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Melancholie. Aspekte der Depressionsforschung des 19. und 20. Jahrhunderts

Am Beispiel Kaiserin Elisabeths von Österreich

von Lisa Fink (Autor)

Seminararbeit 2012 16 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Biographie Kaiserin Elisabeths

3. Begriffsklärung
3.1. Melancholie
3.2. Depression

4. Ursachen und Hintergründe der Depression am Beispiel Elisabeths
4.1. Das genetische Risiko und das Familiensystem
4.2. Mangelernährung als Ursache und Symptom
4.3. Traumata
4.4. Mangelnde Selbstverwirklichung und Sinnverlust

5. Die Symptomatik der Depression am Beispiel Elisabeths
5.1. Äußerer Eindruck
5.2. „Losigkeits“-Symptome
5.3. Suizidgedanken und selbstzerstörerisches Verhalten
5.4. Einsamkeit und Isolation
5.5. Grübelei, Selbstvorwürfe und Pessimismus

6. Schlusswort

7. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

In den Medien ist die Thematik hochaktuell. Als „neue Volkskrankheit“ der heutigen Industriestaaten wird die Depression immer häufiger bezeichnet.[1] Dies vermittelt den Eindruck, die Depression sei lediglich ein Phänomen der heutigen Zeit. Tatsächlich ist die Melancholie, von der man sprach, bevor man den Begriff durch das Krankheitsbild der Depression ersetzte, seit jeher ein Thema unter den Menschen. Im Laufe der Jahrhunderte wurden ihr dabei stets unterschiedliche Ursachen und Bedeutungen zugeschrieben.

Das Phänomen der Depression fasziniert nicht zuletzt auf Grund seiner Transparenz, seiner Komplexität. Da sich die Wissenschaften bislang nicht auf eine einzige Ursache der Krankheit einigen konnten, sowie auf Grund der Schwierigkeit, die Depression von einer kurzfristigen Verstimmung zu unterscheiden, wird der Begriff im Alltagsgebrauch großteils umgangssprachlich als Synonym für schlechte Laune verwendet.

Als Faszinosum gilt sie nicht zuletzt auch auf Grund der Darstellung und Verherrlichung in Kunst und Literatur. Insbesondere die Romantik bediente sich der Melancholie als Hauptmotiv und verdeutlichte die Ästhetik des Düsteren und Sehnsuchtsvollen in der Multidimensionalität der menschlichen Seele, sowie in der Natur.

Das Interesse an der Thematik der Depression stieg insbesondere im Laufe des 19. Jahrhunderts. Ihre Bedeutung und Komplexität stellt ein breites, interdisziplinäres Forschungsfeld, nicht nur für Medizin und Psychologie, sondern darüber hinaus u.a. auch für die Literaturwissenschaft, die Soziologie, sowie für die Geschichts- und Kulturwissenschaften dar.

In der vorliegenden Arbeit sollen wesentliche Aspekte des Krankheitsbildes der Depression, bzw. der Melancholie, am Beispiel der zeitlebens zur Melancholie neigenden österreichischen Kaiserin Elisabeth (1837-1898) erläutert werden.

Als Quelle hierzu dienen, auf der Mikroebene, Selbstzeugnisse, sowie Aussagen von Zeitgenossen der Kaiserin Elisabeth, sowie, auf der Makroebene, historische, als auch zeitgenössische Definitionen und Forschungserkenntnisse zu der Thematik der Depression, bzw. Melancholie, des 19. und 20. Jahrhunderts.

2. Die Biographie Kaiserin Elisabeths

Elisabeth Amalie Eugenie wird am 24.12.1837 in München, als Tochter von Herzog Max und Herzogin Ludovika in Bayern, geboren. Sie verbringt eine unbeschwerte Kindheit in München, sowie im Sommersitz der Familie, in Possenhofen.

Nach der Verlobung mit Kaiser Franz Joseph 1853 in Bad Ischl, findet am 24. April 1854 die Hochzeit in Wien statt.

