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Spaltung und Multiplikation des Ichs

Spielarten des Doppelgänger-Motivs bei Dostojewski und Hoffmann

Bachelorarbeit 2008 52 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Gliederung

1. Einführung: Eine Doppelgängergeschichte

2. Zur Rechtfertigung der psychoanalytischen Textinterpretation der Werke Die Elixiere des Teufels und Der Doppelgänger

3. Psychoanalytische Paradigmen zum Doppelgänger
3.1 Der Begriff des Ich in der Theorie Sigmund Freuds
3.2 Die Narzissmustheorie Sigmund Freuds
3.3 Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion von Jacques Lacan
3.4 Der Doppelgänger als Produkt des Narzissmus und der Ich-Problematik des Individuums

4. E.T.A. Hoffmann, Die Elixiere des Teufels
4.1 Einführende Worte zu Die Elixiere des Teufels
4.2 Prämissen der narzisstischen Spaltung
4.3 Das Doppelgängertum in die Elixiere des Teufels - Die Aufspaltung in das Ich, das Es und das Über-Ich
4.3.1 Das in seiner Identität schwankende Ich
4.3.2 Das Es - Der Doppelgänger Viktorin
4.3.3 Das Über-Ich - Der doppelgängerische Maler
4.4 Die Unüberwindbarkeit der narzisstischen Spaltung

5. Fjodor M. Dostojewski, Der Doppelgänger
5.1 Einführende Worte zu Der Doppelgänger
5.2 Prämissen der narzisstischen Spaltung
5.3 Ideal und Rivale
5.4 Das verkörperte schlechte Gewissen
5.5 Die Unüberwindbarkeit der narzisstischen Spaltung

6. Abschließendes Resümee der zentralen Kontinuitäten

7. Bibliographie

1. Einführung: Eine Doppelgängergeschichte

„Ich denke mir mein Ich durch ein Vervielfältigungs- glas; alle Gestalten, die sich um mich bewegen, sind Ichs und ich ärgere mich über ihr Tun und Lassen.“1

E.T.A. Hoffmann

Die Figur des Doppelgängers als Ausdruck innerer Gespaltenheit galt als eines der belieb- testen literarischen Motive in der Romantik sowie im 19. Jahrhundert. Mit dieser Vorstel- lung vermochten Dichter, den Verlust des einheitlichen, intakten Persönlichkeitsbewusst- seins sowie der lückenlosen Kontinuität des Ichs zu demonstrieren.2 Rund ein Jahrhundert später erhielt jener literarische Motivkomplex durch die Psychoanalyse Freuds sein theore- tisches Pendant. Nunmehr bedurfte die zuvor rätselhaft und nebulös anmutende Spaltungs- erfahrung nicht mehr mythologischer Erklärungsweisen3, sondern erschien vor dem Hin- tergrund der psychologischen Erläuterungen geradezu evident: Der Doppelgänger wurde als Konsequenz der Spannungen innerhalb des psychischen Apparats begriffen und als Verkörperung verdrängter Ich-Aspekte betrachtet.

Was nun begann, war eine Doppelgängergeschichte von Literatur und Psychoanalyse, die - entsprechend dem Lacanschen Spiegelstadium, in dem das Bild vor dem Abgebildete ist - Verwirrung über die Chronologie und das Urheberrecht verursachte: Wie vermochten die Autoren des 19. Jahrhunderts die ein halbes Jahrhundert später generierten psychoanalyti- schen Theorien antizipierend in ihr Werk aufgenommen haben? Kritiker postulierten gar, diese Bezüge seien inszeniert, die Psychoanalytiker hätten die literarischen Texte lediglich für die künstliche Umsetzung ihrer wissenschaftlichen Theorien missbraucht. Über solche Diskussionen hinweg wird zumal der springende Punkt übersehen - das Endergebnis: Die psychoanalytische Textinterpretation bietet eine faszinierende Lesweise, mit der eine neue psychologische Dimension literarischer Werke erschlossen werden kann.

