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Ökonomische Theorie der Bürokratie

Modelltheoretische Grundlagen, analytische Robustheit und empirischer Befund

Bachelorarbeit 2011 38 Seiten

VWL - Finanzwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Inhaltsverzeichnis

II. Abbildungsverzeichnis

III. Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretisches Fundament und Grundmodell der Bürokratietheorie
2.1 Definitionen und Bedingungen
2.1.1 Bürokratie, Büros und Bürokraten
2.1.2 Prinzipal-Agent-Theorie und bilaterales Monopol
2.2 Grundthesen
2.2.1 Budgetmaximierungshypothese
2.2.2 Optionsfixierungshypothese
2.2.3 Budget- und nachfragebeschränkte Gleichgewichtslösungen

3 Kritik und Modifizierung der Grundthesen
3.1 Budgetmaximierung.
3.2 Optionsfixierung

4 Empirie

4.1 Empirische Befunde bezüglich der Budgetmaximierung

4.2 Empirische Befunde bezüglich der Optionsfixierung

5 Fazit.

IV. Literatur- und Quellenverzeichnis

II. Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: budgetbeschränkte Lösung der Budget-, Kosten- und Outputbeziehungen im bilateralen Monopol

Abbildung 2: nachfragebeschränkte Lösung der Budget-, Kosten- und Outputbeziehungen im bilateralen Monopol

Abbildung 3: Nutzen des Medianwählers vom Bildungsetat.

III. Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Die ökonomische Theorie der Bürokratie ist ein Element der Public-Choice-Theorie, die wiederum ein Teilgebiet der modernen Institutionenökonomie ist. Die Public-Choice-Theorie ist aus der Politik- und der Finanzwissenschaft entstanden und beschäftigt sich hauptsächlich mit der Anwendung der ökonomischen Theorie im Rahmen der Politikwissenschaften bzw. mit der ökonomischen Analyse von nicht-marktorientiertem Entscheidungsverhalten (Ott/Winkel 1985: 38 f.). Bereits im 18., 19. und frühen 20. Jahrhundert gab es mit Adam Smith, Max Weber und Adolph Wagner herausragende Wissenschaftler, welche sich mit den Grundlagen der politischen Ökonomie und sogar mit Ansätzen einer Bürokratietheorie be- schäftigt haben. Die wesentlichen Grundsteine für eine rationale Theorie der Bürokratie, die vor allem auf die Nutzenmaximierung der neoklassischen Methoden beruht, wurden mit den Veröffentlichungen von Gorden Tullock und Anthony Downs jedoch erst in den 1960er Jah- ren gelegt (Moe 1996: 457).

Das Teilgebiet der Public-Choice-Theorie, das sich mit dem Verhältnis zwischen den „Büros“ auf der einen und den Politikern als gewählte Repräsentanten der Bürger auf der anderen Seite beschäftigt, soll in dieser Arbeit vertieft werden. Der Fokus jener Forschungsrichtung ist die Frage, mit welcher Rationalität das bürokratische Handeln gesteuert wird (Braun 1999: 138). Ziel dieser Arbeit ist die Aufarbeitung und kritische Betrachtung der - besonders von William

A. Niskanen entwickelten - grundlegenden Thesen der ökonomischen Theorie der Bürokratie. Dazu werden im zweiten Kapitel Begriffe definiert, fundamentale Bedingungen der Theorie erörtert und die niskanenschen Grundthesen an sich sowie Auszüge aus den Ergebnissen der Theorie wiedergegeben.

Im dritten Kapitel werden diese Thesen kritisch betrachtet und ihre bedeutendsten Modifizierungen und Weiterentwicklungen erläutert. Dabei liegt der Schwerpunkt auf den Hypothesen zur Budgetmaximierung und Optionsfixierung.

Im vierten Kapitel sollen beispielhafte empirische Befunde und Überprüfungen der Bürokratietheorie, unter besonderer Berücksichtigung der Budgetmaximierungs- und Optionsfixierungshypothese aufgezeigt werden und eine abschließende Beurteilung der Haltbarkeit in der Realität ermöglichen.

Durch die Kapitel drei und vier soll außerdem geklärt werden, welche Thesen bzw. welche Ergebnisse besonders hilfreich in Bezug auf die Probleme in der Praxis sind und welche Lücken möglicherweise noch in der Theorie bestehen.

