus horizontal geprägten Gesellschafts- und Kommunikationsformen, resultiert dabei für die Autoren in vier zentralen Forderungen an politische Bildung:

1. Politische Bildung muß sich dieser Ausdifferenzierungen und den daraus folgenden Zugangsbarrieren zu den einzelnen Zielgruppen bewußt sein.
2. Danach müssen aus den milieuspezifisch unterschiedlichen Kommunikations-formen Ansatzpunkte für politische Bildung gewonnen werden.
3. Die Ästhetisierung der Lebenswelt muß aufgrund ihrer Bedeutung selber ins Zentrum politischer Bildung rücken.
4. Die durch eine sozialästhetische Partikularisierung der Gesellschaft entstehenden Verständigungsprobleme über gesamtgesellschaftlich relevante Fragen müssen zur zentralen Herausforderung von politischer Bildung werden.

Vor diesem Hintergrund soll zunächst auf Bedeutungen der Alltagsästhetik für politische Kultur eingegangen werden. Nach einer Einführung in das Lebensweltmodell der Sinus-Milieus werden Konturen einer hieraus abgeleiteten Alltagsästhetik skizziert, bevor daraus resultierende Folgen und Perspektiven für politische Bildung nachgezeichnet und in ihrer Herleitung und Darstellung hinterfragt und diskutiert werden sollen.

2. Facetten einer Ästhetisierung

2.1 Ästhetisierung der Lebenswelt

Die Ästhetisierung der sozialen Welt klassifizieren die Autoren nach vier Kategorien.

So konstatieren sie für den Bereich der Lebenswelt zunächst eine zunehmende Fokussierung auf die Wahrnehmung. Insbesondere die Visualisierung der Welt, stark geprägt durch das Leitmedium Fernsehen, steht dabei im Vordergrund. Die inszenierte Eigenrealität, die durch das Fernsehen geschaffen wird, avanciert für sie zum Paradigma von Erlebnissen, Erlebnisfähigkeit und der Produktion von erlebnisfähigen Kommunikationsangeboten und verdrängt die diskursive Erfahrung, Gesprächsorientierung und Auseinandersetzung mit der sozialen Welt. Dabei dominiert die Eindrucksinszenierung, die Wirkung bestimmt die Anordnung der Bilder; Differenzierungen, Zusammenhänge und Erklärungen fallen dieser Prämisse zum Opfer.

Für die politische Kultur sehen die Autoren zwei wesentliche Folgen: zum einen die schon angedeutete „Vorherrschaft der Logik der Bildunterhaltung über diejenige der Sprachlichkeit und des Dialogs“, zum anderen das „Unsichtbarwerden der Urheberschaft willentlich produzierter Weltbilder“.[2] Erstere führt dazu, daß nur das, was die Zutrittsbedingungen, mit den Worten der Autoren die „visuelle Logik“ kennt, auch Zugang zum öffentlichen Diskurs finden wird. Hier geschieht also bereits eine Selektion, eine, insbesondere auf die politische Kultur bezogen, signifikante Betrachtungsweise. Die zweite zielt darauf ab, daß das Bild, im Gegensatz zum Wort, nicht mehr unmittelbar auf einen Urheber verweist. Es kann eine Scheinwelt inszeniert werden, „über welche Absichten als Realitäten und Interessen als Berichte ausgegeben werden.“[3] Dies verändert und prägt unsere Kommunikations- und Gesellschaftskultur, bezogen auf politische Kultur hat es Auswirkungen auf die Urteilsfähigkeit des Bürgers.

2.2 Ästhetisierung der Politik

Diese Dimension beschreibt die Tendenz einer zunehmend auf Scheinhandeln angelegten symbolischen Politik im Sinne strategischer Zwecke. Argumente, Informationen oder Diskurse treten in den Hintergrund. Medienkonforme, symbolische Politik zielt vielmehr auf wirkungsvolle Inszenierung, der politische Schein regiert über Argumente, Probleme werden ausgeklammert. Für die Autoren ist symbolische Politik dadurch eine Form, um die Urteilsfähigkeit des Bürgers zu unterlaufen. Tenscher weist in diesem Zusammenhang darauf hin, daß für die große Mehrheit der Bevölkerung Politik in ihrer ganzen Komplexität nicht direkt erfahrbar ist. Dadurch wird, von der Öffentlichkeit weitestgehend unbemerkt, die mediengerechte Darstellung von Politik in Form von Ritualen, Stereotypen, Symbolen und geläufigen Denkschemata zur allgemein akzeptierten Vorstellung von politischer Wirklichkeit.[4] Für Flaig et al. entsteht hierdurch, angelehnt an Bernhard Claußen, die Befürchtung, daß die Adressaten von Politik diese so mehr und mehr als „inhaltsarme Veranstaltung“ beurteilen, sei es dadurch, daß sie die Inszenierung durchschauen oder sich von ihr blenden lassen.[5]

