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Fernsehheldinnen als Alltagsorientierung

Eine qualitative Untersuchung zu "Disney's Kim Possible"

Masterarbeit 2011 99 Seiten

Frauenstudien / Gender-Forschung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Danksagung

1 Einleitung

2 Vorbemerkungen: Geschlecht, Geschlechterstereotype und „doing gender“

3 Aufarbeitung des Forschungsfeldes
Exkurs: Kartographie deutscher Wohnzimmer
3.1 Geschlechterdifferenzen im Fernsehverhalten von GrundschülerInnen
3.2 Geschlechterverhältnisse im Kinderfernsehen
3.3 Medial geleitete Sozialisation
Exkurs: Kindheitsforschung
3.3.1 Parasoziale Interaktion und Wissen aus innerer Repräsentation
3.3.2 Spieltheoretische Annahmen

4 Disneys Kim Possible
4.1 Sendungsanalyse
4.1.1 Inhalt
4.1.2 Repräsentation
4.1.3 Figuren und Akteure
4.2 „Sie kann alles, er nicht“: Genderkonstruktion in der Serie
4.3 Das Phänomen Kim Possible: Erklärungen für das Erfolgsrezept
4.3.1 „Oben drüber“ statt „unten durch“?
4.3.2 Typisch Zeichentrick oder doch Anime?

5 Untersuchungsmethode
5.1 Anlage der Untersuchung
5.2 Das qualitative Interview als Erhebungsinstrument
5.2.1 Wahl und Begründung der Erhebungsmethode
5.2.2 Darstellung des Erhebungsinstruments
5.3 Durchführung der Erhebung
5.4 Auswertung der Daten

6 Interpretation der Daten

7 Diskussion der Ergebnisse und Evaluation
7.1 Einordnung in die Fachdiskussion
7.2 Evaluation
7.2.1 Kritische Reflexion der eigenen Untersuchung und offene Fragen
7.2.2 Ausblick

Schlussbemerkungen

Glossar

Literaturverzeichnis

Anhang

Danksagung

Zunächst möchte ich mich bei meinen beiden begleitenden DozentInnen Dr. Ulrike Graff und Prof. Dr. Oliver Böhm-Kasper für die Betreuung und Unterstützung während dieser Arbeit bedanken.

Zudem bedanke ich mich bei Frau Mittag und Frau Poggenborg der MatthiasClaudius-Schule in Münster-Handorf, Frau Bredenjürgen-Dimmeler und Frau Jeske der Michaelsschule in Münster-Gievenbeck sowie allen beteiligten SchülerInnen und Eltern, die mir die Durchführung der dieser Arbeit zugrunde liegenden Interviews erst ermöglicht haben.

Letztlich gilt mein besonderer Dank Doris Christoph und Sebastian Schaaf, welche mich mit zahlreichen fachlichen Diskussionen, Ratschlägen und Hilfestellungen bei Problemfällen unterstützten und mir zur Seite standen.

1 Einleitung

„Fernsehen spielt im Alltag der Heranwachsenden, für ihre Entwicklung, Lebensorientierung und Daseinsbewältigung eine maßgebliche Rolle. Kindheit ist heute mediatisierte Kindheit in einer unübersichtlichen Welt.“

Auszug aus der Präambel des „Runde[n] Tisches - Qualitätsfernsehen für Kinder“ vom 4. November 1996 (zit. nach Bachmair 2005: 2)

Was sich 1996 bereits zeigte, gilt heute mehr denn je: Nach wie vor stellt das Fernsehen das zentrale Medium für Kinder dar. Laut medienpädagogischem Forschungsverbund Südwest (mpfs) belege dies die Häufigkeit der Nutzung: 95 Prozent der in der KIM-Studie1 2010 befragten Kinder sehen mindestens einmal pro Woche - 76 Prozent sogar jeden bzw. fast jeden Tag fern. Bereits bei den Sechs- bis Siebenjährigen säßen 74 Prozent jeden oder fast jeden Tag vor dem Fernseher. Nach Angaben der befragten HaupterzieherInnen sähen Kinder im Alter zwischen sechs und 13 Jahren im Durchschnitt 98 Minuten pro Tag fern, wobei die Konsumdauer mit zunehmendem Alter der Kinder sogar noch deutlich zunehme (vgl. ebd.). Mit anderen Worten: „Das Fernsehen ist auch weiterhin das Medium, auf das Kinder am wenigsten verzichten können“ (KIM-Studie 2010: 19). Dies zeigt sich auch bei der Betrachtung der Idolfindung von Kindern: Fast zwei Drittel der befragten Kinder (62%) nannten eine Person oder eine Figur, für die sie besonders schwärmten. Wiederum nannte knapp die Hälfte von ihnen eine Person aus Film und Fernsehen. Dies stelle, im Vergleich zur vorangegangenen KIM-Studie aus dem Jahr 2008, einen deutlichen Anstieg (+12%) dar (vgl. ebd.). Das Fernsehen als Leitmedium bietet Kindern also Personen oder Figuren, für welche sie schwärmen und/oder denen sie nacheifern können. Diese Fernsehidole, so Rogge (2007), verkörpern für Kinder Mut, List, Stärke und Fantasie. Sie dienten ihnen als Spiegel für Wünsche und Träume:

„Kinder finden in Figuren, was der Alltag nicht oder nur in Grenzen zulässt, was man sich selbst nicht traut, wie man sein möchte - oder die Figuren stellen auf liebenswürdige Weise eigene Schwächen vor. […] [H]eldInnen bearbeiten auf symbolische Art und Weise alltägliche Ohnmachtsgefühle, indem sie Heldengestalten vorführen, die sich mit Witz, Fantasie und Humor zu behaupten wissen, die sich nicht alles gefallen lassen, weil sie ständig neue Einfälle haben, die mit Tricks und Sprüchen Chaos stiften und mit List und Tücke die intellektuellen Machtansprüche von Erwachsenen außer Kraft setzen“ (Rogge 2007: 50).

Gerade von MedienheldInnen lernten Kinder einen angemessenen Umgang mit Emotionen, so Rogge (2007) weiter. Jungen und Mädchen brauchen also HeldInnen, welche sich mit ihren persönlichen Alltagserfahrungen auseinandersetzen und ihnen somit eine gewisse Orientierung liefern. Auch Zeichentrickprogramme, welche bei Kindern nach wie vor zu den beliebtesten Fernsehformaten zählten (vgl. Feierabend/Klingler 2010), hätten hierbei mehr mit kindlichen Alltagserfahrungen zu tun, als die meisten Erwachsenen vermuten würden (vgl. Rogge 2007). Die vorliegende Arbeit zur Erlangung des akademischen Grades „Master of Arts“ im Studiengang Gender Studies beleuchtet daher eben jene Alltagsorientierung, welche Kindern durch das Fernsehen und die in ihm präsentierten HeldInnen geliefert wird. Eine erste Themeneingrenzung erfolgt in der Konkretisierung des Begriffs „Alltagsorientierung“. Alltagsorientierung wird hierbei nicht im Thierschen Sinne der Lebensweltorientierung (vgl. Thiersch 2005) verstanden.

