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Das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter

Methodische Exegese zu Lukas 10,25-37

Seminararbeit 2009 17 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Das Lukasevangelium: Verfasser, Entstehungszeit, Entstehungsort, Adressatenkreis und Anlass
2.2 Der Reisebericht
2.3 Lehrgespräch & Gleichnis des Barmherzigen Samariters (Lk 10,25-37)
2.4 Reisebericht oder Tempelgespräch?
2.5 Die Form von Lukas 10,25-37
2.6 Lukas 10,25-37, Vers für Vers

3. Schluss

Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

Diese Hausarbeit befasst sich mit der Gottes- und Nächstenliebe bei Lukas 10,25ff. Die Frage nach der Erläuterung des Gebotes durch das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter soll für die Interpretation dieser Perikope anleitend sein. Als Grundlage für die exegetische Arbeit dient die Übersetzung von Lukas 10.25-37 nach dem Münchener Neuen Testament.

Die Hausarbeit entstand ferner unter der Kenntnis und Zuhilfenahme von Josef Ernsts ‚Das Evangelium nach Lukas’ (1993), Hans Kleins ‚Das Lukasevangelium’ (2006) und Michael Wolters ‚Das Lukasevangelium’ (2008). Die entscheidenden Texte der Autoren zu dieser Perikope, sowie die Einführung von M. Wolter über das Lukasevangelium sind maßgebliche Grundlage für meine Ausführungen. Sie sind verbunden mit eigenen Erkenntnissen, die sich jedoch an vielen Stellen mit denen der genannten Autoren decken. Der Hauptteil beinhaltet eine Situationsanalyse. Darauf folgen die Analyse des weiteren Kontextes, der Reiseerzählung, sowie eine Einschätzung davon, welchen Rahmen dieser Abschnitt innerhalb des Lukasevangeliums hat. An die Übersetzung der behandelten Perikope aus dem Münchener Neuen Testament schließt eine kurze Traditions- bzw. Redaktionsanalyse an. Darauf folgen die Analyse des engeren Kontextes, sowie eine kurze Formanalyse. Den Abschluss des Hauptteils bildet eine Vers-für-Vers-Betrachtung der Perikope, in welche die Ansätze von Sach- und Motivanalysen eingearbeitet sind.

Der Schlussteil beinhaltet eine kurze Interpretation der Perikope im Bezug auf die eingangs gestellte Frage.

2. Hauptteil

2.1 Das Lukasevangelium: Verfasser, Entstehungszeit, Entstehungsort, Adressatenkreis und Anlass

Die Namensgebung für den Verfasser des Lukasevangeliums (LkEv) rührt von den Verbindungen zwischen den Paulusbriefen und der Apostelgeschichte (Apg) her. Nach dieser war Lukas ein Wegbegleiter von Paulus, welcher ihn unter diesem Namen in drei Briefen erwähnte. Dass besagter Lukas mit dem Autor des Evangeliums und der Apg identisch ist, ist in der neutestamentlichen Forschung nicht gesichert, wird aber weithin angenommen. Sicher ist nur, dass der Autor des LkEv auch der Autor der Apg und, darüber hinaus, der darin enthaltenen „Wir-Berichte“ ist, welche von gemeinsamen Erlebnissen des Autors und Paulus berichten. So schließt sich der Kreis der Namenshypothese, die vor allem in den ersten Jahrhunderten nach Christus als erwiesen galt.

Die Herkunft des Autors ist ebenfalls unklar. Während in der gängigen Forschung Lukas als Christ aus dem hellenistischen Raum dargestellt wird, hält M. Wolter eine jüdische Abstammung des Autors nicht für ausgeschlossen.

Das älteste Zeugnis für ein Vorliegen des gesamten LkEv als Kenntnisgrundlage ist das Evangelium von Markion in der Mitte des 2. Jahrhunderts. Dieses verarbeitet das komplette LkEv, auch wenn es schließlich kürzer ist als die Vorlage. Weitere Indizien, nicht zuletzt die „Wir-Berichte“ der Apg, lassen darauf schließen, dass das LkEv etwa um 80 nach Christus entstanden sein muss.

Als Entstehungsort des lukanischen Doppelwerks kämen aus dem gleichen Grund mehrere Städte und Anlaufpunkte der paulinischen Mission, sowie Orte, an denen sich der Autor offenbar besonders gut auskannte, in Frage. Keine dieser Städte konnte sich aber in der Diskussion gegen andere durchsetzen. Für Rom scheinen jedoch vor allem die „Wir-Berichte“ und die „politisierte Bukolik (der Hirtenszene), die ansonsten ausschließlich innerhalb der römischen Bukolik belegt ist“1 zu sprechen.