2.3 Ästhetisierung der Lebensweise

In diesem Abschnitt gehen die Autoren auf die Lebensstilgestaltung des Menschen ein. Zentrale Bedeutung erlangen dabei Waren, die u. a. durch die Werbung stilisiert zu Ausdrucksformen eines Lebensstils werden. So besitzen Waren per se in ihrer Darbietung bereits eine implizierte Lebensphilosophie (eine sicherlich überzogene These der Autoren), derer sich Mensch, abhängig vom sozialen Milieu, in unterschiedlich starkem Maße als Komponente für seinen Lebensstil bedient.[6] Sie können in Form alltagsästhetischer Symbole als Ausdruck einer Lebensphilosophie genutzt werden und erlangen, so die Autoren, damit einen identitätsbildenden Charakter. Die Dynamik in dieser Entwicklung ist u. a. in der Tatsache begründet, daß es Menschen heute, da ihre Grundbedürfnisse weitestgehend gedeckt sind, zunehmend möglich ist, sich auch an darüber hinausgehenden Lebensentwürfen zu orientieren. Gleichermaßen treten traditionelle Zwänge der Lebensführung in den Hintergrund. Hierin, d. h. in der Auflösung verbindlicher sozialer Orientierungen sei aber auch eine Gefahr in Richtung einer zunehmend unsichereren Identitätsbildung begründet, so die Verfasser. Sinnliche Symbolstrukturen gewinnen an Bedeutung, der alltagsästhetische Stil wird zum Inhalt. Für das Individuum selbst im Sinne der eigenen Positionierung, als Ausdruck der grundlegenden Wertvorstellungen, Wissensmuster etc., für den Gegenüber als Orientierungshilfe.

Als Auswirkungen auf die politische Kultur, bzw. dessen Wahrnehmung hat das folgende Konsequenzen: Zum einen ist die jeweilige ästhetische Lebensweise ausschlaggebend für die Wahrnehmung von Politik, zum anderen benutzt der einzelne die Kommunikationsangebote nur, wenn „der alltagsästhetische Rahmen, in dem das geschieht, den Prägungen entspricht, die seine ästhetische Lebensweise im Ganzen kennzeichnet. Die ästhetische Lebensweise hat mithin eine hochselektive Wirkung für die Situationen und Formen von Politikvermittlung.“[7]

2.4 Die sozialästhetische Segmentierung

Die im vorangegangen Abschnitt skizzierte Ästhetisierung der Lebensweise führt zu einer Segmentierung der Lebensstile. Die alltagsästhetischen Zeichensysteme symbolisieren dabei die jeweilige Lebensphilosophie, sie markieren aber gleichzeitig auch die Abgrenzung zu anderen Lebensstilen. Soziale Milieus sind Lebensstilgemeinschaften. Diese sind charakterisiert durch eine erhöhte Binnenkommunikation einerseits und Distanzierungseinstellungen gegenüber anderen Milieus andererseits. Dabei weisen die Autoren darauf hin, daß die Differenzierung aufgrund sozialökonomischer Faktoren an Dominanz verloren hat und zunehmend durch alltagsästhetische Muster überlagert wird. Dies geschieht, d. h. die Selbstzuordnung zu einem Milieu und Abgrenzung zu anderen sozialen Gruppen, über alltagsästhetische Signale, wie Gestik und Mimik, Handlungen, Reaktionen und Verhaltensweisen. Daraus folgt eine neue Form sozialästhetischer Entfremdung, bisher geltende Kommunikations- und Lebenszusammenhänge werden getrennt.

Für die politische Kultur hat das die Folge, daß, aufgrund der sich differenzierenden Kommunikationsgewohnheiten, die Konzeption eines politischen Kommunikations-angebotes, welches über Milieugrenzen hinweg Akzeptanz findet, also divergente Ansprüche der Ansprache bzw. Veranstaltungskultur integriert, schwierig zu entwerfen ist – eine Gefährdung politischer Integrationsfähigkeit. Daraus resultiert für die Autoren folgende Forderung: „Eine politische Kultur, die unter diesen veränderten Umständen sozialästhetischer Segmentierung die Chancen zu einem gesamtgesellschaftlichen politischen Diskurs in den sozialen Kommunikationsformen schafft, müßte die Öffnung des sozialen Raumes organisieren. Daran mitzuwirken dürfte künftig eine der zentralen Aufgaben politischer Bildung sein.“[8]

3. Das Sinus Milieu-Konzept

In der deutschen Soziologie besteht weitestgehend Konsens darüber, daß die Ausformung von Lebensstilen zunehmend weniger durch Schichtzugehörigkeiten determiniert ist. Die Differenzen hinsichtlich bestehender Lebensstiltheorien beziehen sich vielmehr auf das Ausmaß der Freiheit des Individuums, seinen Lebensstil selbst bestimmen zu können.

