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Funktionen des Gedächtnisses in Günter Grass' "Im Krebsgang"

Analyse unter Einbezug der Gedächtnistheorie von Aleida Assmann mit einem Fokus auf die Medien

Hausarbeit 2009 29 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Vorwort

2 Funktionen des Gedächtnisses in Günter Grass' Im Krebsgang
2.1 Das Gedächtnis in der Literatur
2.1.1 Erzählung - Ursula 'Tulla' Prokriefkes Medium der Erinnerung
2.1.1.1 Das Erleben des Untergangs
2.1.1.2 Identitätsbildung durch Erinnerung
2.1.1.3 Bewahren durch Erzählen
2.1.2 Mythos - Konrad 'Konny' Prokriefkes Medium der Erinnerung
2.1.2.1 Sanktionierung und Täterposition
2.1.2.2 DasInternetalshybrides Medium
2.1.2.3 Mythisierung derVergangenheit
2.1.2.4 Die Wirkungsmächtigkeit des Internets
2.1.3 Korrektur - Paul Prokriefkes Medium der Erinnerung
2.1.3.1 Verweigern der Erinnerung
2.1.3.2 Erinnern imKrebsgang
2.2 Gedächtnis der Literatur und Literatur als Vermittler von Gedächtnis in der Erinnerungskultur
2.2.1 Im Krebsgang selbst als Medium der Erinnerung
2.2.1.1 Der Alte - Der Schreibprozess als Erinnerung der Novelle
2.2.1.2 Im Krebsgang im Erinnerungsdiskurs
2.2.2 Intertextualität alsGedächtnis
2.2.3 Ergänzung und Konkurrenz - Medien des kollektiven Gedächtnisses in Im Krebsgang
2.2.3.1 Medien des kulturellen Gedächtnis
2.2.3.2 Zirkulierende Medien

3 Nachwort

1 Vorwort

Erinnerungen sind der Stoff, aus dem Literatur ist. Das Erinnern ist die Kraft, die ihnen Form verleiht.[1]

In ihrer 1997 erschienenen Publikation Schrift, Medien, Kognition stellen Koch/Krämer die These auf, dass alles, was über die Welt gewusst, gedacht und gesagt werden kann, nur in Abhängigkeit von den Medien wissbar, denkbar und sagbar ist, die dieses Wissen kommunizieren [2]. Den literarischen Text als Medium mit vielfältigen Repräsentationsformen betrachtet Harald Welzer aus diesem Grund als „Teil eines sozialen, kulturellen und historischen intertextuellen Gewebes, eines verteilten Gedächtnisses.“[3] Doch Literatur erscheint nicht nur als passives Element dieses verteilten Gedächtnisses. Vielmehr ist sie maßgeblich an seiner Etablierung beteiligt bzw. ist „allgegenwärtig“[4], wie die Literaturwissenschaftlerin Astrid Erll es ausdrückt, und erfüllt vielfältige erinnerungskulturelle Funktionen, wie die Vermittlung von Schemata zur Kodierung von Lebensverläufen, die Herausbildung von Vorstellungen über vergangene Lebenswelten, die Zirkulation von Geschichtsbildern, die Aushandlung von Erinnerungskonkurrenzen und die Reflexion über Prozesse und Probleme des [...] Gedächtnisses.[5]

Günter Grass' im Februar 2002 erschienene Novelle Im Krebsgang ruft mit dem Untergang der Wilhelm Gustloff, einem ehemaligen Passagierschiff der nationalsozialistischen Organisation Kraft durch Freude (KdF), das größte Unglück der deutschen Seefahrtsgeschichte wieder ins Bewusstsein. Thematisch wird bereits der Bogen in die Vergangenheit geschlagen, der titelgebende Krebsgang erweist sich als Erinnerungsstrategie. Neben diesen offensichtlichen sollen anhand der Erzählungen weitere Verbindungen zwischen Literatur und Gedächtnis untersucht werden. Die Analyse orientiert sich an den drei Grundrichtungen, die Erll/Nünning der literaturwissenschaftlichen Beschäftigung mit Gedächtnis attestiert haben. Zunächst steht das Gedächtnis in der Literatur, das bedeutet die „Darstellung bzw. Repräsentation von Erinnerung und Gedächtnis in literarischen Werken“[6], im Mittelpunkt. Die Untersuchung fokussiert in Kapitel 2.1 die Figurenebene; es soll aufgezeigt werden, inwiefernjedem der drei zentralen Protagonisten eine bestimmte Form des Umgangs mit der Vergangenheit zugeordnet werden kann.