Im letzten Kapitel wird versucht, durch Betrachtung von theoretischen und praktischen An- sätzen zur Behebung der Problematik in der Bürokratietheorie einen aktuellen Bezug herzustellen und zusammen mit den Ergebnissen aus Analyse und Empirie ein Fazit zu ziehen.

2 Theoretisches Fundament und Grundmodell der Bürokratietheorie

Im folgenden Abschnitt sollen zunächst begriffliche Abgrenzungen und die Vorstellung der wesentlichen Annahmen und Bedingungen der ökonomischen Bürokratietheorie durchgeführt werden um anschließend in die modelltheoretischen Grundlagen einzuführen. Auch hier wird der Fokus auf die Budgetmaximierungs- sowie die Optionsfixierungshypothese gelegt.

2.1 Definitionen und Bedingungen

2.1.1 Bürokratie, Büros und Bürokraten

Den Begriff Bürokratie zu definieren ist zu Beginn einer Abhandlung über die Theorie von Bürokratieverhalten nicht nur selbstredend, sondern in diesem Fall von Anfang an ausschlag- gebend, in welche Richtung die Untersuchungen führen. Denn selbst die Pioniere dieses Forschungsgebiets stellten ihren Konzepten äußerst unterschiedliche Beschreibungen und charakteristische Eigenschaften von Bürokratien und darauf aufbauend von Bürokraten zu- grunde. In dieser Arbeit beschränke ich mich auf die Definitionen und Annahmen der beiden meistzitierten Autoren A. Downs und W. Niskanen, deren Werke „Inside Bureaucracy“ (1967) bzw. „Bureaucracy and Representative Government“ (1974) die Katalysatoren für die weitere Untersuchung der Verhältnisse zwischen Bürokraten und Regierung und der ökono- mischen Modelle der Bürokratie waren.

Wie Niskanen benutzt Downs die Termini Büro und Bürokratie synonym, führt jedoch die Begriffsbestimmung wesentlich umfangreicher aus. Er definiert ein Büro als eine Organisation, also eine Gruppe von Personen die zur Erreichung eines bestimmten Ziels gegründet wurde, mit folgenden vier Ausschlusskriterien (Downs 1964: 2), welche von den Manifestierungen von Max Weber abgeleitet sind (Niskanen 1974: 21).

1. Die Vorgesetzten kennen weniger als die Hälfte der Organisationsmitglieder persön- lich.

2. Die Mehrzahl der Mitglieder sind Vollzeitbeschäftigte. Sie haben einen ernsthaften und engen Bezug zu ihrer Arbeit.

3. Anstellung, Förderung und Beibehaltung der Mitglieder sind abhängig von einer Beur- teilung ihrer Leistungen, statt von deren Eigenschaften (wie z.B. Religion, Herkunft oder sozialer Status) oder von periodischen Wahlen durch Außenstehende. Das bedeu- tet, dass die Mitglieder darauf bedacht sind, ihr Verhalten danach auszurichten um ge- bzw. befördert zu werden. Der Faktor Arbeit ist außerdem nur über den Markt zu be- schaffen.

4. Der Großteil des Outputs ist nicht auf äußeren Märkten bewertbar. Büros können ob- jektiv monetäre Maßnahmen der Profitabilität zur Messung der spezifischen Aktivitäten nicht nutzen.

Demnach ordnet Downs Bürokraten als Personen ein, die (a) für eine große Organisation arbeiten, (b) ihr Haupteinkommen von dieser Organisation beziehen, (c) aufgrund ihrer Fähigkeiten eingestellt, beurteilt und beibehalten werden und (d) ein Output produzieren, dass nicht auf dem Markt bewertet werden kann.

Niskanen sieht Büros ebenfalls als Organisationen - wobei er diesen Begriff selbst nicht weiter beschreibt. Gemäß seiner Definition weisen Büros lediglich zwei wesentliche Eigenschaften auf (Niskanen 1979: 350).

1. Die Beschäftigten eignen sich nichts von der Differenz zwischen Einnahmen und Kos- ten als persönliches Einkommen an.

2. Ein Teil der Einnahmen stammt aus anderen Quellen als aus dem Verkauf des Outputs zu einem Stückpreis.

Als weitere, aber nicht ausschließende Charakteristika nennt Niskanen, dass Büros Güter produzieren, die nicht zu Stückpreisen angeboten, aber trotzdem, oder gerade deshalb vermehrt nachgefragt werden. In der Regel sind dies öffentliche Güter.

