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Die politische und religiöse Rolle der Schulen im Iran in seinem historischen Kontext

Hausarbeit 2009 27 Seiten

Kulturwissenschaften - Naher Osten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Aufbau der islamischen Republik Iran
2.1 Überblick Iran
2.2 Der Zwölfer- Schiitische Islam
2.3 Legitimation von Herrschaft in der islamischen Republik Iran

3. Erziehung und Bildung im Iran in seinem historischen und religiösen Kontext
3.1 Entstehung religiöser Schulen im Islamischen Reich bis zum Ende des 19. Jhd
3.2 Westlicher Einfluss auf die Erziehung und die Pahlavi-Dynastie bis
3.3 Die islamische Revolution von 1979 und Ihre Auswirkungen auf die Erziehung bis heute

4. Schluss: Fazit

5. Literaturverzeichnis

6. Anhang

1. Einleitung

Im Zuge meiner Recherchen über den Zusammenhang zwischen dem politischen System im islamischen Staat Iran und seiner Religion ist mir besonders aufgefallen, dass politische und religiöse Einflüsse besonders im Bereich der Erziehung und Bildung im Iran widergespiegelt werden. Daraufhin haben sich mir folgende Fragen gestellt: Wer hat im Iran die politischen Macht inne? Was ist die Staatsreligion des Iran? Welchen Einfluss hat die Staatsreligion auf die politische Herrschaft? Welchen Einfluss hatte die Religion im Laufe seiner Geschichte auf die Bildung und Erziehung der Bevölkerung? Welche politischen Machtinteressen haben die iranische Schule geprägt? Welche Rolle spielt die Schule im Iran heute?

Dementsprechend kam ich zu meiner Forschungsfrage: Die politische und religiöse Rolle der Schulen im Iran in seinem historischen Kontext

Zunächst möchte ich deshalb einen Überblick über den demographischen und politischen Aufbau des Iran geben und dabei seine Staatsreligion genauer untersuchen. Anschließend werde ich versuchen zu klären wie die einflussreichen Positionen durch die besonderen Merkmale der Staatsreligion legitimiert werden.

Nachdem ich die Besondere politische und religiöse Struktur im Iran untersucht habe, wende ich mich im Hauptteil der Erziehung und Bildung im Iran in seinem historischen und religiösen Kontext zu.

Zunächst untersuche ich die Entstehungsgeschichte der ersten Schulen im islamischen Reich und ihre religiöse Entwicklung. Danach prüfe ich die nicht islamischen, westlichen Einflüsse auf die Schule im Iran und beziehe dabei die anti-islamische Pahlavi-Dynastie mit ein. Anschließend werde ich die religiösen und politischen Ursachen, die zu einer islamischen Revolution und damit zur Veränderung zur jetzigen Struktur des Bildungssystems geführt haben, klären. Letztendlich versuche ich die heutigen Schulen im Iran und ihre politische und religiöse Position zu erläutern.

Ich versuche mit dieser Arbeit einen groben Überblick über die politische und religiöse Geschichte der Bildung und Erziehung im Iran zu geben und dabei seine islamische und westliche Prägung mit ein zu beziehen. Dabei versuche ich unwesentliche Details außer acht zulassen, da diese den hier gegebenen Rahmen sprengen würden sondern bemühe mich die Hauptursachen und ihre Zusammenhänge so gut wie möglich zu erklären.

2. Aufbau der islamischen Republik Iran

Um sich näher mit der religiösen und politischen Rolle der Schulen im Iran zu beschäftigen, muss der iranische Staat zunächst genauer im Hinblick auf seine Bevölkerungsstruktur, seine politische Struktur und seine Religion untersucht werden. Von besonderem Interesse wird in diesem Zusammenhang der Einfluss der Religion auf das politische System des Iran sein.

2.1 Überblick Iran

Von den über achtundsechzig Millionen Einwohnern des Iran1 sind nur ungefähr die Hälfte Perser. Die restlichen fünfzig Prozent setzen sich zusammen aus 20% Aserbaidschanern, 10% Luren und Bachtiaren, 8% Kurden, jeweils 2% Arabern und Turkmenen und anderen Minderheiten wie Belutschen und Armeniern. So wird auch nur von der Hälfte der Bevölkerung Persisch gesprochen und von der anderen Hälfte Luri, Kurdisch, Balutschi und verschiedene Turksprachen.2

Somit ist der Iran ein Vielvölkerstaat mit einer großen Bevölkerungs- und Sprachvielfalt.

