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Die "Sturm und Drang"-Sinfonien von Joseph Haydn

Orchestrale Arbeiten aus dem Alltag des Eisenstädter Hofkapellmeisters

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 17 Seiten

Musik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Alltag und sinfonisches Schaffen
2.1. Haydn als Hofkapellmeister der Fürsten Eszterházy
2.2. Die Sinfonien der so genannten "Sturm und Drang" - Periode

3. Haydn als Stürmer und Dränger? - Einschätzung einer deutschen Jugendbewegung und des eszterházyschen Hofkomponisten

4. Schlussfolgerung

5. Literatur- und Quellennachweis

1. Einleitung

Jede Kunstform pflegt ihre Heroen. Die deutsche Literaturgeschichte und -kritik fand sie in Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller - übrigens bereits zu deren Lebzeiten, wenn auch letzterer seinem Freund in Sachen Kanoninisierung immer etwas nachstand. Beide Autoren versuchten sich am zeitlosen Ideal griechischer-römischer Lyrik und Dramatik. So übernahm die Literatur eben jenen in Marmor gemeißelten Begriff der "Klassik", welcher die zeitlich-räumlichen Grenzen einer (mutmaßlichen) kulturellen Blüte in der europäischen Antike nicht überschritten hatte und attribuierte mit ihm ihren eigenen, unmittelbaren Dunstkreis: Die Benennung "Weimarer Klassik" war geboren. Wie die Meisterwerke der antiken Poeten und Künstler monolithisch festgefügt im Fluss der Zeit standen, sollten auch die Werke ihrer Nachfolger, Epigonen und Neuerer ewige künstlerische Gültigkeit besitzen, indem sie sich den gleichen Formidealen unterwarfen. So hoffte man, zeitlich und inhaltlich die vorangegangen Jahrhunderte, wie auch jene, die noch kommen sollten, zu überwinden. Bei alledem bilden Goethe und Schiller nach wie vor die Speerspitze des deutschen Literaturkanons. Nun beeinflussen sich die Künste nicht nur gegenseitig, die Wissenschaften ihrer jeweiligen Disziplinen räubern obendrein im Lager des Nachbarn. Das schafft Vertrautheit, Stringenz und künstlerische Ganzheitlichkeit, die in ihrer Prägung den Zeitgenossen zwar womöglich nicht aufgefallen wäre, aber dem Bestreben der Akademiker nach Kategorisierung und einer linear nachvollziehbaren Entwicklung entgegen kommt. So vollzog sich analog zur Weimarer Klassik eine ähnliche Einschätzung hinsichtlich der Trias Franz Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven. Bekanntlich sprechen wir hier von der so genannten "Wiener Klassik". Und auch in diesem Fall antwortet die anhaltende Bewunderung der Gegenwart auf den Anspruch der Klassiker nach Zeitlosigkeit dank künstlerischer Vollendung. Haydn indes kommt dabei nicht immer auf seine Kosten, zumindest gemessen an seinem Verdienst, die Popularität und kompositorische Originalität der Sinfonie, des Streichquartetts und der viersätzigen Sonatenhauptsatzform auf eine neue Stufe gehoben zu haben, von welcher aus Mozart und Beethoven umfassendere und vielseitigere Voraussetzungen zu ihren Werken hatten. So gelang es Haydn trotz seiner räumlichen Isolierung (wie noch zu zeigen sein wird) dank jahrzehntelang qualitativ hochwertiger Kompositionspraxis, seinerzeit die Krone der europäischen Komponisten zu erlangen.

Haydns Schaffensperiode der späten 1760er und frühen 1770er Jahre wird allgemein als sein "Sturm und Drang" bezeichnet. Das verlockte mich zur Teilung des Themas. So steht in der ersten Hälfte der Arbeit die Auseinandersetzung mit den Sinfonien dieser Jahre an exemplarischen Beispielen sowie eine kurze Skizze der Entstehungsbedingungen im Spannungsfeld von künstlerischen Ideen und den Alltagspflichten eines Kapellmeisters im Mittelpunkt. Die zweite Hälfte ist dann einer Frage vorbehalten, die für Musikwissenschaftler nicht unbedingt auf der Hand liegen mag, nämlich jene nach der Legitimität, Haydn eine "Sturm und Drang" -Phase zuzuschreiben. Da es hier allerdings ganz augenscheinlich immer wieder zur Spiegelung mit dem Literatur-Phänomen des "Sturm und Drang" kommt[1], verspricht eine kritische Hinterfragung dieser begrifflichen Transzendierung gleichermaßen interessant zu werden, wie sie augenscheinlich überfällig ist.