Er ist sogar der Meinung, dass für seine Ausführungen eine präzise und konsistente Definition des Begriffs Bürokratie nicht wichtig sei (Niskanen 1974: 23). In seinem Buch „Bureaucracy and Representative Government“ wird der Begriff allgemein in Bezug auf eine Reihe von Büros und den Beziehungen mit ihrer Umgebung gebraucht. Er grenzt die Bedeutung von Bürokratie in der Ökonomie von der in den Politik- und Sozialwissenschaften ab, indem er Büros als eine begrifflich getrennte und funktionell spezialisierte Form der Organisation von wirtschaftlichen Tätigkeiten sieht (ebd.).

Bürokraten beschreibt Niskanen zum einen ebenfalls einfach als die Vollzeitbeschäftigten des Büros, die man auch „Staatsbedienstete“ nennen könnte. Zum anderen benutzt er den Begriff meistens für die Vorgesetzten in den Büros (Niskanen 1974: 22), die später in der deutschen Literatur sogenannten „Chefbürokraten“1.

Für die folgende Analyse der bürokratietheoretischen Thesen ist eine angenommene Eigen- schaft der Bürokraten als Voraussetzung besonders hervorzuheben: die individuelle Nutzen- maximierung. Max Weber und andere vor Downs und Niskanen stellten den Bürokraten - wenn auch idealtypisch - als loyalen Staatsdiener dar, der die soziale Wohlfahrt oder die Ziele des Staates maximieren will (Roppel 1979: 18). Manche Autoren sprechen sogar von „Auto- maten“ oder den „Maschinenmodellen“ staatlicher Bürokratien (Zohlnhöfer 1972: 149). Downs und Niskanen gehen jedoch von einem realistischeren Bild des Bürokraten aus, das auf dem ökonomischen Blickwinkel der Verhaltenstheorie beruht. Demnach ist jedes Indivi- duum, abhängig von Erziehung und sozialer Stellung, eigennutzorientiert. Ein altruistisches Verhalten wird in der ökonomischen Theorie zwar als Möglichkeit akzeptiert, allerdings wird die Eigennutzmaximierung besonders in Bezug auf den Erwerb von Einkommen als wahr- scheinlicher angenommen. Des Weiteren existiert die Annahme, dass eine vermeintliche Interessenkongruenz zwischen den persönlichen Zielen der Angestellten im öffentlichen Sektor und „dem öffentlichen Interesse“, was auch immer das sei, dadurch zu erklären ist, dass sie „darauf bedacht sind, ihre eigene Version einer ‚richtigen‘ Politik zu verwirklichen“ (Roppel 1979: 22). Niskanen zweifelt auch daran, dass ein Bürokrat die Möglichkeiten hat, Informationen über individuelle Präferenzen und Produktionsmöglichkeiten zu sammeln, um das „öffentliche Interesse“ zu erahnen. „Wegen der begrenzten Information und wegen der wiederstreitenden [eigennutzorientierten] Interessen anderer kann ein einzelner Bürokrat unabhängig von seiner persönlichen Motivation nicht im ‚öffentlichen Interesse‘ handeln“ (Niskanen 1979: 360 und Niskanen 1974: 39). Der ökonomischen Antwort auf die Frage nach dem Verhalten der Menschen folgend, wird in dieser Arbeit den Bürokraten, gleichermaßen wie allen anderen Bürgern auch, das Streben nach Maximierung des eigenen Nutzens unter- stellt. Eine weitergehende Präzisierung der Annahmen der Eigennutz- bzw. Budgetorientie- rung folgt im Abschnitt über die Budgetmaximierung (Kap. 2.2.1).

2.1.2 Prinzipal-Agent-Theorie und bilaterales Monopol

Der Prinzipal-Agent-Ansatz der Neuen Institutionenökonomie behandelt die Lösung von Vertragsproblemen zwischen Prinzipal und Agent. Der Prinzipal ist dabei Auftraggeber, der Agent ist Ausführender. In dieser Theorie werden die Annahmen getroffen, dass eine asymmetrische Informationsverteilung zu Lasten des Prinzipals besteht, die vom Agenten zu seinen Gunsten ausgenutzt wird, wenn der Prinzipal die Leistungen des Agenten nicht nach objektiven Kriterien bewerten und kontrollieren kann (Braun 1999: 163).

