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Text- und bildbasierte Kommunikation auf Smartphones. Auswirkungen im Hinblick auf Distress, Konzentration und mentale Unruhe

Bachelorarbeit 2011 76 Seiten

Psychologie - Arbeit, Betrieb, Organisation und Wirtschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Tabellenverzeichnis

II. Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theorie
2.1 Technische Grundlagen
2.2 Psychologische Grundlagen
2.2.1 Das allgemeine Adaptionssyndrom – Distress
2.2.2 Aufmerksamkeit & Konzentration
2.2.3 Mentale Unruhe
2.2.4 Instant Messaging, Multitasking and Media Use of College Youth: Connections to Impulsiveness and Distractibility (Waite, Levine & Bowman, 2009)
2.2.5 Erzwungene Wahrnehmung und Gedächtnisleistung
2.2.6 Multitasking
2.2.7 Das Smartphone als sozialer Mediator
2.2.8 Jugendliche und Instant Messaging
2.3 Theoretisches Fazit und Hypothesen

3. Empirie
3.1 Methode & Vorgehen
3.2 Störvariablen
3.3 Teilnehmer
3.4 Gruppenunterteilung
3.5 IM- & Smartphone-Nutzung
3.6 Messung von Distress
3.7 Messung von Konzentration im Alltag
3.8 Messung von mentaler Unruhe
3.9 Demografie

4. Ergebnisse
4.1 Reliabilitätstests
4.2 Stichprobe
4.3 Testen der Hypothesen
4.3.1 Testen der Hypothese H1.1
4.3.2 Ergebnisdiskussion zur Hypothese 1.1
4.3.3 Testen der Hypothese H1.2
4.3.4 Ergebnisdiskussion zur Hypothese 1.2
4.3.5 Testen der Hypothese H1.3
4.3.6 Ergebnisdiskussion zur Hypothese 1.3
4.3.7 Testen der Hypothese 2.1
4.3.8 Ergebnisdiskussion zur Hypothese 2.1
4.3.9 Testen der Hypothese 2.2
4.3.10 Ergebnisdiskussion zur Hypothese 2.2
4.3.11 Testen der Hypothese 2.3
4.3.12 Weiterführende Berechnungen zur getesteten Hypothese 2.3
4.3.13 Ergebnisdiskussion zur Hypothese 2.3

5. Diskussion zu der Untersuchung

6. Fazit

7. Ausblick

III. Literaturverzeichnis

IV. Anhang

V. Eidesstattliche Versicherung

I. Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Darstellung des 2x3-Untersuchungsdesigns. Es ergeben sich durch zwei unabhängige Variablen und drei abhängige Variablen sechs Kombinationsmöglichkeiten

Tabelle 2: Ergebnis der Reliabilitätsanalyse der im Fragebogen verwendeten elf TICS-Items

Tabelle 3: Ergebnis der Reliabilitätsanalyse der im Fragebogen verwendeten acht KiA-Items

Tabelle 4: Ergebnis der Reliabilitätsanalyse der im Fragebogen verwendeten sechs Items zur Messung mentaler Unruhe

Tabelle 5: Mittelwerte und Standardabweichungen beider Gruppen bezogen auf die Mittelwerte der Distress-Items (TICS)

Tabelle 6: Ergebnisse des Mittelwertvergleichstests (t-Test) der Distress-Items (TICS) und Test auf Varianzgleichheit

Tabelle 7: Mittelwerte und Standardabweichungen beider Gruppen bezogen auf die Mittelwerte der Items für Konzentration im Alltag (KiA)

Tabelle 8: Ergebnisse des Mittelwertvergleichstests (t-Test) der Items für Konzentration im Alltag (KiA) und Test auf Varianzgleichheit

Tabelle 9: Mittelwerte und Standardabweichungen beider Gruppen bezogen auf die Mittelwerte der Items für mentale Unruhe (mU)

Tabelle 10: Ergebnisse des Mittelwertvergleichstests (t-Test) der Items für mentale Unruhe (mU) und Test auf Varianzgleichheit

Tabelle 11: Ergebnisse der ANOVA bezogen auf den Faktor mentale Unruhe mit den vier abhängigen Variablen Geschlecht, Beruf, Alter und Gruppenzugehörigkeit

Tabelle 12: Mittelwerte und Standardabweichungen der Smartphone-Nutzungsintensität und Mittelwert der Distress-Mittelwerte (TICS)

Tabelle 13: Korrelationsmatrix der Items zur Messung der Intensität der Smartphone-Nutzung und der Distress-Mittelwerte (TICS)

Tabelle 14: Mittelwerte und Standardabweichungen der Smartphone-Nutzungsintensität und Mittelwert der Konzentrations-Mittelwerte (KiA)

Tabelle 15: Korrelationsmatrix der Items zur Messung der Intensität der Smartphone-Nutzung und der Konzentrations-Mittelwerte (KiA)

Tabelle 16: Mittelwerte und Standardabweichungen der Smartphone-Nutzungsintensität und Mittelwert der Mittelwerte mentaler Unruhe (U)

Tabelle 17: Korrelationsmatrix der Items zur Messung der Intensität der Smartphone-Nutzung und der Mittelwerte der Items zur Messung mentaler Unruhe (U)

Tabelle 18: Häufigkeiten der IM-Antwortlatenzen. PBN machten keinen Gebrauch von den Auswahlmöglichkeiten "sehr selten", "selten" und "immer"

Tabelle 19: Mittelwerte und Standardabweichungen von Viel- und Wenignutzern bezogen auf die Mittelwerte der Items für mentale Unruhe (U)

Tabelle 20: Ergebnisse des Mittelwertvergleichstests (t-Test) auf Varianzgleichheit zwischen Viel- und Wenignutzern bezogen auf die Mittelwerte der Items zur Messung mentaler Unruhe

II. Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Das Mobiltelefon hat als Weiterentwicklung des Telefons unsere Art zu kommunizieren revolutioniert. Etwa 100 Jahre nach Erfindung des Telefons durch Philipp Reis wurde das Telefon als Autotelefon mobil einsetzbar und stellte somit eine Revolution dar (inmediaONE GmbH, 2011). Weitere 50 Jahre später verfügen etwa 80 % der Bundesbürger über ein Mobiltelefon und sind damit in der Lage, ortsunabhängig text- oder sprachbasiert zu kommunizieren (Statista GmbH, 2010a). Darüber hinaus entwickelt sich ein Trend, der sich insbesondere in den letzten Jahren verstetigt hat: Klassische Mobiltelefone werden durch internetfähige Multifunktionsgeräte, sog. Smartphones, ersetzt. 2011 werden 468 Millionen Smartphones verkauft werden: ein Zuwachs von fast 60 % gegenüber 2010 (Gartner, 2011). Charakteristisch für Smartphones im Sinne dieser Untersuchung ist, dass sie 1.) eine Vielzahl von Funktionen vereinen und dieser Funktionsumfang mithilfe optionaler Programme erweitert werden kann und 2.) internetfähig sind. Insbesondere unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen erfreut sich das Smartphone großer Beliebtheit; jeder zweite Deutsche zwischen 18 und 59 Jahren besitzt ein Smartphone oder plant dessen Anschaffung (Statista GmbH, 2010b).

