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Reformpolitik Friedrichs des Großen

Elemente des Fortschritts und der Beharrung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 52 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Aufgeklärter Absolutismus oder Reformabsolutismus

3. Friedrichs Verhältnis zur Aufklärung

4. Friedrichs Reformpolitik
4.1 Schul- und Erziehungspolitik
4.1.1 Förderung der Eliten
4.1.2 Selbständiges Denken als Bildungsideal
4.1.3 Friedrichs Reform der Volksbildung
4.2 Kirchen- und Religionspolitik
4.2.1 Toleranz aus dynastischer Tradition und Staatsräson
4.2.2 Theoretische Grundlagen
4.2.3 Elemente praktischer Kirchenpolitik
4.3 Rechtspolitik
4.3.1 Humanität als Element des Fortschritts
4.3.2 Vereinheitlichung der Gerichtsorganisation
4.3.3 Kodifikation des Rechts in Preußen
4.3.4 Elemente der Beharrung

5. Konklusion

Anlagen:

- Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wenn gemäß der Themenstellung die „Elemente des Fortschritts und der Behar-rung in der Politik des preußischen Königs Friedrich II.“ zu untersuchen sind, so wird damit der schon traditionelle Topos „vom Königtum der Widersprüche“ aufgenommen, den bereits1833 Johann David Preuß in der „Lebensgeschichte Friedrichs des Großen“ geknüpft hatte. Preuß hatte damals auf die Ambivalenz zwischen „allgemeiner Aufklärung, welche der König so sehr hege“, und den „Verhältnissen des Staates“ hingewiesen, für die – wie er sich ausdrückte – „das Licht“ der Aufklärung noch nicht zeitgemäß gewesen sei. – weshalb Friedrich „in Widerspruch mit sich selbst geraten“ sei.[1]

Eine Generation vorher war auch der Philosoph Christian Garve, der seit dem Winter 1778/79 in Breslau wiederholt Gespräche mit Friedrich führen konnte, in seinen „Fragmenten zur Schilderung des Geistes, des Charakters und der Regier-ung Friedrich II.“ zu dem Ergebnis gekommen, dass erhebliche Widersprüche zwischen den Aufklärungsbemühungen und der Regierungspraxis Friedrichs bestünden. Und auch Friedrich selbst hat, wie ein Brief an seine Schwester Wilhelmine aus dem Jahre 1756 bezeugt, den Philosophen und den Politiker als Gegensatz in sich empfunden. Er sah sich als „Philosoph aus Neigung, Staats-mann aus Pflicht – kurz, einen Menschen, der genötigt sei, alles zu tun, was er nicht ist.“[2]

Auf der Grundlage dieser Einsichten soll in der nachfolgenden Arbeit nun unter-sucht werden, wie sich die in der Persönlichkeit Friedrichs offenbar angesiedelte Antinomie zwischen Aufklärung und Absolutismus oder - anders ausgedrückt zwischen Fortschritt und Beharrung - in seiner Regierungspraxis, die in der Histo-riographie gemeinhin mit dem Begriff der Reformpolitik belegt wird, ausgewirkt hat. Welche Elemente des Fortschritts und der Beharrung waren kennzeichnend für sein reformpolitisches Entscheiden und Handeln? Als fortschrittlich soll dabei eine Politik verstanden werden, die eine Verbesserung der rechtlichen und sozia-len Verhältnisse der Menschen im Einklang mit den Ideen von Aufklärung, Naturrecht und Humanität bewirkt hat oder bewirken sollte. Als Elemente der Beharrung dagegen werden solche zu bezeichnen sein, die den gesellschaftlichen Fortschritt behinderten, sich aus traditionellen Überzeugungen und Verhältnissen ableiteten und hinsichtlich ihrer Begründung noch in den Werten, Normen und Denkkategorien des Absolutismus verhaftet waren.

Die thematische Kernfrage soll exemplarisch anhand der drei Politikfelder Schule, Kirche und Justiz beantwortet werden, da sie wichtige Bereiche friderizianischer Reformpolitik darstellen und in ihnen die fortschrittlichen Einflüsse der Aufklär-ung wie auch die der Beharrung gut nachzuvollziehen sind. In einem weiteren Abschnitt wird zudem Friedrichs Rezeption der Aufklärung einer Analyse unterzogen.