Da auch Niskanen die Verhältnisse in einer repräsentativen Demokratie betrachtet und am Ende dieser Arbeit ein Bezug zur Situation in der Bundesrepublik Deutschland hergestellt werden soll, wird vorausgesetzt, dass die regierenden Politiker von den Bürgern des Landes durch Mehrheitswahlen bestimmt werden und es keine weiteren direktdemokratischen Mög- lichkeiten, besonders im Zusammenhang mit Angebot und Nachfrage öffentlicher Güter, gibt.

Durch die Wahl ihrer politischen Vertreter erteilen die Bürger diesen gleichzeitig einen Auf- trag zur Wahrnehmung ihrer Interessen und zur Bereitstellung öffentlicher Güter (Landesver- teidigung, Teile der Infrastruktur, Bildung, etc.). Dementsprechend sind die Wähler der Prin- zipal und die Regierung ist der Agent. Eine Informationsasymmetrie besteht dahingehend, dass die Wähler wesentlich schlechter über die Bereitstellung öffentlicher Güter informiert sind als die Politiker.2 Da jedoch die Politiker wiederum die Bürokraten damit beauftragen, diese öffentlichen Güter für sie bzw. letztlich für die Bürger zur Verfügung zu stellen, besteht auch hier ein Prinzipal-Agent-Verhältnis, wobei der Politiker diesmal der Prinzipal und die Bürokraten der Agent sind. Weil man weiterhin davon ausgeht, dass die Bürokraten besser über die Bereitstellung der öffentlichen Güter informiert sind, kommt es zu einem zweistufi- gen Prinzipal-Agent-Verhältnis mit einer doppelten Informationsasymmetrie. Diese Konstel- lationen können dazu führen, dass die Bürokratie über „relativ unbegrenzte Handlungsspiel- räume verfügt“ (Fritsch/Wein/Ewers 2005: 393).3

Nichtsdestotrotz beschäftigt sich diese Arbeit fast ausschließlich mit der Verbindung zwi- schen Regierung und Bürokraten, weil der Output (das öffentliche Gut) durch die Bürokratie produziert und direkt nur von den Politikern nachgefragt wird, welche den Output anschlie- ßend an die Wähler „weitergeben“. Die Regierung stellt also die aggregierte Nachfrage der Wähler dar, welche allerdings nicht unbedingt identisch mit ihr sein muss (Niskanen 1979: 353).

Dies führt zur nächsten Bedingung der Bürokratietheorie nach Niskanen. Das Angebots- und Nachfrageverhältnis zwischen Bürokratie und Politik kann als bilaterales Monopol beschrie- ben werden (Niskanen 1979: 352), wobei das Büro zwei entscheidende Vorteile besitzt. Zum Ersten steht das Büro annahmegemäß als alleiniger Anbieter auf dem Markt und hat zum Zweiten gleichzeitig als Einziger das Wissen sowohl über seine Produktionskostenfunktion, als auch über die Nutzenfunktion der Regierung (Moe 1996: 458). Diese beiden Bedingungen sind entscheidend für die später beschriebenen Budgetmaximierungs- und Optionsfixierungs- hypothesen und zudem Gegenstand kontroverser Diskussionen über Niskanens Behauptun- gen4.

Das markttheoretische Modell des bilateralen Monopols erkennt Monopolisten auf beiden Seiten von Angebot und Nachfrage. In der Bürokratietheorie stehen sich eine Bürokratie und eine Regierung gegenüber. Auch hiermit lässt sich das System einer repräsentativen Demo- kratie besser beschreiben, als das der direkten Demokratie, wo der Bürokratie als Monopolist mit den Bürgern eine große Anzahl an Nachfragern entgegengesetzt ist (Roppel 1979: 68). Niskanen gibt dazu die Erklärung, dass die Nachfragefunktion durch das Verlangen der Geld- geber des Büros, also der Regierung, bestimmt wird und nicht die marginale Bewertung der bürokratischen Dienstleistung durch die Bevölkerung darstellt. Der Bezug zwischen der Nachfrage der Regierung und derjenigen der Bevölkerung ist abhängig von der Nachhaltigkeit des Repräsentationsprozesses (Niskanen 1979: 364). Anders gesagt, ist die Nachfragekurve nur soweit aggregierte Nachfrage der Wähler, wie die Regierung ihre Funktion als Volksver- treter wahrnimmt.