Nachdem sich die SMS als Kommunikationsmittel durchgesetzt hat, eröffnet nun das internetfähige Smartphone die Möglichkeit, die Nachteile der SMS (Zeichenbeschränkung, Kosten) zu umgehen. Neben der klassischen SMS-Kommunikation bietet das Smartphone die Option, per E-Mail oder per Instant Messaging zu kommunizieren. Im Vergleich zur SMS sind diese zwei Kommunikationsformen i. d. R. monetär günstiger und unbeschränkt was die Länge der Nachricht betrifft. Untersuchungen zur ständigen Erreichbarkeit von Studenten mittels E-Mail-Kommunikation an ortsgebundenen Computern haben gezeigt, dass die andauernde Verfügbarkeit zu Ablenkung führt und den Intelligenzquotienten stark verringern kann (Ahmad, 2005, zitiert nach Waite, Levine & Bowman, 2009). Aufgabe dieser Studie ist es daher unter anderem, herauszufinden, welche ähnlichen Effekte retrospektiv messbar bei der Nutzung eines Smartphones auftreten. Die textbasierte Kommunikation über das Mobiltelefon bietet den vermeintlichen Vorteil, diskret zu kommunizieren, da Anwesende in der eigenen Umgebung anscheinend akustisch nicht gestört werden. Dies führt vermutlich dazu, dass sich Smartphone-Nutzer auch in Situationen, in denen die Mobiltelefonnutzung unangebracht ist (Meetings, ÖPNV, Hochschule), ihrem Smartphone bzw. Kommunikationspartner zuwenden und damit ihre Aufmerksamkeit weg vom direkten Umfeld lenken. In Anlehnung an die Studie Instant Messaging, Multitasking and Media Use of College Youth: Connections to Impulsiveness and Distractibility (Waite, Levine & Bowman, 2009) soll geprüft werden, ob sich die Ergebnisse dieser Studie auf das Kommunikationsverhalten von Smartphone-Nutzern übertragen lassen. Dabei wird geprüft werden, ob Smartphone-Nutzer ggü. Nicht-Smartphone-Nutzern gestresster, unkonzentrierter und mental unruhiger sind. Außerdem wird untersucht werden, welche Auswirkungen eine erhöhte Smartphone-Nutzung auf deren Nutzer im Hinblick auf die drei Konstrukte Distress, Konzentration und mentale Unruhe hat.

2. Theorie

Im Folgenden wird sowohl auf die technischen als auch psychologischen Grundlagen eingegangen, mit denen sich dem Thema genähert werden kann. Im psychologischen Theorieteil werden Modelle, Konstrukte und Theorien beschrieben mit dem Ziel, diese auf das Untersuchungsthema anzuwenden. Folglich kann das Konstrukt zu den Auswirkungen der Nutzung von Smartphones nicht mithilfe eines einzigen Modells beschrieben werden, sondern es bedarf mehrerer Herangehensweisen, um ein möglichst genaues und umfassendes Bild zu zeichnen. Dabei liegt das Augenmerk darauf, Erfahrungen, Ergebnisse und Diskussionsansätze der jeweiligen Untersuchungen im Licht dieser Arbeit neu zu interpretieren mit dem Ziel, diese theoretische Grundlagen mithilfe der empirischen Untersuchung praktisch zu prüfen.

Von technischer Seite aus gilt es zu skizzieren, welche technischen Voraussetzungen gegeben sein müssen, damit es sich um einen ähnlichen wie den im Folgenden beschriebenen Untersuchungsgegenstand handelt. Dabei wird kurz auf die Ausstattung und Funktionsweise von Smartphones und IM-Diensten eingegangen.

2.1 Technische Grundlagen

Diese Untersuchung setzt voraus, dass alle PBN über ein Mobiltelefon verfügen. Idealerweise sollte die Hälfte der PBN ein klassisches Mobiltelefon ohne Internetzugang und Chatprogramm (IM-Dienst) nutzen, wohingegen die andere Hälfte über ein Smartphone mit installiertem IM-Dienst und mobilem Internetzugang verfügen muss. Ein Smartphone ist ein Mobiltelefon, das verschiedene Funktionen in sich vereint. Es ist für die Nutzung des Internets ausgelegt und verfügt über einen Webbrowser. Weitere Funktionsumfänge richten sich nach der Produktpolitik der Hersteller. Oftmals ist in Smartphones eine Foto- und Videokamera integriert und eine Vielzahl weiterer Programme (Apps) lässt sich über das Internet auf dem Gerät installieren. Verschiedene Hersteller von Smartphones bieten ab Werk vorinstallierte, eigene IM-Dienste an (BlackBerry, 2011), die mitunter auch auf Konkurrenzprodukten installiert werden können (Google, 2011). Darüber hinaus existiert ein IM-Dienst namens WhatsApp Messenger, der über 400.000 Mal allein für das Google Smartphone-Betriebssystem Android heruntergeladen und installiert wurde (AndroidMarket, 2011). Diese IM-Dienste erlauben die synchrone und asynchrone Kommunikation zwischen Nutzern des gleichen IM-Dienstes. Dabei beschränkt sich die Art der Kommunikation je nach Dienst nicht nur auf das Verschicken von Text, analog zu einer SMS, sondern es können beispielsweise Fotos und Videos untereinander ausgetauscht werden (WhatsApp Inc., 2011). Die Voraussetzungen, die durch einen IM-Dienst erfüllt werden, spiegeln sich im Titel dieser Arbeit wider, indem von text- und bildbasierter Kommunikation die Rede ist.