Zuvor soll jedoch untersucht werden, ob und inwieweit der Begriff „Aufgeklärter Absolutismus“ für die Regierung Friedrichs II. zutrifft oder ob er nicht besser – wie u.a. von Birtsch vorgeschlagen – durch die Bezeichnung Reformabsolutismus zu ersetzten wäre. Wie eingangs bereits erwähnt, schien sich der in Friedrich verkörperte Widerspruch zwischen aufgeklärt – humanitärem Geist und einer im Extrem machiavellistischen Regierungspraxis auf den Grundwiderspruch von Aufklärung und Absolutismus zu reduzieren. Diese schließen sich aber nach Karl Otmar von Aretin in „letzter Konsequenz“ aus, wenn man „Aufklärung auch als Prozeß politischer Befreiung und Absolutismus als System uneingeschränkter monarchischer Souveränität begreift.“

Die zur Bearbeitung des Themas verfügbare Literatur ist fast unüberschaubar und erforderte eine Konzentration auf Autoren, die – soweit vom Verfasser zu beaur-teilen – den gegenwärtigen Stand der Preußenforschung repräsentieren. Daher bezieht sich die vorliegende Arbeit insbesondere auf Historiker wie Theodor Schieder, Hans-Joachim Schoeps, Otto Hinze, Günter Birtsch, Ernst Hinrichs, Gerd Heinrich, Walter Hubatsch und Christian Graf von Krockow. Aber auch mehr journalistisch aufbereitete Arbeiten wie die von Rudolf Augstein und Wolfgang Venohr wurden herangezogen.

2. Aufgeklärterter Absolutismus oder Reformabsolutismus?

Wenn im folgenden die fortschrittlichen Elemente und die der Beharrung in der aufklärerischen Reformpolitik Friedrich II. untersucht werden, so wird damit ein Bereich behandelt, der konstituierend ist für die Bezeichnung der friderizianischen Regierungsform als „aufgeklärter Absolutismus“. Denn nur der besondere, der neue und eigentümliche „aufgeklärte“ Gehalt der friderizianischen Reformen würde eine logische Abgrenzung zu dem rechtfertigen, was vorher war, d.h. der Zeit des Soldatenkönigs, und zu dem was mit Friedrich Wilhelm II. in Preußen nachher kam.

Als 1847 die Epochenbezeichnung „Aufgeklärter Absolutismus“ als Ergebnis wis-senschaftlicher Systematisierungsversuche des 18. Jhds. von dem Nationalökono-men Roscher für die Regierungszeit Friedrichs des Großen eingeführt wurde, stand das augenscheinlich außer Frage. Vor geraumer Zeit allerdings wies Volker Sellin[3] bereits auf den vielfältigen, häufig unstimmigen und unreflektierten Gebrauch des Terminus „aufgeklärter Absolutismus“ hin, für den nach Birtsch[4] auch heute noch keine Übereinstimmung besteht. Auch Schieder stellt fest, dass die Begriffsbestimmung des „aufgeklärten Absolutismus“ durch ihren „kontro-versen Charakter“ gekennzeichnet sei und stellt die Frage, ob hier nicht zwei im Grunde unvereinbare Phänomene „Aufklärung“ u. „Absolutismus“ kombiniert“ würden.[5]

Die Antworten der Geschichtswissenschaft darauf sind – wie bereits erwähnt – vielfältig und werden nach Birtsch durch die – wie er sich ausdrückt „ Suggestiv-kraft diffuser Aufklärungsvorstellungen und die historiographische Tradition“ in starkem Maße beeinflußt.[6]

So sieht Reinhold Koser das „Neue und Eigenthümliche“ am „aufgeklärten Des-potismus“ zwar in der „Berufung auf das Naturrecht“, der „Anerkennung der Vertragstheorie“ und dem „Bewußtsein der sich daraus ergebenden Verpflich-tungen“; - unter Beibehaltung der uneingeschränkten absolutistischen Vollgewalt. Aufgrund der Verfassungswirklichkeit in Preußen kam er aber letztlich zu dem Schluß, dass sich der „aufgeklärte Absolutismus“ in nichts vom „unaufgeklärten“ unterschieden habe.[7]