Alltagstagsorientierung am Fernsehen meint im Fall der vorliegenden Arbeit vielmehr die Orientierung der KonsumentInnen an dargestellten Geschlechtsrollen und deren Integration in ihren Alltag. Beinzger (2003) erläutert hierzu:

„Im Verlauf ihrer ein Leben lang andauernden Sozialisation entwickeln Menschen Vorstellungen davon, welche Verhaltensweisen sowie Denkmuster, Gefühle, und Charaktereigenschaften mit einer Identität als Frau oder Mann einhergehen. Besonders Film und Fernsehen, die als nachhaltige Sozialisationsinstanzen durchaus ernst zunehmen sind, stellen Geschlechterbilder zur Verfügung, die als Identifikationsangebote und Subjektpositionen für die Ausgestaltung von Geschlechtsidentität herangezogen werden können“ (ebd.: 111).

Da eine umfassende Analyse des Gesamtfernsehprogramms oder auch nur des deutschsprachigen Kinderfernsehens schwerlich im Rahmen einer Masterarbeit möglich ist, beschränkt sich die Untersuchung auf die Analyse einer ausgewählten Kindersendung: „Disney's Kim Possible“. Bei dieser Sendung handelt es sich um eine in den Jahren 2002 bis 2007 produzierte Zeichentrickserie der „Walt Disney Company“, in deren Zentrum die Hauptfigur und Namensgeberin Kim Possible steht, welche mit ihren Freunden als „Team Possible“ die Welt vor SchurkInnen rettet. Die Serie wurde aus mehren Gründen ausgewählt: Zum einen wegen ihres Ausstrahlungszeitpunkts. Laut der im „AGF/GfK Fernsehpanel“ (vgl. Feierabend/Klingler 2010) untersuchten Senderpräferenzen stellt Super-RTL den beliebtesten Fernsehsender der Drei- bis 13-Jährigen dar. Ein Blick auf die Fernsehnutzung dieser Gruppe im Tagesverlauf zeigt, dass die meisten der Kinder gegen 18.15 Uhr erreicht werden (vgl. ebd.). Da „Disney’s Kim Possible“ zu Beginn der Untersuchung nicht nur zu diesem Zeitpunkt, sondern auch auf Super-RTL ausgestrahlt wurde, kann aus Sicht der Forschenden von einer hohen Popularität der Serie ausgegangen werden. Diese Annahme bestätigt sich auch durch Götz’ (2007) Untersuchung hinsichtlich der Lieblingsfiguren von Kindern im deutschsprachigen Fernsehen. Von Jungen und Mädchen genannte Lieblingsfiguren wurden in eine Rangordnung gebracht, die folgendes Ergebnis erbrachte: Aus dieser ergäbe sich, dass die Protagonistin „Disney’s Kim Possible“’s nicht nur die zweitbeliebteste Heldin der befragten sechs- bis zwölfjährigen Mädchen darstellt, sondern auch den fünften Platz der beliebtesten Fernsehfiguren bei den sechs- bis siebenjährigen Jungen einnimmt. Kim Possible zählt also nicht nur bei beiden Geschlechtern zu den beliebtesten FernsehheldInnen - sie wurde darüber hinaus als einzige weibliche Figur von Jungen angegeben (vgl. Götz 2007). Zudem zeigt eine nähere Betrachtung der Genderkonstruktion der Serie, dass größtenteils keine Geschlechterstereotype reproduziert werden, sondern im Gegenteil eher von einer Umkehr der sonst üblichen Geschlechtsrollen gesprochen werden kann (vgl. Kapitel 4.2). Aus diesen G]ründen wurde sich dazu entschlossen, KonsumentInnen der Serie zu deren Einfluss auf ihren Lebensalltag - vor allem in Hinblick auf Genderthematiken - zu befragen.

Die Befragung beschränkte sich auf Grundschülerinnen der dritten und vierten Klasse, d.h. auf Mädchen im Alter zwischen neun und zehn Jahren. Eine entsprechende Alterseingrenzung auf diese Gruppe erfolgte aufgrund der Daten des AGF/GfK-Fernsehpanels: Diesem zu Folge habe, trotz insgesamt sinkender Zahlen, die Dauer des Fernsehkonsums bei Kindern im Grundschulalter zugenommen (vgl. Feierabend/Klingler 2010). Da sich Schwierigkeiten bei der Rekrutierung männlicher Teilnehmer ergaben, erfolgte schließlich die letzte Eingrenzung der Untersuchung auf rein weibliche Versuchspersonen.

Im Fokus der vorliegenden Arbeit stehen nun also folgende Fragen: Welche Geschlechterbilder werden in „Disney’s Kim Possible“ gezeichnet? Werden diese Bilder von Kindern wahrgenommen - und, so dem der Fall ist: Wie integrieren die Kinder die erlernten Modelle in ihren Alltag? Zu deren Beantwortung wurde eine qualitative Befragung in Form leitfadengestützter Interviews mit fünf Mädchen im Alter zwischen neun und zehn Jahren durchgeführt.

Die Arbeit beginnt mit einigen Vorbemerkungen (Kapitel 2), in welchen die Begrifflichkeiten „Geschlecht“, „Geschlechterstereotype“ und „doing gender“ erläutert sowie im Kontext dieser Arbeit operationalisiert werden. Im Schwerpunkt geht es hierbei um die Erläuterung des sozialkonstruktivistischen Ansatzes der Gender Studies, auf deren Grundlage die vorliegende Untersuchung anzusiedeln ist.

Im Anschluss daran erfolgt die Aufarbeitung des bisherigen Forschungsstandes (Kapitel 3). Hierbei werden nicht nur die Rolle des Fernsehens als Leitmedium (Exkurs: Kartographie deutscher Wohnzimmer), sondern auch Geschlechterdifferenzen im Fernsehverhalten von GrundschülerInnen (3.1), sowie die derzeitigen Geschlechterverhältnisse im Kinderfernsehen (3.2) thematisiert. Zudem erfolgt nach grundsätzlichen Überlegungen zur Kindheitsforschung (vgl. entsprechender Exkurs) eine ausführliche Darstellung medial geleiteter Sozialisation anhand des Fernsehens, in Form von parasozialer Interaktion (3.3.1) sowie im Sinne einer Stimulationshypothese im Zusammenhang spieltheoretischer Annahmen (3.3.2).

Zu Beginn des Hauptteils der Arbeit wird die Serie „Disney’s Kim Possible“ einer ausführlichen Sendungsanalyse (4.1) unterworfen. In diesem Zusammenhang erfolgt auch die bereits erwähnte Analyse der Genderkonstruktion innerhalb der Serie (4.2). Zudem wird versucht, die Popularität der Serie (4.3) zu ergründen.

Nach Analyse der zu Grunde liegenden Serie erfolgt die Präsentation der eigentlichen Untersuchung. Diese ist unterteilt in eine ausführliche Darstellung der Untersuchungsmethode (Kapitel 5) sowie in eine Interpretation der durch die Erhebung gewonnenen Daten (Kapitel 6). Diese werden im Anschluss daran in den eingangs beschriebenen Forschungsstand eingeordnet (7.1). Abschließend erfolgt eine umfassende Evaluation des Forschungsprozesses (7.2).

2 Vorbemerkungen:

Geschlecht, Geschlechterstereotype und „doing gender“ Geschlechterstereotype, bilden nach Eckes (2004) eine zentrale Komponente sozial geteilter impliziter Geschlechtertheorien, dem so genannten „gender belief system“ (vgl. dazu Deaux/LaFrance 1998). Solche Theorien seien umfassende Systeme von Alltagsannahmen über die Geschlechter und ihre wechselseitigen Beziehungen (vgl. Eckes 2004). Inhaltlich würden sich diese Annahmen, so Eckes (2004) weiter, bei Merkmalen, die häufiger mit Frauen als mit Männern in Verbindung gebracht würden, in den Konzepten der Wärme oder Expressivität (alternativ: Femininität, Gemeinschaftsorientierung, „communion“) bündeln. Merkmale, welche hingegen häufiger mit Männern als mit Frauen in Verbindung gebracht würden, ließen sich wiederum mit den Konzepten der (aufgabenbezogenen) Kompetenz oder Instrumentalität (alternativ: Maskulinität, Selbstbehauptung, „agency“) umschreiben [Hervorhebungen im Original].