In dieser Abhandlung werden in Anlehnung an die psychoanalytische Textinterpretation zwei Werke des 19. Jahrhunderts analysiert. Dabei fungiert das Doppelgängermotiv als Angelpunkt der Interpretation, ist es doch gleichsam geschätzter Gegenstand der Literatur sowie der Freudschen Schule. Als Untersuchungsgegenstand dienen die Werke Die Elixie- re des Teufels von E.T.A. Hoffmann und Der Doppelgänger von Fjodor M. Dostojewski - zwei Werke, die mit einer visionären psychologischen Intuition das Thema der inneren Zerrissenheit eines psychisch abnormen Menschen umkreisen. Die für diesen Kontext es- sentiellen psychoanalytischen Theorien von Sigmund Freud und seinen Anhängern Otto Rank und Jacques Lacan werden im Vorfeld der Buchinterpretationen vermittelt. Derge- stalt konzipiert nimmt sich die hiesige Abhandlung ergo Folgendes zum Ziel: Mittels der psychoanalytischen Lesweise sollen die tiefer liegenden, unbewussten Strukturen der bei- den Werke extrahiert, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Gestaltung des Doppel- gängers eruiert, als auch allgemeine Aussagen über das Motiv des Doppelgänger getätigt werden.

2. Zur Rechtfertigung der psychoanalytischen Textinterpretation der Werke Die Elixiere des Teufels und Der Doppelgänger

„Wertvolle Bundesgenossen sind aber die Dichter, und ihr Zeugnis ist hoch anzuschlagen, denn sie pflegen eine Menge von Dingen zwischen Himmel und Erde zu wis- sen, von denen sich unsere Schulweisheit doch nichts träumen lässt.“4

Sigmund Freud

Literatur und Psychoanalyse befinden sich seit jeher in einer Spiegelbeziehung, ja um es mit den Worten Freuds zu sagen, in einer Bundesgenossenschaft. Freud zeigte eine große Affinität zu der Dichtung: Einerseits pries er die Leistung der Dichter, profane Erkenntnis- se über die menschliche Seele vor der wissenschaftlichen Psychologie zu ergründen.5 Fer- ner verfolgte er in seinen ästhetischen Schriften die Absicht, seine Theorien auf kunst- und literaturwissenschaftlichem Gebiet zu punktueller Anwendung zu führen, um auf diese Weise die erhoffte außerpsychologische Affirmation zu erlangen. Analog wurde die Litera- tur in besonderem Maße von der Psychoanalyse geprägt: Das psychoanalytische Gedan- kengut Freuds inspirierte viele bedeutende Dichter, unter anderem Alfred Döblin, Thomas Mann sowie Hermann Hesse.

Sigmund Freud war fasziniert von der Gegensätzlichkeit des literarischen und des psychologischen Schaffensprozess, zumal die Praktiken die gleichen Ergebnisse erzielten:

„Wir schöpfen wahrscheinlich aus der gleichen Quelle, bearbeiten das nämliche Objekt, ein jeder von uns mit einer anderen Methode, und die Übereinstimmung im Ergebnis scheint dafür zu bürgen, daß beide richtig gearbeitet haben.“6

Während das psychoanalytische Verfahren „in der bewußten Beobachtung der abnormen seelischen Vorgänge bei anderen“ und in der Formulierung von Gesetzen bestehe, richtet der Dichter „seine Aufmerksamkeit auf das Unbewußte in seiner eigenen Seele, lauscht den Entwicklungsmöglichkeiten desselben und gestattet ihnen den künstlerischen Aus- druck“.7 Aus Bewunderung für diese intuitiv generierten Einsichten über die Gesetze des Unbewussten, welche der Dichter weder aussprechen noch zu erkennen braucht, verfasste Freud psychoanalytische Textinterpretationen. Von den aktuellen drei Zweigen der psy- choanalytischen Literaturinterpretation - der autor-, werk- sowie leserorientierten Interpre- tation8 - bediente sich Freud der beiden ersten Bereiche. Für die Rekonstruktion des Ver- hältnisses von Autorbiographie und Werk interessierte er sich besonders:9 Den Großteil seiner dergestalt gearteten Texte widmete er der Frage um den Schaffensprozess der Künstler.10 In seinen werkorientierten Deutungen widmete sich Freud primär der Erschlie- ßung der Bedeutungsschichten eines Werks und verzichtete auf die Verwendung biogra- phischer Informationen.11 Trotz kritischer Stimmen bezüglich der „wissenschaftstheoreti- schen Sorglosigkeit und Fragwürdigkeit der Interpretationspraxis“12 gehört die psychoana- lytische Interpretation mittlerweile zum notwendigen Hintergrundwissen eines jeden Lite- raturwissenschaftlers.13 Tatsächlich vermag diese Methode eine inhaltliche Tiefendimensi- on des Textes zu beleuchten, die die traditionelle Literaturbetrachtung nicht zu erfassen versteht, vorausgesetzt, die psychoanalytische Theorie wird sinnvoll eingesetzt und nicht etwa zwanghaft verwendet, um ihre Anwendbarkeit auf die Literatur zu beweisen.