In einem zweiten Schritt wird untersucht, in welchem Maße Im Krebsgang durch den Bezug auf vorgängige Texte, auf Gattungen, Formen, Strukturen, Symbole und Topoi an sich selbst 'erinnert'[7]. Der Abschnitt 2.2.2 hebt insofern durch den Nachweis der Intertextualitätsbeziehungen das der Literatur immanente Gedächtnis {Gedächtnis der Literatur) hervor.

Schließlich fungieren literarische Texte auch als Vermittler von Gedächtnis in der Erinnerungskultur.[8] Der Frage, welche Position die Novelle innerhalb des Erinnerungsdiskurses einnimmt bzw. wie sie ihn stimuliert hat, wird deshalb in Kapitel 2.2.1 nachgegangen. Der letzte Teil der Analyse beschäftigt sich damit, inwieweit Grass' Erzählung von anderen kulturellen Medien und kollektiven Gedächtnisfunktionen durchdrungen ist.

Die theoretische Grundlage für diese Untersuchung bildet die Gedächtnistheorie von Aleida Assmann. Die Kulturwissenschaftlerin stellte fest, daß wir als Individuen mit unseren biographischen Erinnerungen in unterschiedliche Gedächtnishorizonte eingespannt sind, die immer weitere Kreise ziehen: das Gedächtnis der Familie, der Nachbarschaft, der Generation, der Gesellschaft, der Nation, der Kultur.[9]

In der Folge unterscheidet sie vier Formen des Erinnerns: Das individuelle wie das Generationengedächtnis werden durch soziale Beziehungen {soziales Gedächtnis) etabliert, das kollektive Gedächtnis unterteilt sie in national-politische Memorationsformen und kulturelle Ausprägungen.[10] Es sei dabei „nicht immer leicht zu bestimmen, wo die eine Gedächtnisformation aufhört und die andere anfängt, denn die einzelnen Ebenen durchqueren den einzelnen Menschen und überlagern sich in ihm.“[11] Auf die besonderen Eigenarten der Gedächtnisformationen wird in denjeweiligen Kapiteln genauer eingegangen.

Das gehäufte Auftreten verschiedenster Medien innerhalb der Novelle ist bemerkenswert. Eine Auseinandersetzung mit den Faktoren der (literarischen) Gedächtnisbildung muss dem in hohem Maße Rechnung tragen, denn, so verdeutlicht Sybille Krämer, Medien übertragen nicht einfach Botschaften, sondern entfalten eine Wirkkraft, welche die Modalitäten unseres Denkens, Wahrnehmens, Erinnerns und Kommunizierens prägt. [...] 'Medialität' drückt aus, daß unser Weltverhältnis und damit alle unsere Aktivitäten und Erfahrungen mit welterschließender [...] Funktion geprägt sind von den Unterscheidungsmöglichkeiten, die Medien eröffnen, und den Beschränkungen, die sie dabei auferlegen.[13]

Wie beeinflussen Medien die Träger des sozialen Gedächtnisses? Inwiefern stabilisieren Sprach- und Schriftkultur und andere (Massen)kommunikationsmittel die Ausformungen des kollektiven Gedächtnisses? Die Beschäftigung mit Im Krebsgang wird in dieser Hinsicht Aufschluss geben, denn gerade in Erzähltexten wird nicht nur über Erinnerung im Allgemeinen und Besonderen reflektiert, sondern konkrete Erinnerungsprozesse kommen auch durch verschiedenste Erzähltechniken direkt zur Darstellung - durch eine 'Mimesis des Erinnerns'.[13]

Der Nachweis einer dem Krebsgang ähnlichen literarischen Selbsterkundung der eigenen Erinnerungskonzepte muss deshalb unter Berücksichtigung medienwissenschaftlicher Aspekte für die Erschließung des kulturwissenschaftlichen Phänomens Gedächtnis produktiv sein.

2 Funktionen des Gedächtnisses in Günter Grass’ Im Krebsgang

2.1 Das Gedächtnis in der Literatur

2.1.1 Erzählung - Ursula ’Tulla’ Prokriefkes Medium der Erinnerung

2.1.1.1 Das Erleben des Untergangs

Die sind alle falsch runterjekommen vom Schiff, mittem Kopf zuerst. Nu hingen se in die dicken Schwimmwülste mitte Beinchen nach oben raus ..(140)[14]

Die Versenkung der Wilhelm Gustloff durch das sowjetische U-Boot S 13 am 30. Januar 1945 bildet den Mittelpunkt der Novelle Im Krebsgang, in dem die diversen Handlungsstränge der separaten Zeitebenen kulminieren bzw. ihren Ausgangspunkt besitzen. Die individuelle Erinnerung der Hauptfigur Ursula ’Tulla’ Prokriefke an diese Katastrophe ist die offensichtlichste Darstellung der Funktionen und Formen von Gedächtnis in Grass’ Erzählung. Die persönliche Erfahrung der Geretteten ist nicht nur konstituierend für die Geschehnisse in Im Krebsgang, sondern auch für ihren darauf aufbauenden bzw. daraus resultierenden Umgang mit der Vergangenheit.