2.2 Grundthesen

2.2.1 Budgetmaximierungshypothese

Die erste der beiden essentiellen Hypothesen der Bürokratietheorie von Niskanen beruht auf der mikroökonomischen Unternehmenstheorie mit der Behauptung des „uneingeschränkt eigennützigen Geschäftsmanns“, der den Gewinn der Firma maximieren will (Niskanen 1979: 358). Als Begründung dieser Annahme in Bezug auf die Bürokratie werden die Rationalität und der Wille zum „Überleben“ als Motive des Geschäftsmanns auf den Bürokraten übertra- gen.

Die Anwendung der ökonomischen Analyse des Angebotsverhaltens privater Unternehmen auf das Angebotsverhalten staatlicher Bürokratien ist in der Literatur nicht unumstritten (Roppel 1979: 82 i.V.m. Fußnote 139).

Ein vergleichendes Verfahren wird mit drei Ähnlichkeiten zwischen Bürokratie und privaten Organisationen begründet (Roppel 1979: 83):

1. Bei beiden werden Güter und Dienstleistungen unter Einsatz der üblichen Produkti-

onsfaktoren Arbeit, Boden, Kapital und technischem Wissen erzeugt.

2. Bürokraten ist es ähnlich wie Managern bei Großunternehmen mangels Eigentums- rechten verboten, den (Budget-) Überschuss zur Vermehrung des persönlichen Ein- kommens zu vereinnahmen. Der Unterschied hierbei liegt jedoch darin, dass als An- reiz das Gehalt der Manager privater Unternehmen in der Regel positiv von der Höhe des Gewinns abhängt.

3. Da für Büros, vergleichbar mit Monopolisten, kaum bzw. kein Wettbewerbsdruck durch Konkurrenz besteht und nur unvollständige Kontrolle seitens der Politiker (Ei- gentümer i.S.d. ökonomischen Theorie) ausgeübt wird, entstehen Handlungsspielräu- me zur Bestrebung eigener Ziele der Bürokraten (siehe Abschnitt 2.1.2). Wenn die Bürokratietheorie im Prinzip der „Standardtheorie nutzenmaximierenden Verhal- tens privatwirtschaftlicher Manager“ entspricht, „dann sind empirisch erfasste Unterschiede in dem Produktions- und Angebotsverhalten bürokratischer und privatwirtschaftlicher Organisa- tionen als das Ergebnis unterschiedlicher Anreize zu erklären, die auf die bürokratischen und privatwirtschaftlichen Manager einwirken“ (Roppel 1979: 84). Anders ausgedrückt, können die unterschiedlichen Verhaltensweisen von Bürokraten und „Geschäftsleuten“ durch die gegensätzlichen Anreizsysteme gedeutet werden. Noch konkreter: Staatliche Büros unterlie- gen einem Gewinnerzielungsverbot; bürokratische Manager können ihr Einkommen nicht über die Budgetüberschüsse erhöhen, im Gegenteil werden Budgetüberschüsse sogar wieder an den Geldgeber zurückgegeben; staatliche Büros haben keinen Anreiz effizient zu produzie- ren, da ihre Produkte meist unentgeltlich oder nicht kostendeckend angeboten und hauptsäch- lich durch Steuereinnahmen finanziert werden (Roppel 1979: 85).

Soviel zur Erklärung der grundsätzlichen Anwendung der Theorie der Firma auf die ökono- mische Analyse der Bürokratie. Die zwei oben genannten, von dieser Unternehmenstheorie abgeleiteten Motive Rationalität und „Überleben“ werden durch Niskanen (1973) wie folgt dargestellt.

Wie schon Downs (1964: 4) zuvor festgestellt hat, haben Bürokraten verschiedene persönli- che Beweggründe: unter anderem Einkommen, Macht, Prestige, Sicherheit und Komfort. Sie alle sind positiv vom Budget des Büros abhängig. Downs erkennt fünf verschiedene idealtypi- sche Charaktere unter den Verwaltungsbeamten5, deren Verfolgung der soeben genannten Ziele unterschiedlich ausgeprägt ist. Aber nur Niskanen kommt zu dem eindeutigen Ergebnis, dass sogar für Bürokraten, die weniger einkommensorientiert und mehr altruistisch eingestellt sind, die Hypothese der Budgetmaximierung gültig ist (Niskanen 1974: 42 und Niskanen 1979: 359). Downs hingegen sieht das Maß der Budgetmaximierung bedingt durch das Alter des Amtes und den Beamtentypus (Thom/Ritz 2008: 18).