Bezüglich eben dieser Alltagsannahmen erläutert Wetterer (2004), gehöre es zu den fraglosen und nicht weiter begründungsbedürftigen Selbstverständnissen unseres Alltagswissens, die Geschlechtszugehörigkeit von Personen sowie die Zweigeschlechtlichkeit des Menschen als natürliche Vorgabe sozialen Handelns und sozialer Differenzierung zu betrachten.

„Dass es zwei und nur zwei Geschlechter gibt; dass jeder Mensch entweder das eine oder das andere Geschlecht hat; dass die Geschlechtszugehörigkeit von Geburt an feststeht und sich weder verändert noch verschwindet; dass sie anhand der Genitalien zweifelsfrei erkannt werden kann und deshalb ein natürlicher, biologisch eindeutig bestimmbarer Tatbestand ist, auf den wir keinen Einfluss haben - all das sind Basisregeln unserer ‚Alltagstheorie der Zweigeschlechtlichkeit’ (Hagemann-White 1984), die ebenso unbezweifelbar richtig scheinen, wie die Annahme, dass dies zu allen Zeiten so war und auch in anderen Kulturen nicht anders ist“ (Wetterer 2004:122). Budde (2003) erläutert in diesem Zusammenhang, die bestehende Geschlechterordnung zeichne sich durch vier Merkmale aus: (1) durch Dichotomie, dem Entwurf genau zweier Geschlechter, welche als Gegenpaar installiert würden, (2) durch Exklusivität, die Annahme, dass was weiblich besetzt sei nicht zeitgleich männlich besetzt werden könne, (3) durch Heteronormalität, die Annahme, nur durch Ergänzung seien Frauen und Männer vollständig, und (4) durch Hierarchie, also dem Macht- und Dominanzgefälle zwischen den Geschlechtern.

Grundlegend für den Begriff der „Geschlechter konstruktion “ und die, so Wetterer (2004), inzwischen vielfältigen Konzepte, die sich mit der kulturellen bzw. sozialen Konstruktion von Geschlecht befassen, sei die Perspektive, die dem eben beschriebenen Alltagswissen kompetenter Mitglieder unserer Gesellschaft diametral entgegengesetzt sei. Konzepte der sozialen Konstruktion von Geschlecht verstünden die soziale Wirklichkeit zweier Geschlechter in Gesellschaften wie der unseren vielmehr als Ergebnis historischer Entwicklungsprozesse und einer fortlaufenden sozialen Praxis, die immer neu auch zur Reproduktion der eingangs beschriebenen Alltagstheorie der Zweigeschlechtlichkeit beitrage. Anders als in der Ansätzen der Frauen- und Geschlechterforschung, die auf einer Unterscheidung von sex (dem biologischen Geschlecht) und gender (dem sozialen Geschlecht) basierten bzw. basiert hätten und sich auf dieser Grundlage auf die Analyse des sozialen Geschlechts konzentrierten bzw. konzentriert hätten, werde damit in der Konsequenz auch das biologische Geschlecht, der Geschlechtskörper, historisiert (vgl. Wetterer 2004) und „nicht als Basis, sondern als Effekt sozialer Praxis“ (Hirschhauer 1989:101) begriffen. Geschlechterklassifikation basiere auf sozialer Übereinkunft. Damit seien die Kriterien der Geschlechtszuordnung soziale Kriterien, die von Fall zu Fall der Validierung bedürften (vgl. Wetterer 2004). In der Geschlechterforschung sei daher das Konzept des „doing gender“ zu einem Synonym für die entwickelte Perspektive einer sozialen Konstruktion von Geschlecht geworden (vgl. Gildemeister 2004). „Doing gender“ ziele darauf ab, Geschlecht bzw. Geschlechtszugehörigkeit nicht als Eigenschaft oder Merkmal von Individuen zu betrachten, sondern jene sozialen Prozesse [Hervorhebung im Original] in den Blick zu nehmen, in denen „Geschlecht“ als sozial folgenreiche Unterscheidung hervorgebracht und reproduziert werde. Das Konzept besage im Kern, dass Geschlechtszugehörigkeit und Geschlechtsidentität als fortlaufender Herstellungsprozess aufzufassen sei, der zusammen mit faktisch jeder menschlichen Aktivität vollzogen werde und in den unterschiedliche institutionelle Ressourcen eingingen (vgl. ebd.):

„Das Herstellen von Geschlecht (doing gender) umfasst eine gebündelte Vielfalt sozial gesteuerter Tätigkeiten auf der Ebene der Wahrnehmung, der Interaktion und der Alltagspolitik, welche bestimmte Handlungen mit der Bedeutung versehen, Ausdruck weiblicher oder männlicher ‚Natur’ zu sein. Wenn wir das Geschlecht (gender) als eine Leistung ansehen, als ein erworbenes Merkmal des Handelns in sozialen Situationen, wendet sich unsere Aufmerksamkeit von Faktoren ab, die im Individuum verankert sind, und konzentriert sich auf interaktive und letztlich institutionelle Bereiche. In gewissem Sinne sind es die Individuen, die das Geschlecht hervorbringen. Aber es ist ein Tun, das in der sozialen Situation verankert ist und das in der virtuellen oder realen Gegenwart anderer vollzogen wird, von denen wir annehmen, dass sie sich daran orientieren. Wir betrachten das Geschlecht weniger als Eigenschaft von Individuen, sondern vielmehr als ein Element, das in sozialen Situationen entsteht: Es ist sowohl das Ergebnis wie auch die Rechtfertigung verschiedener sozialer Arrangements sowie ein Mittel, eine der grundlegenden Teilungen der Gesellschaft zu legitimieren“ (West/Zimmermann 1987, übersetzt nach Gildemeister/Wetterer 1992:237).

Damit sei die mit dem bereits beschriebenen sex-gender-Modell vorgegebene Sichtweise auf Geschlecht praktisch „umgedreht“ worden: Geschlecht bzw. Geschlechtszugehörigkeit werde nicht als quasi natürlicher Ausgangspunkt von und für Unterscheidungen im menschlichen Handeln, Verhalten und Erleben betrachtet, sondern als Ergebnis komplexer sozialer Prozesse (vgl. Gildemeister 2004). Um den „ heimlichen Biologismus “ (ebd.:133) der sex- gender Unterscheidung zu überwinden, sei von West und Zimmermann mit dem Konzept des „doing gender“ eine dreigliedrige Neufassung dieser Unterscheidung erarbeitet worden, die dem Kriterium der Selbstbezüglichkeit (Reflexivität [Hervorhebung Gildemeister 2004]) Rechnung trage und ohne „natürliche“ Vorgaben auskomme. In dieser Neufassung würden sex (Geburtsklassifikation), sex-category (soziale Zuordnung) und gender (soziales Geschlecht) als analytisch unabhängig [Hervorhebung Gildemeister 2004] voneinander gedacht:

„- ‚sex’: Die Geburtsklassifikation des körperlichen Geschlechts aufgrund sozial vereinbarter biologischer Kriterien;
- ‚sex-category’: die soziale Zuordnung zu einem Geschlecht im Alltag aufgrund der sozial geforderten Darstellung einer erkennbaren Zugehörigkeit zur einen oder anderen Kategorie. Diese muss der Geburtsklassifikation nicht entsprechen;
- ‚gender’: die intersubjektive Validierung in Interaktionsprozessen durch ein situationsadäquates Verhalten und Handeln im Lichte normativer Vorgaben und unter Berücksichtigung der Tätigkeiten, welche der in Anspruch genommenen Geschlechtskategorie angemessen sind“ (Gildemeister 2004:133).