2.2 Psychologische Grundlagen

Im Folgenden werden zunächst die drei Konstrukte Distress, Konzentration und mentale Unruhe, in dieser Arbeit als abhängige Variablen bezeichnet, näher beschrieben und es wird erläutert, inwieweit sie durch eine etwaige Smartphone-Nutzung beeinflusst werden können. Im weiteren Verlauf folgen eine Präsentation verschiedener Konstrukte und Studien zum Thema IM-Nutzung und Multitasking sowie eine Betrachtung deren Ergebnisse in Bezug auf diese Arbeit. Insbesondere wird auf die negativen Einflüsse von IM-Diensten auf Jugendliche und junge Erwachsene eingegangen. Studienergebnisse werden miteinander verknüpft und verglichen. Das Ziel ist es, einen möglichst genauen Überblick über jene Theorie zu vermitteln, die als Basis dieser Arbeit gilt. Dabei soll auch bewusst eine Abgrenzung von Studienergebnissen erfolgen, die keinen brauchbaren Erkenntnisbeitrag für diese Untersuchung liefern.

2.2.1 Das allgemeine Adaptionssyndrom – Distress

Hans Selye (Selye, 1953) leitete ab 1935 verschiedene Tierversuche, bei denen er unabhängig vom einwirkenden (manipulativen) Reiz gleiche oder ähnliche physiologische Reaktionen bei seinen Versuchstieren feststellte. Selye bemerkte, dass die Tiere in immer ähnlichen Mustern in drei Stufen auf seine induzierten Reize reagierten. Er erfasste, dass die Tiere sich dem Reiz zunächst anpassten (erworbene Adaption), wobei bei längerer Induktion des Reizes diese aus heutiger Sicht als Coping bezeichnete Stress-Bewältigungsstrategie ausblieb und die Tiere mitunter starben (Reaktionssyndrom). Diese Beobachtung bezeichnete Selye als Allgemeines Adaptionssyndrom. Er beschrieb den Copingverlauf in drei Stufen, von der Alarmreaktion über die Widerstandsphase bis zur Erschöpfungsphase. Die Erschöpfungsphase setzt laut Selye dann ein, wenn der Körper nicht mehr in der Lage ist, sich an die gegebenen Umweltreize anzupassen. In der Folge der Erschöpfungsphase kam es zu allerlei Entzündungskrankheiten, Wachstumsstörungen und Darmerkrankungen der Tiere (Hofer, 2006).

Was Selye beobachten konnte, waren letztlich die Reaktionen der Tiere auf bestimmte negative Stressoren. Als negativ empfundener, Distress genannter Stress (Murray, Matthay, Luce & Flick, 1988) sorgte bei anhaltender Exposition dafür, dass die Tiere trotz versuchten Copings nicht in der Lage waren, sich ihren Umweltreizen anzupassen, so dass sie final erkrankten oder sogar starben. Überträgt man Selyes Stress-Herleitung auf den Menschen, ergibt sich, dass Distress ein subjektiv erlebter Spannungszustand ist, der Bewältigungsstrategien voraussetzt, um diesem als negativ erlebten Zustand zu entgehen. Somit kommt es auf die jeweiligen persönlichen Copingstrategien und die Dauer der Stressexposition an, ob Distress krank macht oder nicht.

Distress geht i. d. R. einher mit einer verminderten Aufmerksamkeit und Leistungsfähigkeit (Holmes & Rahe, 1967), so dass im Sinne dieser Untersuchung der enge Zusammenhang mit dem Konstrukt Konzentration eine bedeutende Rolle spielt.

Ein Verfahren, das sich zur Messung von Stress bewährt hat, ist das Trierer Inventar zur Erfassung von chronischem Stress (TICS) (Schulz, Schlotz & Becker, 2004). Es eignet sich insbesondere für diese Untersuchung, da hier u. a. auf Arbeitsunzufriedenheit, soziale Kontakte und Sorgen eingegangen wird. Denkbar ist, dass ein Zusammenhang zwischen Distress und Smartphone-Nutzung besteht.

2.2.2 Aufmerksamkeit & Konzentration

Aufmerksamkeit ist das Interesse an ausschließlich bestimmten Sinnesempfindungen und Ideen, die alle anderen Eindrücke hemmen bzw. überlappen. Das Interesse lenkt also das Denken (Bleuler, 1983). Anders gesagt ist Aufmerksamkeit eine gezielte Selektion jener Reize, die zum Bestandteil der bewussten Wahrnehmung werden sollen (Kebeck, 1997).

Letztlich ist Aufmerksamkeit also eine Filterfunktion, die alle Reize, die auf einen Menschen einwirken, filtert mit dem Ziel, einer Reizüberflutung entgegenzuwirken, und dem Menschen die Möglichkeit gibt, Teilinformationen seiner Umwelt verarbeiten zu können, da die Verarbeitung aller Informationen unmöglich ist. Wichtig ist die Erkenntnis, dass Aufmerksamkeit in ihrem Umfang immer beschränkt ist (Brefczynski & DeYoe, 1999). Je mehr Reizen man Aufmerksamkeit schenkt, desto geringer ist die Verarbeitungstiefe eines jeden Reizes.

Im Zusammenhang mit Aufmerksamkeitsfindung unterscheidet man zwischen willentlich gesteuerter Aufmerksamkeit (endogene Steuerung) und reflexiver, automatischer bzw. unkontrollierter Steuerung (exogene Steuerung) (Corbetta & Shulman, 2002). Denkbar ist, dass Smartphone-Nutzer in unpassenden Momenten willentlich ihr Telefon nutzen (multitasken), weil sie z. B. gelangweilt (vgl. Baron, 2007) sind, oder dass sie unkontrolliert z. B. in einem bestimmten Zeitintervall oder aufgrund anderer Reize ihr Telefon benutzen, ohne dass sie dafür einen Entschluss gefasst haben.

Neben dem Konstrukt der Aufmerksamkeit gibt es ein sehr ähnliches psychologisches Phänomen: Konzentration. Die beiden Begriffe sind nicht trennscharf und werden oft synonym benutzt. Teilweise wird in der Literatur zwischen den Begriffen nicht unterschieden (Bartenwerfer, 1964) oder es gelingt der Versuch einer Unterscheidung, wobei sich Aufmerksamkeit hierbei auf die reine Wahrnehmung von Reizen und Konzentration auf die Verarbeitung von Reizen bezieht (Büttner & Schmidt-Atzert, 2004).