Für die Interpretation der Werke Hoffmanns und Dostojewskis ist die psychoanalytische Literaturinterpretation sehr bedeutsam, zumal bei diesen Literaten das Unbewusste zum „Gegenstand ihrer Kunst, zur Haupttriebfeder der Entwicklung des Helden“14 wird. E.T.A. Hoffmann verfügte aufgrund seiner eigenständigen Rezeption der zeitgenössischen Medi- zin und Psychologie sowie dem Kontakt zu renommierten Psychiatern über ein großes Wissen um die menschliche Seele, welches er bewusst und unbewusst in sein literarisches Schaffen einfließen ließ.15 Seine differenzierten Betrachtungen der kranken Seelen führten oft zu Unverständnis für seine Werke. Hoffmanns Zeitgenosse Goethe befand den Literat für einen unheilbaren kranken Patienten, dessen Werke Produkte und Erreger von Krank- heiten seien. Der auf diese Weise vielfach missverstandene Hoffmann erfuhr mit der Psy- choanalyse eine Aufwertung: Freud würdigte Hoffmann als den „unerreichten Meister des Unheimlichen in der Dichtung“16, erkannte in dessen Schaffen die Demonstration der zerstörerischen Seite der Entrückungszustände der Seele, durch die das Ich die Kontrolle über sich selbst verliert.17 Die Fähigkeit Hoffmanns, in die Tiefen und Abgründe der menschlichen Seele vorzudringen, ist sicherlich ein primärer Grund dafür, dass Hoffmanns Werke wie die keines anderen deutschen Autors einer Vielzahl von psychoanalytischen

Deutungsversuchen unterzogen wurden. Das Werk Die Elixiere des Teufels ist äußerst er- giebig für eine psychoanalytische Interpretation, wie Freud in einer Passage seiner Arbeit „Das Unheimliche“ postuliert: Neben dem unheimlichen Motiv des Doppelgängers, wel- ches in Form von „Ich-Verdopplung, Ich-Teilung, Ich-Vertauschung“ erscheint, erkennt der Psychoanalytiker noch weitere „Ich-Störungen“ in dem Roman.18 Dostojewski, in dessen Dichtung Einflüsse Hoffmanns deutlich widerklingen, hatte eben- falls einen Hang, sich den psychisch abnormen Zügen des Menschen zu widmen.19 Sein ganzes Leben hindurch war er fasziniert von dem Rätsel des menschlichen Daseins und dem unergründlichen Irrationalen. Dostojewskis literarisches Schaffen kreiste stets um das Thema des Bewussten und Unbewussten und verschaffte ihm den Ruf eines Psychologen:

„Bei vollstem Realismus den Menschen im Menschen aufzudecken […] Man nennt mich einen Psychologen. Das stimmt nicht, ich bin Realist in einem höheren Sinne, d.h. ich decke alle Tiefen der menschlichen Seele auf.“20

