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Die Bedeutung der Agogé für die spartanische Familie in klassischer Zeit

Hausarbeit 2009 19 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung
1.1 Fragestellung im historischen Kontext
1.2 Begriffserklärung
1.3 Quellenlage und Forschungsstand

II Die Agogé
2.1 Theoretische Erziehungsziele und Lehrinhalte
2.2 Erziehungspraxis anhand ausgewählter Beispiele
2.2.1 Phiditien
2.2.2 Mädchenerziehung
2.2.3 Päderastie

III Auswirkungen der Agogé auf die Familie

IV Fazit

V Quellen- und Literaturverzeichnis
5.1 Quellen
5.2 Sekundärliteratur

I Einleitung

1.1 Fragestellung im historischen Kontext

„Dass nun der Gesetzgeber sich ganz besonders mit der Erziehung der jungen Leute zu befassen hat, dürfte wohl keiner bestreiten. Sollte es nämlich in den Staaten nicht dazu kommen, so bedeutet dies für die Verfassungen einen Schaden. Denn man sollte die Erziehung mit Rücksicht auf die jeweilige Staatsverfassung anlegen.“1

Aus Aristoteles‘ Zitat geht hervor, für wie wichtig er es erachtet, dass sich der Gesetzgeber einer Polis um die Erziehung der jungen Menschen kümmert. Die Erziehung soll seiner Ansicht nach öffentlich geregelt werden, damit die Poleis keinen Schaden davon tragen. Außerdem soll das Erziehungssystem an die jeweilige Verfassung angepasst sein. Es wird deutlich, dass Erziehung schon im antiken Griechenland sehr wichtig war. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass antike Gesellschaften junge Gesellschaften waren, weil die Geburtsrate sehr hoch war.2 Außerdem diente sie der sozialen Stabilität (eunom í a).3 Aus der Bedeutung, die Erziehung schon in der Antike hatte, ergibt sich der Anreiz für diese Arbeit. Ganz besonders interessant erscheint die Erziehung in der Polis Sparta, die, wie Aristoteles fordert, ihr Erziehungssystem nach der eigenen Staatsverfassung eingerichtet hat. Sparta, ursprünglich Lakedaimon genannt, entstand im 10. Jh. v. Chr. Schon in dieser Zeit soll der sagenumrankte Lykurg, Gesetzgeber und Staatsmann der Spartaner, Gesetze über das Zusammenleben der Einwanderer und Einheimischen erlassen haben.4 So wurde auch die Erziehung schon früh gesetzlich geregelt.5 Einzelne Familien des frühen Spartas bildeten Kleingesellschaften, von denen zwei Adelsgeschlechter an Einfluss gewannen und mit der Zeit das spartanische Doppelkönigtum innehatten. Da aber auch die Ephoren, die höchsten Beamten in Sparta, viel Einfluss hatten, spricht man hier nicht von einer Monarchie, sondern von einer Oligarchie.6 Sparta konnte seine Macht bis Südlakonien ausweiten, weshalb es im 8. und 7. Jh. v. Chr. in Konflikt mit messenischen Aristokraten geriet, was im Ersten Messenischen Krieg mündete. Der Zweite Messenische Krieg führte zur Helotisierung, bei der messenische Bürger erobert und versklavt wurden und messenische Ländereien dem spartanischen Allgemeingut einverleibt wurden, sodass in Sparta besondere Besitzverhältnisse entstanden. Diese mussten nun auf den Landlosen (klaroi) der Spartiaten arbeiten, sodass die Spartiaten keine landwirtschaftlichen Arbeiten zur Selbstversorgung verrichten mussten, was ihnen den Status einer führenden Elite einbrachte. Nun gab es „verstärkte Bemühungen um Ausrichtung des Lebens der Spartiátai auf die ihnen abverlangten Pflichten als Vollbürger zur Sicherung ihrer Herrschaft über die Heloten.“7 Eine Disziplinierung innerhalb der Erziehung fand allerdings erst in klassischer Zeit statt, als Bevölkerungsrückgang, Destabilisierung der Polisordnung und folglich ein Verlust der Hegemonialstellung befürchtet wurden.8

Wie aus diesem Abriss der spartanischen Geschichte in archaischer Zeit deutlich wird, befand sich Sparta in einer besonderen Situation: Viele Kriege gefährdeten den Machtstatus Spartas und als Stadt ohne Mauern musste sie sich vor den unfreien Heloten fürchten. Daraus resultierte ein spezifisches Erziehungssystem in Sparta, die sogenannte Agogé, die die Kinder und Jugendlichen auf dieses kriegerische Leben vorbereiten sollte. Der Staat selbst war daher die oberste Priorität für das Leben der Bürger. Doch wie sah es in der familiären Sphäre aus? Die Agogé hatte mit Sicherheit nicht nur einen Einfluss auf das öffentliche Leben der Polisbewohner, sondern auch auf das private. Daher soll in dieser Arbeit der Frage nachgegangen werden, welche Konsequenzen sich aus der Agogé der klassischen Zeit für die Familie ergaben und welche Bedeutung man daher der spartanischen Familie beimessen kann.