In diesem Sinne seien Geschlechterstereotype also kognitive Strukturen, die sozial geteiltes Wissen über die charakteristischen Merkmale von Frauen und Männern enthalten (vgl. Eckes 2004). Die duale Natur von Geschlechterstereotypen liege darin, dass sie einerseits individuellen Wissensbesitz darstellten, andererseits jedoch den Kern eines konsensuellen, kulturell geteilten Verständnisses von den je typischen Merkmalen der Geschlechter bildeten. Neben der Konsensualität kennzeichne Geschlechterstereotype, dass sie über deskriptive und präskriptive Komponenten verfügten: Die deskriptive Komponente umfasse Annahmen darüber, wie Frauen und Männer seien, die präskriptive Komponente hingegen beziehe sich auf Annahmen darüber, wie Frauen und Männer sein sollten oder wie sie sich verhalten sollten. Aus der deskriptiven Komponente entstehe damit aus Verletzungen dieser Annahmen Überraschungen, aus der präskriptiven Komponente wiederum in der Regel Ablehnung (vgl. ebd.).

3 Aufarbeitung des Forschungsfeldes

Exkurs: Kartographie deutscher Wohnzimmer

Die mächtige Rolle, die das Fernsehen im Alltag der Deutschen einnimmt, zeigt sich durch eine von TNS Emnid durchgeführte Studie „Kartographie deutscher Wohnzimmer“. Da die TV-Nutzung, so Horstmann und Schümann (2010), zu 90 Prozent im Wohnzimmer stattfinde, habe man im Auftrag von IP Deutschland die Wohnzimmerausstattung in über 1000 Fernsehhaushalten (14-64 Jahre) zu erfassen und zu vermessen versucht. Dabei habe knapp ein Drittel (30%) der Haushalte die Zustimmung zu einem solchen „Wohnzimmerportrait“ gegeben (vgl. ebd.).

Obgleich sich auf Grund der großen Vielfalt der unterschiedlichen Zimmergestaltungen nicht das typisch deutsche Wohnzimmer aufspüren lasse, zeige sich doch eine große Gemeinsamkeit fast aller fotografierten Wohnzimmer: der Fernseher im Zentrum als „Altar“. Horstmann und Schümann (2010) beschreiben, ein Großteil der Wohnzimmermöbel sei halbkreisförmig auf das Fernsehgerät ausgerichtet. Hinzu käme vielfach ein Arrangement des Unterhaltungs-Equipements mit dem Fernsehgerät im Zentrum. So werde das TV-Gerät häufig von Aufzeichnungs- und Abspielgeräten flankiert (vgl. ebd.).

Zudem sei gemeinsames Fernsehen ein starkes Familien- und Gruppenereignis: Die Untersuchung zeige, dass in deutschen TV-Haushalten von durchschnittlich 5,2 Sitzplätzen aus die Möglichkeit bestehe, auf das Gerät zu blicken. Bei durchschnittlich 2,3 Personen pro Haushalt bleibe also „genug Platz, es sich vor dem Fernsehen so richtig gemütlich zu machen oder gemeinsam mit Gästen zu gucken“ (Horstmann/Schümann 2010: http://www.research-results.de/fachartikel/2010/ausgabe4/das-groe-flimmern.html). Der offenbar kommunikative Faktor des Fernsehens zeigte sich zudem in einigen Aussagen der Befragten zur täglichen Fernsehnutzung: So gaben 54 Prozent der Befragten angegeben, gern gemeinsam mit anderen fernzusehen. Für 52 Prozent wiederum sei es wichtig, manche Sendungen gesehen zu haben, um „mitreden zu können“ (vgl. ebd.).

Insgesamt spiele das Fernsehen eine mächtige Rolle im Alltag der Deutschen. Für viele der Befragten sei ein Leben ohne Fernsehen sogar schwer vorstellbar: Fast ein Drittel der Befragten habe keine Auskunft darüber geben können, wie lange sie ganz ohne Fernsehen auskommen könnten. Zudem hätte ein Fünftel der Befragten (17%) angegeben, sie würden nicht einmal einen Tag ohne Fernsehen aushalten.