Dostojewskis künstlerische Methode erscheint wie ein Röntgenverfahren: So arbeitete er sich kraft seiner künstlerischen Intuition durch die Oberflächenschicht der Materie.21 Der Traum und die Halluzination dienten dem Literaten innerhalb seiner Ästhetik als Mittel, um die unterbewussten Tiefenschichten der Seele bewusst zu machen. Lange vor der Psy- choanalyse erkannte Dostojewski dergestalt die Bedeutung der Tiefenstruktur des Traumes für den Bewusstwerdungsprozess des Menschen. In Der Doppelgänger führt der psycholo- gische Realist einen Menschen an die Grenzen des Wahnsinns, was nicht zuletzt durch Halluzinationen und Angsträume gekennzeichnet wird.22 „Die hohe künstlerische Leis- tung“ besteht gemäß dem Freudschen’ Schüler Otto Rank nicht zuletzt darin, dass die Schilderung „keinen Zug des paranoischen Krankheitsbildes übersieht“.23 Überdies be- zeichnet der Psychoanalytiker den Roman als „psychologisch tiefste Darstellung“ des Doppelgängermotivs.

Eine psychoanalytische Untersuchung der Werke Die Elixiere des Teufels und Der Dop pelgänger zu vollziehen, verspricht folglich, eine freilich nicht normative aber dennoch aufschlussreiche Lesweise zweier Meisterstücke, deren Grandiosität sich vornehmlich in ihrer psychologischen Fülle begründet.

3. Psychoanalytische Paradigmen zum Doppelgänger

Um eine psychoanalytische Interpretation des Motivkomplex „Doppelgänger“ der Werke Hoffmanns und Dostojewskis zu vollziehen, bedarf es zunächst der Nennung einiger für diese Problematik essentieller psychoanalytischer Hintergrundinformationen. Einen Ein- gang in die Thematik liefert die Auseinandersetzung des Begriffs des Ich, des Narzissmus in der Theorie Freuds sowie die Darstellung der Theorie des Spiegelstadiums als Bildner der Ichfunktion von Jacques Lacan. Schließlich wird der Versuch einer Begriffsbestim- mung des Doppelgängers entsprechend der Theorien Sigmund Freuds, Otto Ranks und Jacques Lacans geleistet.

3.1 Der Begriff des Ich in der Theorie Sigmund Freuds

Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus24

Sigmund Freud

Der Terminus Ich ist freilich kein Neologismus Freuds, sondern war lange zuvor im Gebrauch, um das Selbst eines Menschen als Ganzes von dem anderer Menschen zu unter- scheiden.25 In diesem Sinne verwendet Freud den Begriff in einigen Werken, vor allem in jenen, die im Zusammenhang mit dem Narzissmus stehen. Primär bezeichnet der Terminus Ich in der Theorie Freuds jedoch einen bestimmten Teil der Psyche, der sich durch beson- dere Eigenschaften und Funktionen auszeichnet. In der hiesigen Arbeit ist mit beiden Be- deutungen zu operieren, scheint diese Unterscheidung doch besonders bei der Thematik des Doppelgängers hinfällig zu werden.

In der Arbeit „Das Ich und das Es“ aus dem Jahre 1923 entwirft Freud ein Modell des psy- chischen Apparats und beschreibt die Funktionsweisen der Instanzen des Ich, des Es und des Über-Ich. Das Ich fungiert als wichtiges Element in dem Modell des menschlichen Seelenapparats: Es steht in direkter Beziehung zum Wahrnehmungssystem, organisiert die seelischen Vorgänge und beherrscht die Zugänge zur Mortilität.26 In der Beziehung zu dem Es und dem Über-Ich erscheint es als Mittler zwischen der Außenwelt, der Libido des Es und der Strenge des Über-Ichs. Es bemüht sich, die eigenen Absichten sowie den Einfluss der Außenwelt auf die Instanz des Es zur Geltung zu bringen und gleichsam jene Bedin- gungen in der Außenwelt herzustellen, die die Triebbefriedigung ermöglichen: „Als Grenzwesen will das Ich zwischen der Welt und dem Es vermitteln, das Es der Welt gefü- gig machen und die Welt […] dem Es-Wunsch gerecht machen.“27