Elisabeth bringt vier Kinder zur Welt. Tochter Sophie verstirbt 1856 einjährig während einer Ungarnreise. Im selben Jahr erblickt Tochter Gisela das Licht der Welt, 1858 der Thronfolger Kronprinz Rudolf. An ihren Kindern und deren Erziehung zeigt Elisabeth nach dem Tod der ersten Tochter nur noch wenig Interesse, mit Ausnahme von Marie Valerie, die sie gerne als „Die Einzige“ bezeichnet.

Auf Grund ihrer schlechten gesundheitlichen Verfassung verbringt Elisabeth ab 1860 längere Kuraufenthalte, u.a. auf Madeira, Korfu und in Venedig. Diese ersten Reisen stellen den Beginn einer lebenslangen Odysee dar, die Elisabeth zeitlebens quer durch Europa und darüber hinaus führen soll, stets auf Distanz zu dem ungeliebten Wiener Hof und der Familie. Ihres Rufes als eine der schönsten Frauen ihrer Zeit, ist sich Elisabeth durchaus bewusst. Sie betreibt einen regelrechten Schönheitskult, der u.a. extreme Diäten, sowie an die Grenzen der Belastbarkeit stoßende Turnübungen einschließt. Neben den enormen Strapazen, die Elisabeth ihrem Körper zufügt und dem schlechten gesundheitlichen Zustand, leidet Elisabeth zeitlebens unter starker Melancholie und Todessehnsucht, was sie in ihren zahlreichen, im Stile ihres Vorbildes Heinrich Heines verfassten Gedichten, zum Ausdruck bringt.

1867 werden Elisabeth und Franz Joseph, im Rahmen des Ausgleichs mit Ungarn, zu König und Königin von Ungarn gekrönt, ein Jahr später wird Elisabeths jüngste Tochter Marie Valerie geboren.

Einen besonders großen Schicksalsschlag erleidet Elisabeth 1889: Kronprinz Rudolf nimmt sich, mit seiner Geliebten, in Mayerling das Leben. Elisabeth trägt von diesem Tage an ausnahmslos nur noch schwarze Kleidung und zieht sich mehr denn je von ihren repräsentativen, sowie familiären Pflichten zurück.

Während eines Aufenthaltes in Genf wird die 61-jährige, lebensmüde Elisabeth am 10. September 1898 von dem italienischen Anarchisten Luigi Luccheni auf offener Straße erstochen.[2]

3. Begriffsklärung

3.1. Melancholie

Der Begriff der Melancholie stammt ursprünglich aus dem Griechischen und bedeutet „Schwarzgalligkeit“ (mélas „scharz“, chole „Galle“). Gemeint ist damit eine psychische, in der Regel durch traurige Verstimmung, Willens-, Denk- und Antriebshemmung, sowie ein Gefühl der inneren Leere gekennzeichnete Verfassung. Sie wird gelegentlich auch mit der endogenen Depression gleichgesetzt.

Begriffsgeschichtlich muss unterschieden werden zwischen der Melancholie als Krankheit und dem Melancholiker als Typus, der neben dem Sanguiniker, Choleriker und Phlegmatiker, den traditionellen „vier Temperamente“ zugeordnet wird.

Gleichzeitig gibt es die Melancholie als eine vorübergehende Gemütsstimmung, die durch Nachdenklichkeit, Schmerzlichkeit, Nostalgie und Traurigkeit geprägt und auf die Außenwelt u.a. als „melancholische Abendstimmung“ projiziert wird.

Die Melancholie gilt in Antike und Mittelalter hauptsächlich als Krankheitsbegriff. Durch die hippokratische Schrift „Über die Natur des Menschen“ wurde die „schwarze Galle“ als Körpersaft in die Humoralpathologie eingeführt. Demnach entstehen körperliche, sowie insbesondere seelische Leiden, aus krankhaft vermehrter oder veränderter schwarzer Galle.