3.1 Geschlechterdifferenzen im Fernsehverhalten von GrundschülerInnen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Hinsichtlich der Analyse von Parametern wie der Tagesreichweite sowie der Seh- und Verweildauer lassen sich bei männlichen und weiblichen Grundschülerinnen kaum nennenswerte Unterschiede feststellen. Betrachtet man beispielsweise die Fernsehnutzung von Kindern nach Geschlecht und Alter in den Jahren 2008 und 2009 (vgl. Abb. 1), so spielt die Geschlechtszugehörigkeit im Gegensatz zum Alter kaum noch eine Rolle. Feierabend und Klingler (2010) erläutern dazu, sowohl hinsichtlich der Tagesreichweite als auch der Sehdauer ließen sich nur noch marginale Unterschiede feststellen. Obgleich Jungen 2009 vom Fernsehen mit 57 Prozent im Vergleich zu 56 Prozent zu einem etwas größeren Anteil erreicht worden seien, läge die Sehdauer der Jungen doch insgesamt nur drei Minuten über der der Mädchen. Der Vorjahresvergleich zeige, Mädchen hätten ihre Fernsehnutzung (plus fünf Minuten) im Vergleich zu Jungen (plus eine Minute) stärker ausgeweitet (vgl. ebd.). Differenziere man die Fernsehnutzung der befragten Kinder jedoch vor dem Hintergrund des persönlichen Medienbesitzes, ergäben sich deutliche Unterschiede. Da Kinder mit einem eigenen Fernseher weniger inhaltlichen und zeitlichen Restriktionen unterlägen, mache sich dies im Nutzungsumfang des Fernsehers bemerkbar. So sei sowohl die Ta- gesreichweite als auch die Nutzungsdauer stärker ausgeprägt (vgl. dazu Abb. 2). Interessanter Weise, so Feierabend und Klinger (2010) weiter, schlage sich der Gerätebesitz bei Mädchen sehr viel deutlicher in einer überdurch- schnittlichen Nutzung nieder, als dies bei Jungen der Fall sei. Dieser Unterschied bestehe dabei über alle Altersgruppen hinweg, werde aber geringer, je älter die Kinder seien. Dies könne nach Feierband und Klingler (2010) ein Indiz dafür sein, dass sich bei älteren Kindern und Jungen k onk ur - rierende Medien wie Computer und/ oder das Internet stärker auswirkten. Dafür spricht auch die durch den „Medienpädagogi- schen Forschungs- verband Südwest“ (mpfs) in der KIM-Studie 2010 erfragte „liebste Freizeitaktivität“ von Kindern, differenziert nach Geschlecht (vgl. Abb. 3): Obgleich die Beliebtheit des Fernsehen als Freizeitgestaltung mit 33 Prozent bei den befragten Mädchen im Vergleich zu 31 Prozent bei den befragten Jungen nahezu identisch ist, stellt das Fernsehen bei den Mädchen den 3. Platz der beliebtesten Freizeitaktivitäten, bei Jungen jedoch den 4. Platz dar. Im Gegensatz zu den Mädchen spielen bei ihnen PC-, Konsolen- und Onlinespiele eine deutlich größere Rolle (vgl. KIM-Studie 2010). Möglicherweise, so wiederum Feierabend und Klingler (2010), erkläre sich der Unterschied aber auch durch die genutzten Inhalte der Kinder. So könnten diese von Jungen und älteren Kindern insgesamt als „familientauglicher“ im Sinne einer gemeinsamen Nutzung gelten - oder aber die Mädchen würden die von ihnen favorisierten Inhalte lieber ungestörter konsumieren als die Jungen (vgl. ebd.). Insgesamt zeige sich jedoch bei der großen Palette an Medienoptionen und deren starker Durchdringung des Alltags eine ähnliche Medienbindung (vgl. Abb. 4):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Unangefochten liegt hierbei das Fernsehen immer noch deutlich auf Platz eins, obgleich die Bindung an das Fernsehen im Vergleich zur letzten KIM-Studie deutlich abgenommen habe (-10 PP, vgl. Kim-Studie 2010). Hinsichtlich inhaltlicher Präferenzen, so der mpfs in der KIM-Studie 2010, gäben Mädchen häufiger als Jungen an, eine Lieblingssendung zu haben. Mädchen bevorzugten Serienformate wie „Hannah Montana“ oder „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, sowie Castingshows (im Speziellen „Deutschland sucht den Superstar“ und „Germany's next Topmodel“), wohingegen Jungen eher Fans der Zeichentrickserien „SpongeBob Schwammkopf“ und „[Der] Simpsons“ seien und gerne Fußballspiele sähen. Hierbei mache sich sicherlich auch die Austragung der Fußball WM 2010 bemerkbar (vgl. ebd.). Auch Maya Götz (2002) unterstreicht, Nutzungsdifferenzen im Fernsehverhalten zeigten (altersunabhängig) geschlechterspezifische Unterschiede. So wendeten sich Nutzerinnen eher gefühls- betonten Ange- boten zu, wäh- rend bei männlichen Nut- zern Formate mit Action im Vorder- grund stünden. Diese Entwick- lung sei, so Götz (2002) des Wei- teren, auf unter- schiedliche Kom- munikationsstile von Männern und Frauen zurück- zuführen: Frauen legten demnach einen Schwer- punkt auf Inter- aktion, Bezie- hung und Gemeinschaft, Männer hingegen strebten nach Aktion, Besonderung und Sieg (vgl. dazu auch Klaus/ Rösler 1996). Inhalte von auf Männer und Jungen zugeschnittenen Fernsehangeboten seien demnach Stärke, Kämpfe und Überlegenheit in eher fantastischen Umgebungen. Frauen und Mädchen legten derweil mehr Wert auf soziale Beziehungen und realistischere Geschichten (vgl. Götz 2002).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Obgleich sich Jungen und Mädchen in der Wahl ihrer Lieblingssendungen unterscheiden, lassen sich doch Parallelen hinsichtlich der Wahl ihres Lieblingssenders feststellen (vgl. Abb. 5): Sowohl der KI.KA2 als auch Super RTL gehören zu den unangefochtenen Spitzensendern in der Beliebtheit der Befragten. Weitere Parallelen lassen sich hinsichtlich Vorbildern und Idolen feststellen: Fast zwei Drittel aller durch das mpfs in der KIM-Studie 2010 befragten Kinder (62%) haben eine Person oder eine Figur angegeben, für welche sie besonders schwärmen. Dabei nennen knapp die Hälfte von ihnen eine Person aus Film und Fernsehen (vgl. Abb. 6), wobei Mädchen etwas häufiger als Jungen ein Vorbild haben und es sich eher aus dem genannten Bereich sowie der Musik aussuchen. Jungen hingegen finden auch häufig Idole im Bereich des Sports (vgl. ebd.).

3.2 Geschlechterverhältnisse im Kinderfernsehen

In einer Zeit, in der Mädchen und Jungen herausgefordert sind, möglichst eigenständig mit den Anforderungen der Geschlechterrollen umzugehen, gleichzeitig aber auch deren neu entstandene Gestaltungsmöglichkeiten und Ressourcen zu nutzen, so Stauber (2006), stünden die Medien generell sowie das Fernsehen im Speziellen in einer besonderen Verantwortung: Sie fungierten als zentrale Vermittlungsinstanzen für Geschlechterrollenbilder in der ganzen Bandbreite der Möglichkeiten, diese auszugestalten. Umso wichtiger erscheint es also in den Blick zu nehmen, wie genau die dargestellten Geschlechterrollen sowie das Interaktionsverhältnis zwischen den Geschlechtern aussehen.

Bei der Konstruktion von Gender-Schemata spiele das Fernsehen eine besonders wichtige Rolle, so auch Lemish (2006), weil in den meisten Fernsehprogrammen Figuren gezeigt würden, die sich einer der beiden Gender-Kategorien zuordnen ließen. Dabei sei es egal, ob Menschen, Cartoon- Figuren, Tiere oder Science-Fiction-Charaktere präsentiert würden. Doch obgleich in vielen Ländern die Erwartung als selbstverständlich gelte, dass Mädchen und Jungen in Kinderprogrammen in annähernd gleicher Zahl vertreten sein sollten, sei die Umsetzung dessen in vielen anderen Ländern noch ein unerreichbares Ziel (vgl. ebd.). So auch im deutschsprachigem Kinderfernsehen: Betrachtet man die Lieblings-TV-HeldInnen der Kinder, so finden sich laut einer 2007 von Maya Götz veröffentlichen Studie unter den 21 am häufigsten genannten Figuren 15 Jungen- bzw. Männerfiguren und lediglich fünf Mädchen- bzw. Frauenfiguren (vgl. Götz 2007). Dieses Verhältnis bedeute jedoch nicht, dass Jungenfiguren grundsätzlich attraktiver seien, sondern spiegele vielmehr die prozentuale Verteilung der Heldinnen und Helden im Kinderfernsehen wieder. So seien 2007 70 Prozent der Hauptfiguren fiktionaler Sendungen für Kinder Jungen bzw. Männer und nur rund 30 Prozent Mädchen bzw. Frauen gewesen (vgl. ebd.). Demnach kann also keinesfalls von einem Gleichgewicht oder einer Dominanz von Mädchenfiguren im deutschsprachigen Kinderfernsehen die Rede sein. Im Gegenteil: Kleine und große Männer seien die Helden des Kinderprogramms (vgl. Götz 2000). Sie bewältigten die Alltagsprobleme, setzten sich mit Gefahren auseinander und erlebten Abenteuer (vgl. ebd.). Die Unterrepräsentanz von Mädchen und Frauen gehe sogar soweit, dass Frauenfiguren eine Abweichung vom männlichen Normalfall symbolisierten (vgl. Götz 2002). Götz (2000) erläutert: Figuren, die nicht explizit einem Geschlecht zugehörten, trügen männliche Vornamen. Wie beispielsweise bei den „Mainzelmännchen“ oder den „Schlümpfen“ gelte: Nicht sexualisierte Wesen seien zunächst selbstverständlich männlich. Damit symbolisierten Frauenfiguren im Sinne von Simone de Beauvoir „das andere Geschlecht“. Äußerliche Abweichungen vom männlichen Normalfall würden durch Besonderheiten wie Schleifchen oder Röckchen gekennzeichnet, welche dabei häufig in Sexualisierung entglitten. (vgl. ebd.). Doch auch in der inhaltlichen Darstellung kann Weiblichkeit als Abweichung von Männlichkeit betrachtet werden:

„Inhaltlich füllen die weiblichen Figuren oftmals Rollen und Eigenschaften aus, die ‚nicht männliche’ sind: das hilflose Opfer, das zu begehrende Weibchen, die umsorgende Mutter oder verständnisvolle Großmutter. In diesem Sinne dienen sie zur Inszenierung von ‚nicht männlichen’ Eigenschaften wie fürsorglich, zickig, launisch, ängstlich, verletzlich oder aufdringlich. In der Tendenz sind Männerfiguren Individuen, Frauenfiguren dagegen ‚nicht-männliche Eigenschaften’“ (Götz 1999: http://www.br- online.de/jugend/izi/text/mayaheld.htm).

