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Cultural Studies: Macht-Kultur-Identität

Einführung in die Geschichte und Methodologie der Cultural Studies

Seminararbeit 2012 14 Seiten

Soziologie - Methodologie und Methoden

Leseprobe

INHALT

1.Einleitung

2. Die Entstehung der Cultural Studies
2.1 Die (Vor)-Geschichte der Cultural Studies bis 1945
2.2 Die Konsolidierungsphase 1945-1964
2.3. Das Centre for Contemporary Cultural Studies (ab 1964)

3. Die zentralen Begriffe der Cultural Studies: Macht-Kultur-Identität

4. Die Methode(n) der Cultural Studies
4.1 Die Grundparadigmen der Cultural Studies

5.Fazit

6.Bibliographie

1.EINLEITUNG

Ziel dieser Proseminararbeit ist es, einen Überblick über die Entstehung und die Entwicklung der Cultural Studies zu liefern. Dabei sollen sowohl die historischen Hintergründe als auch die Methoden und Grundkategorien dieser Wissenschaftstradition vorgestellt werden.

Die gesellschaftspolitischen Veränderungen im England des ausgehenden 19. und im 20. Jahrhundert und die mit selbigen Entwicklung einhergehende Veränderung der gesellschaftlichen Auffassung des „Kultur“-Begriffes an sich sollen durch eine eingehende Analyse von Primär- und Sekundärliteratur der Cultural Studies vorgestellt und diskursanalytisch betrachtet werden. In reiner Theoriearbeit sollen auf der einen Seite die Autoren und Pioniere der Cultural Studies vorgestellt werden und die Grundzüge der politischen Tradition dieser Wissenschaftstheorie nachgezeichnet werden. Auf der anderen Seite sollen die Nachbetrachtungen der Methoden und Paradigmen, die für die weitgefächerten Anwendungsgebiete der Cultural Studies typisch sind im zweiten Teil der Arbeit vorgestellt werden.

Da die Cultural Studies als politische Wissenschaft verstanden werden muss, können die historischen und gesellschaftspolitischen Veränderungen nicht von der Analyse der Methoden getrennt werden, vielmehr müssen die Cultural Studies auch in ihrer Nachbetrachtung immer in diesen Kontext eingebunden werden, um ihrem selbstverordneten politischen Auftrag und ihrer Selbstreflexivität gerecht werden zu können.

Diese Arbeit beschäftigt sich ausschließlich mit der Auseinandersetzung der Cultural Studies mit sich selbst und in der Retrospektive durch Autoren, welche die allgemeine Grundzüge dieser Theorietradition beschreiben wollen sowie den großen politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, praktische Anwendungsbeispiele für die Arbeit der Cultural Studies im wissenschaftlichen Feld sind nicht berücksichtigt worden.

2. DIE ENTSTEHUNG DER CULTURAL STUDIES

Um die Anfänge und grundlegenden Veränderungen innerhalb der Theorien, Diskurse und Paradigmen im Verlauf der wissenschaftlichen Tradition der Cultural Studies verstehen zu können, muss man sie in den Zusammenhang ihrer zeitgeschichtlichen und somit auch politischen Umstände stellen. Somit ist sowohl eine Analyse der Grundbegriffe und des Wandels innerhalb der Definitionen von Theorien und Paradigmen in historischer Perspektive, als auch die inhaltliche Untersuchung der Forschungspraxis und somit auch des Forschungsgegenstandes, der Kultur, notwendig.

Diese Notwendigkeit ergibt sich aus dem „(…) Selbstverständnis von Cultural Studies, als einem politischen Projekt und einer intellektuellen Praxis, der es darum geht, Theorie als Strategie und Werkzeug zu verstehen, um die Produktion von Wissen über den akademischen Kontext hinaus in konkreten Situationen nutzbar zu machen“ (Lutter/Reisenleitner 2008; 14-15). Um einen hinreichenden Einblick in die Cultural Studies zu erlangen bedarf es also dieser doppelten Untersuchungsmethode (historisch und inhaltlich), da eine rein historische Analyse der Entwicklung dazu führen könnte, die Cultural Studies als eine Schule zu konzeptionalisieren, die sich am „Centre for Contemporary Studies“ entwickelt hat - eine Darstellung, die dem heutigen Selbstverständnis der Cultural Studies nicht gerecht werden würde.

In der inhaltlichen Analyse sollen die für das Projekt typischen Grundpositionen im Selbstverständnis der Cultural Studies aufgezeigt werden, sowie wichtige Definitionen der zentralen Begriffe Kultur, Identität und Macht innerhalb dieser Wissenschaftstradition abgehandelt werden.

2.1 DIE (VOR)-GESCHICHTE DER CULTURAL STUDIES BIS 1945

Um die Entstehung der Cultural Studies und das damit verbundene Umdenken im Bezug auf die zentralen Begriffe Kultur, Macht und Identität zu beschreiben, ist es notwendig den Blick auf den Kulturbegriff im Sprachraum des vereinigten Königreichs im 19. Jahrhundert bis Mitte des 20. Jahrhunderts zu richten.