Die Budgetmaximierungshypothese wird weiter untermauert durch das Überlebens-argument (Niskanen 1974: 39-40). Dieses legt dar, dass Angestellte des Büros und Politiker als Geldgeber Einfluss auf die Amtszeit des Chefbürokraten haben. Angestellte können kooperativ, entgegenkommend und effizient sein oder aber sie sind kontraproduktiv, halten Informationen zurück und arbeiten gegen den Bürokraten. Ihr Verhalten hängt von der Entlohnung ihrer Arbeit ab. Da sie Beförderungen, (Arbeitsplatz-) Sicherheit usw. als Intention haben, sind sie ebenfalls an einer Erhöhung des Bürohaushalts interessiert.

Politiker dagegen setzen Bürokraten in ihrem Amt ein und können sie zum Rücktritt veranlas- sen. Der Wille zur Budgetmaximierung ist indessen bei ihnen schwerer nachzuvollziehen. Sie wollen, dass Büros mehr Budget fordern, damit sie sicher sein können, Kontrolle über das Budget und damit über die Büros zu haben. Den Kontrolleuren fehlt es an Zeit, Informationen und Personal, um neue Haushaltspläne zu erstellen. Dies müssen die Bürokraten für sie über- nehmen. Niskanen stützt sich dabei auf die Argumentation A. Wildavsky´s: Die Komplexität wäre zu groß für die Politiker, wenn sie nicht nur selbst entscheiden müssten, welches Ange- bot des Büros das günstigste ist, sondern sogar herausfinden müssten, welches dieses Angebot überhaupt ist (Niskanen 1974: 40 und ebd.: Fußnote 9). Es entsteht demnach geradezu ein Zwang für die Bürokraten, den Etat (bzw. die Etatforderungen) von Periode zu Periode zu erhöhen.

Eine kurze formale Herleitung der vorangegangenen Behauptungen und über den Zusammenhang zwischen Nutzen- und Budgetmaximierung sieht wie folgt aus (Roppel 1979: 89-90): Die Nutzenfunktion eines Bürokraten sei dargestellt durch

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wobei Y das Einkommen und P die nicht-pekuniäre Nutzenquelle (Macht, Prestige, Sicherheit, etc.) ist.

Richtung oder einer Organisationen), Staatsdiener (loyal gegenüber der Nation oder der Gesellschaft als Ganzes) (Downs 1964: 5)

[...]


1 Vgl. zur Benennung: Blankart 1975: 167 und derselbe 2008: 477.

2 Da in Wirklichkeit der Auftrag der Politiker die Umsetzung der Wahlversprechen ist, kann man feststellen, dass die Bürger nicht ausreichend über die Parteiprogramme informiert sind, ohne hiermit eine persönliche Wertung einfließen zu lassen.

3 Man könnte auch die Beziehungen zwischen Chefbürokraten und Untergeben und sogar zwischen Bürokraten und, zur Herstellung öffentlicher Güter beauftragten, privaten Anbietern als unterstufige Prinzipal-Agent- Verhältnisse betrachten. Das würde jedoch den Brennpunkt vom eigentlichen Gegenstand der Bürokratietheorie wegbewegen und außerdem den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Vgl. zur Thematik u.a.: Bohn, H., Monitoring multiple agents (1986).

4 Kritik und Änderungen an Budgetmaximierungs- und Optionsfixierungshypothese sind Thema des dritten Kapitels. Hier ist jedoch schon anzumerken, dass Niskanen seine Budgetmaximierungshypothese in einer 1975 erschienenen Veröffentlichung revidiert; vgl. W.A. Niskanen: Bureaucrats and Politicians, in: W.M. Landes (Hrsg.): Economic Analysis of Political Behavior, Sonderband zu: Journal of Law and Economics, Vol. 18/1975, S. 618 ff. (Roppel 1979: 86)

5 Ausschließlich Selbstbezogene: Aufsteiger (maximieren ihre eigene Macht, ihr eigenes Einkommen und Presti- ge), Bewahrer (maximieren ihre eigene Sicherheit und ihren eigenen Komfort), Gemischt-Motivierte: Fanatiker (loyal gegenüber politischen Entscheidungen und Konzepten), Advokaten (loyal gegenüber einer politischen

Details

Seiten
38
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656155638
ISBN (Buch)
9783656155829
Dateigröße
3.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v190768
Institution / Hochschule
Universität der Bundeswehr München, Neubiberg
Note
1,3
Schlagworte
ökonomische theorie bürokratie modelltheoretische grundlagen robustheit befund

Autor

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Titel: Ökonomische Theorie der Bürokratie