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Neue Dominanz des Elitenbegriffs seit der Exzellenzinitiative

Eine Argumentative Diskursanalyse der Hochschulpolitik

Hausarbeit 2011 25 Seiten

Pädagogik - Hochschulwesen

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Diskurstheorie
2.1 The argumentative turn in policy analysis
2.2 Argumentative Diskursanalyse
2.2.1 Story-Lines
2.2.2 Diskurskoalitionen

3. Elitenbegriff

4. Elitendiskurs im bildungspolitischen Umfeld
4.1 Die Exzellenzinitiative
4.2 Anwendung Argumentative Diskursanalyse
4.2.1 Story-Lines
4.2.2 Diskurskoalitionen

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„As politicians know only too well but social scientists too often forget, public policy is made of language. Whether in written or oral form, argument is central in all stages of the policy process” (Majone 1989: 1).

Seit dem Argumentative Turn innerhalb der Policy-Analyse gewinnen insbesondere Diskursanalytische Ansätze zusehends an Bedeutung, da ihre Untersuchung Machtfelder, deren Auswirkungen in sprachlichen Prozessen und damit den Einfluss auf Policy- Entscheidungen identifizieren und analysieren kann. Sprache als entscheidendes Mittel und Medium innerhalb der Untersuchung verschiedener politischer Programme oder Policies soll in dieser Hausarbeit thematisiert werden. Dabei ermöglicht es Hajers Methode der Argumentativen Diskursanalyse, die Dominanz von Diskursen anhand des Konzeptes der Diskurskoalitionen zu identifizieren, in diesem Falle im hochschulpolitischen Politikfeld.

Der Begriff der Elite besitzt dabei eine besondere Historie, die in der Benutzung des Begriffes durch insbesondere faschistische Regime begründet liegt (Vgl. Krais 2001: 14). Trotz des Unbehagens einiger Akteure mit diesem Begriff, findet er immer mehr Eingang in die Alltagssprache der Menschen, vor allem dann wenn es um Schulen und Hochschulen geht (Vgl. Krais 2001: 18). Daher untersucht diese Arbeit ob die Dominanz der ökonomischen Diskurskoalition so stark ist, dass sie auch einen stark historisch belasteten Begriff zur gängigeren Verwendung bringen kann.

Innerhalb des Politikfeldes der Bildung, insbesondere der Hochschulpolitik, hat die moralische Story-Line, die das Recht auf Bildung propagiert, eine lange Tradition. Trotz dieser langen Tradition ist innerhalb des bildungspolitischen Diskurses eine neue Dominanz von Begrifflichkeiten zu entdecken. Der Begriff der Elite ist dabei nur ein Ausdruck innerhalb einer Diskurskoalition, die immer stärker Einzug in die Medien, sowie Bundestagsdebatten erhält, wenn es darum geht, welchen Stellenwert Bildung und welche Ausrichtung der Bildungspolitik vorgenommen werden sollte. Daher untersucht diese Arbeit, inwiefern eine Dominanz der ökonomisch argumentierenden Diskurskoalition vorherrscht, um daraufhin zu untersuchen, ob diese Dominanz zu einer verbreiterten Verwendung des Begriffs der Elite führt. Dafür wird zuerst die Methode der Argumentativen Diskursanalyse von Maarten Hajer erläutert, sowie deren Stellenwert innerhalb der Policy-Analyse und anderer diskurstheoretischer Konzepte. Daraufhin wird die Historie des Begriffes der Elite genauer erläutert, um jegliche Implikationen dieses Begriffes darzustellen. Anschließend folgt die Anwendung der Argumentativen Diskursanalyse am hochschulpolitischen Diskurs, indem Story-Lines und die dazugehörigen Diskurskoalitionen dargestellt werden, um über die Dominanz einer Diskurskoalition urteilen zu können und ob diese Dominanz zu einer neuen Rhetorik geführt hat, in der der Begriff der Elite „leichter“ verwendet wird. Als Startpunkt der Untersuchung wird dabei die „Exzellenzinitiative“ gewählt, die als bundesweites Programm seit 2005 die Hochschullandschaft mitbestimmt. Untersucht wird insbesondere die Bundestagsdebatte vom 18. Januar 2008 und die damit 137. Sitzung in der 16. Wahlperiode.