Eine Unterscheidung der beiden Begriffe spielt für diese Untersuchung eine untergeordnete Rolle, da es für die Reaktion auf einen Reiz nicht darauf ankommt, ob ein PBN einen der beiden Hauptreize (Smartphone vs. Umfeld) nur wahrnimmt (Aufmerksamkeit) oder auch verarbeitet (Konzentration), weil bereits die bewusste Wahrnehmung eine gewisse konzentrierte Verarbeitung voraussetzt. Weiterhin wird in der Literatur belegt (vgl. Abschnitt 2.2.5 bzw. Gillie & Broadbent, 1989), dass es für eine Ablenkung und damit den Beginn eines induzierten möglichen Multitaskings keine Rolle spielt, ob sich ein PBN auf einen Reiz bewusst einlässt (konzentriert) oder versucht diesen zu ignorieren (reine Wahrnehmung). In beiden Fällen käme es bereits zu einer Ablenkung und einem dadurch bedingten Leistungsverlust. Im Hinblick auf das in dieser Studie zu messende Konstrukt der Konzentration haben Aufmerksamkeit und Konzentration in jedem Fall Auswirkungen auf die Weiterverarbeitung eines Reizes und damit auch auf die sich ergebende Reaktion, wenn Aufmerksamkeit und Konzentration als Mediatoren der Informationsverarbeitung angesehen werden. In dieser Studie interessieren die Reaktion und die Konzentration auf einen Reiz.

Um Konzentration bzw. Aufmerksamkeit zu messen, gibt es eine Reihe psychodiagnostischer Verfahren, die messen, wie lange es dauert, bis ein PBN einen induzierten Reiz bemerkt (Aufmerksamkeit), bzw. wie seine Fähigkeit ist, sich unter gegebenen Bedingungen (vgl. Gütekriterien jener Tests) zu konzentrieren (Konzentration) (Brickenkamp, 2002). Durch die von manchen Autoren versuchte Trennung der beiden Begriffe Aufmerksamkeit und Konzentration ergibt sich eine recht fragmentierte Testlandschaft, die sich oft starr in Leistungs- und Aufmerksamkeitstests unterteilt, wobei diskutiert wurde, dass die Trennung beider Begriffe schwierig, wenn nicht sogar unmöglich sei. Obwohl Leistungs- sowie Aufmerksamkeitstests oft hoch objektive und reliable Ergebnisse liefern (z. B. Binet-Simon-Test, Binet & Simon, 1905 bzw. d2-Aufmerksamkeits-Belastungs-Test, Brickenkamp, 2002), ist ihre Validität, bezogen auf Konzentration und Aufmerksamkeit im Alltag, i. S. d. Untersuchung fraglich. Die Tests messen meist laborähnlich spezifische Fähigkeiten, die in ihrer in den Test abgefragten Form nicht ohne Weiteres auf den Alltag der befragten PBN übertragbar sind. Als Hindernis kommt hinzu, dass im Alltag Aufmerksamkeit und Konzentration sehr eng miteinander verknüpft sind, so dass eine Trennung innerhalb der Messverfahren im Hinblick auf eine Generalisierung problematisch erscheint. Des Weiteren stützen sich bekannte Aufmerksamkeits- und Leistungstests stets auf Tempo oder Fehlermenge. D.h. Menschen haben ein besseres Testergebnis, wenn sie entweder den Test schnell bearbeiten oder wenn sie wenige Fehler machen. Schnelligkeit und Fehlerrate sind keine geeigneten Maße, um zu erfassen, weshalb sich PBN ihrem Smartphone zuwenden, da sie bspw. hochkonzentriert sein können, während sie ihr Smartphone benutzen. Dies sind Gründe, warum diese und ähnliche Tests für die vorliegende Untersuchung unpassend erscheinen. Sinnvollerweise sollte versucht werden, retrospektiv den gesamten Bereich von Konzentration und Aufmerksamkeit im Alltag diagnostisch zu erfassen.

Gütekriterien der Selbsteinschätzung am Beispiel Aufmerksamkeit

Es ist sehr umstritten, inwieweit Selbstaussagen und -beschreibungen hinreichend tatsächliche Leistungen und Fähigkeiten einzelner Personen beschreiben. Eine Vielzahl von Untersuchungen zeigte, dass es keine bis sehr schwache oder nicht signifikante Zusammenhänge zwischen der Selbsteinschätzung und der tatsächlichen Aufmerksamkeit von Menschen gibt (Tun & Wingfield, 1995; Zimmermann & Fimm, 2011). Als mögliche Gründe wurden falsche Selbstwahrnehmung bzw. mangelnde Gedächtnisleistung beim Erinnern von Selbstwahrnehmung genannt. Man schlägt daher vor, unbedingt Bezugspunkte als Hilfestellung zu geben, damit PBN ihre Fähigkeiten an konkreten Ereignissen festmachen können (Bühner, Schmidt-Atzert, Richter & Grieshaber, 2002).

Es gibt jedoch auch robuste Verfahren zur Selbsteinschätzung von Leistung (gemessen anhand gemachter Fehler) mit mittleren Korrelationen zwischen Selbstaussagen und tatsächlicher Leistung (Reason, 1993).

Scholz (Scholz, 2006) erfasste nach eigener Aussage zum ersten Mal in der Literatur, was Konzentration im Alltag bedeutet, und entwickelte dazu ein interviewbasiertes Selbstbeschreibungsinstrument: den Fragebogen zur Konzentration im Alltag (KiA). Erstaunlicherweise hat dieser Fragebogen, der insgesamt 100 Items umfasst, eine sehr hohe Retest-Reliabilität. Die hochsignifikante Korrelation betrug r (63) = .83, p < .01. Auch im Vergleich mit anderen Leistungstests, z. B. dem Cognitive Failures Questionnaire (Broadbent, Cooper, Fitzgerald, & Parkes, 1992), betrug die Korrelation r (73) = .63, p < .01. Scholz (Scholz, 2006) zeigt, dass der KiA offenbar ein anderes Konstrukt als Leistung in Konzentrationstests messen würde: Konzentration im Alltag.

Auffallend ist, dass es keine signifikanten Zusammenhänge zwischen dem Konzentrationserleben im KiA und den Fehleranteilen im d2-Aufmerksamkeits-Belastungstest gab, jedoch positive Tendenzen mit anderen Aufmerksamkeitstests wie dem KKT (Westhoff & Scholz, 2007), einer Weiterentwicklung des d2-Aufmerksamkeits-Belastungstests. Dies impliziert, dass der KiA tatsächlich alltagsrelevante Konzentration misst im Gegensatz zum eher laborähnlichen d2-Aufmerksamkeits-Belastungstest, der Leistungskonzentration auf Fehlerbasis während sehr spezifischer Aufgaben zum Testzeitpunkt misst. Der KiA ist damit für diese Untersuchung prädestiniert, da hier retrospektiv Konzentrationserleben in Alltagssituationen erfasst wird.

