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Die Raumgestaltung in Bezug auf die Geschlechterrollen in Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 20 Seiten

Germanistik - Gattungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Entwicklung der Gender -Studien und ihre Analysekategorien

3. Familie und Frauenemanzipation um 1900

4. Gender -orientierte Analyse von Arthur Schnitzlers Traumnovelle
4.1. Geschlechterrollen in Fridolins und Albertines Ehe
4.2. Raumgestaltung in der Novelle in Bezug auf die Geschlechterdarstellung

5. Fazit

1. Einleitung

„ Jede Darstellung der Ehe hat es ja mit zwei Partnern zu tun, einem männlichen und einem weiblichen, deren Gemeinschaft bedingt ist durch den sich ergänzenden Gegensatz des Geschlechts. “ 1

Auch Arthur Schnitzler beschreibt in seiner „Traumnovelle“ aus dem Jahr 1925 eine Ehegemeinschaft, die von erotischen Wünschen und Abenteuern von Mann und Frau geprägt ist. Die Protagonisten Fridolin und Albertine, gefangen in den Vorstellungen der Ehe und des Familienlebens der damaligen Zeit, haben individuelle Bedürfnisse und Wünsche, werden aber teilweise von den damals geltenden Moralvorstellungen eingeschränkt. Im Verlauf der Novelle werden sie verschiedenen erotischen Abenteuern ausgesetzt, die das Eheleben und die Beziehung der beiden auf die Probe stellen und mit den eben genannten Rahmenbedingungen der damaligen Zeit aneinander geraten. Durch Schuldgefühle und das Leiden unter der Situation der belasteten Ehe kommt es schließlich zur Kommunikation. Nur diese ermöglicht es, die Wünsche mitzuteilen und die Abenteuer des Anderen zu verarbeiten und zu verzeihen.2

Im Folgenden soll zunächst der Frage nachgegangen werden, welche Rolle die beiden Geschlechter in dieser Situation einnehmen und wie sie mit den individuellen Phantasien des Partners umgehen. Dies wird in methodischer Hinsicht mithilfe der Gender -Studien geschehen, welche Geschlechterverhältnisse in vielen wissenschaftlichen Bereichen untersuchen. Der historische Zusammenhang soll zeigen, ob Arthur Schnitzler in der „Traumnovelle“ seine Charaktere bezogen auf ihre Geschlechterrollen zeittypisch wählt.

Des Weiteren bietet sich an, diese Aspekte mit der Erzähltheorie zu verknüpfen. In erzähltextanalytischer Hinsicht gibt es mehrere Kategorien, die in Verbindung mit Gender Studien untersucht werden können. Einige dieser Kategorien werden im Folgenden vorgestellt, wobei hauptsächlich die Raumgestaltung in Bezug auf die Geschlechterrollen auf Schnitzlers Werk übertragen wird.

Anhand dieser Ansätze soll letztendlich herausgefunden werden, wie Albertine und Fridolin sich in verschiedenen Situationen und Räumen verhalten und ob sie hierbei typische Rollenmuster einnehmen oder daraus ausbrechen.

2. Die Entwicklung der Gender -Studien und ihre Analysekategorien

Die Geschlechterforschung hat in den letzten Jahren innerhalb der Erzähltextanalyse immer mehr an Bedeutung zugenommen. Sie untersucht das Geschlecht und seine Bedeutung im Bezug auf soziokulturelle Faktoren. Hierbei ist die englische Unterscheidung von sex und gender wichtig, die im Deutschen nicht vorherrscht. Gender bezeichnet im Gegensatz zum biologischen Geschlecht das soziokulturelle, welches im Deutschen mit Begriffen wie „Geschlechterverhältnisse“ oder „Geschlechtsrolle“ umschrieben wird. Besonders durch den starken Feminismus während der 80er Jahre kam es in den USA zu dieser Unterscheidung, die die Begriffe „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“ in einem Wort vereint. Somit werden im Gegensatz zur vorherigen feministischen Forschung beide Geschlechter untersucht, sodass auch die männliche Geschlechtsidentität berücksichtigt wird. Dennoch ersetzen sie nicht die Frauenforschung, die als unabhängiges Forschungsgebiet weiterhin bestehen bleibt.3

