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Die Rezeption der Politeia in George Orwells "1984" - Ein Systemvergleich

Hausarbeit 2011 17 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Politeia.
2.1 Hintergründe des platonischen Staatsentwurfs
2.2 Strukturen des Staats
2.2.1 Staatsaufbau
2.2.2 Menschenbild

3. George Orwells 1984.
3.1 Inhalt
3.2 Strukturen des totalitären Staats
3.2.1 Der Staatsaufbau
3.2.2 Das Menschenbild.

4. Ein Vergleich beider Systeme
4.1 Vergleich des Aufbaus.
4.2 Vergleich des dargestellten Menschenbilds

5. Welche Gefahren birgt Platons Staatsentwurf?

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis.

1. Einleitung

September 2011: nach politischen Revolutionen in Ägypten und anderen Ländern der arabischen Welt wartet man gespannt darauf, wie es in diesen Staaten weitergehen mag. Folgt der jahrelangen Diktatur des ehemaligen Staatschefs Mubarak ein wirklicher Umbruch des Staatssystems oder wird das System dasselbe bleiben, nur mit lediglich anderen Namen in der Regierung? Wie es auch kommen wird, die künftigen Regenten werden der Auffassung sein, dass es sich um das beste Staatssystem handle.

Die Frage nach dem besten Staatssystem ist objektiv nicht beantwortbar und immer wieder für eine Diskussion gut, da nicht nur viele verschiedene Staatsformen vorliegen, sondern ebenso viele Staatsentwürfe, die ihre Schwerpunkte unterschiedlich gewichtet haben.

Einer der bekanntesten Staatsentwürfe ist der Platons, den er in der Politeia (ca. 370 v. Chr.) vorstellt. Ein Staat basierend auf Gerechtigkeit, in dem Ausbildung und Erziehung eine wichtige Rolle spielt - insbesondere die der künftigen Regenten.

Dem gegenüber steht das totalitäre Staatssystem, welches George Orwell in seinem dystopischen Roman 1984 (1949) aufzeigt: ein Überwachungsstaat, der sich scheinbar in ständigem Krieg mit anderen Staaten befindet und Privatsphäre nicht zulässt.

Obwohl diese beiden Staatsentwürfe auf den ersten Blick komplett gegensätzlich erscheinen, haben sie durchaus gemeinsame Strukturen in ihrem System, die mögliche Gefahrenpunkte der Politeia beinhalten. In dieser Arbeit möchte ich einen Vergleich der beiden Systeme anstellen, um zu klären, wo Gemeinsamkeiten und Unterschiede liegen. Die Untersuchung wird sich auf die Organisation des Gemeinwesens beschränken, da ein vollständiger Systemvergleich im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich ist. Also auf den Aufbau des Staates und dem Menschenbild, das Platon und Orwell entwerfen. Zunächst werden die Entwürfe separat betrachtet, um sie daraufhin miteinander vergleichen zu können. Zum Abschluss werde ich untersuchen, welche Gefahren der platonische Staatsentwurf mit sich bringt und wie diese auch in 1984 verarbeitet werden.

2. Die Politeia

2.1 Hintergründe des platonischen Staatsentwurfs

Als Platon um ca. 370 v. Chr. seinen Staatentwurf fertig stellt, ist er zwar nicht der Einzige, der sich zu der Zeit in Griechenland mit dem Problem des besten Staates befasste, dennoch hatte kein Entwurf einen solch „revolutionären Charakter“1 wie die Politeia.

Platons Staatsentwurf steht im Gegensatz zu dem damals vorherrschenden System und wäre vermutlich - so wie einige seiner Dialoge - nicht entstanden, wenn in Athen eine gut funktionierende Aristokratie bestanden hätte.2 Bedingt durch seine adlige Herkunft, lag es nahe, sich wie einige Verwandte der Politik zu widmen und sich aktiv an der Regierung zu beteiligen. Gründe, warum dies nicht der Fall war, werden im Siebten Brief3 beschrieben. Andere Gründe liefert aber auch die damalige politische Lage Athens: noch vor dem Ende des peloponesischen Kriegs 404 v. Chr. verfällt Athen in eine Verfassungskrise, so berichtet es Aristoteles, die dazu führt, dass alle wichtigen Ämter (ausgenommen das Amt des Strategenposten) per Losentscheide unter den Bürgern vergeben wird - die höchste Gewalt lag somit bei einem aus dem Volk zusammengelosten Bürgerrat.4 Mit der Krise Athens und dem Ende des peloponesischen Kriegs geht auch die Herrschaft der Dreißig Tyrannen einher, die Herrschaft an sich rissen und während dieser Zeit mehr als 1500 politische Gegner entfernen ließen. Obwohl einige der Dreißig Tyrannen Verwandte Platons sind, schließt er sich ihnen nicht an - auch, da sie für ihn die Degeneration des Adels aufzeigen. Der auf die Herrschaft der Dreißig folgenden Demokratie war Platon aufgrund der Verurteilung von Sokrates abgeneigt und so blieb er bei der Philosophie, anstatt sich der Politik Athens zu verschreiben.5

Diese Erfahrungen spielten vermutlich eine zentrale Rolle für den „aufklärerisch- revolutionären“6 Staatsentwurf, den Platon vorlegt.