Der englische Sprach- und Literaturunterricht, die English Studies, prägte sowohl bei der Definition von Kultur im wissenschaftlichen als auch im gesellschaftlichen Sinne die Vorstellung von einem normativ-ästhetischem Kulturbegriff, nämlich als „Produkt hervorragender Geister(…) die es verstanden, die zeitlos gültigen Wahrheiten zu erkennen und auf besondere, ästhetische Weise zu vermitteln“ (Luttner/Reisenleitner; 2008; 21). Die theoretische Konzeption von Kultur als moralisches Leitsystem, das die Bedrohung durch Anarchie abwenden und die soziale Ordnung absichern sollte, wurde vom englischen Kulturkritiker Matthew Arnold ausgedrückt als „the best that has been thought and said in the world“ (Arnold; 2006; 5) Somit wurden die English Studies, sowohl in England als auch in den vom englischen Königshaus besetzten Kolonien zum Werkzeug der nationalen Identitätsstiftung durch die Einheit von Literatur, Sprache und Kultur und dadurch zum hegemonialen Schlüssel eines humanistischen Bildungsideals. In den Kolonien (z.B. Indien) wurde die Herausbildung einer englischsprechenden, lokalen Elite vorangetrieben, die mit Vorstellungen der ethischen Überlegenheit des humanistischen Bildungsideals der English Studies verknüpft wurde.

Auch in Großbritannien selbst wurden die English Studies im Zuge der Ausdehnung des bürgerlichen Bildungssystems zum Lehrinhalt auch für Kinder der Arbeiterklasse und vor allem in der Erwachsenenbildung. In diesen „University extension programmes“ traf die ästhetisierende und elitäre Tradition der Eliteschulen und Universitäten des Bildungsbürgertums, welche die Überlegenheit des Englischen vermitteln sollte, auf die Vorstellungen einer marxistisch verwurzelten und stark eigenständigen Arbeiterkultur, die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts „ relativ unbehelligt von direkter Intervention der herrschenden Klasse“ entwickelt hatte (Luttner/Reisenleitner; 2008; 22). Diese zwei gegensätzlichen Entwürfe von gesellschaftlicher und (bildungs-) politischer Ordnung führten schnell zu einer größeren Dynamik in der politischen Diskussion um den Sinn und Inhalt von Bildung und den Kulturbegriff, der bis zu diesem Zeitpunkt von Leitkulturdebatten und mit christlich religiösen Diskursen durchsetzt war.

Innerhalb dieser Programme erwieß sich die Arnold‟sche Tradition und der damit verbundene Leitkulturbegriff als bestimmendes Element. Vor allem der Einfluss der amerikanischen Massenmedien nach dem 1. Weltkrieg wurde als Bedrohung für den klassischen Kanon kulturellen Schaffens angesehen. Diesem „Kulturverfall“, der durch den Einfluss der (amerikanischen) Massenmedien Film, Fernsehen, Radio und Boulevardjournalismus vorangetrieben wurde, galt es bereits in den Schulen entgegenzuwirken, um dadurch die englische Kultur der Vergangenheit zu erhalten.

Somit wurden populäre Kulturformen erstmals zum wissenschaftlichen Untersuchungsgegenstand, wenn auch nur um die Überlegenheit des Kanons ästhetischer-englischer Kulturprodukte zu demonstrieren und diese Werte durch eine intellektuelle Elite, die sich selbst als Wächter der Moral wahrnahm, auf die Massen zu übertragen.

Diese als „Kulturkrise“ bezeichnete Auseinandersetzung mit populären Kulturformen wurde besonders von dem Kulturkritiker F.R. Leavis vorangetrieben. Der „Leavismus“ war somit die einzige intellektuelle Form der geisteswissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Popularkultur in England; durch literaturwissenschaftliche Methoden wollte man jedoch ausschließlich die Überlegenheit der englischen Hochkultur demonstrieren und dem Kulturverfall entgegenwirken.

Die Gegenüberstellung zweier qualitativ unterschiedlich bewerteter Formen von Kultur (Hochkultur/Leitkultur vs. Popularkultur/Massenkultur) sollte in der Folge die englische Kulturwissenschaft prägen und vor allem innerhalb der wissenschaftlichen Arbeit der sich später etablierenden Cultural Studies ein entscheidender Faktor der akademischen Methoden und Paradigmen werden.

2.2 DIE KONSOLIDIERUNGSPHASE 1945-1964

Durch die gesellschaftlichen und politischen Veränderungen nach dem zweiten Weltkrieg (Labour- Regierung und Aufbau eines Wohlfahrtsstaates) erfuhr auch das Bildungssystem des vereinigten Königreiches einen signifikanten Wandel. Stipendienprogramme und eine breitangelegte Erwachsenenbildung ermöglichten auch den Angehörigen der traditionellen Arbeiterklasse den Zugang zu höherer Bildung und lösten somit eine Diskussion über bestehende Bildungsinhalte und die traditionellen Lehre aus. Viele der späteren Gründerväter der Cultural Studies sammelten erste Lehrerfahrung in den Programmen der Erwachsenenbildung und brachten aufgrund der Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse persönliche Erfahrungen mit ausgegrenzten kulturellen Formen und Praktiken in die Diskussion ein.

