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Pragmatik – Die Entwicklung der ‚Sprechakttheorie‘ durch John L. Austin und John R. Searle

Welche Möglichkeiten für die Sprachwissenschaft ergeben sich aus der ‚Sprechakttheorie‘ und worin bestehen deren Schwachstellen?

Hausarbeit 2009 17 Seiten

Germanistik - Semiotik, Pragmatik, Semantik

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Die Fragestellung der linguistischen Pragmatik

3 Die Entwicklung der ‚Sprechakttheorie‘
3.1 Austins philosophische Überlegungen zu sprachlichen Äußerungen
3.1.1 ‚Konstative‘ und ‚Performative‘
3.1.2 Gelingensbedingungen‘ performativer Sätze
3.1.3 Austins neue Ansätze zur Theorie „How to do things with words“
3.2 Austins Sprechakttheorie
3.3 Searles Überlegungen zu Austins ‚Sprechakttheorie‘
3.3.1 Die Vierteilung der Teilakte
3.3.2 Searles ‚Sprechaktklassifikation‘

4 Möglichkeiten und Grenzen der ‚Sprechakttheorie‘
4.1 Das Vorkommen und die Charakteristik ‚indirekter Sprechakte‘
4.2 Die Problematik der ‚indirekten Sprechakte‘ für die ‚Sprechakttheorie‘

5 Fazit

6 Literaturangaben

7 Eidesstattliche Erklärung

1 Einleitung

Austin und Searles Sprechakttheorie haben die linguistische Pragmatik grundlegend beeinflusst. Die Deutung von sprachlichen Äußerungen und den in ihn formulierten Absichten der Sprecher ist allerdings nicht einfach und somit erweisen sich in den vierziger und fünfziger Jahren auch Austins und Searles durchaus fortschrittliche Ansätze über das, was wir mit Sprache machen, als lückenhaft und streckenweise sogar fehlerhaft.

In dieser Arbeit möchte ich mich der Sprechakttheorie widmen. Vom Entwurf John L. Austins, über die populärere Weitergestaltung durch John R. Searle bis hin zu ihren Grenzen, der Problematik der indirekten Sprechakte.

Um mich mit der Sprechakttheorie auseinandersetzen zu können gehe ich anfangs auf Austins ursprüngliche Ansätze ein. Sie bilden die Grundlage der Sprechakttheorie und geben Anlass zur kritischen Hinterfragung derer. Austins Überlegungen zu sprachlichen Äußerungen sind zunächst, dass Aussagen nicht nur wahr oder falsch sein können, sondern sie unter bestimmten Voraussetzungen einem Sprecher sogar zum Vollzug von Handlungen dienen können. Seine Theorien bleiben allerdings nicht als solche stehen. Er selbst baut sie weiter aus, stellt fest, dass Äußerungen generell performativ sind und von Sprechern bewusst mit bestimmten Absichten versehen eingesetzt werden. Zur besseren Analyse von sprachlichen Äußerungen nimmt Austin später die Aufsplittung des Sprechakts in drei Teilakte vor.

Searle wiederum gliedert den Sprechakt in vier Teilakte, setzt die performativen Äußerungen ins Zentrum seiner Überlegungen und beschäftigt sich genauer mit der Klassifikation der Sprechakte, also wodurch sich Bitten von Befehlen, Aussagen von Versprechen regelhaft unterscheiden lassen. Aber auch Searle geht in seinen Arbeiten nur am Rande auf die Problematik der indirekten Sprechakte ein.

Ich versuche nachvollziehbar darzustellen wie die Theorie entstand, welche grundsätzlichen Überlegungen sie verfolgt, warum und vor allem welchen Änderungen sie unterlag. Geklärt werden soll welche Verbesserungen der Philosoph Searle an der Sprechakttheorie vornimmt, wodurch diese motiviert sind und worin letztendlich ihre Schwächen bestehen.

2 Die Fragestellung der linguistischen Pragmatik

Um sich der Sprechakttheorie und ihrer Notwendigkeit in der modernen Linguistik zu nähern, ist es sinnvoll zunächst das Gebiet der Pragmatik, deren Fragestellungen und Ziele, zu klären.

Zunächst Genaueres zur Begrifflichkeit. Das Wort Pragmatik stammt aus dem Griechischen und bedeutet sowohl ‚Sache‘, ‚Ding‘ als auch ‚Tun‘ und ‚Handeln‘, woraus sich die linguistische Bedeutung der Pragmatik ableitet: Sie ist eine Sprach-Handlungs-Theorie, weil sie in ihren Untersuchungen sowohl sprachliche Phänomene als auch solche des Handelns und Tuns vereint.