2. Alltag und sinfonisches Schaffen

2.1. Haydn als Hofkapellmeister der Fürsten Eszterházy

Haydn war gezwungen, ein anstrengendes Leben als Lehrer, freier Musiker und Komponist (dies in seiner Freizeit) zu führen,[2] bevor er (möglicherweise bereits 1757) beim Grafen Ferdinand Maximilian Franz Morzin als "Musikdirektor" angestellt wurde[3]. Laut Haydns Biograf Georg August Griesinger war der Graf jedoch gezwungen, Haydn spätestens 3 Jahre nach seiner Einstellung wieder zu entlassen - die Hofkapelle wurde aufgelöst, denn Morzin hatte "in kurzer Zeit sein ansehnliches Vermögen" durchgebracht.[4] Doch blieb der Komponist nicht lange ohne Anstellung. Bereits Ende des Jahres 1760 wurde er Vizekapellmeister des Fürsten Paul Anton Eszterházy in Eisenstadt (später zog die Hofkapelle dauerhaft ins neu entstandene Schloss Eszterháza). Er stand bis zu seinem Tod im Jahre 1809 im Dienst dieses Hauses. Um der Frage nachzugehen, wie sich die Pflichten und die Lebensumstände Haydns im Dienste der Fürsten Eszterházy darstellten, lohnt sich daher zunächst ein Blick in seine Dienstverträge. Der erste datiert vom 1. Mai 1761. Unter insgesamt 14 Punkten werden darin seine Rechte und Pflichten als Vasall des Fürsten aufgeführt. Oberkapellmeister war zu dieser Zeit der bedeutende Kirchenkomponist und Kontrapunktiker Gregor[ius] Joseph Werner, welcher jedoch altersbedingt nur noch die Chor- und geistliche Musik des Hofes betreute. Sämtliche übrige musikalische Leitung, Komposition und Erarbeitung neuer Stücke oblag Haydn. Er war angehalten, seine Kompositionen nur dem Fürsten zur Verfügung zu stellen. Später freilich schrieb er auch für den "freien Markt" und trat die Rechte zu seinen Werken mit gutem Gewinn an Verleger ab. Zweimal täglich - einmal vormittags, einmal nachmittags - musste Haydn in der Anti-Chambre seines Dienstherren erscheinen, um die Anweisungen für die musikalische Tagesgestaltung entgegen zu nehmen. Darüber hinaus stand es in seiner Verantwortung, bspw. nicht nur selbst ein mustergültiges Vorbild zu sein oder stets in Livree bei Hofe zu erscheinen, sondern für derlei Disziplin auch bei seinen Musikern Sorge zu tragen. Ebenso oblag ihm die Kontrolle und Inventur der Instrumente und Noten - der Fürst besaß eine für damalige Verhältnisse umfangreiche Notenbibliothek, in welcher auch aktuelle Werke zu finden waren[5]. Im Gegenzug zu alledem erhielt Haydn das beachtliche "Anfangsgehalt" von jährlich 400 Gulden, Kostgeld und die Möglichkeit, am Offizierstisch zu speisen. 1779 wurde ein neuer Vertrag aufgesetzt, der ihm inzwischen gar 782 Gulden, allerlei Versorgungsgüter (Wein, Getreide, Fleisch, Brennholz etc.) sowie die Fourage für 2 Pferde zusicherte. Die Kündigungsfrist wurde beiderseitig auf 3 Monate festgesetzt, wobei sie früher zu Ungunsten von Haydn ein halbes Jahr betrug. Dies alles mag beredtes Zeugnis dafür sein, in welcher Weise seine Stellung beim Grafen gestiegen war.[6]