1.2 Begriffserklärung

Was aber ist nun die Agogé? Das allgemeine griechische Wort für Erziehung lautet paideia. In Sparta hingegen nennt man das Erziehungssystem ag ô g ê , was übersetzt mit ‚Aufzucht‘ zu vergleichen ist. Diese Bedeutung entspricht augenscheinlich eher der Aufzucht von Tieren als der Erziehung von Menschen,9 was aber, wie man im Laufe der Arbeit sehen wird, durchaus passend ist. Der Begriff der Aufzucht wird für die Altersklassen, Gruppen und Untergruppen, in die die Agogé geteilt ist, wieder aufgegriffen, sodass man sagen kann, dass es sich bei der Agogé um eine „Jungenherde mit Hierarchie“ handelt.10 Die größte Originalität der Agogé bestand darin, dass sie für alle Jungen und jungen Männer der führenden Schicht von sieben bis dreißig Jahren obligatorisch war.11 Jeder Spartiat musste sie durchlaufen, sofern er den Bürgerstatus und somit die vollen Rechte erlangen wollte. Die Agogé qualifizierte den Spartiaten. Wenn man aus ihr ausbrechen wollte, musste man mit harten Strafen rechnen.12 Es handelte sich dabei um eine öffentliche Erziehung, die außerhalb der Familie stattfand. Da in dieser Arbeit der Schwerpunkt auf das öffentliche und allgemeine Moment der Erziehung gelegt wird, darf die Mädchenerziehung auch in den Blick genommen werden, auch wenn der Begriff Agogé diese nicht impliziert. Da aber in der Forschung bis heute nicht geklärt ist, inwiefern auch die Mädchen eine öffentliche Erziehung erfahren haben, aber zumindest einige Historiker diese in einem gewissen Umfang annehmen, ist die Mädchenerziehung als Teil des gesamten Erziehungssystems hilfreich, die Bedeutung der spartanischen Familie zu ermessen.

1.3 Quellenlage und Forschungsstand

Als Hauptquellen dieser Arbeit sollen die älteste erhaltene Schrift zum Thema, die historische Monografie des athenischen Geschichtsschreibers Xenophon (430 -355 v. Chr.), Die Verfassung der Spartaner, und die historische Biografie von Plutarch (46 - 120 n. Chr.) über Spartas Gesetzgeber Lykurg herangezogen werden. Obwohl Xenophon Athener ist, ist er wie Plutarch pro-spartanisch eingestellt, weshalb beide Quellen das spartanische Erziehungssystem positiv hervorheben. Wegen ihrer adeligen Herkunft schreiben sie nur über die obere Schicht des „Kosmos Sparta“13, weshalb man über die Erziehung der Periöken und Heloten nicht informiert ist. Demnach behandelt diese Arbeit auch nur das Leben der Vollbürger. Neben Xenophon und Plutarch soll noch Aristoteles mit seiner Politik14 als anti- spartanische Ansicht hinzugezogen werden.

Insgesamt ist die Quellenlage zum Thema Erziehung und Familie in Sparta dürftig, da nur wenige antike Autoren aus zeitlich großem Abstand und unter Abhängigkeit früherer Quellen darüber berichten, es aber kaum spartanische Zeugnisse gibt.15

In der Forschung ist man sich uneins über die Relevanz der Agogé und die Bedeutung der Familie. Viele Forscher zeichnen ein bedeutendes Bild der Agogé und so ein geringes der Familie,16 während einige die Agogé und das Spartabild im Allgemeinen relativieren17 und zunehmend die private Erziehung untersuchen. Die Existenz der öffentlichen Erziehung ist aber kontroversfrei bewiesen.18