Auch Fritz Hartung sah sich gezwungen, seine Charakterisierung des „aufgeklär-ten Absolutismus“ als eine von der Aufklärung stark beeinflußte Regierungsweise angesichts der Verfassungswirklichkeit abzuschwächen.[8] Und Otto Hintze stellt fest, dass dem Staatsmann Friedrich II. nicht an einer grundsätzlichen Öffnung gegenüber der Aufklärung gelegen habe, sondern nur an einem selektiven, den Staatszwecken förderlichen, instrumentalen Verhältnis zu ihr. Die „wohlwollen-den, humanen Tendenzen der friderizianischen Rechts-und Sozialpolitik“ waren für ihn Ausdruck eines „aufgeklärten Despotismus“. Hintze betrachtete Friedrich II. als „Hauptvertreter des aufgeklärten Absolutismus“. und teilte insofern nicht die These von der Widersprüchlichkeit dieses Epochenbegriffs.[9]

Neben der offensichtlichen Antinomie zwischen einem auf „Mündigkeit des Menschen gerichteten Aufklärungsprogramm“ und dem „autoritären System des aufgeklärten Absolutismus“ ergibt sich für Birtsch aus der Übertragung eines un-differenzierten Aufklärungsbegriffs auf die geschichtlichen Wirklichkeit des preußischen Absolutismus letztlich die Folge, dass es sich bei dem sog. „aufge-klärten Absolutismus“ um eine „begriffliche Fehlleistung der Historiographie“ handelt, denn diese habe „die im allgemeinen Begriff der Aufklärung gegebenen antiautoritären, freiheitlichen Aspekte mit dem Gedanken der Unumschränktheit der absolutistischen Staatsgewalt zusammengewungen.“[10]

Nirgendwo – argumentiert Birtsch weiter – sei es bei den Reformen in erster Linie um die „Durchsetzung aufgeklärter Grundsätze“ gegangen. Alle Reformen hätten immer auch der „Festigung und Machtentfaltung des absolutistischen Staatsverfassung“ gegolten. Und allenthalben hätten die Herrscher und ihre Staatsdiener in der Kontinuität ihrer Vorgänger gestanden und an deren Reform-tätigkeit angeknüpft.[11] Insgesamt verschleiere der Begriff „aufgeklärter Absolu-tismus“ nach Birtsch somit ebenso die Kontinuität des weiter zurückreichende Reformabsolutismus wie die „Brechung u. Instrumentalisierung aufgeklärter Impulse durch die Wirklichkeit der Staats- u. Gesellschaftsverfassung“. Birtsch plädiert deshalb dafür, das 18. Jh. künftig als „Jahrhundert des Reformabsolutis-mus“ zu apostrophieren.[12]

Ob sich allerdings die damit vorgeschlagene Änderung eines derart in der historiographischen Tradition verhafteten Epochenbegriffes durchsetzen läßt, bleibt abzuwarten. Aber der hier aufgezeigte Gegensatz von Aufklärung und Staatsräson wird sich auch in der Antinomie zwischen Fortschritt und Beharrung in der nachfolgend zu thematisierenden Reformpoltik Friedrichs wiederfinden.

3. Friedrichs Verhältnis zur Aufklärung

Die Reformpolitik des Königs vollzog sich vor dem Hintergrund seiner Rezeption aufklärerischer Ideen, die sehr früh einsetzte und dazu führte, dass er sich bereits mit sechzehn Jahren in einem Brief an seine Schwester Wilhelmine selbst als „Frederic le philosoph“ bezeichnete.

Insbesondere die Rheinsberger Jahre, „in denen er sich ganz im Banne der Philo-sophie sah“[13], brachten Friedrich zu der Erkenntnis, dass mit dem Status des Philosophen geistige Unabhängigkeit und Autonomie verbunden sind. So ging er davon aus, dass die Philosophie die Voraussetzung sei zur „vernunftgeleiteten Befreiung vom Aberglauben“ ebenso wie zu „widerspruchsfreiem Denken“ und „kritischem Zweifel“ als „unabdingbarer methodischen Maxime“ jedweder intellektuellen Auseinandersetzung.[14] Die Philosophie diente Friedrich – so Birtsch - zunächst als „Denkschulung zur Gewinnung der Sicherheit des Arguments.“[15] Gleichzeitig habe er damit aber auch die Fähigkeit gewonnen, die Ziele und Begründungen seiner Politik, - sowohl die tradierten wie die fortschrittlichen - in die Sprache der Aufklärung zu kleiden.