Christina von Braun und Inge Stephan sammeln in ihrer Einführung sämtliche Aufsätze über Gender -Studien in einzelnen Wissenschaftsbereichen wie beispielsweise Psychoanalyse, Informatik, Theologie, Philosophie, Geschichts-, Rechts- Sexual- und Literaturwissenschaft, um ihren interdisziplinären Charakter aufzuzeigen.4 In dieser Arbeit wird das Augenmerk vorwiegend auf die Geschlechterforschung innerhalb der Literaturwissenschaft gelegt. Hierzu stellen Vera und Ansgar Nünning mithilfe einer Aufsatzsammlung eine Verknüpfung der Gender -Studien mit der Erzähltextanalyse her.5

Allgemein ist die Tendenz zur Interpretation von Werken im Hinblick auf Geschlechterforschung steigend. Wie bereits oben beschrieben bilden die Ansätze des Feminismus der 80er Jahre die Grundlage der gender -orientierten Erzähltextanalyse. Dennoch ist die Verknüpfung mit der sehr strukturalistisch geprägten, textzentrierten Erzähltheorie nicht immer einfach, da diese die Kategorie „Geschlecht“ anfänglich komplett außer Acht ließ. Feministische Arbeiten fragen hingegen ergänzend zu der Frage nach dem wie, was in den einzelnen Werken dargestellt wird und beziehen somit historische und kulturelle Kontexte mit ein, um Geschlechterkonstruktionen verstehen zu können. Trotzdem können sich die beiden Bereiche ergänzen und sich gegenseitig in ein neues Licht rücken.6

Die gender -orientierte Erzähltextanalyse konzentriert sich nun im Unterschied zur feministischen Narratologie nicht mehr nur auf sogenannte „Frauenliteratur“, sondern erweitert das Gebiet um historisch bedingte Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit. Außerdem findet eine Erweiterung des Blickfeldes beispielsweise in Bezug auf Gattungen und Medien statt, was besonders in der ersten Phase der feministischen Narratologie fehlte.7 In neueren Ansätzen entwickeln sich aus der gender -orientierten Theorie zudem die queer und die lesbian narratology, die sich jedoch noch in ihren Anfängen befinden. Auch diese setzen sich mit den Zusammenhängen von sex, gender und sexuality in narrativen Texten auseinander.8

Innerhalb eines Erzähltextes gibt es einige verschiedene Kategorien, die mithilfe der gender - orientierten Ansätze untersucht werden können. Bevor werkimmanent analysiert wird, kann die Biographie des Autors eines Werkes unter Betracht gezogen werden. Auch dessen Geschlecht kann für die spätere Analyse von Bedeutung sein. So gelten beispielsweise einzelne Gattungen als eher männlich oder eher weiblich, was mit sozialen Normen und Vorurteilen einer Gesellschaft zusammenhängt. Ähnliches gilt für die Wahl von Themen und Motiven.9 Neben diesen Kategorien, die sich mehr um äußere Faktoren drehen, sind die werkimmanenten Analysebereiche von großer Bedeutung, um Geschlechterverhältnisse und - konstruktionen zu untersuchen. Im Folgenden sollen einige dieser Kategorien vorgestellt werden.

Bereits die Betrachtung der gesamten Handlung und des Plots eines Erzähltextes kann eine wichtige Rolle spielen, um einen Erzähltext gender -orientiert zu analysieren. Andrea Gutenberg hebt hervor, dass auch versteckte Plotmuster Beachtung finden können und dadurch neben dem äußeren, verbalen Handeln auch das innere, mentale Handeln untersucht wird, um Wünsche, Intentionen und Werte zu verstehen. Dies geschieht oftmals in Form von Träumen, was - wie der Name aussagt - in Schnitzlers „Traumnovelle“ wiederzufinden ist. Als Beispiel für einen Plot kann der Eheplot genannt werden, der um das 18. Jahrhundert entstand. Er hat eine Heirat zum Ausgangspunkt und dreht sich um eine mit Problemen belastete eheliche Beziehung, die als Ziel wenn möglich in ihrer Qualität aufgewertet werden soll.10

