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Inge Meysel. Deutschlands "Fernsehmutter der Nation"

Fachbuch 2012 41 Seiten

Kunst - Fotografie und Film

Leseprobe

Die beliebteste deutsche Schauspielerin der Nachkriegszeit war zweifellos Inge Meysel (1910–2004), geborene Ingeborg Hansen. Auf der Bühne, auf der Kinoleinwand und auf dem Bildschirm spielte sie Salondamen ebenso überzeugend wie resolute Frauen aus dem Alltag oder verbitterte, gefühlskalte und bösartige Mütter. Kritiker verliehen der Künstlerin den Titel „Fernsehmutter der Nation“, obwohl sie nach eigener Einschätzung kein mütterlicher Typ war Ingeborg Charlotte Hansen wurde am 30. Mai 1910 unehelich in Rixdorf bei Berlin geboren. Sie musste mit der Zange herausgezogen werden, wovon eine Narbe im Nacken zeugte. Ihre Mutter war die 19-jährige christliche Dänin Margarete (Grete) Hansen, ihr Vater der 20 Jahre alte jüdische Deutsche Julius Meysel. Beide hatten einen Jungen erhofft, deswegen Wäsche, Wiege und Strampelhöschen in Blau gekauft und waren bei der Geburt des Mädchens fassungslos.

Die Eltern heirateten am 17. August 1910. Der Vater hat Ingeborg als sein Kind anerkannt und adoptiert, wodurch diese fortan Inge Meysel hieß. In ihrem amüsanten und ergreifenden Buch „Frei heraus – mein Leben“ (1991) berichtete Inge Meysel, dass ihre jungen Eltern fast täglich ausgingen und sie bei den Großeltern ablieferten. Die Kleine sprach lange Zeit nicht, doch kurz vor ihrem zweiten Geburtstag sagte sie die Vornamen von Mutter und Vater.

Ab sechs Jahren besuchte Inge Meysel in Berlin die Gemeindeschule, wo sie bereits nach der ersten halben Stunde erklärte: „So ich muss mal raus.“ Die Lehrerin antwortete ihr, dies dürfe man nur während der Pause, doch Inge wurde von ihrem Vater darin bestärkt, wenn sie müsse, solle sie trotzdem rausgehen. Danach konnte sie ihr ganzes Leben lang keiner mehr daran hindern rauszugehen, wenn es sein musste.

Im Juli 1916 wurde Inges Vater in der Schlacht an der Somme in Frankreich so schwer verwundet, dass man ihm ohne Narkose in einem Feldlazarett den rechten Arm amputierte. Der Vater kam nach mehreren Lazarettaufenthalten erst drei Wochen nach dem Ende des Ersten Weltkrieges Anfang 1919 nach Hause. Seine Ehefrau musste ihm fortan beim Waschen, Rasieren, Schuhschnüren und bei vielen anderen Tätigkeiten helfen.

Als Zehnjährige wurde Inge Meysel zum Hutmannequin, weil ihre Tante als Direktrice in der Hutabteilung des Berliner Kaufhauses „Tietz“ arbeitete. Aus dieser Zeit stammt ihre Vorliebe für Hüte. Inges Mutter verriet später, ihre Tochter habe für Leute, die sie nicht leiden konnte, aus Rache in vornehmen Geschäften unmögliche Sachen bestellt. Wegen „sittlicher Unreife“ musste Inge einmal eine Klasse wiederholen.

Der Vater zog ab 1920/1921 einen Zigarettengroßhandel auf und ermöglichte Inge den Besuch des Städtischen Margaretenlyceums in Berlin. Früh engagierte sie sich politisch. 1925 hielt die 15-jährige Inge bei einer Kundgebung der Berliner Jungdemokraten eine Rede gegen die Todesstrafe. Viele Jungdemokraten gehörten zu ihrem Freundeskreis, aber politisch fühlte sie sich mehr zu den Jungsozialisten hingezogen.

Während des Sommerurlaubs 1926 im Ostseebad Swinemünde sah die 16-jährige Inge Meysel zwei Schauspielerinnen mit Bubikopffrisur auf der Kinoleinwand. Bald danach ließ sie sich von einem Berliner Friseur ihre langen, rothaarigen Zöpfe abschneiden.

Nach dem ersten Theaterauftritt der 16-Jährigen in der Schule in dem Stück „Die versunkene Glocke“ von Gerhart Hauptmann (1862–1946) bestürmten sie viele ihrer Zuschauer, sie müsse unbedingt zum Theater, was sie selbst schon lange plante. Inge beschloss, das Lyceum zu verlassen und meldete sich mit der nachgeahmten Unterschrift ihres Vaters von der Schule ab.