Die Dominanz stereotyper Darstellungen des Geschlechterverhältnisses und die Machtverteilung innerhalb der Medienproduktion benachteilige damit Frauen und Mädchen (vgl. Götz 2000.). Zudem dominiere der „männliche Blick“3 : Zuschauerinnen würden zumeist nur mit dem Blick von Männern auf Frauen und ihre Lebenslage konfrontiert. Gesellschaftlicher Wandel spiegele sich in den Medien kaum wider (vgl. ebd.). Auch Dorer und Marschik (1999) erläutern, die Medienpräsenz von Frauen beruhte in der Vergangenheit zum Großteil auf Werbespots, Filme und jene Sendungen, welche die Privatsphäre zeigten und in denen Frauen auf bestimmte ihnen zugeschriebene Rollen und Funktionen beschränkt wurden. Es sei damit stets ein männlicher Blick auf Frauen, der gezeigt und berichtet worden sei. Die hier beschriebenen Rollenklischees hätten sich in den letzten Jahren allerdings kaum verändert. Damit erwiesen sich die Medien nicht als Trendsetter oder Förderer der Emanzipation, sondern im Gegenteil als Ort der Verfestigung traditioneller Geschlechterbilder (vgl. ebd.). Aus Sicht der Autorin spiegeln sich die weibliche Unterrepräsentanz und der „männliche Blick“ im Kinderfernsehen in noch einem anderen Umstand wider: Für Mädchen, so Bachmair et al. (2001) sei es nahezu unmöglich, Sendungen zu finden, in denen ihnen Fachfrauen den Blick auf die Bereiche Natur und Technik eröffneten. Somit seien auch im Kinderfernsehen Natur und Technik männlich dominiert. Mehr noch: Nach einer durch Bachmair et al. (2001) durchgeführten Untersuchung zu Kindersendungen mit lernorientiertem Inhalt lässt sich festhalten, dass mit Ausnahme dreier Sendungen (welche gemischtgeschlechtlich im Doppel moderiert wurden) alle anderen lernorientierten Elemente, die Frauen moderierten, nicht länger als fünf Minuten gewesen seien. Daraus ergebe sich, bezogen auf die Sendedauer, eine weibliche Präsenz unter den ModeratorInnen von drei Prozent der ausgestrahlten Zeit bei lernorientierten Programmen. Im überragenden Anteil der Sendungen erklärten damit noch immer Männer alleine den Kindern die Welt (vgl. ebd.).

Für die beschriebene Unterrepräsentanz von Frauen versucht Götz (2006a) Begründungszusammenhänge zu bieten: Zum einen fehle es an einer fundierten Geschlechtersensibilität, was dazu führe, dass das Männliche zum Normalfall und das Weibliche zum „anderen Geschlecht“ werde. Zum anderen sei es vermutlich aber auch ein realer oder vorweggenommener interner Rechtfertigungszusammenhang, der mehr Geschlechtergerechtigkeit verhindere. Mehrfach genannt werde das Marktargument, dem zu Folge Mädchenfiguren sich „nicht so gut verkaufen“ ließen. Oftmals dominiere die Vorstellungen, Jungen wollten keine Mädchenfiguren - Mädchen könnten sich aber wiederum auch mit Jungenfiguren identifizieren (vgl. ebd.). Dass dies inhaltlich viel komplexer sei, werde, so Götz (2006a) des Weiteren, vermutlich geahnt, aber nicht diskutiert. Letztlich könne aber auch das Engagement für Jungen, welches mehr Geschlechtergerechtigkeit verhindert, für die Unterrepräsentanz von Mädchen und Frauen mitverantwortlich sein (vgl. ebd.). Neben einer der bereits erläuterten quantitativen Unterrepräsentanz von Frauen und Mädchen im deutschsprachigen Kinderfernsehen könne zudem von einer geschlechterstereotypen Ausrichtung der Frauen- und Männerdarstellungen gesprochen werden (vgl. Götz 2002). Darunter sei zu verstehen, dass Mädchen und Frauen, neben ihrer sexualisierten Darstellung [Anmerkung A.W.] als zurückhaltend, unterordnend, freundlich und hilflos konstruiert würden sowie ihnen das Ideal von Jugendlichkeit und Attraktivität auferlegt werde (vgl. ebd.). Für Mädchenfiguren, die Stärke und erotische Attraktivität verbänden, gelte (wie für die meisten positiv besetzten Mädchenfiguren), dass sie makellos schön und ausgesprochen schlank seien sowie lange blonde Haare hätten (vgl. Götz 2000). Neuere Untersuchungen zeigten wiederum, dass ein Drittel der weiblichen Figuren schwarzhaarig, ein weiteres Drittel rothaarig sei (vgl. Götz 2006a). Da in der Realität von Natur aus nur etwa eine von hundert Frauen in Deutschland rothaarig sei (vgl. dazu: Henkel KGaA, Corporate Communications), seien rothaarige Mädchen im Kinderfernsehen damit deutlich überrepräsentiert. Insgesamt seien die Haare von Mädchen- und Frauenfiguren fast ausschließlich schulterlang oder länger - Kurzhaarfrisuren kämen so gut wie nicht vor (vgl. Götz 2006a). Ebenso seien Körperproportionen, die nicht dem Idealgewicht entsprächen oder Gesichtsmerkmale, die von dem uniformen Schönheitsideal abwichen, nicht zu sehen - es sei denn, als Thema der Handlung, sprich als Problem (vgl. Götz 2000). Der „ Mythos Schönheit “4 werde immer wieder aufs Neue untermauert und Schönheit und Schlankheit scheinbar zur Grundvoraussetzung für Erfolg in Abenteuer, Beruf und Partnerschaft (vgl. ebd.). Dabei nimmt das Maß der dargestellten Schlankheit ungesunde Maßstäbe an. Herche und Götz (2008) erläutern, ein Blick ins Kinderfernsehen zeige gleich eine ganze Reihe von Barbie ähnlichen, ungesunden mageren weiblichen Charakteren. Die Ergebnisse einer dies betreffenden, in 24 Ländern durchgeführten Studie seien dabei eindeutig: Abhängig von der Analysemethode hätten 57 bis 65 Prozent der weltweit vertretenen weiblichen Charaktere einen extrem kurvenreichen Körper mit schmaler Wespentaille und unnatürlich langen Beinen. Dies seien Anzeichen einer übertriebenen, sexualisierten Darstellung des weiblichen Körpers, eines nicht erstrebenswerten Bildes, welches nur mit Hilfe plastischer Chirurgie und auf Kosten der eigenen Gesundheit erreicht werden könne (vgl. ebd.). Jene Darstellung birgt möglicherweise fatale Folgen: So äußerten sich junge Mädchen in einer qualitativen Studie Rebecca C. Hains (2007) kritisch gegenüber dem Aussehen von weiblichen Figuren, die nicht der Norm entsprachen - wohingegen es ihnen umgekehrt schwer gefallen sei, auszudrücken, was sie am Aussehen ihrer Girl-Power-Heldinnen mögen würden:

„Die von mir interviewten Mädchen kritisierten schnell das Aussehen von Mädchen und Frauen aus der Popkultur, wenn deren Aussehen nicht genau mit den Idealen normativer Weiblichkeit übereinstimmte. Leider wurden sie in ähnlicher Form auch selbst von ihren Kameradinnen kritisiert, und sie nahmen kulturelle Botschaften über das Streben nach normativer Weiblichkeit sehr deutlich wahr. […] Wenn sie [die interviewten Mädchen, Anmerkung A.W.] sich am Ideal maßen, konnten sie leider sehen, dass sie ihm nicht entsprachen“ (Hains 2007:18).