Das Sinus-Institut in Heidelberg, Bodo Berthold Flaig ist neben Dorothea Nowak Geschäftsführer dieses Instituts, erfaßt seit 1979 kontinuierlich Lebensweltmodelle für die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland.[9] Die Erfassung der Sinus-Milieus geht dabei von der Lebenswelt und dem Lebensstil der Menschen, z. B. von Wertorientierungen, kulturellen und ästhetischen Neigungen[10] aus. Im Unterschied zur klassischen Schicht- oder Klasseneinteilung handelt es sich bei Sozialen Milieus nicht um formale, dekontextualisierte, auf demografischen Kriterien wie Schulbildung, Beruf oder Einkommen beruhende Klassifikationen, sondern um inhaltliche. „Im Gegensatz zu sozialen Schichten beschreiben die Sinus-Milieus real existierende Subkulturen in unserer Gesellschaft mit gemeinsamen Sinn- und Kommunikationszusammenhängen in ihrer Alltagswelt“, so die Sinus Sociovision GmbH in ihrer Informationsschrift zu den Sinus-Milieus 2002.[11]

Sinus negiert in seinem Modell jedoch nicht den Fortbestand sozialhierarchischer Strukturen, d. h. es geht nicht, wie etwa Gerhard Schulze, von einer umfassenden Vertikalisierung der Gesellschaft aus.[12] Dies wird u. a. deutlich, wenn man beispielsweise die Positionierung des Traditionellen Arbeitermilieus mit der des Hedonistischen Milieus vergleicht. Läßt sich bei ersterer ein kausaler Zusammenhang bzw. eine Gebundenheit an eine sozial-hierarchische Schicht erkennen, ist die Positionierung des Hedonistischen Milieus hingegen in diesem Sinne nicht vorbestimmt.[13]

[...]


[1] Zur Fixierung des Begriffes Ästhetik im Zusammenhang mit Alltagsästhetik sei erwähnt, daß sie für die Autoren den „Sinn eines qualitativen Bedeutungszuwachses von Sinnenorientierung, Bildlichkeit, Wahrnehmungszentrierung im Gegensatz zu Sprachlichkeit, Diskursorientierung oder sozio-ökonomischen Kategorien hat und nicht auf die Bedeutungsbereiche Kunst und Kunsttheorie angelegt ist.“ vgl. Flaig, Berthold Bodo, Meyer, Thomas, Ueltzhöffer, Jörg. Alltagsästhetik und politische Kultur. Zur ästhetischen Dimension politischer Bildung und politischer Kommunikation. Bonn, Dietz, 1993, S. 10

[2] Flaig et al., a. a. O, S. 14

[3] Flaig et al., a. a. O., S. 16

[4] vgl. Tenscher, Jens. Politik für das Fernsehen – Politik im Fernsehen. In: Sarcinelli, Ulrich. Politikvermittlung und Demokratie in der Mediengesellschaft, Bonn, BpB, 1998

[5] vg. Flaig et al., a. a. O., S. 21 f.

[6] Auf das Lebensweltkonzept der Sinus-Mileus wird in Kapitel 3 noch näher eingegangen.

[7] Flaig et al., a. a. O., S. 23

[8] Flaig et al., a. a. O., S. 31 f.

[9] Das erste gesamtdeutsche Lebensweltmodell von Sinus wurde 2001 vorgestellt.

[10] Dies aber nicht im Sinne von Lifestyle-Typologien, die vergleichsweise rasch sich ändernde Oberflächenphänomene klassifizieren, sondern eher die Tiefenstrukturen sozialer Differenzierung betreffend. vgl. Flaig et al., a. a. O., 57 f.

[11] http://www.sinus-milieus.de/content/grafik/kurzbeschreibung%20012002.pdf, Stand: 11.12.2002

[12] vgl. Schulze, Gerhard. Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart. Frankfurt am Main, Campus, 1992, S. 166 f.

[13] vgl. Flaig et al., a. a. O., Abbildung auf S. 74

Details

Seiten
25
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638233378
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v19155
Institution / Hochschule
Universität Siegen – Medien-Planung, -Entwicklung und -Beratung
Note
1,0
Schlagworte
Alltagsästhetik Kultur Politik Unterhaltung Weltbild- Politikvermittlung Medienformate

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