Die moderne Pragmatik, welche auf die ‚Zeichentheorien‘ von Charles S. Peirce und Charles W. Morris zurück geht, thematisiert jenes, welches im Sprachge­brauch die Form und/oder die Deutung sprachlicher Äußerungen regelhaft beein­flusst, allein durch die Tatsache, dass Sprache in einer Situation und zur Kommunikation, also zu sprachhandelnder Interaktion mit anderen, gebraucht wird. In der Pragmatik ist Sprache Handeln. Demnach erfüllt das, was in kommunikativer Absicht gesagt wird, eine Funktion, es ist zweckmäßig.

So befasst sich die Pragmatik mit den Regeln des Sprachgebrauchs, z.B. den Voraussetzungen und Gegebenheiten, die es ermöglichen durch Sprache zu handeln, so wie der Fähigkeit eines sprachlichen Ausdrucks eine bestimmte Funktion zu erfüllen. Dabei untersucht sie das Verhältnis einer sprachlichen Äußerung zu ihrem situativen und kommunikativem Kontext.

Unter Kommunikation versteht man in der Pragmatik allerdings, im Gegensatz zum alltäglichen Begriff, eine Form des Handelns, die das Potenzial besitzt, die Welt bzw. deren Begebenheiten zu verändern, z. B. in der Politik oder der Schule.

Unterschieden wird in der Pragmatik zwischen Mitgeteiltem und Gemeintem.

Mitgeteiltes oder Gesagtes entsteht durch das Produzieren von Lauten und Worten. Der Sprecher einer Aussage wird dabei z. B. als Produzent, der Hörer hingegen als Rezipient bezeichnet. Die Kommunikationspartner stehen ge­meinsam in einer Situation, wobei die Sprecher ihren Beitrag für den Hörer in die Situation angemessen einpassen. Dem Kontext kommt dabei eine immense Be­deutung zu, da viele Aussagen sich nicht durch ihren sprachlichen Ausdruck an sich, sondern erst durch ihren direkten Bezug auf die Situation verstehen lassen und eine Bedeutung erhalten. Der Hörer versteht also das Gesagte immer als Teil der Situation. Als Beispiel dafür dient ein Dialogstück: „Wo bist du gestern Abend gewesen?“ - „Na, hier“[1]. Solche von Sprechern produzierten Beiträge bleiben aufgrund ihrer nicht expliziten Ausdrucksweise wie im Beispiel „du“ und „hier“ so unbestimmt, dass sich die eigentliche Aussage dieser Beiträge ohne zu­sätzliches Hintergrundwissen wie Orts-/Zeit-/Personenangaben nicht erschließen lässt. Im Kontext aber funktionieren diese Worte als Variablen, die von den Be­teiligten automatisch mit den richtigen Werten versehen werden.[2] Auch was das jeweilige Gegenüber in der Kommunikationssituation als ‚angemessen‘ empfinden wird, ist variabel und an gesellschaftliche und soziale Konventionen geknüpft. Bei der Verwendung bestimmter Ausdrucksformen und Floskeln bspw. achtet ein Sprecher meist genau auf die Reaktion des Hörers, auf seine erwiderten Sprecherbeiträge, die Mimik und Gestik. So bilden auch gesellschaftliche Kon­ventionen einen scheinbar unbewussten Leitfaden für den Sprachgebrauch inner­halb der Kommunikationssituationen: man unterscheidet z.B. die private von der öffentlichen, die persönliche von der offiziellen, sowie die mündliche von der schriftlichen Kommunikationssituation.

Die von Sprechern formulierten Aussagen werden in der Pragmatik mittels Sprache als Mitteilungen über die Welt verstanden. Äußerungen über die Welt, die sowohl wahr als auch falsch sein können, werden als Propositionen be­zeichnet. Die Einteilung von Aussagen in wahre oder falsche, also in gegensätz­liche, nennt sich Dichotomie. Einige wenige Ausnahmen, die zwar Aussagen über die Welt tätigen, sich aber nicht als wahr oder falsch bezeichnen lassen, besitzen keinen propositionalen Gehalt wie z.B. ein Gruß oder eine Bitte. Mit der Klärung dieser anscheinend noch offenen Zuordnungen dieser sprachlichen Äußerungen in der Pragmatik beschäftigt sich Austin in seinen Vorlesungen zur Philosophie, worauf in 3. näher eingegangen wird.