2.2.3 Mentale Unruhe

Der Begriff der mentalen Unruhe fällt vornehmlich im Zusammenhang mit dem Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS), einer hyperkinetischen Störung, die in der ICD-10-Klassifikation (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) unter dem Schlüssel F90. näher beschrieben wird. Als Symptome dieser Gruppe von Störungen werden u. a. ein erstes Auftreten in der Kindheit, ein Mangel an Ausdauer bei Beschäftigungen mit kognitivem Einsatz und eine desorganisierte bzw. überschießende Aktivität genannt (DIMDI, 2011). Im Erwachsenenalter äußert sich ADHS weniger durch die kindlichen Symptome, sondern vor allem durch eine innere Unruhe (Ebert, Krause & Roth-Sackenheim, 2003). Eine besondere Form des ADHS ist der in ICD-10 F90.8 beschriebene Typus, der sich vorwiegend unauffällig verhält und sich durch sein äußerst verträumtes Dasein und gedankliche Zerstreuung auszeichnet. In der Literatur wird hierfür der Charakterbegriff hypoaktiv genutzt (Simchen, 2009). Innere, d. h. mentale Unruhe ist ein sehr unspezifisches Symptom, das viele Ursachen haben kann; ADHS kann eine davon sein (Zifreund, Lauth, Schlottke & Naumann, 1999).

Um den Begriff der mentalen Unruhe zu schärfen und auf diese Untersuchung auszurichten, ist es wichtig, ihn im Zusammenhang mit der Nutzung von Smartphones zu sehen. Eine Herangehensweise ist eine Untersuchung des kalifornischen Psychologiestudenten David Laramie aus dem Jahre 2006, die durch ihre Rezeption in der New York Times bekannt wurde (Goodman, 2006). Laramie beschrieb die Wahrnehmung von sog. Phantom-Anrufen, d. h. dem Eindruck, einen Telefonanruf zu bekommen, ohne dass tatsächlich ein Anruf einging. Laramie bringt das Phänomen in Zusammenhang mit einer erlernten Abhängigkeit vom Mobiltelefon, wobei sicher auch die Konditionierung zwischen Umgebungsgeräuschen ähnlich einem Klingelton und dem tatsächlichen Auftreten typischer Klingeltöne eine Rolle spielen mag.

Hier lässt sich also eine gewisse mentale Unruhe der PBN bezogen auf die Empfänglichkeit von Umweltreizen feststellen. Untersuchungsteilnehmer erleben eine höhere Aufmerksamkeit für mit dem Telefon in Verbindung gebrachten Reizen und reagieren vermehrt auf diese. Für diese Untersuchung spielen Laramies Erkenntnisse jedoch eine untergeordnete Rolle, da sie sich stark auf Wahrnehmungsprozesse beziehen.

Ziel dieser Untersuchung wird es also u. a. sein, durch Smartphones bedingte mentale Unruhe zu beschreiben und zu erfassen. Hartmut Rosa (Rosa, 2005) beschreibt in seiner Habilitationsschrift die Auswirkungen des weltweiten Struktur- und vor allem Technologiewandels auf den Menschen und stellt fest, dass sich ein Großteil der Menschen in den Industrienationen in alltäglichen Lebensbereichen zeitlich unter Druck gesetzt fühlt. Er führt an, dass insb. die elektronische Kommunikation dazu geführt habe, dass pro Zeiteinheit mehr Kommunikation stattfindet und somit mehr Reize auf jeden Einzelnen eintreffen, auf die adäquat reagiert werden müsse. Obwohl moderne Technologien dazu führten, dass man effizienter arbeiten und schneller reagieren könne, hätte diese Beschleunigung zur Folge, dass nicht nur jeder Einzelne schneller reagiere, sondern alle Menschen schneller reagierten und dies nicht nur von sich selbst, sondern auch von anderen erwarteten und umgekehrt. Es entstehe eine Art Beschleunigungskreis, in welchem man bspw. in der trügerischen Lage sei, in weniger Zeit mehr (elektronische) Post zu bearbeiten, aber gleichzeitig auch mehr (elektronische) Post erhalte, die es zu beantworten gelte. Ein Entrinnen sei nicht ohne sozialen Ausschluss möglich, da die Gesellschaft erwarte, dass sich jeder Einzelne ihr anpasse. Von den rein negativen Konsequenzen abgesehen seien das hohe Tempo und die ständige Flexibilität jedes Einzelnen auch anregend und interessant, so dass es zu dem Trugschluss komme, dass man seinen Lebensnutzen maximiere, wenn man unter dem Budget der Lebenszeit besonders viele Dinge erlebe. Selbst Freizeit wandele sich hierdurch zu einer Form von Arbeit, wenn man unter den gebotenen Freizeitgestaltungsoptionen stets die für einen persönlich beste auswählen müsse.

Aus Rosas (Rosa, 2005) Beschreibung lassen sich zwei für diese Studie wichtige Erkenntnisse bezogen auf mentale Unruhe extrahieren: 1. moderne Technologien, d. h. neue Medien verändern die Zeitwahrnehmung und 2. neue Medien bieten Alternativen zur Zeitausnutzung und sind daher stets Wahloption im Sinne der Nutzenmaximierung. Denkbar ist demnach, dass Nutzer von Smartphones bzw. mobilen IM-Diensten mental unruhiger sind, weil sie wissen, dass sie ständig Nachrichten erhalten könnten, auf die sie reagieren müssen, da es die Gesellschaft von ihnen erwartet. Allgemeiner formuliert könnte mentale Unruhe bei Smartphone-Nutzern dadurch entstehen, dass sie ständig das Gefühl haben, Aufgaben erledigen zu müssen, und darüber nachdenken, um welche Aufgaben es sich handeln könnte. Es sollte also geprüft werden, ob Smartphone-Nutzer tatsächlich mental unruhiger sind als Nicht-Smartphone-Nutzer.

2.2.4 Instant Messaging, Multitasking and Media Use of College Youth: Connections to Impulsiveness and Distractibility (Waite, Levine & Bowman, 2009)

Die im Folgenden beschriebene Studie und deren Ergebnisse waren zum größten Teil ausschlaggebender Impuls zum Anfertigen dieser Arbeit. In ihrer Studie aus dem Jahr 2009 untersuchen Waite et al. die Zusammenhänge zwischen der Mediennutzung von Studenten und ihrer jeweiligen akademischen Ablenkbarkeit, Impulsivität und mentalen Unruhe (Waite et al., 2009). Waite et al. führen an, dass eine Untersuchung (Ahmad, 2005, zitiert nach Waite et al., 2009) gezeigt habe, dass das Benutzen von Technologien, die durch regelmäßige Unterbrechungen gekennzeichnet sind, Aufmerksamkeit und Konzentration insbesondere dann störten, wenn es sich um eine zu bearbeitende Aufgabe handelt, die ein hohes Maß an kognitivem Involvement erfordert.