2. Diskurstheorie

Dieses Kapitel beschäftigt sich mit der Theorie vom Diskurs, ordnet dabei Hajers Argumentative Diskursanalyse in einen Kontext, um daraufhin die Argumentative Wende in der Policy-Analyse und deren Auswirkungen auf die Praxis der Forschung zu erläutern. Anschließend werden die Konzepte der Story-Lines und Diskurskoalitionen von Hajer dargestellt.

2.1 The argumentative turn in policy analysis

Die Policy-Analyse als anwendungsbezogene Politikwissenschaft hat sich innerhalb Deutschlands erst Mitte der 1980er Jahre etabliert, ist in den USA jedoch schon ein längerer Bestandteil der Wissenschaft (Vgl. Schubert/Bandelow 2009: 3). Als programmatische Einordnung dessen, womit sich die Politikfeldanalyse beschäftigt diente Lasswells Einordnung der Policy-Analyse als „inhaltlich orientiert und multidisziplinär […], problemlösungsorientiert und […] explizit normativ orientiert“ (Schubert/Bandelow 2009: 13). Dabei stand in der ersten Phase der Policy-Analyse die Frage von Thomas R. Dye im Fokus: „Does Politics Matter?“, die jedoch durch mehrere empirische Studien verneint werden konnte (Vgl. Schubert/Bandelow 2009: 13). Daraufhin wurde sich in der zweiten Phase der Entwicklung der Policy-Analyse insbesondere mit parteipolitischen Programmen und deren unterschiedliche Auswirkungen auf Probleme der Gesellschaft (Inflation, Arbeitslosigkeit, etc.) beschäftigt, sodass in der dritten Phase die Auswirkungen institutioneller Rahmenbedingungen auf die Inhalte der Politik untersucht wurden, wie beispielsweise mit dem Modell des „Akteurszentrierten Institutionalismus“ von Fritz W. Scharpf (Vgl. Schubert/Bandelow 2009: 13). Diese Problemorientierung mit dem Anspruch eines konkreten Lösungsansatzes war der Stand der Forschung als der Argumentative Turn einsetzte.

„Sprache hat die Fähigkeit, Politik zu machen und dabei Zeichen und Symbole zu schaffen, die Machtgleichgewichte verschieben können und auf Institutionen und Politikinhalte Einfluss nehmen. Sie kann Ereignisse verharmlosen aber auch politische Konflikte schaffen“ (Hajer 2008: 213).

Die Sprache ist ein mächtiges Instrument, das erst nach und nach in der Wissenschaft nicht mehr als objektives Mittel zur Wiedergabe von Sachverhalten wahrgenommen wurde. Entscheidend bei dieser Wende der Wahrnehmung war der Sammelband von Frank Fischer und John Forester aus dem Jahr 1993, der den „Argumentative turn in policy analysis“ einläutete und Wissenschaftler dieses Sprechs versammelte. Die dabei zentralen Fragen waren die von „Wahrheit“ und „Macht“ (Fischer/Forester 1993: 1). Dabei sollten sich insbesondere die Policy-Analysten ihrer Rolle als Anwälte gewahr werden und dabei im Blick behalten, dass die Ergebnisse ihrer Forschung später Argumente im Policy-Prozess vorformen würde. Hajer bezeichnet die Sprache als Medium mit dem Akteure sich ihre eigene Welt schaffen (Vgl. Hajer 2004: 273). Dem „argumentative turn“ der Policy-Analyse ging der „linguistic turn“ in der Wissenschaft voraus. Diese insbesondere philosophische Bewegung führte dazu, dass „Wissenschaft […] nicht mehr als Quelle objektiven und sicheren Wissens [erscheint]“ (Saretzki 2009: 433) und die Wissenschaft ihre eigenen Befunde und Erkenntnisse hinterfragen sollte.

Frank Fischer und John Forester waren bei ihrem Sammelwerk vor allem auf die Praxis der Policy-Analysten fokussiert und stellten dabei insbesondere auch deren paradoxe Aufgabe in den Vordergrund. Auf der einen Seite sollten die Ergebnisse der Policy-Analsten „politisch anwendbar“ sein, zugleich aber „den professionellen Standards einer rationalen Analyse genügen“ (Saretzki 2009: 437). So wurde den Policy-Analysten die Rolle eines Anwalts zugeschrieben, um diesen zwei widersprüchlichen Herausforderungen zu begegnen:

„The policy analyst is a producer of policy arguments, more similar to a lawyer - specialist in legal arguments - than to an engineer or a scientist. His basic skills are not algorithmical but argumentative: the ability to probe assumptions critically, to produce and evaluate evidence, to keep many threads in hand, to draw for an argument from many disparate sources, to communicate effectively” (Majone 1989: 21).