II Die Agogé

2.1 Theoretische Erziehungsziele und Lehrinhalte

Wie oben bereits angedeutet, war es der spartanischen Polis ein Anliegen, ihre hegemoniale Stellung aufrechtzuerhalten und sich vor Feinden und unterdrückten Heloten zu schützen. Um dies umzusetzen, war es wichtig, ein intaktes Gemeinschaftsleben aufzubauen, das Konformität mit den spartanischen Werten und Loyalität gegenüber der Polis gewährleistete. Nichts böte sich dabei mehr an als die Formung schon der Jüngsten durch die Erziehung. Laut Aristoteles hatte jede Polis nur ein Ziel, weshalb es nur eine Erziehungskonzeption für alle (Voll-)Bürger geben sollte.19 Diese sollte nicht wie in den meisten Poleis privat, sondern gemeinschaftlich vonstattengehen,20 da

„alle [Bürger] dem Staate angehören, jeder Einzelne nämlich ist ein Teil des Staates […]. Und die Sorge um jeden einzelnen Teil bedeutet naturgemäß auch, auf die Sorge des Ganzen zu achten. Dies dürfte man wohl die Lakedaimonier loben; sie verwenden nämlich die größte Sorgfalt auf die Kinder und zwar vom gemeinsamen Interesse aus.“21

Aristoteles liefert hier die Begründung für die Gemeinschaftserziehung der Spartaner. Da jeder ein Teil des Staates war, musste auch jeder seine Aufgabe im Sinne des Staates erfüllen. In diesem Falle handelte es sich um die Sicherung der Polis, die dadurch bezweckt wurde, dass viele Kinder gezeugt wurden, die stark genug waren, den Staat später verteidigen zu können. Deshalb war auch die Erziehung darauf ausgerichtet. Konkret bedeutet dies, dass die spartanische Agogé die Jungen in ihren Altersklassen militärisch ausgebildet und abgehärtet hat, damit sie später ihrer Aufgabe als erwachsene Bürger gerecht werden konnten.22 Der sportliche Wettkampf unter und innerhalb der Altersklassen war omnipräsent und nirgendwo so ausgeprägt wie in der Agogé. „Dadurch sollten ein Gemeinschaftsgeist und eine Gruppensolidarität gestärkt werden und herausragende Leistungen von Einzelnen zurücktreten.“23

Schon mit der Geburt begann das Gemeinschaftsleben: Die Ältesten der Stadt bestimmten die körperliche Konstitution des Neugeborenen. War es stark genug, wurde es bis zum siebten Lebensjahr in die Hände der Eltern gegeben. War es zu schwach, wurde es im Apotheatae am Fuße des Berges Taygetus ausgesetzt.24 Hatten die Kinder ihre ersten sieben Lebensjahre vollbracht, verließen sie ihre Familien und begannen ihre Ausbildung in einer Gruppe der Agogé. „In dieser Gruppe begann somit das Lebenlernen im Rahmen der Gemeinschaft.“25 Dort waren die Lebensumstände besonders hart.26 Körperliche Ertüchtigung und die geistige Vorbereitung auf den Kampf standen im Mittelpunkt. Die Eltern hatten keinen Einfluss mehr auf die Erziehung ihrer Kinder, sondern die Kinder wurden von bestimmten Aufsehern, den Paidonomoi, und ihren Gehilfen, den Eirenen, beaufsichtigt und angeleitet. Diese Aufseher hatten auch die Strafgewalt inne.27 Hier wird deutlich, dass die Älteren herrschten und die Jüngeren beherrscht wurden, was das gesamte Leben der Spartaner strukturierte.28 Es lag die Vorstellung zugrunde, „dass Erziehen eng verwandt sei mit Herrschen, dass menschliche Gemeinschaft unter dem Gesetz der Macht stehe.“29

[...]


1 Arist. Pol II 9 1337a 6-13. Vgl. auch Plut. Lyk. 14,1.

2 Schmitz: Haus und Familie, S. 6.

3 Ducat: Spartan Perspectives, S. 43.

4 Arist. Pol., Anm. 239, S. 417. Plut. Lyk. 1,1 und 5,2.

5 Ducat: Perspectives on Spartan education, S. 53. Thommen: Sparta, S. 127 wendet ein, die Anfänge des spartanischen Erziehungssystems seien nicht klar. Erste Informationen seien bei Xenophon zu finden, die aber nicht für die archaische Zeit gälten. Dies erscheint nicht überzeugend, da Xenophon explizit auf Lykurg Bezug nimmt und diesen in die Zeit der Herakliden datiert (1216 - 711 v. Chr., Rebenich: Xenophon, S. 17. Auch Rebenich: Xenophon, S. 32 unterstützt das Argument, die Anfänge des spartanischen Erziehungssystems seien in archaischer Zeit zu finden.