Ferner bestimmt Sigmund Freud zwei Prinzipien des psychischen Geschehens: Das Lust- prinzip und das Realitätsprinzip.28 Das Ich greift in dieses Verhältnis ein, indem es das im Es uneingeschränkt herrschende Lustprinzip durch das Realitätsprinzip zu ersetzen sucht, um Enttäuschungen zu vermeiden und den Lustgewinn mit größerer Sicherheit zu erzielen. Nebst des Lust- und Realitätsprinzips bestimmen das menschliche Verhalten in besonde- rem Maße zwei dualistische Triebe, welche im Es um die Vorherrschaft kämpfen: Der To- destrieb, „dem die Aufgabe gestellt ist, das organische Lebende in den leblosen Zustand zurückzuführen“, stellt sich dem Eros entgegen, welcher gleichsam den Sexual- und Selbsterhaltungstrieb umfasst.29 Gezeichnet durch diese gegensätzlichen Triebregungen erscheint das Es „als ein Chaos, […] voll brodelnder Erregungen“30. Die Instanz des Ich bringt Organisation in diese Vorgänge im Es, indem es die Funktionen der Triebwahrneh- mung, Triebbeherrschung sowie Triebbefriedigung übernimmt.31 Während das Ich nun- mehr Vernunft und Besonnenheit repräsentiert, war es selbst einmal Teil des primitiven und irrationalen Es, welches sich erst durch die Nähe zu der gefahrdrohenden Außenwelt zweckmäßig veränderte.

Innerhalb dieses aus dem Es stammenden Ich findet sich überdies ein unbewusster Anteil, das Über-Ich, welcher das Ich der Selbstbeobachtung unterzieht und es als Gewissen beherrscht.32 Das Über-Ich fungiert als

„Aufsichtsorgan, das sich der Mensch im Kern des Ich geschaffen hat, welches seine eigenen Regungen und Handlungen überwacht, ob sie mit seinen Anforderungen zusammenstimmen“33.

Dabei legt das Über-Ich den strengsten moralischen Maßstab an das ihm hilflos ausgelie- ferte Ich.34 Es beobachtet, lenkt und bedroht das Ich ebenso wie ehemals die Eltern das Kind. Dieser Aspekt ist wenig verwunderlich, wenn man den Ursprung des Über-Ichs be- denkt: So ist das Über-Ich nicht wie das Es von Anfang an vorhanden, sondern kommt erst später hinzu. Es ist als Erbe des Ödipuskomplexes zu betrachten, durch dessen Aufrichtung das Ich die ödipale Phase überwinden konnte.35 Der Verzicht auf das sexuelle Begehren des in der Regel andersgeschlechtlichen Elternteils wird durch die Akzeptanz des elterli- chen Inzestverbots vollzogen. Dieses Akzeptieren geht mit der Identifikation mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil einher, so dass sich das Ich des Kindes dem Ich des Va- ters oder der Mutter angleicht. Das Über-Ich übernimmt somit die Funktion der elterlichen Autorität und im Laufe der Entwicklung des Individuums auch die anderer Autoritätsper- sonen. Auf diese Weise wird das Über-Ich zum Träger der Tradition und zeitbeständiger Moral, denn „in den Ideologien des Über-Ichs lebt die Vergangenheit, die Tradition der Rasse und des Volkes fort.“36

Das metapsychologische Modell des Ich, des Es und des Über-Ich veranschaulicht die Funktionsweisen und Dynamiken zwischen den einzelnen Instanzen. In diesen Interaktionen erscheint das Ich wie ein „armes Ding, welches unter den Drohungen von derlei Gefahren leidet, von der Außenwelt her, von der Libido des Es und von der Strenge des ÜberIchs.“37 Es reagiert auf diese Bedrohungen der drei Zwingherren mit Angstentwicklung: Realangst vor der Außenwelt, Gewissensangst vor dem Über-Ich und neurotischer Angst vor den mächtigen Leidenschaften des Es.38 Unter diesem Druck stehend ist die Handlungsmacht des Ich beschränkt. Es ist nicht Herr im eigenen Haus, sondern wird vielmehr „‚gelebt’ […] von unbekannten, unbeherrschbaren Mächten.“39

3.2 Die Narzissmustheorie Sigmund Freuds

„Ich bin in meine eigne Schönheit so verliebt,

Daß eine andre Liebe nimmer Mich erfaßt. Und jeder Wunsch zerstiebt.“40 Boccacio, Lied der Emilia