Aleida Assmann beschreibt in dem Aufsatz Vier Formen des Gedächtnisses die Merkmale der individualisierten Memoration genauer.[15] So sei diese erstens zum einen ausnahmslos perspektivisch, zum anderen unaustauschbar und unübertragbar an das memorierende Subjekt gebunden. „Jedes Individuum“, so führt sie weiter aus, „besetzt mit seiner Lebensgeschichte einen eigenen Platz mit einerjeweils spezifischen Wahrnehmungsposition, weshalb sich Erinnerungen bei allen Überschneidungen notwendig voneinander unterscheiden.“[16] Auch Basseler/Birke sehen das Individuum nicht in der Lage, Vergangenheit objektiv zu vergegenwärtigen, wenn sie darauf hinweisen, menschliche Erinnerungen seien „immer geprägt von extrem subjektiven Wahrnehmungen und Selektionen sowie aktuellen Handlungsbedürfnissen des Erinnernden.“[17] Dass Tulla fortwährend aus ihrer ganz eigenen Wahrnehmungsposition berichtet, wird von Grass in seiner Erzählung folgerichtig entweder durch die individuelle Sprachfärbung mit dem Wechsel in den ostpreußischen Dialekt oder durch die Verwendung von sehr persönlichen Formen der one-to- one-Kommunikation, bspw. Briefe oder Kassiber, markiert.[18]

Zweitens würden individuelle Erinnerungen nie isoliert, sondern immer im Verbund mit anderen Erfahrungen der Vergangenheit auftreten. So ist, um nur ein Beispiel zu nennen, das Ergrauen ihrer Haare für die Prokriefke unzertrennlich mit den eingangs erwähnten, verunglückten Kindern verbunden:

Und sobald Mutter später, etwa von den Gesellen ihrer Tischlereibrigade oder von einem ihrer zeitweiligen Bettgenossen, gefragt wurde, wie sie als junge Frau zu weißen Haaren gekommen sei, sagte sie: 'Das is passiert, als ech all die Kinderchens koppunter jesehn hab...' (140)

Dadurch, dass sich die verschiedenen Erlebnisse für sie unablässig überkreuzen und überlappen, bestätigen sich die Einzelerinnerungen gegenseitig und stellen Kohärenz und Glaubwürdigkeit her.[19] Schließlich weist Assmann noch darauf hin, dass personengebundenes Gedächtnis in der Regel in großem Maße fragmentiert, begrenzt und ungeformt auftrete. Dieser Umstand wird auch bei Grass deutlich, wenn er Ursula Prokriefke ihre persönliche Schreckensgeschichte fortwährend nur in episodenhaften, standardisierten Bruchstücken[20] wiedergeben lässt:

Wann immer der erste Landgang Episode ihrer Endlosgeschichte war, sagte sie [Ursula Prokriefke, Anm. d. Verf.]: 'Dabai hatt ech nur Strimpfe anne Füß, bis miä ne Oma, die selber Flichtling war, paar Schuhe aussem Koffer raus, jeschenk hat. Die saß auffem Bollerwagen am Straßenrand ond hat janich hewußt, wo wir her sind ond was wir durchjemacht haben alles...' (153)

2.1.1.2 Identitätsbildung durch Erinnerung

Fragment, Perspektive, Vernetzung - die Terminologie der Merkmalsbeschreibung durch Aleida Assmann weist bereits in die Richtung einer der wichtigsten Funktionen der individuellen Erinnerung, nämlich der Ausbildung der Identität. Sie selbst gibt zu bedenken, dass erst die Fähigkeit des Memorierens den Menschen zum Menschen mache: „Dieje eigenen biographischen Erinnerungen sind unentbehrlich, denn sie sind der Stoff, aus dem Erfahrungen, Beziehungen und vor allem das Bild der eigenen Identität gemacht ist.“[21] Das Fragment wird also hinsichtlich einer persönlichen Perspektive zu einer Halt gebenden Struktur vernetzt.