2.2 Die Struktur des platonischen Staats

2.2.1 Der Staatsaufbau

Das in der Politeia dargestellte Staatswesen lässt sich als eine hierarchisch gegliederte Klassengesellschaft beschreiben, die aus drei Ständen besteht: dem Stand der Philosophen, dem Stand der Wächter und dem Stand der Erwerbstätigen. Die Zuordnung zu einem dieser Stände erfolgt nicht durch Vererbung, sondern hängt von den individuellen Fähigkeiten eines Einzelnen ab. Verbunden ist diese Art der Einteilung mit dem Metallmythos: jeder Seele sind unter der Erde unterschiedlich große Anteile an Gold, Silber und Erz beigemischt worden und der dominierende Metallanteil, der im Verlauf der ersten Erziehungsprozesse erkannt wird, entscheidet über die Ständezuordnung.7

Die Beimengungen der Metalle stehen stellvertretend für Begabungen: so entspricht dem Gold der vernunftbegabte Seelenteil, dem Silber der emotionale Seelenteil und dem Erz der triebhafte Seelenteil. Daran gekoppelt sind auch drei Tugenden, von denen jede für einen Stand charakteristisch ist. Die besondere Tugend der Philosophen/Herrscher ist die Weisheit8, die der Wächter die Tapferkeit9 und die besondere Tugend der Erwerbstätigen ist die Besonnenheit10. Anzumerken ist auch, dass das System der Zuordnung flexibel ist. Das heißt, ein Nachkomme, dessen Eltern beide aus dem Wächterstand kommen, muss nicht zwangsläufig auch diesem Stand zugeordnet werden. Stattdessen können auch die goldenen oder erzenen Seelenteile überwiegen.11

Begründet wird dieses Modell der Klassengesellschaft durch das Streben des Menschen nach Gemeinschaft, der fehlenden Autarkie, durch die es zur Staatsbildung kommt und dem daraus entspringenden Prinzip der Arbeitsteilung, die sich nach den Begabungen des Einzelnen richtet.12

Eine eher zweitrangige Rolle scheinen die Gesetze zu spielen. Die wichtigsten Gesetze betreffen die Ausbildung der Regenten und Wächter, vielleicht auch, weil durch die Vervollständigung der Ausbildung Gesetze überflüssig gemacht werden soll.13

Gesetze, die sich mit den Ordnungsbestimmungen für Markt, Hafen oder Stadt befassen sollen, scheinen nicht notwendig, da - nach Sokrates - Männer von edler Gesinnung von selbst zu einer Lösung kommen werden, wo man etwas gesetzlich regeln könnte.14

2.2.2 Das Menschenbild

Platons Menschenbild geht davon aus, dass der Mensch Körper und Geist umfasst. Er sieht den Mensch zudem auch als ein intelligentes, wenn auch sehr triebhaftes Wesen, dessen Triebe den Staat zerstören könnten, weshalb er zur Kontrolle seiner Triebe erzogen werden muss.

Einen wichtigen Aspekt stellt die Eugenik dar: die Basis für diese Überlegungen wird nicht von dem autarken Menschen gebildet, sondern von dem Gemeinschaftswesen, der sich dem Staat verpflichtet fühlt und die Gemeinschaft vor das Individuum stellt. Es gilt die Qualität der Regenten zu verbessern, indem man die richtigen Paare zusammenbringt (Aus der Verbindung zweier Regenten muss nicht zwangsläufig ebenfalls ein künftiger Herrscher hervorgehen, die Wahrscheinlichkeit ist jedoch hoch) und zusätzlich die günstigste Zeit für die Zeugung berechnet.15

[...]


1 Maurer, Reinhart: Platons ,Staat’ und die Demokratie. Historisch-systematische Überlegungen zur politischen Ethik. Berlin: Walter de Gruyter und Co 1970 (Band 1). S. 39.

2 Ebd. S.41.

3 http://www.opera-platonis.de/Brief7.html, 10.09.2011 um 15.56 Uhr.

Der siebte Brief gilt unter anderen als autobiographische Quelle für Platons Leben und wird von vielen Forschern für echt gehalten.

4 Vgl. Maurer, S. 43.

5 Vgl. Maurer, S. 44.

6 Maurer, S. 44.

7 Platon: Der Staat. Übersetzt von Otto Apelt, Leipzig: Anaconda Verlag: 2010. 414-415 St. (Im Folgenden wird bei Verweisen auf „Der Staat“ nur die Stephanus-Angabe gemacht.)

8 428-429 St.

9 429 St.

10 389 St.

11 415 St.

12 Vgl Dirk Otto: Das utopische Staatsmodell von Platons Politeia aus der Sicht von Orwells Nineteen Eighty-Four: ein Beitrag zur Bewertung des Totalitarismusvorwurfs gegenüber Platon (Bd. 12). Berlin: Duncker und Humblot 1994. S. 51.

13 Maurer, S. 35.

14 425 St.

15 459 St.

Details

Seiten
17
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656162544
ISBN (Buch)
9783656162551
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v191214
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Philosophische Fakultät
Note
1,0
Schlagworte
Platon Politeia Systemvergleich 1984

Autor

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