In der Schrift „Zur Einführung des Narzißmus“ von 1914 etabliert Freud den Narzissmus als „reguläre[] Sexualentwicklung des Menschen“, welche die libidinöse Ergänzung zum Egoismus des Selbsterhaltungstriebes darstellt.[41] Der Narzissmus sei somit „der allgemeine und ursprüngliche Zustand […], aus welchem sich erst später die Objektliebe herausbilde, ohne daß darum der Narzißmus zu verschwinden brauchte“.42

Zu unterscheiden sind entsprechend Freud zwei Formen des Narzissmus, der primäre und der sekundäre Narzissmus.43 Während der primäre Narzissmus ein Stadium der infantilen Libido beschreibt, in dem das Kind sich selbst zum Liebesobjekt nimmt, ist der sekundäre Narzissmus als eine permanente Struktur des Ichs zu begreifen. Er bezeichnet die Rück- wendung der Libido von einem Objekt auf das Ich. Dabei sei dieser erneute Narzissmus keine Neuschöpfung, sondern basiere auf den latenten Einflüssen des primären Narziss- mus. Zur Einführung des primären Narzissmus gibt Freud ein Beispiel an: Er schildert die Beobachtung, dass sich bei Kindern und primitiven Völkern „eine Überschätzung der Macht ihrer Wünsche und psychischen Akte, die ‚Allmacht der Gedanken’, einen Glauben an die Zauberkraft der Worte“44 zeige, die auf den prototypischen narzisstischen Größen- wahn verweisen. Aus dieser Vorstellung leitet Freud die Hypothese ab, dass im infantilen Narzissmus die Libido auf das eigene Ich gerichtet ist und erst später auf andere Objekte gelenkt wird. Während Ichlibido und Objektlibido im primären Narzissmus voneinander nicht unterscheidbar sind, beginnen sie sich mit den Objektbesetzungen voneinander zu sondern und sind als Sexualenergie bzw. Energie der Ichtriebe erkennbar.

Um einen weiteren Zugriff auf den Narzissmus zu ermöglichen, legt Freud die Wahl des Liebesobjekts des Menschen dar. Im Kindesalter kann diese auf zweifache Weise erfolgen: Gemäß des Anlehnungstypus oder gemäß der narzisstischen Objektwahl.45 Die Anlehnung bestimmt sich darin, dass zu den ersten Liebesobjekten diejenigen Personen erkoren wer- den, welche mit der Ernährung und dem Schutz des Kindes betraut wurden. Bei der nar- zisstischen Objektwahl indessen erwählt das Kind sich selbst als Liebesobjekt. Diese For- men des primären Narzissmus können ferner in der späteren Objektwahl eines Menschen zum Ausdruck kommen. In einem solchen Falle liebt eine Person nach dem Anlehnungsty- pus, wenn sie nach einer nährenden Frau bzw. einem schützenden Mann sucht. Eine nar- zisstische Partnerwahl ist dadurch gekennzeichnet, dass eine Person ein Liebesobjekt sucht, welches wie sie selbst ist, welches so ist, wie sie war oder wie sie sein möchte oder welches ein Teil des eigenen Selbst war. In einer regulären Sexualentwicklung wird der primäre Narzissmus überwunden, da das Ich libidinöse Triebregungen verdrängt, sobald diese in Konflikt mit den kulturellen und ethischen Vorstellungen des Individuums geraten. Die Bedingung für diese Verdrängung ist eine Idealbildung:

„Der Mensch hat sich hier, wie jedes Mal auf dem Gebiet der Libido, unfähig erwiesen, auf die einmal genossene Befriedigung zu verzichten. Er will die narzisstische Vollkommenheit seiner Kindheit nicht entbehren, und wenn er diese nicht festhalten konnte, durch die Mahnungen während seiner Entwicklungszeit gestört und in seinem Urteil geweckt, sucht er sie in der neuen Form des Ichideals wieder zu gewinnen.“46

Diesem gilt fortan die Selbstliebe, die in der Kindheit dem Ich zukam.47 Stetig wird das Ich von der Instanz des Gewissens beobachtet und an diesem Ideal gemessen, um die narzisstische Befriedigung zu sichern.