Als Folge dieses gesellschaftlichen Wandels erfuhr auch der gängige Kulturbegriff eine tiefgreifende Veränderung. Der marxistische Kulturkritiker Raymond Williams, der in der Erwachsenenbildung unterrichtete, erweiterte den Kulturbegriff in seiner grundsätzlichen Abhandlung Culture and Society 1780-1950 (1958), was für die Entwicklung der Cultural Studies von großer Bedeutung sein sollte. Er definierte Kultur als „a whole way of life, material, intellectual and spiritual“(Williams; 1983; xvii). Somit öffnete Williams mit dieser erweiterten Definition die reine Text- und Literaturanalyse für neue Gegenstandsbereiche, wie im späteren Verlauf z.B. die Populär- oder Massenmedien.

Er sprach sich gegen eine wissenschaftliche Geringschätzung populärkultureller Formen wie zum Beispiel Filme oder Zeitungen aus und betonte die inhärente Qualität der kulturellen Gattung an sich, die einzeln und losgelöst vom allgemeinen Phänomen der medialen Massenerzeugnissen bewertet werden müsse. Durch diese grundlegende Neubetrachtung kultureller Erzeugnisse lösten sich vorher bestehende Grenzen auf: Das Potential, kulturell hochwertige Erzeugnisse zu produzieren, liegt im kulturellen Erzeugnis selbst, nicht im gesellschaftlichen Stand seines Autors.

„(…)Human nature itself is the product of a whole way of life , of a culture” (Williams, 1983, 29)

Williams erweiterte den Gegenstandsbereich der Kulturwissenschaft. In seiner Arbeit The Long Revolution (1961) definierte er Kultur als Lebensweise, die sich in Institutionen und Alltagsverhalten ebenso ausdrückt wie in Kunst und Literatur. Damit brach Williams deutlich mit der Tradition der English Studies, die allein der Literatur und der Kunst kulturellen Wert zuschrieben. Die Auseinandersetzung mit den ökonomischen Entwicklungen seiner Zeit, die auch auf den „kulturellen Markt“ Einfluss nehmen, indem sie z.B. Kunstwerke und Bücher stärker zu Handelsgütern machen verstärkten diesen Bruch mit alten Vorstellungen zusätzlich und beeinflusste auch die Debatte in z.B. Deutschland (Frankfurter Schule).

Er beschrieb auch die Gegensätze der auf Werten der Solidarität basierenden Arbeiterkultur und der bürgerlich-individualistischen Kultur, die jedoch beide herausragende kulturelle Produkte erzeugen könnten und bediente sich marxistischer-materialistischer Gesellschaftsanalysen, die sich auch bei vielen anderen frühen Schriften der Cultural Studies wiederfinden lassen.

Der marxistische Historiker E.P.Thompson, der ähnlich wie Williams in der Erwachsenenbildung beschäftigt war, sprach in seiner Arbeit The Making of the English Working Class (1961) sogar von einem Konflikt zwischen Hoch- und Popularkultur. Thomspon definierte Kultur als „Konflikt zwischen Lebensformen“ (Luttner/Reisenleitner; 2008; 30) die grundsätzlich zwischen herrschender und popularer Kultur ausgemacht wurden auch wenn beide Formen immer in einem kontinuierlichem Austausch miteinander standen und sich die Popularkultur teilweise der Formen der Hochkultur bediente. Kultur wurde somit als Motor historischer Veränderungen beschrieben und Klasse als prozesshaft entstandenes Phänomen und nicht als soziale Kategorie oder Struktur. Thompsons Arbeit wurde zu einem Musterbeispiel einer „Geschichte von unten“ (Luttner/Reisenleitner; 2008; 31) und stand somit im klaren Gegensatz zur herrschafts- und diplomatiegeschichtlichen Historiographie.

2.3. DAS CENTRE FOR CONTEMPORARY CULTURAL STUDIES (AB 1964)

Die tiefgreifende Veränderung in der kulturwissenschaftlichen Analyse der Gesellschaft durch den Wandel des Kulturbegriffes auf der einen Seite, sowie die gesellschafts- und bildungspolitischen

Veränderungen im Vereinigten Königreich nach dem zweiten Weltkrieg auf der anderen Seite führten zur Gründung des CCCS (Centre for Contemporary Cultural Studies) in Birmingham im Jahr 1964, das sich über die klare Abgrenzung innerhalb seiner Methoden, Paradigmen und Theorien zu denen der English Studies definierte.

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Details

Seiten
14
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656153832
ISBN (Buch)
9783656154051
Dateigröße
797 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v190831
Institution / Hochschule
Universität Basel – Institut für Soziologie
Note
Pass
Schlagworte
Cultural Studies Macht English Studies Stuart Hall Methoden der Cultural Studies Kulturwissenschaft

Autor

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Titel: Cultural Studies: Macht-Kultur-Identität