Für den Historiker ergibt sich daraus nach Birtsch die Schwierigkeit, Friedrichs Staatsauffassung, vor allem seinen Reformwillen und dessen Tragweite wirklich-keitstreu zu erfassen. So forderte Friedrich in seinem Politischen Testament von 1752, dass eine gute Staatsregierung über ein ebenso fest gefügtes System wie ein philosophisches Lehrgebäude verfügen müsse; d.h. alle Maßnahmen müßten gut durchdacht sein und sich auf ein gemeinsames Ziel konzentrieren: „Die Stärkung des Staates und das Wachstum der Macht“.[16] Seinen Vater, der das realisiert hatte, bezeichnete er daher als „Philosophen auf dem Thron“![17] Mit dieser Umdeutung werde sichtbar – so Birtsch – dass für Friedrich „die Staatsräson der absolutisti-schen Monarchie offenbar Priorität gegenüber aufgeklärten Zielsetzungen“ gehabt habe. Birtsch faßt diese Erkenntnis in die These: „Aufgeklärte Denkmuster präg-ten Friedrichs Sprache, sie bestimmten auch sein Selbstverständnis als Literat und König, aber sie waren sekundär für sein an der Staatsräson orientiertes Handeln.“[18]

Schieder dagegen sieht in der schriftlichen Hinterlassenschaft Friedrichs, die in ihrem Gehalt vielschichtig sei und sich auf verschiedenen Stufen zwischen theore-tischer Reflexion und politischer Handlungsanweisung einordnen lasse, insgesamt einen geeigneten Schlüssel für die Interpretation seines Regierungssystems. Dies gelte auch, obwohl die Aussagen untereinander nicht immer stimmig seien.[19] Aus Friedrichs theoretisch-systematischen Schriften - wie beispielsweise dem „Antimachiavell“ von 1739/40 oder dem „Essai sur les formes de gouvernement et sur les devoirs des souverains“ von 1777 - ließen „sich durchgehende Linien ziehen für die Einflüsse, die vom politischen Denken der Aufklärung auf Friedrich den Großen ausgingen.“[20] Wird bereits im „Antimachiavell“ als Ziel fürstlicher Regierung die Realisierung von Sittlichkeit, Menschlichkeit und Recht auf der Grundlage der „naturechtlich Gleichen“ verkündet, so erklärt der König ganz im Sinne der von ihm schon früh (1737/38) rezipierten Naturrechtslehre in seiner Altersschrift von 1777: „Die Aufrechterhaltung der Gesetze war der einzige Grund, der die Menschen bewog, sich Obere zu geben, denn das bedeutet den wahren Ursprung der Herrschergewalt. Ihr Inhaber ist der erste Diener des Staates.“[21] Und dieser habe „mit Redlichkeit, mit überlegener Einsicht und vollkommener Uneigennützigkeit zu handeln.[22]

Hinsichtlich der Staatsvertragslehre ging Friedrich zwar von der „unauflöslichen Gemeinschaft der naturrechtlich Gleichen“, aber auch von einer „Identität zwi-schen Staats- und Herrscherinteresse“ bzw einem „besonderen Eigentumsverhält-nis des Monarchen am Staat“ aus, die er als „Gewähr für eine an der allgemeinen Wohlfahrt orientierten monarchischen Politik sah.“[23] Ein Widerstrandsrecht der Beherrschten lehnte Friedrich ab, da er wie Hobbes den Gesellschaftsvertrag für einen irreversiblen Akt ansah.[24] Zudem weist Birtsch darauf hin, dass Friedrich wohl erkannt habe, dass sich die Vertragslehre vorzüglich zur „Rationalisierung der Herrschaftsverhältnisse“ eigne. Im Gegensatz zu dem von der Aufklärung verworfenen Gottesgnadentum bot sie ihm die „Chance zeitgemäßer Selbstdar-stellung monarchischer Macht“ und konnte über die Idee der zur allgemeinen Wohlfahrt verpflichteten Gemeinschaft aller Staatsbürger als „herrschaftsstabi-lisierendes Regulativ“instrumentalisiert werden. Insofern sei die Vertragslehre für aufgeklärte Herrscher geradezu ein Gebot der Staatsräson gewesen.[25]

Friedrich sah in John Locke den Idealtyp des aufgeklärten Denkers, der sich ohne Vorurteil nur von der Vernunft leiten ließ. Ansonsten stand der König vornehm-lich unter dem Einfluß von Pierre Bayle, Voltaire und anfangs Christian Wolff, die insbesondere sein Verhältnis zur Religion sowie die Rezeption des Toleranz-gedankens beeinflußten