Da es ein Ungleichgewicht zwischen sprachlich Formuliertem und der tatsächlich übermittelten Information beim Rezipienten gibt, ist für die Pragmatik besonders eines von Interesse: „Auf welche verschiedene[n] Weisen Äusserung und Situation aufeinander bezogen sind und wie vor dem Hintergrund der Situation die Propositionen und die Zusammenhänge zwischen ihnen aus dem Gesagten erschlossen werden können.re “[3]

3 Die Entwicklung der ‚Sprechakttheorie‘

3.1 Austins philosophische Überlegungen zu sprachlichen Äußerungen

Der Philosophie-Professor John Langshaw Austin entwickelte im Rahmen seiner Überlegungen zur Wahrhaftigkeit und Falschheit von Aussagen in den 40-er und 50-er Jahren die sogenannte Sprechakttheorie, die später durch seinen Schüler John Roger Searle ausgebaut und bekannt wurde. In den Theorien seiner Aufsätze und Vorlesungen zur Sprachphilosophie widmet sich Austin in „How to do things with words“ der Frage, wodurch man mit Sprache handeln kann. Zwar beruhen seine Analysen des sprachlichen Handelns lediglich auf Annahmen und Über­legungen, sind folglich empirisch nicht nachgewiesen, bilden aber dennoch in der linguistischen Pragmatik den theoretischen Ansatz zur Deutung von Sprach­handlungen und wird in Linke/Nussbaumer/Portmann sogar als „die ‚pragmatische Wende‘ in der Linguistik“[4] bezeichnet.

3.1.1 ‚Konstative‘ und ‚Performative‘

Zu Beginn der Überlegung „How to do things with words“ in seinen Vorlesungen erkannte Austin, dass Äußerungen über die Welt, also die Propositionen, nicht nur als wahr oder falsch zu bezeichnen und verstehen sind, sondern potenziell mehr können: Sie können zum Beispiel einem Sprecher zum Vollzug von Handlungen dienen. Austin unterscheidet Sätze nach dieser Erkenntnis zunächst in konstative und performative.

Die konstativen Sätze sind jene, welche eine Aussage über die Welt treffen, die entweder wahr oder falsch sein kann wie „Gestern Abend hat es geregnet“.

Nach Austin weisen performative Äußerungen gegenüber den konstativen eine Besonderheit auf, nämlich: „daß mit ihnen nicht einfach nur Dinge gesagt, also Zustände beschrieben [werden], sondern daß sie etwas tun sollen“[5]. Mit ihnen werden somit Handlungen vollzogen. Außerdem lassen sich den performativen Äußerungen nicht genau die „Prädikate ‚wahr‘ oder ‚falsch‘ zuweisen“[6]. Sätze wie ‚Hiermit erkläre ich Sie zu Mann und Frau‘ oder ‚Ich taufe dich auf den Namen Nina‘ sind stark institutionalisiert und konventionalisiert. Sie finden nach traditionellen Riten statt und werden zum Einen durch (der Handlung ent­sprechend) autorisierte Personen wie einen Priester gebraucht, zum Anderen ist der Erfolg der performativen Sätze eng an bestimmte Voraussetzungen geknüpft. Das Performativ, ‚Hiermit erkläre ich sie zu Mann und Frau‘, lässt sich nur erfolgreich realisieren, wenn es von einer Person benutzt wird, die in diesem Fall als Pfarrer im Rahmen des kirchlichen Rituals der Taufe das Performativ ge­braucht.

[...]


[1] Linke, Angelika; Nussbaumer, Markus; Portmann, Paul R.: Studienbuch Linguistik. Ergänzt um ein Kapitel „Phonetik und Phonologie“ von Urs Willi, 3.Auflage, Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1996 (Reihe Germanistische Linguistik; 121 Kollegbuch) S. 178.

[2] Ebd., S.178.

[3] Linke, Angelika; Nussbaumer, Markus; Portmann, Paul R., a.a.O., S. 179.

[4] Ebd., S. 182.

[5] Levinson, Stephen C.: Pragmatik, 3.Aulage, Max Niemeyer Verlag, Tübingen 2000 (Konzepte der Sprach und Literaturwissenschaft), S. 250.

[6] Auer, Peter: Sprachliche Interaktion. Eine Einführung anhand von 22 Klassikern, Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1999 (Konzepte der Sprach- und Literaturwissenschaft; 60), S. 71.

Details

Seiten
17
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656154228
ISBN (Buch)
9783656154075
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v190776
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Germanistik
Note
2,3
Schlagworte
pragmatik john austin searle sprachwissenschaft Sprachakttheorie Sprechakte linguistische Pragmatik Lingiustik indirekte Sprechakte

Autor

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Titel: Pragmatik – Die Entwicklung der ‚Sprechakttheorie‘ durch John L. Austin und John R. Searle