Diese Rolle eines Anwalts beinhaltet auch die Fähigkeit zu wissen, was man nicht sagt sowie eine zeitgleiche schnelle Anpassung an gesellschaftliche Gegebenheiten (Vgl. Fischer/Forrester 1993: 3). Der „argumentative turn“ in der Policy-Analyse führte insbesondere zu einer Wende der eigenen Wahrnehmung der Policy-Analysten, was sich auch in der Wissenschaft niederschlug, da das Argument und damit die Sprache immer ein Teil der Forschung sind. „Policy analysis and planning are practical processes of argumentation“ (Fischer/Forester 1993: 2). Somit führte der ‘argumentative turn’ zu zwei neuen Zielorientierungen der Policy-Analyse: Erstens die Reflexion über die Policy-Analyse als diskursive Praxis, dadurch dass Policy-Analysten selbst Akteure innerhalb des PolicyProzesses sind und als solche auf diesen einwirken. Zweitens die Reflexion über die narrative Dimension von Politiken, die als textbasierte Gesetzesentwürfe, Programme, etc. Raum für Interpretationen bieten. Daher wird der Erfolg einer Politik auch von ihrer argumentativen Dimension mitbestimmt (Vgl. Janning et al. 2009: 61).

2.2 Argumentative Diskursanalyse

Der Begriff des Diskurses besitzt eine lange Tradition und wird in der heutigen Wissenschaft wie durch die strukturalistischen Arbeiten des Sprachtheoretikers Ferdinand de Saussure benutzt, der „Diskurse als abstrakte und objektive Regelstrukturen“ (Keller 2011: 14) definiert. Unter dem Dach der Diskursanalyse treffen sich viele verschiedene wissenschaftliche Strömungen. Zum einen wird dort der normativ-kritische Diskursbegriff Jürgen Habermas‘ mit seinem deliberativen Modell des kommunikativen Handelns vertreten (Vgl. Kerchner 2006: 33). „ Zweitens treffen wir innerhalb der empirisch-analytischen Forschung, die ihrerseits vielfältig handlungs- bzw. systemtheoretische Prämissen integriert […]“ (Kerchner 2006: 33), sowie die Diskursforschung, die sich an der Theorie Foucaults orientiert. Hajers Methode der Argumentativen Diskursanalyse lässt sich dabei zur zweiten Kategorie einrechnen, auch wenn „Foucaultsche Elemente“ (Hajer 2004: 277) sich in seinem Konzept wiederfinden lassen. „Rather than focusing on people making discursive statements, he (Foucault) emphasizes the ways in which discourses make people” (Fischer 2003: 38).

Diese strukturierende Dimension von Diskursen bleibt in Habermas‘ Theorie vom Ideal der deliberativen Kommunikation ohne Machtgefüge auf der Strecke und wird von Hajers Argumentativer Diskursanalyse mit dem Konzept der Praktiken wieder aufgegriffen.

Hajer definiert den Diskurs als ein „Ensemble von Ideen, Konzepten und Kategorien, durch die ein Phänomen mit Bedeutung versehen wird und das durch ein benennbares Set von Praktiken hervorgebracht wird“ (Hajer 2004: 275). Dabei ist für ihn vor allem die Unterscheidung von Diskurs und Diskussion von entscheidender Bedeutung. Ein Diskurs ist ein Ausdruck einer Struktur, wohingegen eine Diskussion mehr oder minder gleichberechtigte Interaktion zwischen Individuen darstellt. Da Hajer bei dieser Definition auch Wert auf die Praktiken legt, wendet er sich so von einer rein textzentrierten Diskursanalyse ab und nimmt auch institutionelle Bedingungen in den Fokus (Vgl. Nullmeier 2006: 305-306). So definiert Nullmeier in Anlehnung an Hajer den Begriff des Diskurses wie folgt: „Diskurs ist der Terminus für das politisch dominant Geltende samt seiner Produktionsbedingungen“ (Nullmeier 2006: 306).