Geradeso wie ein normales Ichideal die Werte und Ideale eines Individuums prägt, so erscheint ein pathologisches Ichideal tyrannisch, verfolgend und setzt unerreichbare Ziele.48 Ein solches Auseinanderklaffen zwischen Ichideal und realem Ich sucht der narzisstische Neurotiker durch den Rückweg zum Narzissmus zu kompensieren, „indem es sich ein Sexualideal nach narzisstischen Typus wählt, welches die von ihm nicht zu erreichenden Vorzüge besitzt.“49 Anderenfalls vermag diese Divergenz zwischen Ichideal und gelebter Realität zu einer paranoiden Erkrankung des Subjekts führen: So sind es die paranoischen Symptome des Beachtungs- und Beobachtungswahns, welche auf einen drastischen Mangel an Befriedigung im Bereich des Ichideals verweisen.50

3.3 Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion von Jacques Lacan

„Das Ich (je) ist nicht das Ich (moi)“51

Jacques Lacan

Die Theorien Freuds zum Narzissmus und zur Genese des Ichs finden in der Abhandlung „Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion“ des Psychoanalytikers Jacques Lacan von 1949 eine Wiederaufnahme und Modifikation. Ausgehend von der Beobachtung wie Kleinkinder ihr Spiegelbild in dem 6. bis 18. Monats ihres Lebens als solches erkennen und dadurch eine psychische Veränderung erfahren, definiert Lacan das Spiegelstadium als Phase der Identifikation:

„Man kann das Spiegelstadium als eine Identifikation verstehen im vollen Sinne, den die Psychoana- lyse diesem Terminus gibt: als eine beim Subjekt durch die Aufnahme eines Bildes ausgelöste Ver- wandlung.“52

Die Jubelreaktion, welche ein Kind zeigt, wenn es sein Spiegelbild als die eigene Wider- spieglung erkennt, ist ein Zeichen der Konstitution der eigenen Identität.53 Die Bildung des Ichs erfolgt demnach erst durch Identifikation mit einem Bild oder auch durch den Blick eines anderen Menschen - etwa der Mutter oder einer Pflegeperson -, wobei nicht nur die Ähnlichkeit, sondern gerade die Andersheit die Identifikation motiviert. Das Moment der Andersheit wird im Falle des Spiegelbilds einerseits durch die umgekehrte Symmetrie des Bildes ausgelöst. Wesentlicher sind in diesem Kontext jedoch die im Spiegelbild vermittelten Attribute Einheit und Festigkeit.54 Das Kind, „das noch eingetaucht ist in motorische Ohnmacht und Abhängigkeit von Pflege“55 erfährt durch die Wirkung des Spiegelbildes die Vorstellung von motorischer und mentaler Einheit, die das exakte Gegenteil zu dem ursprünglichen Chaos darstellt, in welchem es dem Kind noch an Koordination mangelt und der Körper als zerstückelt wahrgenommen wird.

Durch diese Spiegel-Identifikation situiert sich das Ich auf einer fiktiven Ebene, die durch einen illusionären Charakter bestimmt ist und fortan eine entfremdende Wirkung auf die Entwicklung und Existenz des Ichs ausübt.56 Das Gefühl der Identität, welches das Kind durch sein Ich zu bekommen meint, birgt gerade die Irrealität, Täuschung und Nicht- Identität in sich. Dieses im Imaginären verortete idealisierte Ich bezeichnet Lacan mit dem Freudschen Terminus Ideal-Ich, welcher aus der Abhandlung Freuds zum Narzissmus be- kannt ist. Laut Freud ist der Erwachsene stets bestrebt, neue Formen der Ich-Idealisierung wiederzugewinnen, um den verlorenen Narzissmus seiner Kindheit zu kompensieren.57 Diesen Idealen versucht sich das Subjekt asymptotisch anzunähern, wobei eine gänzliche Übereinstimmung aufgrund des illusionären Charakters der Ideale ausgeschlossen ist.58

Das Kind ist demnach in Ich und Ideal gespalten, in je und moi, wobei das je als Ort des Denkens und Begehrens und das moi als Illusion und Quelle des Irrtums zu begreifen ist.59 Das Lacansche Ich wird durch die unaufhörliche Suche nach einer nie zu erreichenden Einheit definiert und dieser Mangel führt zu der Bildung des Begehrens.60 Das Individuum erleidet eine Krise, die durch die Spiegel-Identifikation ausgelöst wird:61 Just in dem Moment, in dem es sich als Einheit zu fassen sucht, wird es wieder zerstückelt.