Neuere Untersuchungen wiederum zeigen ein eher gegenteiliges Bild: Laut Bulla und Herche (2008) kritisieren Kinder weltweit den sexualisierten Kleidungsstil weiblicher Fernsehcharaktere. Zudem würden sie Charaktere mit weniger Make-Up bevorzugen, sodass diese jünger und kindlicher aussehen würden. Abgesehen von Kleidungs- und Schminkstil würden zudem viele Kinder die viel zu mageren Körper ihrer Fernsehheldinnen kritisieren (vgl. ebd.).

„However, they do not like to see girls which are too skinny but normal size female characters who reflect reality” (Bulla/Herche 2008:28).

Insgesamt sei den meisten TV-ProduzentInnen, so eine Studie unter Lemish (2006), die allgegenwärtige Ungleichbehandlung der Geschlechter sehr bewusst. Sie würden im Sinne des liberalen Feminismus5 argumentieren und auf Versuche zahlreicher Fernsehsender verweisen, in ihren Programmen klassische Rollenklischees zu vertauschen. Vor dem Hintergrund des soeben umschriebenen Forschungsstandes erscheint dieser Versuch bisher jedoch wenig fruchtbar.

3.3 Medial geleitete Sozialisation Exkurs: Kindheitsforschung

Nach Bamler et al. (2010) sei es Aufgabe der Kindheitsforschung, über verschiedene Perspektiven (z.B. soziologisch, psychologisch, pädagogisch, historisch oder kulturell) herauszufinden, wie Kinder ihre Welt erlebten und gestalteten. Seit Beginn der 1980er Jahre sei es dabei das Ziel vieler Untersuchungen, nicht nur über Kinder, sondern mit Kindern zu forschen (vgl. ebd., Hervorhebungen im Original). Kinder werden im Rahmen des Forschungsprozesses als ihre eigenen ExpertInnen begriffen, d.h., sie werden als aktive Subjekte wahrgenommen und als solche behandelt. Kinder, so Bamler et al. (2010) weiter, seien eigenständige Akteure in ihrer je eigenen Lebenswelt und könnten demzufolge selbst am besten Auskunft über sich und ihre Lebensbereiche geben. Diese kindlichen Lebenswelten erwiesen sich vor dem Hintergrund von Faktoren wie Alter, Geschlecht, sozialer und kultureller Herkunft, Gesundheit u. ä. als äußerst heterogen und plural. Vor allem im Hinblick auf gesellschaftliche Modernisierungstendenzen seien diese unterschiedlichen Lebenslagen von Kindern zu beachten. Im Rahmen der Kindheitsforschung würden vor diesem Hintergrund unter anderem die Bedingungen und Auswirkungen verschiedener Faktoren auf schulische und außerschulische Bildungsprozesse von Kindern erforscht (vgl. ebd.).

Eine einheitliche Begriffsbestimmung von Kindheitsforschung könne es deswegen nicht geben, da je nach Disziplin und Erkenntnisinteresse unterschiedliche definitorische Schwerpunktsetzungen existierten (vgl. ebd.). Gemeinsamer Bezugspunkt der Ansätze, Themen und Konzepte der neueren, sozialwissenschaftlichen Kindheitsforschung allerdings liege in der Auffassung, „dass Kinder als besondere Mitglieder der Gesellschaft und nicht nur als zukünftige Erwachsene gesehenen werden müss [t] en“ (Honig et al. 1999:9). Entsprechend würden Alltag und Kultur der Kinder und die Kindheit als gesellschaftliche Lebensform in den Mittelpunkt des Interesses rücken. Anstatt sich ihrer zur Illustration psychologischer Gesetzmäßigkeiten zu bedienen, würden Kinder nun als (Mit-)ProduzentInnen ihrer Entwicklung untersucht (vgl. ebd.). Kindheit stelle sich demnach nicht nur als eine Entwicklungsphase mit je spezifischen Aufgaben- und Problembereichen dar, sondern werde auch als soziale Strukturierungskategorie begriffen, welche impliziere, dass Kindheit bestimmte Zuordnungen in der Gesellschaft zur Folge hätte (vgl. Bamler et al. 2010). Von Interesse würden demzufolge immer mehr die Lebenswelten der Kinder, ihre sozialen Netzwerke, ihr Alltag und ihre ganz eigenen Bewältigungsstrategien (vgl. ebd.).

3.3.1 Parasoziale Interaktion und Wissen aus innerer Repräsentation

Mit jedem Programm werden immer auch Werte vermittelt - wenn nicht bewusst, dann unbewusst. Wellersdorf (2010) zu Folge lässt sich sagen:

„Wertevermittlung im Kinderprogramm

- funktioniert über eine emotionale Beteiligung des Zuschauers,
- funktioniert nur altersangemessen (Zuschauer dort abholen, wo sie stehen),
- fördert die Überwindung der egozentrischen Perspektive,
- zeigt für ältere Kinder eine Krise und einen Entwicklungsprozess,
- zeigt Menschen als veränderbar und entwicklungsfähig“ (Wellersdorf 2010:23).

Doch nicht nur auf das Werteverständnis im Allgemeinen, sondern auch auf Verständnis von Geschlechtsrollen, hat das Fernsehen einen entscheidenden Einfluss. Beinzger (2003) weist im Rahmen dessen auf den Zusammenhang zwischen Filmrezeption und Geschlechtsidentität6 hin. Im Verlauf ihrer ein Leben lang andauernden Sozialisation, so Beinzger (2003), entwickelten Menschen Vorstellungen davon, welche Verhaltensweisen sowie Denkmuster, Gefühle und Charaktereigenschaften mit einer Identität als Frau oder Mann einhergingen. Sie beschreibt Film und Fernsehen als nachhaltige Sozialisationsinstanzen, welche Geschlechterbilder zur Verfügung stellten, die als Identifikationsangebote und Subjektpositionen für die Ausgestaltung von Geschlechtsidentität herangezogen würden (vgl. ebd). Beinzger (2003) erläutert: Der im Sozialisationsprozess entstehenden Identität liege eine Dynamik der permanenten Integration von Fremd- und Selbstbild zu einem Selbstkonzept zu Grunde. Diese Dynamik entwickle sich in sozialen Interaktionen, zu denen auch die parasoziale Interaktion der Medien zu rechnen sei. Das Konzept der parasozialen Interaktion besage dabei, dass zwischen den AkteurInnen im Medium und dem Publikum eine ähnliche Interaktion stattfinde, wie in einer Face-to-Face-Situation. Unter dieser Perspektive könne die Rezeption von Filmen als eine Möglichkeit interpretiert werden, sich mit Rollen und Normen auseinanderzusetzen, indem Handlungsmöglichkeiten stellvertretend über die MedienakteurInnen mitvollzogen würden. Filmrezeption sei damit in den Prozess der Entwicklung und Stabilisierung der Identität eingebunden (vgl. ebd.). Für den Prozess des „doing gender“ heißt dies nun Folgendes: Wenn im Prozess der parasozialen Interaktion Erzählungen Eingang in die Selbstkonstruktion von Individuen finden, werden damit auch Formen des „doing gender“ erprobt und unter Umständen in die eigene Geschlechtsidentität integriert. Beinzger (2003) weist darauf hin, man könne in Analogie zum Begriff der parasozialen Interaktion vom parasozialem „doing gender“ sprechen. Zwar würden die Erzählungen in Anlehnung an alltägliche Situationen Zweigeschlechtlichkeit und Geschlechterbeziehung auf diskursivem Wege erläutern, sie bedienten sich jedoch gleichzeitig in hohem Maße stereotyper Geschlechterbilder, welche in einigen wenigen Varianten das hierarchisch organisierte Geschlechterverhältnis immer wieder abbildeten und damit reproduzierten (vgl. ebd.). Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen, so Beinzger (2003) weiter, könne das Konzept des „doing gender“ als wesentlicher Schlüssel zur Erforschung des Zusammenhangs zwischen Medien und Geschlecht angesehen werden. Insbesondere bei der frühkindlichen Suche nach Vorbildern zur Ausgestaltung von Geschlechtsidentität nehme das Fernsehen eine besondere Rolle ein (vgl. ebd.).