1928 ging Inge Meysel in Berlin in die Schauspielschule von Ilka Grüning (1876–1964), die 1934 Deutschland verlassen musste, weil sie Jüdin war, und von Lucie Höflich (1883–1956). Im August 1930 fuhr Inge nach Zwickau (Sachsen), wo sie ihr erstes Engagement erhielt. Sie trat in dem Stück „Charleys Tante“ auf, wo beim Schlussapplaus einige Zuschauer laut „Bravo“ riefen.

Ende der 1920-er Jahre fand Inge Meysel eine neue politische Heimat bei den Jungsozialisten. In den 1920-er Jahren beteiligte sie sich auch an Protesten gegen den Abtreibungs-Paragraphen 218.

Von 1931 bis 1932 war Inge Meysel am „Schauspielhaus Leipzig“ und ab Herbst 1932 als Gast am „Renaissance-Theater“ in Berlin engagiert. Wegen ihres jüdischen Vaters erhielt sie im August 1935 von den „Nazis“ Berufsverbot als Schauspielerin. Ihr Vater wurde enteignet und entging nur knapp der Deportation, weil Reinhard Heydrich (1904–1942), der unter anderem Chef des Reichssicherheitsamts war, persönlich seine Freilassung als Kriegsversehrter des Ersten Weltkrieges (1914–1918) anordnete. Ab 1942 musste sich der Vater vor den „Nazis“ verstecken.

Der Gruß „Heil Hitler“ kam Inge Meysel nie über die Lippen. Manchmal dachte sie stundenlang darüber nach, wie sie bei dieser oder jener Gelegenheit um diese verhasste Pflicht herumkommen könne.

Ab 1932 lebte Inge Meysel mit dem Hamburger Schauspieler Helmut Rudolph, den sie „Hell“ nannte, zusammen. Eine Heirat zwischen „Ariern“ und „Halbjuden“ – so die damaligen Ausdrücke der „Nazis“ –war im Dritten Reich verboten. Am 19. Januar 1942 brachte Inge Meysel ein Mädchen zur Welt, das kurz danach starb. Ab 1942 arbeitete sie in Hamburg zunächst anderthalb Jahre als Telefonistin und technische Zeichnerin sowie später in einem Betrieb, der Fallschirmeinfassungen herstellte.

Nach Kriegsende haben Inge Meysel und Helmut Rudolph 1945 geheiratet. Anfang September jenes Jahres stand Inge Meysel – nach zehnjähriger von den „Nazis“ verordneter Zwangspause – als Schuldknechtweib in „Jedermann“ in der St. Johanniskirche in Hamburg erstmals wieder auf der Bühne. Von 1946 bis 1955 spielte sie am „Thalia-Theater“ in Hamburg. 1947 ließ sie sich von Helmut Rudolph scheiden.

1956 heiratete Inge Meysel den Regisseur John Olden (1918–1965), dessen Inszenierungen Fernsehgeschichte machten. Durch die Zusammenarbeit mit ihm kam sie zum Charakterfach. 1959/1960 gelang ihr als Portiersfrau in „Das Fenster zum Flur“ der große Durchbruch auf der Bühne und im Fernsehen. Damals wurde ihr späterer Ruf als „Fernsehmutter der Nation“ begründet. Ihr Mann John Olden starb 1965 im Alter von nur 46 Jahren an einem Herzinfarkt.

Ab 1965 stand das Fernsehen im Mittelpunkt der künstlerischen Arbeit von Inge Meysel. Im Laufe der Zeit arbeitete sie in mehr als 100 Produktionen mit. Anfangs stellte sie mit Gemüt, Humor und häufig mit rauer Schale resolute Frauen aus dem Alltag dar – wie in den TV-Serien „Im sechsten Stock“, „Ida Rogalsky“, „Gertrud Stranitzki“, „Stadtpark“ und „Die Unverbesserlichen“ (1965–1972). Daneben überzeugte sie als verbitterte oder gefühlskalte Mutter wie in „Wassa Schelesnowa“ (1984) des russischen Schriftstellers Maxim Gorki (1868–1936). Wie ihr auf den Leib geschrieben war auch die Paraderolle der Londoner Putzfrau Ada Harris in mehreren Fernsehproduktionen.

Im Theater spielte Inge Meysel unter anderem die Julia in „Cocktail Party“, Monna in „Blaubarts achte Frau“, Milli in „Meine beste Freundin“, die „Heiratsvermittlerin“, Portiersfrau im „Fenster zum Hof“ (mehr als 300 Mal hintereinander), Mutter Wolffen im „Der Biberpelz“, „Frau im Morgenrock“, Frau John in „Die Ratten“, „Hebamme“ und Maude in „Harold und Maude“.

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Details

Seiten
41
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656160120
ISBN (Buch)
9783656160267
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v190977
Note
Schlagworte
Inge Meysel Film Theater Fernsehen Schauspielerin Theaterschauspielerin Filmschauspielerin Frauenbiografien Biografien

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Titel: Inge Meysel. Deutschlands "Fernsehmutter der Nation"