Auf der anderen Seite steht die weitestgehende Isolation von Wien spätestens mit dem Umzug des Hofes nach Schloss Eszterháza (gegenüber dem alten Schloss in Eisenstadt)[7]. Der Hof residierte mit der Vollendung des ersten Bauabschnittes 1766 fortan häufiger dort,[8] auch wenn die Fertigstellung noch bis 1784 andauern sollte[9]. Haydn war damit künstlerisch weitgehend isoliert, was zusammen mit der Übernahme der Position des Obersten Kapellmeisterpostens (da Werner 1766 starb) eine vollkommen neue Situation für den Komponisten darstellte. Ihm fiel nun auch die Leitung der Hofkirchenmusik zu. Er sah zwar die künstlerisch positiven Aspekte seiner Stellung:

"[...] ich konnte als Chef eines Orchesters Versuche machen [...] ich war von der Welt abgesondert, Niemand in meiner Nähe konnte mich an mir selbst irre machen und quälen, und so mußte ich original werden."[10]

Andererseits jedoch scheint Haydn das Leben in seiner Wüstenei durchaus zugesetzt zu haben. So beklagte er sich in einem Brief an seine Intimfreundin Marianne von Genzinger über seine Einsamkeit und zog ernüchternde kulinarische Vergleiche zwischen Eszterháza und Wien:

"Nun - da siz ich in meiner Einöde [...] fast ohne menschliche Gesellschaft [...] ich wurde in 3 tagen um 20 [Pfund] mägerer, dan die guten wienner bisserl verlohren sich schon unterwegs [...] Kost Hauß stat den kostbahren Rindfleisch, ein stuck von einer 50 Jährigen Kuhe, stat den Ragou mit kleinen Knöderln, einen alten schöpsen mit gelben Murcken [Rüben] [...]."[11]

[...]


[1] So geschehen u.a. bei Geiringer, Karl: Joseph Haydn. Der schöpferische Werdegang eines Meisters der Klassik. Eine Biografie. Mainz: 20093. Boulez, Pierre: Mozart hätte nicht existiert. In: Dobner, Walter: Unser Haydn. Große Interpreten im Gespräch. Wien, Köln, Weimar: 2008, S. 20 - 28. Fink, Bernada: Ein Enfant terrible macht mehr Wellen. Ebd., S. 35 - 37.

[2] Vgl. Griesinger, Georg August: Biographische Notizen über Joseph Haydn. Reprint der Ausgabe Leipzig 1810. Leipzig: 1979, S.12 - 17.

[3] Finscher, Ludwig: Joseph Haydn und seine Zeit. Laaber: 2000, S. 22. Finscher vertritt diese Ansicht im Gegensatz zu Georg August Griesinger, welcher das Jahr 1759 angibt, da Haydns erste Sinfonie spätestens 1758 entstanden war, er sie aber im Dienst des Grafen Morzin geschrieben haben musste.

[4] Griesinger, Georg August: Biographische Notizen über Joseph Haydn. S.22.

[5] Finscher, Ludwig: Joseph Haydn und seine Zeit. S. 166.

[6] Haydn, Joseph: Gesammelte Briefe und Aufzeichnungen. Unter Benützung der Quellensammlung von H.C. Robbins Landon. Herausgegeben und erläutert von Dénes Bartha. Kassel, Basel, Paris [u.a.]: 1965, S. 41 - 44, S. 83f.

[7] Geiringer, Karl: Joseph Haydn. S. 86.

[8] Finscher, Ludwig: Joseph Haydn und seine Zeit. S. 30.

[9] Geiringer, Karl: Joseph Haydn. S. 86.

[10] Finscher, Ludwig: Joseph Haydn und seine Zeit. S. 30.

[11] Brief Haydns an Marianne von Genzinger, 9. Februar 1790. Zitiert nach: Haydn, Joseph: Gesammelte Briefe und Aufzeichnungen. S. 228f.

Details

Seiten
17
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656159001
ISBN (Buch)
9783656159179
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v191183
Institution / Hochschule
Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden
Note
1,0
Schlagworte
sturm drang joseph haydn orchestrale arbeiten alltag eisenstädter hofkapellmeisters

Autor

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