Überraschenderweise herrscht dagegen eine große Übereinstimmung hinsichtlich der Religionsausübung der Bevölkerung.

Ungefähr 99% der Iraner sind Muslime von denen sich 95% zur Zwölferschia, der offiziellen Staatsreligion bekennen und 4% dem sunnitischen Glauben angehören. Dabei bekennen sich von der nicht persischen Bevölkerung, Aserbaidschaner, Araber, Kaschgai, Luren und Bakhtijaren überwiegend zur Schia, während Kurden, Belutschen und Turkmenen mehrheitlich der sunnitischen Minderheit des Iran angehören. Die geringe nichtmuslimische Minderheit von 1% setzt sich aus ungefähr 300000 Mitgliedern der im Iran offiziell verbotenen Baha’i Religion,3 und kleineren Minderheiten von armenischen und assyrischen Christen, Juden, Zoroastiern und Mandäern zusammen.

Eine genaue Zuordnung der iranischen Minderheiten in religiöse und sprachliche Gruppierungen, erweist sich allerdings als schwierig, da sich solche Kategorien häufig überschneiden.4

Die Bevölkerung des Iran besteht aus einer relativ breiten, gebildeten Mittelschicht und einer Bildungselite. So beträgt die Alphabetisierungsrate, welche allerdings ein starkes Stadt-Land-Gefälle mit einschließt, bei den über Fünfzehnjährigen 72%.5

Der Iran hat die Staatsform einer theokratischen Republik, genauer einer islamischen Präsidialrepublik, dessen Verfassungsgrundlage auf der Idee beruht, dass die Souveränität alleine Gott gebührt.6

Die, auf den ersten Blick verhältnismäßig demokratische Verfassung sieht eine Trennung von Legislative, Exekutive und Judikative und ein Wahlrecht ab 16 Jahren vor. Trotz hoher Arbeitslosigkeit, Armut einer hohen Inflation scheint das politische System das seit 1979 existiert stabil zu sein.7

Das Volk wählt, für eine jeweils vierjährige Amtszeit, den Präsidenten und das Parlament mit 290 Sitzen. Derzeitiger Präsident ist seit Juni 2005 Mahmud Ahmadinedschad. Er ist Staatsoberhaupt, Regierungschef und ihm untersteht ein Ministerrat mit 22 Ressortleitern.8

Die Befugnisse von Parlament und Präsident sind allerdings stark eingeschränkt.

So ist der Präsident abhängig von der Bestätigung des Revolutionsführers, dem Obersten Rechtsgelehrten und kann auch durch diesen wieder abgesetzt werden. Der Oberste Rechtsgelehrte, der wissenschaftlich und religiös qualifiziert sein muss wird von einem gewählten geistlichen Expertenrat auf Lebenszeit ernannt. Das „Amt“ des Revolutionsführers bekleidet seit 1989 Ali Khamenei. Diese Position ist mit weit reichenden Kompetenzen ausgestattet. Er ernennt das Oberhaupt des Justizsystems, die sechs geistlichen Mitglieder des Wächterrates, den Leiter des Radios und Fernsehens, den Oberbefehlshaber der Bodenstreitkräfte, der Luftwaffe und der Marine und den Oberkommandeur der Ordnungskräfte. Dadurch sind Exekutive, Legislative und Judikative nur fiktiv von einander getrennt und unterstehen der Aufsicht des Obersten Rechtsgelehrten, der dazu befugt ist willkürlich Macht in fast allen relevanten Bereichen auszuüben.9

Eine besondere Rolle spielt der Wächterrat. Er besteht aus sechs Geistlichen und sechs gewählten, weltlichen Rechtswissenschaftlern. Die Geistlichen werden vom Revolutionsführer ernannt. Zu seinen Aufgaben gehört die Überwachung aller Wahlen, was bedeutet, dass er eine Vorauswahl der Kandidaten bei den Parlaments-, Präsidentschaftswahlen und Wahlen des Expertenrates trifft. Des Weiteren überprüft er alle Gesetze die das islamische Parlament erlässt auf der Grundlage der Scharia10 und der islamischen Verfassung.