Diese Lehre der Melancholie blieb bis Ende des 18. Jahrhunderts maßgebend. Nach mittelalterlicher Theorie entwickelt sich die Melancholie insbesondere unter dem Einfluss des Planeten Saturns.[3]

Die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm definieren in ihrem „Deutschen Wörterbuch“ die Bedeutung der Melancholie ab dem 17., bzw. 18. Jahrhundert, als „Temperament des Leibes“ und als „Gemütsbeschaffenheit“. Als melancholisch gelten demnach all jene, „die solches temperament oder solche krankheit haben“.[4]

3.2. Depression

Die Depression (frz. von lat. Depressio „das Niederdrücken“) bezeichnet in Medizin und Psychologie einen Zustand von Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit, Antriebslosigkeit und Passivität von unterschiedlicher Dauer (Tage bis viele Wochen) und Ausprägung. Die Ursachen der Depression sind vielfältig. Sie kann eine verständliche seelische Reaktion auf den Verlust eines nahe stehenden Menschen sein, ebenso auf schwere Misserfolge, Enttäuschungen, Demütigungen, Konflikte, sowie seelische und körperliche Misshandlungen. Im psychiatrischen, wie psychologischen Sinn, ist die Depression jedoch ein über eine normale Trauerreaktion hinausgehender Zustand, bei welchem kein unmittelbarer zeitlicher Zusammenhang zu einem belastenden Ereignis vorliegen muss und der sich durch diverse Verhaltensstörungen im emotionalen, sowie körperlichen Bereich, ausdrücken kann.[5]

Obgleich die Formen der Depression zahlreich sind, unterscheidet man grob drei Arten: die endogene Depression, zu der man die schizophrene, zyklische, periodische und die Spätdepression zählt, die somatogene Depression, welche die organische und symptomatische Depression einschließt, sowie die psychogene Depression, der die neurotische, die Erschöpfungs- und reaktive Depression zugeordnet werden.

Während man bei der endogenen Depression von Stoffwechselstörungen im Gehirn ausgeht, wird die somatogene Depression in direkten Zusammenhang mit körperlichen Erkrankungen gestellt. Die psychogene Depression wird stets in Zusammenhang mit - meist nachweisbaren - seelischen Anlässen gestellt.[6]

Ab dem 19. Jahrhundert beginnt mit Emil Kraeplins Einteilung seelischer Krankheiten und Freuds 1895 vorgelegten Arbeit über die Melancholie, die moderne Auffassung der Depression als ein zu den Geisteskrankheiten zählendes Geschehen. Freuds Werk „Trauer und Melancholie“ beeinflusste unsere heutige Wahrnehmung der Depression erheblich. Aus den Werken Kraeplins und Freuds entwickelte sich eine Spaltung, die die Medizin bis heute in Bann hält: Die Spaltung zwischen der psychobiologischen Sicht Kraeplins, sowie der rein psychologischen Auffassung Freuds.[7]

[...]


[1] http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,776751,00.html, aufgerufen am 03.03.2012

[2] Conte Corti, Egon Caesar 1934: Elisabeth. Die seltsame Frau. Wien: Styria

[3] Brockhaus Enzyklopädie. Brockhaus F.a.: Leipzig 2005, S.203

[4] http://woerterbuchnetz.de/DWB/?sigle=DWB&mode=Vernetzung&lemid=GM03615, aufgerufen am 03.03.2012

[5] Brockhaus Enzyklopädie. Brockhaus F.a.: Leipzig 2005, S.402

[6] Steinmeyer, Eckhard M. 1980: Depression. Ätiologie, Diagnostik und Therapie. Stuttgart: Kohlhammer, S.13

[7] Dahlke, Ruediger 2006: Depression. Wege aus der dunklen Nacht der Seele. München: Goldmann, S. 109

Details

Seiten
16
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656164937
ISBN (Buch)
9783656165033
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v191547
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Insitut für Volkskunde/Europäische Ethnologie
Note
1,0
Schlagworte
Depression Melancholie Gesundheitsforschung Volkskunde Europäische Ethnologie Sissi Sisi Kaiserin Elisabeth Österreich

Autor

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    Lisa Fink (Autor)

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Titel: Melancholie. Aspekte der Depressionsforschung des 19. und 20. Jahrhunderts