Das LkEv erscheint nicht als aufrührerische, sondern als eine bewahrende und erklärende Schrift und ist damit wohl eher an Christen als an Heiden gerichtet. Als intendierte Leser erscheinen zum einen der Freund Theophilus, an den die Aufzeichnungen des Evangelisten wörtliche gerichtet sind. Die Forschung am Lukasevangelium zeigt auf, dass Lukas sein Werk zum anderen aber auch an alle Christen der damaligen Zeit richtete. Trotzdem wird Lukas wohl seine ganz eigene Vorstellung davon gehabt haben, wie diese christlichen Gemeinden gewesen sind. Auch wenn er für alle Kirchen schrieb, hatte seine Vorstellung von der Kirche mit Sicherheit eine ganz bestimmte Kirche zum Vorbild.2

A. Wirkenhauser und J. Schmid schreiben hierzu „Aus dem Inhalt des Werkes und dem Leserkreis, der aus ihm erschlossen werden kann, insbesondere auch aus der Bezeichnung Palästinas als ‚Judäa’ lässt sich mit Sicherheit nur dies erschließen, dass das dritte Evangelium für Gemeinden außerhalb Palästinas, also für Heidenchristen, bestimmt war.“3

Als Anlass für das Niederschreiben nannte Lukas in seinem Proömium das Vorhaben „eine Erzählung über die Ereignisse, die sich bei uns erfüllt haben“4 abzufassen. Hierbei fügt er sich in die Reihe der Überlieferungen jener ein, „die von Anfang (an) Augenzeugen und Diener des Wortes wurden“5. Außerdem beanspruchte Lukas für sein Werk Genauigkeit „von Anfang an“ und beteuerte die Stichhaltigkeit des Erzählten. Er griff mit dem Proömium eine weit verbreitete Konvention der hellenistischen Geschichtsschreibung auf und wies damit implizit auf die Historizität seines Werkes hin.

2.2 Der Reisebericht

Das Gleichnis des Barmherzigen Samariters ist eine Perikope des Lukasevangeliums aus dem Abschnitt des sogenannten Reiseberichtes.

Der Reisebereicht, oder besser die Reiseerzählung, im Lukasevangelium stellt eine Sammlung von Wundertaten, Gleichnissen und anderen Erzählungen dar, deren theologische Intention aufgrund der besonderen Vielfalt der Texte nicht greifbar ist. Auf das Wirken Jesu bei Kapharnaum folgt der Beginn der Reiseerzählungen bereits mit Lk 8,1-3. Hier wird durch die Nennung der Reisegesellschaft die Reiseerzählung eingeleitet. Der Reisebericht bei Markus beginnt mit dem Messiasbekenntnis des Petrus (Mk 8,27ff vergleiche Lk 9,18ff). Lukas ergänzt den Beginn des Markusberichtes um einzelne Gleichnisse und Erzählungen (Lk 8,4 - 9,17), die jedoch auch allesamt von Markus übernommen sind.6

In der Regel wird Lk 9,51 als der Beginn des Reisebereichtes angesehen, da Lukas hier mit der Ankündigung, dass „sich erfüllten die Tage seiner (Jesu) Hinaufnahme“, den Weg der Jünger nach Hierosolyma (Jerusalem) wendet. Das Leid Jesu wird aber bereits in Lk 9,22 und Lk 9,44b angekündigt. Der Reisebericht bei Markus (Mk 8,27 - 10,52) kennt ebenfalls diese Ankündigungen des Leids und auch hier stehen sie vor der „kleinen Auslassung“7 (Mk 9.41-10.12), die bei Lukas durch die „große Einschaltung“8 (Lk 9,51 - 18,14) ersetzt wird.

Der Bericht bei Markus endet mit der Heilung des Blinden (10,46-52), Lukas hängt hier noch die Erzählung von Jesus im Haus des Zakchaios und das Gleichnis vom Anvertrauten Geld an. Beide Evangelien haben aber den prunkvollen Einzug in Jerusalem (Mk 11,1-11||Lk 19,28-40) gemeinsam. Dieser bildet augenscheinlich den Abschluss der Reise.

Somit stellt der gesamte Text von Lk 8,1 bis Lk 19,40 die Reiseerzählungen dar. Lukas gibt mit 9.51 seiner Schilderung lediglich eine räumliche Richtung. Die Leidensankündigungen werden ab hier mit dem genannten Ziel verbunden. Die Begründung, die Abschnitte 9,51 bis 18,34 bilden eine Einheit, da hier die Handlung auf der Erzählebene nach Jerusalem ausgerichtet ist und so das Ende Jesu ankündigt, inhaltlich aber lediglich eine Sammlung von Erzählungen darstellt, scheint wenig überzeugend. Auch scheint die neue Richtung der Erzählung keine größere Stringenz als den vorangegangenen Abschnitten zu verleihen. Jesus und seine Jünger gehen nicht etwa schneller oder zielstrebiger, nun da Jesus entschlossen hat, nach Jerusalem zu gehen.