Gestützt wird diese Behauptung durch eine Untersuchung, die gezeigt hat, dass Studenten, die vermehrt digital synchron kommunizieren, in ihrer akademischen Leistung messbar schlechter sind als jene, die dieses Kommunikationsverhalten nicht zeigen (Kubey, Lavin & Barrows, 2001).

Daraus wird geschlossen, dass Menschen in Zukunft vermehrt ihre Aufmerksamkeit nicht vollständig auf eine Aufgabe richten, sondern auf verschiedene Aufgaben verteilen, da immer mehr Menschen elektronische Medien nutzen und dadurch mehr Multitasking betreiben (Waite et al., 2009).

Dies deckt sich auch mit den Erkenntnissen aus zwei Studien, die gezeigt haben, dass (Freizeit-)Aktivitäten, die ein hohes Maß an Konzentration und Aufmerksamkeit erfordern (z. B. einen Roman lesen), immer weniger populär sind und im Gegensatz dazu Aktivitäten, die einen gewissen Grad an Multitasking voraussetzen (z. B. Instant Messaging), zunehmend an Popularität gewonnen haben (Lenhart, Rainie & Lewis, 2001; Lieberman, Rosenthal, 2001). Gefährlich oder zumindest irreführend dabei ist, dass Studenten davon überzeugt sind, dass sie mehrere Aktivitäten gleichzeitig mit voller Aufmerksamkeit ausführen könnten (Dahl, 2006).

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass sich das Kommunikations- und Freizeitverhalten offenbar in eine Richtung entwickelt, die als nicht optimal zu bezeichnen ist im Hinblick auf die persönliche Leistungsfähigkeit. Interessant ist hierbei, dass die Kenntnisse über anscheinend negative Auswirkungen dieser Entwicklung überwiegen und dennoch zurzeit keine Richtungsänderung festzustellen ist. Im Gegenteil: Instant Messaging (IM), also das i. d. R. synchrone, textbasierte Kommunizieren mithilfe von internetfähigen Geräten, scheint sehr beliebt. Gerade junge Menschen nutzen ihren Computer mehr für Instant Messaging-Dienste (chatten, engl. für plaudern) als für alle anderen üblichen Computeranwendungen (Quinn, Boneva, Kraut, Kiesler, Cummings & Shklovski, 2006).

Eine erste Mutmaßung zu den negativen Auswirkungen intensiver IM-Nutzung kann durch eine Langzeitstudie zur Fernsehnutzung von Kindern gestützt werden. Hier wurde gezeigt, dass Jugendliche eher Aufmerksamkeitsprobleme haben, je mehr sie als Kinder ferngesehen haben (Zimmerman & Christakis, 2007). Sowohl Fernsehen als auch IM sind durch ihre vielen Unterbrechungen in der Rezeption von Nachrichten charakterisiert. Beim Fernsehen sind hier die Unterbrechungen zwischen den Sendungen bzw. den Werbebotschaften zu erwähnen und beim IM jene zwischen den Nachrichten bzw. die Wechsel der Gesprächspartner als Unterbrechung an sich. Insofern lässt sich eine gewisse Ähnlichkeit – bezogen auf die Unterbrechungen einer alternativ kontinuierlichen Emission und folgenden Absorption – nicht von der Hand weisen.

Ein weiterer Grund, der ausschlaggebend war, um die Studie von Waite et al. (Waite et al., 2009) auf die Nutzung des Smartphones anstelle des Computers zu übertragen, war, dass angeführt wird, es gebe unter chinesischen Studenten offenbar eine positive Korrelation zwischen exzessiver Internetnutzung und einem hohen Grad an Impulsivität (Cao, Su, Liu & Gao, 2007).

Dies lässt sich jedoch noch weiter spezifizieren, denn die wohl wichtigste Erkenntnis, die auch in der Studie von Waite et al. (Waite et al., 2009) angeführt wird, ist, dass Studenten sich umso leichter während akademischer Aufgaben ablenken lassen, je mehr Zeit sie mit IM verbringen, und dass Studenten sich umso schwerer von akademischen Aufgaben ablenken lassen, je mehr Bücher sie lesen (Levine, Waite & Bowman, 2007).

Hierbei handelt es sich um eine sehr wichtige Erkenntnis als Grundlage für diese Arbeit. Es lässt sich nämlich vielseitig mutmaßen, ob für manche Studenten die Ablenkung durch IM eine willkommene Abwechslung von akademischen Aufgaben ist, da sie über weniger Motivation verfügen, die akademischen Aufgaben zu lösen, als ihre Kollegen, oder ob jene, die sich leichter ablenken lassen, über eine genauso hohe Motivation zur Lösung der akademischen Aufgaben verfügen und sich einfach leichter ablenken lassen. Es ist also nicht vollständig geklärt, in welche Richtung die Korrelation zeigt und was genau Ursache, was Wirkung ist. Diese Untersuchung soll daher einen weiteren Erklärungsbeitrag zu den Auswirkungen von Unterbrechungstechnologien (hier: IM) leisten und klären, ob mögliche negative Effekte durch die IM-Nutzung in Kauf genommen werden.

Die Studie von Waite et al. (Waite et al., 2009) kommt zu den gleichen bzw. ähnlichen Ergebnissen wie die Studie von Levine et al. (Levine et al., 2007) bezogen auf die negativen Auswirkungen von Multitasking bzw. die positiven Auswirkungen von konzentriertem Lesen auf Aufmerksamkeitsprozesse. Weiterhin ist die Erkenntnis, dass IM-Nutzer offenbar unmittelbar auf Anfragen antworten und dafür andere Tätigkeiten unterbrechen (Waite et al., 2009), für diese Studie von hoher Bedeutung, da vor allem die Nutzung von IM im studentischen Alltag (z. B. während Hochschulvorlesungen) untersucht werden wird.

Es ist jedoch wichtig, noch einmal hervorzuheben, dass Waite et al. sich selbst nicht sicher sind, woher genau die in ihrer Studie belegten Aufmerksamkeitsprobleme rühren. Sie selbst führen an, dass die Persönlichkeitseigenschaften eine Rolle spielen könnten, indem Menschen mit Konzentrationsschwierigkeiten bezüglich einer einzelnen Aufgabe sich eher mehreren Aufgaben zuwenden, um voll ausgelastet zu sein, oder dass insbesondere sensation seekers (Zuckermann, 1984) eher multitasken, um ein Maximum an Stimulation zu erreichen (Waite et al., 2009).