Auch Götz (2010) betont, es sei bereits hinlänglich bewiesen, dass Kinder und Jugendliche vom Fernsehen lernten. Sie erläutert: „Wir lernen durch die emotionalen und kognitiven Erlebnisse beim Fernsehen, steigen in die Rezeptionsräume ein und nehmen Identitätsangebote auf“ (ebd:11). Ein großer Teil dieses Wissens stamme dabei aus inneren Bildern, „Formen der inneren Repräsentation“ (vgl. ebd:7). Aufbauend auf einem Erlebnis würden die Menschen diese inneren Repräsentationen - eine Art visuelle Vorstellungen, welche vor dem inneren Auge betrachtet werden könnten und verschiedene Wahrnehmungsqualitäten (visuell, akustisch, olfaktorisch, haptisch und geschmacklich) aufweisen würden - bilden. Diese seien zumeist mit einer Handlungsepisode kombiniert und mit Gefühlen, so genannten „emotionalen Markern“, verbunden. Das Fernsehen als Lieferant diverser emotional bedeutsamer Momente sei eben deshalb entsprechend wirksam, da Menschen aus emotional bedeutsamen Erlebnissen besonders gut lernten (vgl. ebd.). Es ermögliche das Lernen durch emotional starke Bilder und Sequenzen. Diese würden sich bei fiktionalen Stoffen durch (1) ihre narrative Einbindung, welche sich durch den Kontext emotionalisiere, (2) eine emotional prägnante Inszenierung, die eine Involvierung nahe lege und (3) ihre prägnante Symbolisierung, in der sie Wünsche und Erfahrungen, Hoffnungen und Ängste der Menschen widerspiegele und ihnen eine spezifische Repräsentation gebe, auszeichnen. Film und Fernsehen könnten dabei nachhaltig zum Teil des Selbstbildes werden, da sie möglicherweise Orientierungen liefern, nach denen die Rezipienten bereits gesucht hätten (vgl. ebd.). Götz (2010) erläutert:

„Auf das Bild mit den inneren Bildern übertragen, wird durch den Film bereits vorhandenes, sozusagen wartendes Wissen aktiviert und kommt in Bewegung, und zwar in potenziell angelegte Bahnen. Andere innere, bisher wartende Bilder schließen sich ihm an und es entsteht der Eindruck: ‚Ja, genau so ist es.’ Mit dem aktivierten Wissen werden dann eventuell Kategorien gebildet, wie Schachteln oder Dateien, und mit einer Überschrift versehen“ (Götz 2010:9).

Diese Schachteln könnten zum Beispiel „So sind Mädchen“ und „So sind Jungen“ lauten (vgl. ebd.).

Innere Repräsentationen könnten bereits durch ein einziges Medienerlebnis geprägt sein. Häufiger seien es jedoch wiederkehrende Momente in den Medienrepräsentationen, die unser Weltwissen prägten. Götz (2010) weist in diesem Zusammenhang auf den „Truth-Effekt“7 hin: Werde eine Information ein zweites Mal gesehen, gelesen oder gehört, würden Menschen sie als wahrer und glaubwürdiger als beim ersten Mal beurteilen. Durch die häufige und immer wieder ähnliche Präsentation hätten Informationen also eine größere Chance, für unseren Wissensaufbau bedeutsam zu werden. Bestimmte Darstellungsformen und Bedeutungssetzungen würden so kultiviert und für uns schnell selbstverständlich, das heißt, sie würden im Alltag nicht mehr hinterfragt. Einmal erworbene Bilder seien gewissermaßen widerständig gegen Infragestellung und Veränderung (vgl. ebd.). Jedoch, so Götz (2010) des Weiteren, sei es nie nur der Medientext, der die inneren Bilder präge, sondern vor allem die individuelle Perspektive und der soziale Kontext des Individuums. Das heißt, Medien würden ihre Bedeutung in manchen Fällen erst in der Kommunikation mit anderen entfalten. Manche Sendungen würden beispielsweise in der Familie gesehen. Auf diese Weise könne schon während der Rezeption über die Inhalte gesprochen werden. Zudem seien sie [die Sendungen, Anmerkung A.W.] am nächsten Tag möglicherweise Thema in der Schule (vgl. ebd.). Innerhalb dieser Kommunikation, so Götz (2010), würden Werte abgeglichen und Identitäts- und Selbstinszenierungsmomente unter Freunden diskutiert.

[...]


1 Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (mpfs) (2010). KIM-Studie 2010. Kinder + Medien, Computer + Internet. Basisuntersuchungen zum Medienumgang 6- bis 13-Jähriger.

2 „ KI nder- KA nal“

3 Begriff in Anlehnung an Mulvey (1975).

4 Begriff in Anlehnung an Wolf (1991).

5 Liberaler Feminismus „definiert die Benachteiligung von Frauen als fehlende Gleichberechtigung und fordert gleiche Rechte für die Frau, die Beseitigung ihrer Diskriminierung in allen Bereichen des öffentlichen Lebens“ (Ebbeke-Nohlen 1994: http://sistemas.de/publikationen/leseprobe/leseprobe_05.html).

6 Geschlechtsidentität wird in diesem Zusammenhang im Sinne des „doing gender“ als soziales Konstrukt aufgefasst, das in Interaktionen immer wieder neu hergestellt wird, indem Individuen sich selbst als weiblich bzw. männlich inszenieren.

7 Zusammengefasst unter anderem bei Dechêne et al. (2010).

Details

Seiten
99
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656164326
ISBN (Buch)
9783656164432
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v191534
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld – Gender Studies
Note
1,5
Schlagworte
Gender Studies Geschlechterforschung Frauenforschung Mädchenforschung Medienpädagogik Walt Disney Kim Possible Frauen- und Geschlechterforschung Sozialarbeit Soziale Arbeit Sozialpädagogik Mädchenarbeit Geschlechterstereotype Doing Gender Kindheitsforschung Fernsehverhalten Sendungsanalyse Fernsehforschung Mediale Sozialisation

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Titel: Fernsehheldinnen als Alltagsorientierung