Gibt es Uneinigkeit im Wächterrat ist auch hier der Revolutionsführer die letzte Entscheidungsinstanz.11 Somit ist die Demokratie in der islamischen Republik Iran stark eingeschränkt. Zusammenfassend kann man sagen, dass der Revolutionsführer sowie die Geistlichen an der Spitze12 der politischen und gesellschaftlichen Machtpyramide des Vielvölkerstaats Iran stehen und der Präsident lediglich als untergeordneter Sprecher des Führers fungiert.13

Folglich stellt sich die Frage, was die besonderen Eigenschaften dieser einflussreichen, herrschenden Religion des Iran sind und wie man den Zwölfer-Schiitischen Islam vom Sunnismus, der größten islamischen Glaubensrichtung, differenzieren kann.

2.2 Der Zwölfer-Schiitische Islam

Die Schiiten, oder auch Schia, ist aus dem Arabischen abgeleitet von „shi’at ’Ali, „Die Partei Alis“14. Sie stellen mit 110 Millionen Menschen etwa 10-15% aller Muslime dar. Die größte schiitische Gruppe sind die Zwölferschiiten, die außer im Iran noch im Irak, auf dem Indischen Subkontinent, in Afghanistan im Libanon, in der Türkei und Regionen in Zentralasien vertreten sind.15

Die drei wesentlichen Grundlagen der schiitischen Lehre, die sie mit allen anderen muslimischen Glaubensrichtungen gemeinsam haben sind, „die Bejahung der Einmaligkeit Gottes (…) und des Prophetentums Mohammads“16 und drittens der Glaube an die Auferstehung und das jüngste Gericht. Allerdings fügt der schiitische Glaube diesen Grundsätzen noch zwei zusätzliche hinzu, die Gerechtigkeit Gottes und des Imamats.17

Im Gegensatz zum Sunnismus, der eher den Glauben an die Willkür Gottes vertritt, glauben die Schiiten, dass Gott nur gerecht handeln kann und betrachten damit seine Schöpfung rationaler. Dies bedeutet vor allem, dass der Mensch sein Handeln frei bestimmen kann und Gott den Menschen daher nicht für Gebotsübertretungen willkürlich bestraft, die der Mensch als nicht autarkes Wesen nicht selbst verschuldet haben könnte.

Aus dieser Überzeugung heraus, ist es für Schiiten undenkbar, dass ein gerechter Gott sein Geschöpf nach dem Tod des Propheten Mohammad einfach alleine gelassen hätte ohne regelmäßige Bestätigungen für die Wahrheit der Offenbarung zu senden und schickte deshalb zwölf Imame.18 Deswegen werden die Zwölfer-Schiiten häufig auch als Imamiten bezeichnet.

Da die Imame eine so grundlegende Bedeutung in der Beziehung zwischen den Menschen und Gott haben, können sie nicht aus der Reihe der fehlbaren Menschen auserwählt worden sein sondern müssen das religöse Recht, das feqh19 kennen, vollkommen gerecht, sündenlos und somit unfehlbar sein.

Deshalb halten die Schiiten nur den vierten Kalifen, Ali ibn Abi Talib, den Vetter und Schwiegersohn des Propheten für Muhammads rechtmäßigen Nachfolger, da er ein direkter Verwandter des Propheten ist, während die Sunniten, alle vier der so genannten “rechtgeleiteten Kalifen“ anerkennen.20

Dadurch wurde der Ursprung der Zwölferschia mit der Imamatslehre gelegt.

Sie nimmt eine Kette von unfehlbaren zwölf Imamen an,21 angefangen mit Ali als erstem und seinen Söhnen Hasan und Husain als zweitem und drittem Imam. Das Imamat wird nur an die direkten männlichen Nachkommen der Prophetenfamilie weitergegeben, denen bis auf Ali das Recht auf weltliche Macht vorenthalten wurde.22 Die ersten elf Imame starben in ihrer Geschichte als Märtyrer.

Eine wichtige Rolle in der Kultur der Schiiten, spielt dabei vor allem die Schlacht von Karbala am 10. Moharram 6123 zwischen Husains und Truppen des Kalifen Yazid I. In diesem Kampf gegen das Kalifat werden 72 Freunde und Verwandte Husains auf grausame Weise getötet und Husain selbst, bei dem Versuch ein neugeborenes Kind zu retten ein Pfeil in den Hals geschossen und schließlich der Kopf abgeschlagen. Besonders des grausamen Märtyrertodes des dritten Imams al Husains wird in rituellen schiitischen Trauerfeiern mit rituellen Umzügen und Passionsspielen, die den leidenden Wesenszug der Schiiten geprägt haben, bis heute gedacht.