Mit diesem Ansatz, so zeigt es Birgit Neumann auf[22], liegt Assmann auf einer Linie mit dem Gedächtnistheoretiker Endel Tulving[23]. Dessen Konzept teilt Erinnerung in ein semantisches Gedächtnis, welches symbolisch repräsentiertes und raumzeitlich unspezifiziertes Weltwissen kategorisch speichert und in ein episodisches Gedächtnis aufnimmt. Diese ausschnitthafte Form des individuellen Blickes auf die eigene Vergangenheit beinhalte räumlich und zeitlich datierbare Ereignisse, die einen ausgeprägten Selbstbezug aufweisen [. Sie] schafft damit die Grundlage für die Herstellung von biographischer Kontinuität und lebensweltlicher Kohärenz. Das Gefühl über ein kontinuierliches Selbst zu verfügen, basiert im Wesentlichen auf episodischen Erinnerungen an die eigene Vergangenheit.[24]

In Im Krebsgang erweist sich somit Tullas iteratives Hervorbringen des Schiffuntergangs als stabilisierendes Momentum ihrer Identität. Dabei integriert sie das Unglück nicht gänzlich unmotiviert, sondern stilisiert es teilweise vielmehr absichtsvoll zu einem Fixpunkt ihrer Biographie. Dies wird besonders dann deutlich, wenn ihr die Erzählungen prüfender Sohn auf Ungereimtheiten stößt:

Aber sie will keine Niederkunft auf der Gustloff. Lügt sich zwei Matrosen zusammen, die mich in der Kajüte des Maschinenoffiziers abgenabelt haben. Dann wieder soll es der Doktor gewesen sein, der aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht an Bord des Torpedobootes war. Selbst Mutter, die sonst alles mit Bestimmtheit weiß, schwankt in ihrer Meinung und läßt, außer den 'zwai Mariners' und dem 'Onkel Dokter, der mir auffe Justloff noch ne Spritze verpaßt hat', einen weiteren Geburtshelfer aktiv werden: der Kapitän der Löwe, Paul Prüfe, soll mich abgenabelt haben. (147)

An diesem Punkt wird besonders deutlich, wie die fragmentarischen und subjektiven Erinnerungen an den Untergang zum Zwecke der Identitätsstiftung verdichtet wurden bzw. von den durch Fakten belegten Ereignissen abweichen. So wird die Geburt des Sohnes, bewusst oder unbewusst, auf das zur Hilfe geeilte Torpedoboot Löwe verlegt, um damit das Überleben des Unglücks symbolisch zu verstärken. Die Namensgleichheit von Sohn und Rettungsbootkapitän Paul Prüfe fungiert dann als Beweis für die Evidenz der Erinnerung.

Tullas Medium der Erinnerung ist die Stimme, die mündliche Überlieferung, das Weitererzählen des am eigenen Körper Erfahrenen. Das fortwährende Hervorholen der immer gleichen, alten Geschichten ist in nicht geringem Maße ein Mittel zur Selbst-Vergewisserung, denn Personen streben danach, so die Grundannahme von narrativen Identitätstheorien, ihre Erfahrungen in einen konsistenten Zusammenhang einzubetten, um auf diese Weise der Diversifizierung einer prinzipiell transitorischen Identität entgegenzuwirken.[25]

Identitätsarbeit sei daher, so Neumann, fast zwangsläufig stets auch als Narrationsarbeit zu betrachten.[26] Nicht die Erinnerungen an sich sind prägend für das aktuelle Selbstbild der Prokriefke, sondern die Aktualisierung der vergangenen Erfahrungen in Form von Erzählungen und Geschichten. Es ist ihr Anliegen, den vielen Einzelelementen eine Sinnhaftigkeit abzugewinnen und sie, wie auch bei Assmann deutlich wird, aus ihrer Fragmentarität zu lösen:

Was als Erinnerung aufblitzt, sind in der Regel ausgeschnittene, unverbundene Momente ohne Vorher und Nachher. Erst durch Erzählungen erhalten sie nachträglich eine Form und Struktur, die sie zugleich ergänzt und stabilisiert.[27]