Die Auseinandersetzung mit literarischen Figuren nach Marion Gymnich ist eine weitere Analysekategorie der gender -orientierten Narratologie, auch wenn dieser Bereich bisher noch nicht sehr ausführlich erforscht wurde.11 Die Figurenanalyse ist allgemein eng verbunden mit Interdisziplinarität, da meist psychoanalytische und soziologische Theorien in Verbindung mit ihr stehen. Sie betont zudem, dass nicht nur Kategorien wie sex, gender und sexuality betrachet werden sollen, sondern zudem soziokulturelle Faktoren, da diese sich gegenseitig ergänzen. Beachtet werden sollte stets, dass die Figuren fiktional sind und keine realen Personen, um die Charakterisierung nicht biographisch klingen zu lassen.12 Subjektiv belastet sind sie letzten Endes jedoch immer, da sich jeder Rezipient ein anderes Bild von einer Figur macht, je nachdem welche eigenen Erfahrungen er mitbringt.13

Auch die Raumdarstellung ist ein recht wenig erforschtes Feld der gender -orientierten Narratologie. Sie wird jedoch im Verlauf dieser Arbeit die wichtigste der beschriebenen Kategorien sein. Laut Natasche Würzbach geben uns Räume nicht zuletzt Rückschlüsse auf soziale Umstände der Figuren, gerade wenn diese auf verschiedene Arten wahrgenommen und beschrieben werden. Einige Orte weisen hierbei eine Art Doppeldeutigkeit auf, da sie als weiblich und als männlich interpretiert werden können. So wird die Stadt zu einem „Objekt des Begehrens“14 einerseits und zu einem Ort der Zivilisation und Kultur andererseits, je nachdem ob ihr Weiblichkeit oder Männlichkeit zugeschrieben wird. „Heimat“ verkörpert durch Konnotationen wie Geborgenheit, Zugehörigkeit und Ursprung das Weibliche. Besonders der Unterschied von privaten und öffentlichen Räumen spielt in Werken bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts eine entscheidende Rolle. Für Frauen war es zu dieser Zeit schwer aus ihrer häuslichen Gegend auszubrechen, weswegen öffentliche Plätze eher den Männern zugesprochen wurden. Private Räume dienten ihnen eher als Ruheort. Dies zeigt sich zu dieser Zeit in vielen Romanen über die Ehe, die Häuser als Orte beschreiben, in denen Frauen ihren Pflichten als Mütter und Haushälterinnen nachgehen. Würzbach beschreibt das bürgerliche Zuhause als „Ambivalenz von Liebeserwartung und Freiheitsberaubung“15 für Ehefrauen. Ein Ausbruch hieraus wurde schnell als emanzipatorisch angesehen. Generell hängen Überschreitungen von Raumgrenzen meist mit Persönlichkeitsentwicklungen von Figuren zusammen, während soziale Räume für Stabilität der Identität stehen.16

Diese erläuterten Kategorien der gender -orientierten Narratologie können durch weitere Bereiche wie Zeitdarstellung, Erzählperspektive und Gattungen ergänzt werden. Die Konzentration dieser Arbeit liegt jedoch in der Raumdarstellung. Bevor dieser Aspekt auf Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“ übertragen wird, soll ein kurzer historischer Hintergrund und ein Einblick in die Ehe der Protagonisten gegeben werden.