2.3 Lehrgespräch & Gleichnis des Barmherzigen Samariters (Lk 10,25-37)

„25 Und siehe, ein Gesetzeskundiger stand auf, ihn versuchend, sagen: Lehrer, was tuend werde ich ewiges Leben erben? 26 Der aber sprach zu ihm: Im Gesetz, was ist geschrieben? Wie liest du? 27 Der aber, antwortend, sprach: Du sollst lieben (den) Herrn, deinen Gott, aus deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft und mit deiner ganzen Einsicht, und deinen Nächsten wie dich. 28 Er sprach aber zu ihm: Richtig antwortest du; dies tue, und du wirst leben. 29 Der aber, wollend sich rechtfertigen, sprach zu Jesus: Und wer ist mein Nächster?

30 Aufnehmend (dies) sprach Jesus: Ein Mensch stieg hinab von Jerusalem nach Jericho und fiel unter Räuber, die ausziehend ihn und (ihm) Schläge versetzend, weggingen, lassend (ihn) halbtot. 31 Durch Zufall aber stieg ein Priester herab auf jenem weg, und sehend ihn, ging er vorbei; 32 gleicherweise aber [war] auch ein Levit an den Ort kommend, und sehend (ihn), ging er vorbei. 33 Ein Samariter aber, der unterwegs war, kam zu ihm und sehend (ihn) erbarmte er sich, 34 und hingehend verband er seine Wunden, daraufgießend Öl und Wein; ihn daraufsetzend aber auf sein eigenes Lasttier, führte er ihn in eine Herberge und sorgte für ihn. 35 Und am Tag darauf, herausnehmend, gab er zwei Denare dem Herbergswirt und sprach: Sorge für ihn, und was immer du dazu aufwendest, bei meinem Zurückkommen werde ich (es) dir zurückgeben. 36 Wer von diesen dreien Dünkt dir, Nächster geworden zu dein dem unter die Räuber Gefallenen? 37 Der aber sprach: Der getan hat das Erbarmen mit ihm. (Es) sprach aber zu ihm Jesus: Geh, und du tue gleicherweise!“9

Die endgültige Perikope Lk 10,25-37 besteht aus zwei Teilen: Zum Einen dem Lehrgespräch, das zwischen Lk 20,40;41 fehlt (s.u.), und zum Anderen aus dem Gleichnis vom Barmherzigen Samariter. Das Lehrgespräch ist Mk 12,28-31 entnommen, das Gleichnis ist eindeutig lukanisches Sondergut (SLk).10 Lukas verknüpft diese beiden Teile, indem er das Gespräch mit der Frage aus Mk 10,17/Lk 18/18 einleitet und durch das Gebot aus dem ursprünglichen Lehrgespräch mit dem Gleichnis vom Barmherzigen Samariter verbindet. Dabei wird das Lehrgespräch jedoch nicht in seiner ursprünglichen Form belassen, sondern zu einem Frage-Antwort-Aufforderungs- Gebilde redaktionell von Lukas umgestaltet. Lukas platziert die gesamte Perikope anschließend in seiner Reiseerzählung.

[...]


1 Wolter: Lk, S.10.

2 Vgl. Wolter: Lk S.1ff..

3 Wikenhauser, Alfred & Schmid, Josef: Einleitung in das neue Testament. Wien 1973. S.272.

4 Lk 1,1

5 Lk 1,2b

6 vergleiche Mk 4,1 - 6,44 ohne 4,26-34; 6,1-6a; 6,17-29 und Mk 3,31-35 mit Lk 8,4 - 9,17

7 Wolter: Lk S.365

8 Ebd.

9 Lk 10,25-37

10 Vgl. Klein: Lk S.389

Details

Seiten
17
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656157243
ISBN (Buch)
9783656157939
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v191095
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Katholisch theologische Fakultät
Note
1,0
Schlagworte
Exegese Lukas Lukasevangelium Samariter Beispielexegese Barmherzigkeit Barmherziger Samariter Gleichnis Neues Testament neutestamentliche Exegese Kontextanalyse Situationsanalyse Lukas 10.25-37 Reiseerzählung Traditionsanalyse Redaktionsanalyse Formanalyse Perikope Gottesliebe Nächstenliebe

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