2.2.5 Erzwungene Wahrnehmung und Gedächtnisleistung

Eng verknüpft mit dem Konzept des IM ist der Unterbrechungscharakter dieser Technologie. IM zeichnet sich gerade dadurch aus, dass es aufgrund der synchronen Kommunikation zwischen Sender und Empfänger zu einer gezwungenen Auseinandersetzung mit dem Kontaktinitiator kommt. Dies wird oftmals dadurch verstärkt, dass Nachrichten, die über einen IM-Dienst verschickt werden, eine Benachrichtigung auf dem Empfangsgerät auslösen, welche den Nutzer darüber informiert, dass er kontaktiert wurde. Dies ermöglicht das Empfangen von Nachrichten auch, während anderen Tätigkeiten auf dem Gerät nachgegangen wird. Denkbar ist, dass ein Nutzer gerade ein Dokument auf seinem Gerät bearbeitet und sich plötzlich eine Benachrichtigung über die Benutzeroberfläche legt, die ihn fragt, ob er die erhaltene Nachricht beantworten oder die Benachrichtigung schließen will. Es spielt keine Rolle, wie der Nutzer sich entscheidet, um zu verstehen, dass allein die Information über den Eingang einer neuen Nachricht einen Unterbrechungscharakter hat. Diese neue Information muss bewusst und zumindest teilweise verarbeitet werden, um mit der bisherigen Aufgabe fortfahren zu können. Da alle gängigen IM-Dienste derart benachrichtigen, lässt sich festhalten, dass das IM Multitasking erzwingt.

Im Übrigen scheint es keine Rolle zu spielen, wie lange oder wie stark die Unterbrechung durch einen Reiz ist. Selbst wenn PBN die Möglichkeit haben, eine längere Unterbrechung zeitlich zu verschieben, werden sie allein durch diese kurze Entscheidungsaufgabe (längere Unterbrechung verschieben: ja/nein) abgelenkt (Gillie & Broadbent, 1989). Interessant ist, dass Menschen sich offenbar an störende Unterbrechungen gewöhnen können, so dass diese sich weniger stark negativ auf die Leistungsfähigkeit auswirken. In einem Experiment wurde gezeigt, dass die ersten beiden von drei Unterbrechungen während der Bearbeitung einer Computeraufgabe als extrem störend empfunden wurden, jedoch beim dritten Mal signifikant schwächer störend waren (Hess & Detweiler, 1994).

Unter dem Aspekt, dass in der Studie von Waite et al. über 90 % der befragten Studenten im Durchschnitt fast 14 Stunden pro Woche IM-Dienste nutzen (Waite et al., 2009), wäre es falsch zu behaupten, dass jeder Nutzer gleichermaßen von IM gestört wird bzw. sich stören lässt. Es ist in jedem Fall denkbar, dass insb. die digital natives so viel Übung im Umgang mit Unterbrechungstechnologien haben, dass sie Multitasking als wenig störend empfinden. Ob Unterbrechungen objektiv weniger stören oder nur subjektiv als weniger störend wahrgenommen werden, ist unklar. Die Auswirkungen auf die Leistung innerhalb der zu bearbeitenden Aufgabe ist hierbei davon abhängig, wie schnell und effizient ein Nutzer zu seiner bisherigen Aufgabe zurückfindet (Renaud, 2000).

2.2.6 Multitasking

Für Multitasking gibt es keine exakte Definition; hilfreich ist die englische Umschreibung continuous partial attention, zu Deutsch sinngemäß etwa fortwährend beschränkte Aufmerksamkeit. Eine Definition von Multitasking besagt, dass damit die (menschliche) Fähigkeit beschrieben wird, die Anforderungen mehrerer Aufgaben gleichzeitig zu erfüllen (Lee & Taatgen, 2002).

Gründe für Multitasking gibt es neben der fortschreitenden Digitalisierung des Lebens viele: Kenyon (Kenyon, 2008) hat herausgefunden, dass Menschen durch Multitasking einen Tag um etwa sieben Stunden verlängern – bezogen auf ihre Tätigkeiten. Es ist also der Versuch der Nutzenmaximierung bei gegebenem (Zeit-)Budget. Weiterhin führt Baron (Baron, 2007) an, dass Multitasking vielleicht mit der Ungeduld mancher Menschen zusammenhänge (vgl. sensation seeking, Zuckermann, 1984), sie gelangweilt seien oder sich einsam fühlten. Manche Menschen würden, sobald sie nach Hause kommen, den Fernseher oder das Radio einschalten, obwohl ihre Primäraktivität eine andere ist.

Im Zusammenhang mit dieser Arbeit bedeutet Multitasking vor allem, sich mehreren Sendern gegenüber zu öffnen und dabei illusionistisch alle Informationen beider (oder mehrerer) Sender wahrnehmen und verarbeiten zu können oder Informationsverluste bei der Übertragung bewusst in Kauf zu nehmen. Der von Unterbrechungen gekennzeichnete Gebrauch des Nebenbeimediums IM wurde bereits in Kapitel 2.2.1 näher beschrieben. Eng verknüpft mit IM als Unterbrechungstechnologie ist die Idee, es als Nebenbeimedium zu bezeichnen. Es ist davon auszugehen, dass der Großteil der IM-Nutzer ihren IM-Dienst grundsätzlich aktiviert haben, sobald das Handy eingeschaltet ist. Dies impliziert bei einer passiven Handynutzung (das Handy ist 24 Stunden am Tag einsatzbereit), dass der IM-Dienst jederzeit benutzt werden kann, aber sich wohl kaum ein Nutzer eine Zeitspanne am Tag für IM-Aktivitäten reservieren würde, so wie es zuweilen beim Beantworten von E-Mails der Fall sein kann. IM-Dienste werden vermutlich eher spontan und zufällig genutzt bzw. dann, wenn man von jemand anderem kontaktiert wurde. Schlussfolgernd durch Gillies & Broadbents (Gillie & Broadbent, 1989) Erkenntnis fällt bei genauerer Betrachtung der IM-Nutzung als Nebenbeimedium auf, dass IM immer dann die Aufmerksamkeit beeinträchtigt, wenn während einer laufenden Informationsübertragung (z. B. einer Hochschulvorlesung) eine Benachrichtigung über den Eingang einer weiteren Nachricht erscheint und diese Benachrichtigung oder die Nachricht selber gelesen werden. Auf das klassische Encoder-Decoder-Modell von Shannon & Weaver (Shannon & Weaver, 1949) übertragen bedeutet dies, dass es nicht möglich ist, eine sich bereits auf dem Weg zum Empfänger befindliche Nachricht zu decodieren, weil die eintreffende IM-Nachricht als Störquelle auf dem Kanal fungiert. Dabei muss beachtet werden, dass jedes einzelne Wort als Nachricht im Sinne des Modells verstanden werden kann, da die Störquelle IM jederzeit, auch mitten in einem gesprochenen Satz, aktiv werden kann. Ungeachtet dessen, ob eine partielle Aufmerksamkeitsbeeinträchtigung (also bspw. Abwendung vom Hochschulprofessor und Zuwendung zum IM-Dienst) seitens des Empfängers gewollt ist oder nicht, existieren verschiedene Bewältigungsstrategien, um eine Konfrontation mit einem anderen, neuen Sender zu vermeiden und damit auch Multitasking bewusst und aktiv zu verhindern.