3. Familie und Frauenemanzipation um 1900

Um die Geschlechterverhältnisse der „Traumnovelle“ besser verstehen und beschreiben zu können, ist es wichtig, einen Blick auf den historischen Hintergrund zu werfen. Wie sehen das Eheleben und die damit eventuell verbundene Liebe zu dieser Zeit aus? Oftmals wird sie als „Jahrhundertwende“17 bezeichnet, da sie einen Wandel in kulturellen und gesellschaftlichen Bereichen des Lebens mit sich bringt und unsere heutige Zeit dahingehend prägt. Beispielsweise entwickelt sich die vorherrschende Eheform langsam zur modernen Ehe, wobei auch die traditionelle, patriarchalisch orientierte, bürgerliche weiterhin existiert. Bezogen auf die Geschlechter ist die Rollenverteilung sehr klassisch. Während der Mann der Ernährer der Familie ist, widmet sich die Frau den häuslichen und mütterlichen Pflichten. Auch hinsichtlich Bildung und Erfahrung sind somit die Männer den Frauen oftmals überlegen, was zu Ungleichheit innerhalb der Ehe führt. Sowohl die geistige als auch die sexuelle Unterdrückung der Frau ist in bürgerlichen Ehen Standard. Sexuell in dem Sinne, dass der Mann die Frau nur als Mutter, aber nicht als Geliebte, deren sexuelle Bedürfnisse erfüllt werden müssen, ansieht. Die neue Form der Ehe hingegen äußert sich gegen all diese Unterdrückungen. Der Mann soll hier sogar Verständnis für die erotischen Liebesabenteuer seiner Frau zeigen.18 Hieraus wird deutlich, dass vor der Jahrhundertwende die Liebe mit der Ehe streng verbunden ist. Diese romantische Vorstellung der Ehe, die Sexualität und Liebe in sich vereint, löst sich jedoch nach der Jahrhundertwende immer mehr. Die Liebe wird zum Spiel und die sexuelle Freiheit steigt an.19

Im Zusammenhang mit der modernen Form der Ehe steht auch die Frauenemanzipation, die zu dieser Zeit verstärkt stattfindet. Berufstätigkeit und gleiche Chancen im Bezug auf Bildung sind unter anderem Forderungen und Ziele dieser Bewegung. Dies wird auch dadurch in Gang gesetzt, dass Frauen zu der Zeit von vielen Männern unterschätzt werden. Jene sehen in ihnen lediglich die Hausfrau und Mutter, die letzten Endes nur dem Mann dienen soll. Rania Elwardy verdeutlicht dies anhand eines Zitats von Arthur Schopenhauer, für den die Frau „eine Art Mittelstufe zwischen dem Kind und dem Mann, als welcher der eigentliche Mensch ist“20, darstellt. Solche Meinungen waren unter anderem Auslöser für Gleichberechtigungs- forderungen.

[...]


1 Rey (1968) zitiert nach Heizmann (2006), S. 102.

2 vgl. Rey (1968) zitiert nach Heizmann (2006), S. 102. 1

3 vgl. Stephan/von Braun (2000), S. 9 f.

4 vgl. Stephan/von Braun (2000), S. 117 ff.

5 vgl. Nünning/Nünning (2004).

6 vgl. Nünning/Nünning (2004), S. 5 ff.

7 vgl. Nünning/Nünning (2004), S. 21 ff.

8 vgl. Allrath/Gymnich (2004), S. 33 ff.

9 vgl. Stephan (2000), S. 294 ff.

10 vgl. Gutenberg (2004), S. 110.

11 vgl. Gymnich (2004), S. 122 ff.

12 vgl. Gymnich (2004), S. 124 f.

13 vgl. Gymnich (2004), S. 129 ff.

14 Würzbach (2004), S. 50.

15 Würzbach (2004), S. 53.

16 vgl. Würzbach (2004), S. 52 ff.

17 Elwardy (2008), S. 17.

18 vgl. Elwardy (2008), S. 17 ff.

19 vgl. Elwardy (2008), S. 26 f.

20 Schopenhauer zitiert nach Elwardy (2008), S. 22.

Details

Seiten
20
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656158509
ISBN (Buch)
9783656158608
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v190812
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau – Germanistik
Note
2,0
Schlagworte
raumgestaltung bezug geschlechterrollen arthur schnitzlers traumnovelle

Autor

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Titel: Die Raumgestaltung in Bezug auf die Geschlechterrollen in  Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“