Diese Schlacht führte zur letzten Trennung zwischen den beiden Lagern, die später als Schiiten und Sunniten bezeichnet werden und damit der Ursprung des schiitischen Glaubens.24

Neben dem dritten Imam, zur Unterscheidung zwischen Schiiten und Sunniten hat außerdem der zwölfte Imam in diesem Zusammenhang eine Schlüsselrolle. Der zwölfte Imam, Muhammad al-Mahdi25 ist nach Ansicht der Zwölfer-Schiiten nicht gestorben, sondern wurde als Kind nach der Ermordung seines Vaters 874 von Gott in die Verborgenheit entrückt um ihn vor den Übergriffen des Kalifen zu schützen. Zunächst soll er 874 bis 941 in einer „kleinen Verborgenheit“ gelebt haben in der er noch persönlich nacheinander vier Botschafter entsandte die stellvertretend die Leitung der Gemeinde übernehmen durften. Dem letzten soll er aber vor seinem Tod gesagt haben: „Bestimme niemanden, der nach deinem Tod deinen Rang einnehmen wird, denn die vollständige Verborgenheit (…) ist nun angebrochen. Niemand außer Gott allein wird die Erlaubnis zum Hervortreten (…) geben.“26

Die Zwölfer-Schiiten glauben, dass Muhammad dereinst wiederkehren wird um die Herrschaft der Tyrannen zu beenden und die Gerechtigkeit Gottes auf Erden einzuführen.27

Dieser zwölfte Imam ist im Glauben der imamitischen Schiiten die einzig legitime Führungskraft der Muslime.

Laut Verfassung des Iran von 1979 ist Muhammad al-Mahdi das offizielle Oberhaupt des Iran und soll bei seiner Widerankunft das „Goldene Zeitalter des Islam“ ankündigen.

2.3 Legitimation von Herrschaft in der islamischen Republik Iran

Da der zwölfte Imam in der Zeit seiner großen Verborgenheit keinen weiteren Botschafter entsandte, entstand für die schiitische Glaubensgemeinschaft ein Machtvakuum.

Auf Grund der Imamatslehre und den negativen Erfahrungen mit den Kalifen in der schiitischen Entstehungsgeschichte28 wäre es aber unmöglich einem weltlichen Herrscher, die Führung über die schiitischen Gläubigen zu übertragen.

[...]


1 ELGER, „ Kleines Islam-Lexikon“, S.143

2 VON BARATTA, „ Der Fischer Weltalmanach 2005“, S.212

3 Ebd., S.212

4 ELGER, „ Kleines Islam-Lexikon“, S.145

5 ELGER, „ Kleines Islam-Lexikon“, S.144

6 RAFAT, „Das iranische Bildungssystem in der Dynastie Pahlawi und der Islamischen Republik“, S. 7f

7 ELGER, „ Kleines Islam-Lexikon“, S.143f

8 Ebd., S.144

9 WAHDAT-HAGH, „Die islamische Republik Iran“, S.250ff 4

10 Islamisches Recht, wörtlich: „ Wegweisung“ oder Methode“

11 WAHDAT-HAGH, „Die islamische Republik Iran“, S.254f

12 Siehe: Punkt 6 Abb.1

13 Ebd., S.251

14 ELGER, „ Kleines Islam-Lexikon“, S.289

15 Ebd., S.289

16 RICHARD, „ Der verborgene Imam“, S.23

17 Ebd., S. 23

18 Ebd., S. 23

19 Die Wissenschaft der Scharia

20 ELGER, „ Kleines Islam-Lexikon“, S.289f

21 Siehe: Punkt 6 Abb.2

22 ELGER, „ Kleines Islam-Lexikon“, S.290

23 10 Oktober 680

24 HALM, „Der schiitische Islam“, S.28

25 Der Rechtgeleitete

26 OURGHI, „Schiitischer Messianismus und Mahdi-Glaube in der Neuzeit“, S.41

27 Ebd., S.38ff

28 Siehe: 2.2

Details

Seiten
27
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656165323
ISBN (Buch)
9783656165637
Dateigröße
699 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v191506
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Geschichte und Kultur des Nahen Ostens sowie Turkologie
Note
2
Schlagworte
Schulen Iran Geschichte Naher Osten Islam

Autor

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