Die Rezeption der aufklärerischen Toleranzidee, der Gleichheitsvorstellungen sowie des Prinzips der Rationalität sind zumindest vom Ansatz her die theoreti-schen Grundlagen der fortschrittlichen Elemente in Friedrichs Reformpolitik. Seine Vorstellung von den „besonderen dynastischen Eigentumsverhältnissen“ dagegen zeigt, dass der König gleichzeitig noch stark von traditionellen Normen geprägt war. Diese Bewertung gilt auch für Friedrichs gesellschaftspolitische Vorstellungen, die letztlich auf die „Dienstbarmachung einer ständischen Gesell-schaftsordnung für den Staat“ abzielten. Die Verfolgung dieses „funktionsständi-schen Konzepts“ war ein wichtiges Element der Beharrung in der Reformpolitik Friedrichs und zugleich Ausdruck „der Brechung seines aufklärerischen Denkens an den Realitäten der damaligen preußischen Gesellschaftsordnung.[26]

4. Friedrichs Reformpolitik

Die Erkenntnis, dass die aufgeklärte Herrschaftstheorie der aufgeklärten Herr-schaftspraxis vorausgewesen sei,[27] ist so richtig wie die allgemeine Aussage, wonach die Theorie jeweils der Praxis vorauseilt.[28] Wichtig erscheint in diesem Zusammenhang die Feststellung, dass nicht nur der Reformwille des aufgeklärten Herrschers, seine persönlichen Tugenden, seine Pflichtauffassung, seine Klugheit und sein Ideenreichtum allein entscheidend waren für die erfolgreiche Umsetzung aufgeklärter Ziele in praktische Politik. Neben den politischen und gesellschaft-lichen Gegebenheiten (z.B. die Ständeordnung) gehörte zu den Rahmenbedingun-gen vor allem „ein funktionsfähiger Behörden- und Verwaltungsapparat, der dem König die nötigen Informationsgrundlagen für seine Entscheidungen lieferte, seine Anordnungen ausführte und durchsetzte.“[29] Erst eine effiziente Administra-tion machte das System der absolutistischen Selbstregierung funktionsfähig. Hinzu kam, dass auch Reformpolitik in einem absolutistischen Staat Rücksicht nehmen mußte auf die „Schwerkraft tradierter Wertvorstellungen und Interessen-konstellationen“, wenn sie nicht zum Scheitern der Reformen und zu Loyalitäts-verlusten für den Monarchen führen sollte.[30]

Friedrich II. hatte das Glück, bei seinem Regierungsantritt 1740 einen reformier-ten Verwaltungsapparat und eine leistungsfähige Behördenorganisation von seinem Vater, dem großen „inneren König“ Preußens, übernehmen zu können. Friedrich Wilhelms I. hatte die Verwaltungsreform vor allem zum Ausbau des Fiskalismus in Angriff genommen. Und auch der „Merkantilist“ Friedrich der Große, der nach seinen eigenen Worten in den Einnahmen des Staates den „Puls“ sah, „an dem man die Stärke seiner Konstitution“ maß, befaßte sich in seinen politischen Testamenten von 1752 und 1768 ausführlich mit den Fragen der Staatseinkünfte und ihrer Verwaltung.[31]

4.1 Schul- und Bildungspolitik

Die Schul- und Erziehungspolitik wird gemeinhin als ein Bereich betrachtet, in dem sich Friedrich II. durch seine fortschrittlichen Reformaktivitäten in besonde-rer Weise Verdienste erworben hat. Für Friedrich seien, wie für viele Aufklärer, Erziehung und Aufklärung „geradezu synonyme Begriffe“ gewesen, stellt Rudolf Vierhaus fest.[32]