Ein Beispiel klassischen Kontaktvermeidungsverhaltens ist es, die Straßenseite zu wechseln oder konzentriert in ein Schaufenster zu sehen, wenn man bemerkt, dass möglicherweise eine unerwünschte Konversation stattfinden könnte mit einer Person, die einem entgegenkommt und möglicherweise ansprechen würde. Ähnliches Verhalten zeigt sich u. U. auch bei der IM-Nutzung. Dabei ist dieses Kontaktvermeidungsverhalten keineswegs neu, was plausibel erscheint, wenn man bedenkt, dass das Smartphone letztlich nur ein System ist, das die physikalischen Umstände, unter denen Kommunikation stattfindet, erweitert (Baron, 2007).

Mithilfe von IM auf Smartphones erweitert sich der Kommunikationsradius im Vergleich zum Telefonieren (mobil bzw. fest) massiv, da nun auch an Orten, an denen Fernkommunikation als i. d. R. störend wahrgenommen wird (Hochschulvorlesung, Meetings, ÖPNV etc.), anscheinend rücksichtsvoll kommuniziert werden kann. Dies ist insofern richtig, als der Hochschulprofessor durch das Schreiben einer IM-Nachricht akustisch nicht gestört wird. Dadurch wiegt sich der IM-Nutzer in einer trügerisch-respektvollen Position, da die Abkehr vom eigentlichen Sender (dem Hochschulprofessor) durch diesen bereits als sehr unhöflich wahrgenommen werden kann.

Das Kontaktvermeidungsverhalten in Verbindung mit IM-Diensten richtet sich in erster Linie nach dem technischen Funktionsumfang der auf dem Gerät eingesetzten Software.

Eine Funktion, die grundsätzlich zur Verfügung steht, ist es, den Nachrichtenempfang bestimmter Kontakte zu blockieren oder anzugeben, dass man eingehende Nachrichten aktuell nicht lesen könne und diese dann dennoch liest (Baron, 2007) mutmaßlich vornehmlich mit dem Ziel, die persönliche Ungeduld, Einsamkeit oder Neugierde zu stillen und dennoch einen direkten Kontakt zu vermeiden.

Die Gründe für Multitasking bzw. die IM-Nutzung während anderer Aktivitäten sind vielfältig. Barons (Baron, 2007) Untersuchung zeigt, dass die befragten Studenten vor allem aus Zeitgründen IM-Dienste nutzten, während sie gleichzeitig eigentlich einer anderen Aufgabe nachgingen. Für manche hingegen ist IM per Definition keine eigenständige Tätigkeit, sondern immer ein Nebenbeimedium auch aufgrund der Tatsache, dass Computer in ihrer Architektur so gebaut sind, dass sie simultane Aufgaben nicht nur ermöglichen, sondern zeitweise sogar erfordern. Andere Studenten gaben an, dass sie während der eigentlichen Arbeit am Computer gelangweilt seien und daher nebenbei chatteten oder aber eine zu kurze Aufmerksamkeitsspanne hätten, um konzentriert nur eine Aufgabe zu erledigen.

Cognitive & social Multitasking

Baron (Baron, 2007) unterscheidet zwischen kognitivem Multitasking, bei dem charakteristisch ist, dass mehrere mentale Aufgaben gleichzeitig bearbeitet werden, und sozialem Multitasking, bei dem ein oder mehrere mentale Aufgaben bearbeitet werden und man sich gleichzeitig in einer sozialen Interaktion befindet.

Die Folgen kognitiven Multitaskings sind vermutlich bekannter (z. B. Stroop, 1935) als jene des sozialen Multitaskings. Eine Untersuchung von Hewlett-Packard
(Hewlett-Packard, 2005) hat gezeigt, dass ständiges Multitasking bzw. eine always on -Haltung, d.h. eintreffende Anfragen auf allen Kanälen sofort zu beantworten, zu einer temporären Verringerung des Intelligenzquotienten um 10 Punkte führen kann.

Erkenntnisse zu sozialem Multitasking sind rar, wobei eine Untersuchung Ergebnisse anführt, die gerade für diese Arbeit hohe Bedeutung haben, da Stichprobe und Versuchsaufbau sehr ähnlich sind. Die Autoren stellen hierbei fest, dass Studenten sich schlechter an Vorlesungsinhalte erinnern, wenn sie während der Vorlesung online recherchierten oder online mit Kommilitonen kommunizierten (Hembrooke & Gay, 2003).

Hier wird klar, dass in dieser Studie sowohl kognitives als auch soziales Multitasking untersucht wird, weil Studenten bedingt durch ihren Status sowohl kognitiv gefordert werden als auch in einer Bildungseinrichtung stets sozial eingebunden sind. Eine Vorlesung ist ein Ereignis, bei dem in hohem Maße kognitives und soziales Multitasking stattfindet.

Details

Seiten
76
Jahr
2011
ISBN (Buch)
9783656157779
Dateigröße
4.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v191115
Institution / Hochschule
Hochschule Fresenius; Köln
Note
2,3
Schlagworte
Wirtschaftspsychologie Business Psychologie Smartphone Chat Chatten whatsapp Instant-Messenger IM ICQ Facebook Messenger Stress Konzentration mentale Unruhe Smartphone-Nutzung

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Titel: Text- und bildbasierte Kommunikation auf Smartphones. Auswirkungen im Hinblick auf Distress, Konzentration und mentale Unruhe