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Reisen im 19. Jahrhundert

Die außergewöhnliche Rolle der Reiseschriftstellerin im bürgerlichen Geschlechterkontext

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 20 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Reisen im 19. Jahrhundert
2.1 Die Industriealisierung als Wegbereiter des „goldenen Zeitalter[s] des Reisens“
2.2 Funktionswandel der Reise als Eintritt in die Moderne
2.2.1 Die Reise im 18. Jahrhundert
2.2.2 Das bürgerliche Selbstverständnis im 19. Jahrundert als zentrales Reisemotiv
2.2.3 Die Erschließung der Welt

3. Die Problematik reisender Frauen

4. Der Reisebericht

5. Zur Problematik der weiblichen Autorschaft

6. Fazit

7. Literaturnachweise

1. Einleitung

Frauen hatten in der Geschichte bezüglich ihrer Ebenbürtigkeit Männern gegenüber stets einen schweren Stand. So war sogar im 19. Jahrhundert weibliches Reisen trotz des beginnenden ‚Reise-Booms’ ungern gesehen und wurde als Kuriosität mehr als kritisch beäugt. Doch wie entstand dieser Wandel der Reise hin zur festen Größe innerhalb des Bürgertums? Wieso waren Frauen auf Reisen eine Seltenheit? Weiter gilt zu klären, warum „self-mockery“ und Abwertungen der eigenen Person unter den Reiseschriftstellerinnen so verbreitet war.

Mit dem Reiseklientel vor dem 19. Jahrhundert, den Umstrukturierungen im beginnenden 19. Jahrhundert, sowie der Rolle von reisenden Frauen, als auch der beachtlichen Kritik weiblicher Literaturproduktion nach ihren Reisen, wird sich diese Arbeit im Folgenden befassen.

Denn trotz der Fokussierung des Bürgertums auf Weltwissen und Bildung im 19. Jahrhundert sind nicht nur finanzielle Hürden zu überwinden, um auf Reisen zu gehen. Vor allem die im Bürgertum immer bedeutendere gesellschaftliche Geschlechterkonzeption behindert die Mobilität von Frauen enorm und erzwingt ihnen eine künstliche Häuslichkeit auf, die es vielen Frauen schlicht unmöglich machte, sich selbst zu verwirklichen.

Welche Konzeptionen allerdings genau hinter diesen Denkmustern stecken und warum dem Mann dabei, die Rolle des Eroberers bereitwillig zugesprochen wurde, die Frau auf Reisen hingegen in vielerlei Hinsicht kritisch beäugt wurde, versucht diese Arbeit zu ergründen.

2. Reisen im 19. Jahrhundert

2.1 Die Industriealisierung als technischer Wegbereiter des „goldenen Zeitalter[s] des Reisens“

Das 19. Jahrhundert gilt nicht nur als bürgerliches Jahrhundert. Darüber hinaus wird es vielmehr noch als das „goldene Zeitalter des Reisens“[1] deklariert. Die Vielzahl an publizierter Literatur zum Thema Reisen dürfte daher nicht verwundern. So erschienen Memoiren, überarbeitete Briefe, Reisebeschreibungen und -berichte, sowie die ersten Reiseführer im Zuge dieses neuerlichen Reise-Booms.[2]

Ursächlich für dieses starke Aufkommen an Publikationen zu diesem Thema ist die Umstrukturierung sowie die Erschließung der Welt. Mit dem ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert leiten vor allem technische Neuerungen eine neue Ära ein. Die Erfindung der Dampfmaschine sei hierbei als von maßgeblicher Bedeutung genannt, da sie die Mobilität von Eisenbahn und Dampfschiff ermöglichte, was zum Zwecke der „Homogenisierung des Raumes“ wiederum zu einem Ausbau des Verkehrsnetzes führte[3]. Die Industrialisierung hatte somit zwangsläufig eine Reformierung des zeitgenössischen Alltags zur Folge: Bislang nur mühsam zu erreichende Ziele im ferngelegenen Ausland waren nun schneller und günstiger zu erreichen. So blühte zwar die Reisekultur des sich emanzipierenden Bürgertums bereits im 18. Jahrhundert auf, ein tatsächlicher „Reiseboom“ lässt sich allerdings erst mit dem Ausbau des Verkehrsnetzes und mit dem Aufkommen komfortablerer Transportmittel verzeichnen.[4]

2.2 Funktionswandel der Reise als Eintritt in die Moderne

2.2.1 Die Reise im 18. Jahrhundert

Bereits im 18. Jahrhundert lässt sich durchaus eine Vielzahl an unternommen Reisen verzeichnen. Betrachtet man die Reisenden selbst, so muss man feststellen, dass die Reisetätigkeit selbst zwangsläufig – vornehmlich aus beruflichen Gründen – auf Minoritäten beschränkt war.