6 Plut. Lyk. 6,1. Rebenich: Xenophon, S. 17.

7 DNP 11, S. 791.

8 „Education is, therefore, at the heart of Spartan ideology and practice.“ Ducat: Perspectives, S. 43.

9 „A cattle-rearing metaphor“, vgl. Cartledge: Reflections, S. 83.

10 Ebd.

11 Ducat: Perspectives, S. 45.

12 Ducat: Perspectives, S. 53.

13 Rebenich: Xenophon, S. 17.

14 Arist. Pol.

15 Rebenich: Xenophon, S. 3. Vgl. auch Schmitz: Haus und Familie, S. 122.

16Schmitz: Haus und Familie, Rebenich, Xenophon, Clauss, Sparta Einführung und Cartledge, Spartan Reflections.

17 Ducat, Perspectives und darauf aufbauend Spartan Education sowie Thommen, Sparta.

18 Ducat: Spartan Education, S. 124.

19 Arist. Pol. 7, 15 1337a 21.

20 Ebd. 24-25.

21 Ebd. 27-28; 29-32. Vgl. auch Plut. Lyk. 14,1 und 15,3, Ducat: Perspectives, S. 54 und Lavrenic: Spartanische Küche, S. 116.

22 Auch Lüdemann: Lebensordnung und Schicksal, S. 82 betont, dass die Staatserziehung der Ausbildung für das Heer, dem Kampf als Kunst, dem Drill und der Einführung des Einzelmenschen in die Disziplin galt. Allerdings ist hier äußerste Vorsicht geboten, da seine Schrift 1939 entstand und stark nationalsozialistisch geprägt ist. Die Agogé wird dadurch in sein Ideologiegerüst eingebaut, da er ihren Militarismus und ihren politisch-kriegerischen Kontext betont. Vgl. auch Schmitz: Haus und Familie, S. 113. Anders als Schmitz sieht es Ducat: Perspectives, S. 56: Seiner Meinung nach war das Erziehungsziel nicht die physische Maturität, sondern die zivile.

23 Schmitz: Haus und Familie, S. 47. Ducat: Perspectives, S. 54/56 beurteilt die Wettkämpfe anders. Sie würde durch Selektion Eliten kreieren und den Einzelnen perfektionieren.

24 Plut. Lyk. 14,1-2. Siehe Karte. Vgl. Clauss: Sparta Einführung, S. 143 und Schmitz: Haus und Familie, S. 46.

25 Clauss: Sparta Einführung, S. 144.

26 Die Jungen mussten barfuß gehen und waren mit nur einem Gewand spärlich gekleidet, was Aristoteles als sinnvoll erachtet, da die Gewöhnung an Kälte sich positiv sowohl auf die Gesundheit als auch auf die Kriegstauglichkeit auswirkte (Arist. Pol. 7,15 1336a 13-14). Sie durften als Schlafunterlage nur Schilfrohr benutzen, das sie sich aber selbst beschaffen mussten, und schliefen in öffentlichen Schlafsälen (cr è che). Cartledge: Reflections, S. 84. Gebadet wurde im Eurotas. Clauss: Sparta Einführung, S. 147. Die Kinder erhielten wenig Nahrung, da man der Ansicht war, dass das Körperwachstum der Kinder von der Beschaffenheit ihrer Nahrung abhing. (Arist. Pol. 7,15 1336a 3-4). Sie durften aber weitere Lebensmittel stehlen, mit dem Lernziel, dabei nicht bemerkt zu werden und auf spätere Kriegszeiten vorbereitet zu werden. (Xen. Lak. pol. 2,6- 9). Vgl. auch Schmitz: Haus und Familie, S. 47. Thommen, Sparta, S. 127 meint hingegen: „Hier ging es aber kaum um militärische Abhärtung und regelmäßige Diebeszüge, sondern um ein gewählt einfaches Erscheinungsbild und gezielte Aufgaben mit rituellem Hintergrund, auf den Xenophon nicht eingeht.“

27 Xen. Lak. pol. 2,3-11.

28 Arist. Pol. 7,14 1332b 36-37.

29 Clauss: Sparta Einführung, S. 144.

Details

Seiten
19
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656156628
ISBN (Buch)
9783656157038
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v191048
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Historisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
bedeutung agogé familie zeit

Autor

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