Hajer hat seine Methode der Diskursforschung anhand der Debatte um den Sauren Regen in Großbritannien entwickelt und somit die Spannweite der verschiedenen Möglichkeiten der Diskursanalyse um eine weitere erweitert.1 Dabei ging es in Hajers Konzept vor allem um die Praktikabilität einer solchen Analyse, die Einbettung des Diskurses in gesellschaftlichen und historischen Kontext, sowie die Einbindung der Macht-Komponente (Vgl. Hajer 2008: 213). Das spezifische seiner Argumentativen Diskursanalyse ist dabei, dass „man sich vielmehr auf die Art und Weise, in der soziale Interaktion durch den Austausch von symbolischen und sprachlichen Aussagen entsteht“ (Hajer 2004: 275) konzentriert, um so einem der Probleme der Diskursanalyse, der Ebenenbestimmung verschiedener Diskurse, entgegenzugehen (Vgl. Hajer 2004: 275). Dabei stand bei ihm die Frage, „ welche Handlungen warum unternommen wurden“ (Hajer 2004: 271) im Mittelpunkt.

2.2.1 Story-Lines

Hajer hat bei seiner Argumentativen Diskursanalyse den „Diskurs als sprachlichen Ausdruck einer Struktur“ (Hajer 2004: 275) vor Augen. Entscheidend bei dem Konzept der Story-Lines als „knackiges Statement, das die Erzählung zusammenfasst“ (Hajer 2004: 277) ist dabei der Rahmen der Erzählung, die oftmals mit Hilfe von Metaphern konstruiert wird. Im von Hajer oft untersuchten Beispiel der britischen Debatte um Sauren Regen begreift er diese Erzählung als „eine Kette von Äußerungen, die darauf zielt, ein Phänomen zu beschreiben, indem sie eine Geschichte (history) erklärt, das erste Mal, dass es als politisches Problem deklariert wurde, seine biologischen Ursachen und Folgen, was man dagegen tun kann, wen man dafür verantwortlich machen kann usw.“ (Hajer 2004: 276). Die Komplexität eines Problems wird dann oft durch Kurzformen einer solchen Erzählung versucht runterzubrechen, wobei die Sprecher in solchen Fällen davon ausgehen, die gleiche Deutung bei ihren Zuhörern hervorzurufen, wie sie intendiert hatten. Hajer dagegen geht davon aus, dass innerhalb von Kommunikation nicht die eine „richtige“ Lesart existiert, sondern verschiedene „interpretative Lesarten“ (Hajer 2004: 277).

Story-Lines entstehen nicht außerhalb historischer Begebenheiten und sozialer Prozesse sondern in deren Kontext. Dabei dienen Story-Lines dazu, die verschiedenen Elemente unterschiedlicher Diskurse innerhalb eines Problemfeldes zusammenzufassen. In Hajers Beispiel des Sauren Regens spielen der ökologische, moralische, ökonomische und technische Diskurs eine entscheidende Rolle in der politischen Debatte (Vgl. Hajer 2004: 279). Nicht nur bei der Formulierung von Argumenten, sondern auch in der Strukturierung der Wahrnehmung. Mit der Problematik von Kommunikation in einem Kontext verschiedener Vorprägungen der Akteure beschäftigt sich Hajer in seiner Monographie „The Politics of Environmental Discourse. Ecological Modernization and the Policy Process“ unter dem Stichwort des Wunders der Kommunikation.2 Story-Lines dienen dabei zur knackigen Zusammenfassung komplexer Diskurse, während in ihnen die Elemente verschiedener Diskurse kombiniert werden (Vgl. Hajer 2004: 280). „Story lines are the medium through which actors try to impose their view of reality on others, suggest certain social positions and practices, and criticize alternative social arrangements“ (Hajer 1993: 47).

[...]


1 So existieren beispielsweise die „linguistisch-historische Diskursanalyse“, die „Kritische Diskursanalyse“ und die „Kulturalistische Diskursforschung“ als mögliche Ansätze der Analyse eines Diskurses (Vgl. Keller 2011: 23-43).

2 „The communicative miracle of environmental politics is that, despite the great variation of modes of speech, they somehow seem to understand one another (Hajer 1995: 46).

Details

Seiten
25
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656159483
ISBN (Buch)
9783656159599
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v191236
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Exzellenz Elite Diskursanalyse Hochschulpolitik Hajer Exzellenzinitiative Politikfeldanalyse

Autor

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