Es reisten bspw. Krieger, Nomaden und Händler. So wurden „[i]m frühesten Häbräisch […] die Worte ‚Kaufmann’ und ‚Händler’ [s]ynonym“[5] gebraucht. Davon abgesehen stellte u.a. aber auch erlittene Not durch Krieg, unfruchtbares Land oder Hunger eine weitere Motivation zu Reisen dar.[6]

Eine weitere, bereits im 18. Jahrhundert durchaus übliche Form der Reise, die sich allerdings wieder auf einen kleinen Kreis, nämlich den des wohlhabenden Adels, beschränkte, war die Cavalier- bzw. Grand-Tour.[7]

2.2.2 Das bürgerliche Selbstverständnis im 19. Jahrundert als zentrales Reisemotiv

Waren Reisen zuvor also hauptsächlich stets zweckgebunden[8], so setzte sich im 19. Jahrhundert die Reise als Selbstzweck – das Reisen, um des Reisens willen – durch.[9]

Möglich wurde dies mit dem Aufstieg des erstarkten Bürgertums zur neuen herrschenden Klasse, was direkt an die Steigerung bürgerlicher Lebensqualität im 19. Jahrhundert gekoppelt war. Unter anderem begannen Arbeiterbewegungen ihre Ansprüche und Forderungen – wie den „Achtstundentag“ von Robert Owen – zu formulieren und erkämpften so peu a peu ein neues Lebensgefühl. Solche arbeitsrechtlichen Entwicklungen hin zum geregelten Achtstundenarbeitstag, der dem Bürger Erholung einerseits sowie erstmalig nutzbare Freizeit andererseits ermöglicht, schaffen die idealen Voraussetzungen für die immer beliebter werdende Freizeitgestaltung – das Reisen.[10]

Noch im 18. Jahrhundert war das Reisen als Selbstzweck ein Zeichen von Luxus. Reisen etablierten sich hauptsächlich unter adligen Söhnen im Zuge ihrer Grand-Tour seit dem 16. Jahrhundert, aber auch zunehmend in bürgerlichen Kreisen als Kurzreise zu Bade- und Kurorten im 18. Jahrhundert zu einer festen Größe.[11]

Durch die Industriealisierung zunehmend erschwinglicher geworden, avancierte die Reise als Selbstzweck jedoch unter Angehörigen des Besitzbürgertums im 19. Jahrhundert nach und nach zum prestigeträchtigen Abenteuer. Ursächlich für die Herausbildung einer bürgerlichen Reisetradition war darüber hinaus der neuerliche Anspruch eines Weltenbürgers, den es zur Herausbildung umfassenden Wissens sowie den Genuss von Kunst drängte. So beflügelt die Aufklärung und die bürgerliche Revolution im 19. Jahrhundert das Freiheitsbewusstsein und den Drang zur Selbstverwirklichung, der sich in einer Vielzahl an publizierten Reiseberichten und -beschreibungen manifestiert. Überhaupt scheint der Reisebericht als das „zentrale Mittel der Welt- und Menschenkenntnis.“[12]

[...]


[1] Habinger, Gabriele: Frauen reisen in die Fremde. Diskurse und Repräsentationen von reisenden Europäerinnen im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert, Wien 2006, S. 20.

[2] Ebenda, S. 37.

[3] Ebenda, S. 189.

[4] Ebenda. S. 36.

[5] Enzensberger, Hans Magnus: Eine Theorie des Tourismus. In: ders.: Einzelheiten I. Bewusstseins-Industrie. Frankfurt a.M. 1964, S. 186.

[6] Ebenda, S. 186.

[7] Ebenda, S. 187.

[8] Ebenda, S. 186.

[9] Ebenda, S.186.

[10] Prein, Philipp: Bürgerliches Reisen im 19. Jahrhundert. Freizeit, Kommunikation und soziale Grenzen, Münster 2005 (=Kulturgeschichtliche Perspektiven, Bd. 5) S. 33.

[11] Habinger, Gabriele: Frauen reisen in die Fremde, S. 36.

[12] Bödeker, Hans-Erich: Reisen. Bedeutung und unktion für die deutsche Aufklärungsgesellschaft. In: Griep, Wolgang; Jäger, Hans-Wolf (Hg.): Reisen im 18. Jahrhundert. Neue Untersuchungen, Heidelberg 1983 (=Neue Bremer Beiträge, Bd. 3) S. 96.

Details

Seiten
20
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656154198
ISBN (Buch)
9783656154044
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v190782
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Historisches Institut
Note
1,3
Schlagworte
reisen jahrhundert reiseschriftstellerin geschlechterkontext Rolle der Frau Emanzipation Modernisierung des Reisens

Autor

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Titel: Reisen im 19. Jahrhundert