2.1.1.3 Bewahren durch Erzählen

Ein weiteres Merkmal individueller Erinnerung, welches bislang noch keine Beachtung gefunden hat, ist ihr von Flüchtigkeit und Labilität durchzogener Zustand[28]. Ihre Einbettung in Erzählformen zur Vermittlung eines übergeordneten Sinngehalts ist insofern auch eine Strategie, ihre Präsenz zu erhalten. Doch auch in dieser Form schnellen die erhalten gebliebenen Momente der Vergangenheit dem Vergessen zu. Zwar seien, so Aleida Assmann, die „in Erzählungen gebundenen und oft wiederholten Erinnerungen [...] am besten konserviert, doch sind auch ihnen feste zeitliche Grenzen gesetzt: mit dem Ableben ihres Trägers lösen sie sich notwendig wieder auf.“[29] Ursula Prokriefkes erklärtes Ziel ist es dann auch, die ihr eigenen Erinnerungen zu externalisieren.[30] Die Darlegung der Ergebnisse ihrer Vergangenheit richtet sich dabei vor allem an ihren Sohn Paul, später auch an ihren Enkel Konrad 'Konny' Prokriefke. Mit dieser Figurenkonstellation zieht Grass genau jenen Zirkel, den Assmann in ihrer Typologie der Memoration als Generationengedächtnis umreißt. Demzufolge verfügen die persönlichen Erinnerungen eines Menschen über einen Zeithorizont von 80-100 Jahren bzw. etwa drei Generationen:

Durch Erzählen, Zuhören, Nachfragen und Weitererzählen dehnt sich der Radius der eigenen Erfahrungen aus. Kinder und Enkel nehmen einen Teil der Erinnerungen der älteren Familienmitglieder in ihren Erinnerungsschatz auf, in dem sich selbst Erlebtes und Gehörtes überkreuzen. Dieses Drei-Generationen-Gedächtnis ist ein existenzieller Horizont für persönliche Erinnerungen und entscheidend für die eigene Orientierung in der Zeit. Nach 80-100 Jahren löst es sich naturgemäß immer wieder auf, um in fließendem Wechsel den Erinnerungen nachfolgender Generationen Platz zu machen.[31]

[...]


[1] Nachwort

[2] Humphrey (2005): S. 73

[3] Vgl. Koch/Krämer (1997): S. 12

[4] Welzer (2002): S. 187

[5] Erll(2005): S. 249

[6] Vgl. Erll (2005): S. 249

[7] Erll/Nünning (2005): S. 4

[8] Vgl. Erll/Nünning (2005): S. 2

[9] Vgl. Erll/Nünning (2005): S. 4

[10] Assmann (2006):S.184

[11] Vgl. Assmann (2006): S. 184

[12] Assmann (2006):S.184

[13] Krämer (1998): S.14f.

[14] Basseler/Birke (2005): S. 123

[15] Alle nicht anderweitig gekennzeichneten Zitate beziehen sich auf Grass, Günter (2002): Im Krebsgang. Göttingen: Steidl.

[16] Vgl. Assmann (2002): S. 184

[17] Assmann (2002):S.184

[18] Basseler/Birke (2005): S. 141

[19] Siehe das Zitat am Eingang dieses Kapitels bzw. S. 30 oder S. 153.

[20] Vgl. Assmann (2002): S. 184

[21] Diese immer gleichen Episoden könnten ein Hinweis auf das traumatische Potential des Unglücks sein. So überfordern, nach Brigitte Neumann, traumatische Erfahrungen „die individuellen Bewältigungsmöglichkeiten und können angesichts ihrer emotionalen Intensität nicht sinnstiftend aufbereitet und an bestehende Gedächtnisbestände angeschlossen werden. Die traumatische Erfahrung wird in sich unfreiwillig einstellenden Erinnerungsfragmenten zwanghaft reproduziert, die von anderen Sinnesmodalitäten abgelöst erscheinen.“ (Neumann (2005): S. 154) Dies mag auf das teils unmotivierte Hervorbringen des Tods der vielen kleinen Kinder möglicherweise zutreffen. Hinsichtlich anderer Erinnerungen, die von Tulla entweder zum Teil bewusst umgeformt oder zu einem bestimmten Zweck hervorgebracht wurden, erscheint esjedoch eher fraglich.

[22] Assmann (2002):S.184

[23] Vgl. Neumann (2005): S. 153f.

[24] Vgl. Tulving (1999): S. 278

[25] Neumann (2005): S. 153

[26] Neumann (2OO5): S. 156

[27] Vgl. Neumann (2005): S. 155

[28] Assmann (2002):S.184

[29] Vgl. Assmann (2002): S. 184

[30] Vgl. Assmann (2002): S. 184

[31] Maurice Halbwachs war darüber hinaus der Ansicht, dass Erinnerung zwingend Kommunikation verlange. Ein einsamer Mensch konnte für ihn nicht die Fähigkeit zur Erinnerung besitzen. Siehe dazu Halbwachs, Maurice (1925): Les cadres sociaux de la mémoire. Paris: Presses Universitaires de France.

Details

Seiten
29
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656157564
ISBN (Buch)
9783656157663
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v191084
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Germanistik
Note
2,3
Schlagworte
Krebsgang Gedächtnis Grass Günter Gustloff Wilhelm Holocaust Roman Wende

Autor

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