4.1.1 Förderung der Eliten

„Friedrichs Glaube an die gestaltende Kraft der Erziehung ging mit einer differen-zierten, ständisch orientierten Einschätzung der Bildungschancen und einer ent-sprechenden Erfolgserwartung einher“.[33] So bringt Birtsch das Bildungskonzept des aufgeklärten Preußenkönigs auf den Punkt. Dies habe sich vor allem doku-mentiert in der von Friedrich beförderten Gründung der „Academie des Nobles“, für die der König auch eine Art Tugendkatalog verfaßte. Neben den traditionellen adeligen Standestugenden wie Ehrgefühl und Tapferkeit wurden zwar auch bür-gerliche wie Wissen und Fleiß vermittelt, dennoch handelte es sich aber ausdrück-lich um ein Bildungskonzept für „Leute von Welt“. Dies wurde insbesondere dadurch unterstrichen, dass neben den modernen Wissenschaften der Französisch-Unterricht im Vordergrund stand und eine Aufnahme von Bürgerlichen nicht vorgesehen war.[34] Durch das breit angelegte Fächerangebot wollte „die Ritter-akademie den jungen Herren zugleich die Universität ersetzen.[35] Ausbau des Bildungsangebots bei gleichzeitiger Bekräftigung traditioneller ständischer Privi-legien: so offenbaren sich hier Elemente des Fortschritts wie der Beharrung in der friderizianischen Schulpolitik gleichermaßen.

Zwar äußerte Friedrich in seinem „Brief über die Erziehung“ die Ansicht, man könne aus dem Menschen machen, was man wolle, dennoch blieb für ihn hin-sichtlich der Anwendung der jeweilgen Erziehungsgrundsätze und Schulpolitik die Geburt bestimmend. Die Erfahrung widerspreche der Lehre, dass die Menschen von Natur aus fast gleiche Anlagen hätten. Die Erziehung werde niemals, so schrieb 1777 der König an d´Alembert, die Natur ändern.[36] Vornehme Geburt sollte aber gleichzeitig auch Ansporn sein, Leistungen zu zeigen und „die Vorfahren zu übertreffen“, denn Friedrich erkannte auch, dass alles in einem Staat verloren wäre, „wenn die Geburt über das Verdienst siegen sollte“.[37] Birtsch faßt diese Haltung des Königs in den prägnanten Satz: „Die Erziehungsgrundsätze entsprachen hier der am Leistungsprinzip orientierten Umwidmung der tradierten Geburtsstände in Berufsstände“. Positiver Aspekt dieses beharrenden Elements seiner Bildungspolitik jedoch war, dass dieser berufsständische Rahmen den Unterricht nicht allzusehr bestimmte und einengte.[38]

[...]


[1] Birtsch 2001, 51.

[2] Ebd.

[3] Sellin, 83.

[4] Birtsch 1996, 101.

[5] Schieder, 281.

[6] Birtsch 1996, 101.

[7] Koser, 279.

[8] Hartung, 57.

[9] Vgl.Hintze 1915, 397-400.

[10] Birtsch 1996, 104.

[11] Ebd., 108.

[12] Ebd.

[13] Birtsch 1987, 54.

[14] Ebd.

[15] Ebd., 37.

[16] Friedrich der Große 1752. Zit. in: Bardong 1982, 205.

[17] Friedrich der Große 1751. In: Volz 1913, 121. Zit. in: Birtsch 2001, 55.

[18] Birtsch 2001, 55.

[19] Schieder, 282.

[20] Ebd.

[21] Friedrich der Große 1777. Zit. aus: Volz, Bd. 1, 121.

[22] Ebd.

[23] Birtsch 2001, 56.

[24] Ebd.

[25] Ebd.

[26] Birtsch 2001, 58.

[27] Möller, 20. Zit. in: Birtsch 1987, 32.

[28] Ebd.

[29] Ebd.

[30] Ebd., 33.

[31] Ebd.

[32] Vierhaus, R.. In: Kopitzsch (Hg.), 188. Zit. In: Birtsch 1987 (a), 35.

[33] Birtsch 1987 (b), 41.

[34] Birtsch 2001, 42.

[35] Böhm, 187.

[36] Meyer, J. B., 38. Zit. In: Birtsch 1987 (a), 36.

[37] Ebd.

[38] Birtsch 1987 (b), 42.

Details

Seiten
52
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783656162827
ISBN (Buch)
9783656164081
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v191420
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – FB 3 / Historisches Seminar
Note
1,0
Schlagworte
Aufklärung Rationalisierung der Herrschaftsverhältnisse Toleranzidee funktionsständisches Konzept Elitenförderung Schul- und Bildungspolitik Kirchen- und Konfessionspolitik Rechtsreformen Cocceji Codex Fridericianus Naturrecht Friedrich der Große

Autor

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Titel: Reformpolitik Friedrichs des Großen