„So gerät das Ich in die Fallstricke des ‚Imaginären’: es kreist um sich selbst, verliert sich an das Bild seines Selbst, und dieses Sichverlieren wirft es zurück auf die Erfahrung seiner äußersten Ge- fährdung.“62

[...]


1 Zit. n. Rank 1980 S. 109

2 Reber 1964 S. 49f.

3 Vielfach wurde die Spaltung des Ichs zum Beispiel durch Elixiere ausgelöst oder der Doppelgänger wurde als teuflisches Prinzip erklärt.

4 Freud 1980 S. 14

5 Goak 2000 S. 45

6 Freud 1980 S. 82

7 Ebd.

8 Vgl. z.B. Schönau 1991 S. 94-102

9 Goak 2000 S. 45f.

10 Zum Beispiel folgende Texte: „Der Dichter und das Phantasieren“ (1980), „Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci“ (1910), „Der Moses des Michelangelo“ (1914) sowie „Dostojewski und die Vatertötung“ (1910)

11 Zum Beispiel folgende Texte: „Der Wahn und die Träume in W. Jensens Gradiva“ (1907) sowie „Das Unheimliche“ (1919)

12 Urban & Kudszus 1981 S. 1

13 Goak 2000 S. 47f.

14 Reber 1964 S. 41

15 Goak 2000 S. 48-51

16 Freud 1976 S. 257

17 Goak 2000 S. 48-52

18 Freud 1976 S. 257-259

19 Reber 1964 S. 41

20 Notizbucheintrag Dostojewskis; zit. n. Reber 1983 S. 188

21 Reber 1983 S. 188f.

22 Reber 1964 S. 41

23 Rank 1980 S. 129

24 Freud 1966 S. 11

25 Freud 1978 S. 278

26 Ebd. S. 293-322

27 Ebd. S. 322

28 Ebd. S. 293

29 Ebd. S. 307

30 Freud 1970 S. 511

31 Ebd. S. 513f.

32 Ebd. S. 296-304

33 Freud 1966 S. 8

34 Freud 1970 S. 499-501

35 Freud 1978 S. 301-303

36 Freud 1970 S. 505

37 Freud 1978 S. 322

38 Freud 1970 S. 514f.

39 Freud 1978 S. 292

40 Von Normann 1981 S. 400

41 Freud 1984 S. 19

42 Freud 1970 S. 401

43 Freud 1984 S. 20-30

44 Ebd. S. 21

45 Ebd. S. 30-35

46 Ebd. S. 35

47 Ebd. S. 35f.

48 Ebd. S. 36

49 Ebd. S. 41

50 Ebd. S. 36-42

51 Lacan 1980 S. 9

52 Lacan 1996 S. 64

53 Weber 1978 S. 15

54 Widmer 1990 S. 30f.

55 Lacan 1996 S. 64

56 Weber 1978 S. 15

57 Freud 1984 S. 35

58 Lacan 1996 S. 64

59 Roudinesco 1999 S. 170

60 Goak 2000 S. 59

61 Holzapfel 1986 S. 201f.

62 Ebd. S. 202

Details

Seiten
52
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656156819
ISBN (Buch)
9783656156499
Dateigröße
612 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v190823
Institution / Hochschule
Universität Siegen
Note
1,5
Schlagworte
Elixiere des Teufels Der Doppelgänger psychoanalytische Textinterpretation psychoanalytische Literaturinterpretation psychoanalytische Literaturwissenschaft Narzissmus Jaques Lacan Spiegelstadium Otto Rank Das Unheimliche. Das Ich und das Es Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse Und Neue Folge

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Titel: Spaltung und Multiplikation des Ichs