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Eine Frage des Anstands? Obszönität und erhitzte Gemüter

Die Arbeiten des Künstlers Robert Mapplethorpe im kulturpolitischen Diskurs der NEA-Kontroverse

Seminararbeit 2012 25 Seiten

Theaterwissenschaft, Tanz

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Kontextualisierung
2.1. Das „National Endowment for the Arts“
2.2. „Piss Christ“ – Der Kampf beginnt
2.3. Der Fall „Mapplethorpe“, oder: Zur falschen Zeit am falschen Ort
2.4. Gesellschaftspolitischer Kontext

3. Diskursanalytische Betrachtung
3.1. Kein Geld für trash ! – Argumente der Gegner
3.2. Im Land der Freiheit – Argumente der Befürworter

4. Schluss: The (Im)perfect Moment

Bibliographie

1. Einleitung

„I just hope I can live long enough to see the fame.“[1]

Zwar ist nicht bekannt, in welchem Jahr Robert Mapplethorpe diesen, seinen Wunsch äußerte, doch steht außer Frage, dass jener Hoffnungsgedanke ein immanent tragisches Moment in sich trägt, bedenkt man, dass der Fotograf mit gerade einmal zweiundvierzig Jahren die Kunstwelt verlassen musste. Wie lange ist „long enough“ und wann ist „too long“?

Robert M-A-P-P-L-E-T-H-O-R-P-E, nicht Hilton oder Connor. Allein der Name war, er ist Programm. Der Name „Robert Mapplethorpe“ steht für einen Künstler, dessen Erwähnung weniger aufgrund seiner langjährigen Beziehung zu der weltweit bekannten Musikerin Patti Smith oder anderen als „spannend“ empfundenen privaten Hintergrundinformationen, sondern vielmehr ob seiner außergewöhnlichen künstlerischen Fähigkeiten stattfinden sollte. Mapplethorpe, „one of the most important photographers of the twentieth century“[2], gelang es in seinen Arbeiten, die Individualität der Menschen, ihrer Körper auf eine höchst ästhetische Weise einzufangen und gleichsam mit jeder Fotografie eine Welt zu erzählen, ohne dabei plakativ zu wirken.[3]

Recherchiert man nach Robert Mapplethorpe in einer Suchmaschine im Internet, tauchen unzählige Hinweise auf Ausstellungen auf, die gegenwärtig Fotografien des Künstlers zeigen. Im 21. Jahrhundert hat also Mapplethorpe, den Michael Brenson 1989 als „difficult, uneven and important artist“[4] beschrieb, seinen Platz gefunden, his fame – in einem positiven Sinn. Doch auf Erden kann ihn der Künstler nicht mehr genießen, nicht mehr mit einem gelassenen Augenzwinkern denjenigen entgegentreten, die seine Fotografien im Sommer 1989 auf dem Boden des US-amerikanischen Senats zerredeten, sie als „trash“, „filth“ oder „pornography“ bezeichneten. Damals, vor mehr als zweiundzwanzig Jahren, erhitzten die Arbeiten Mapplethorpes mehr als nur ein paar Gemüter. Es ging um (Kunst-)Freiheit, Obszönität, Menschenwürde und die fundamentalen Tugenden der US-Amerikaner, gemäß Senator Jesse Helms „for the most part [...] moral, decent people“[5].

Insofern Mapplethorpe bis zur ersten Hälfte des Jahres 1989 noch nicht allen amerikanischen Bürgern bekannt war, so gelangte er spätestens im Juni desselben Jahres zur ersehnten Berühmtheit, zumindest innerhalb der Landesgrenzen der USA – allerdings in einem eher nicht wünschenswerten Kontext. Doch, wie bereits erwähnt, hatte Robert Mapplethorpe nicht mehr die Gelegenheit, an den kontroversen Auseinandersetzungen über seine Werke teilzunehmen und diese zu verteidigen. Als die Senatoren sowie die Presse Ende der 1980er Jahre den Obszönitätsgehalt der Fotografien des Künstlers verhandelten und darüber stritten, ob diese nun Kunst seien oder nicht, war Mapplethorpe bereits an den Folgen seiner HIV-Infektion verstorben. Gewiss, es ist mehr als traurig, dass ein so einzigartiger Fotograf so früh gehen musste. Und zugleich; ein Glück, dass Mapplethorpe diese Kulturkriege, in denen nicht nur seine Werke zum Gegenstand der Diskussion wurden, erspart geblieben sind.

Kulturkriege, Kulturkampf. Als „Culture Wars“ werden die seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den USA geführten Auseinandersetzungen bezeichnet, im Rahmen derer traditionell-konservative und liberale Werthaltungen vor dem Hintergrund der Beschäftigung mit Kultur und Kunst aufeinandertreffen. Dieser spannungsgeladene Konflikt erreichte Ende der 1980er Jahre einen ersten Höhepunkt und dauert bis in die Gegenwart an.

Um die Tragweite der Debatte über die öffentliche Präsentation der Fotografien Mapplethorpes vollkommen zu verstehen, ist schließlich noch eine sehr entscheidende Information essentiell; die Ausstellungsreihe „The Perfect Moment“ war unter Verwendung einer 30 000 Dollar Förderung seitens des „National Endowment for the Arts“ (NEA), einer halbstaatlichen Stiftung für Kunst und Kultur, zusammengestellt worden. Hinzu kam der Fakt, dass die Förderung vermeintlich skandalöser Kunstwerke in der Geschichte des NEA kein singuläres Phänomen darstellte.

So entfaltete sich ab Frühsommer 1989 auf der Bühne des US-Senats sowie auf medialer Ebene eine Kontroverse, ein Krieg unterschiedlicher Auffassungen der Kategorien „Kunst“, „Obszönität“ und „Zensur“.

Die vorliegende Arbeit möchte diesen kulturpolitischen Diskurs näher beleuchten. Hierbei soll es jedoch nicht darum gehen, die gesamte Auseinandersetzung um die Obszönität spezifisch anstößiger Kunstwerke in der US-amerikanischen Gesellschaft ab der zweiten Hälfte des Jahres 1989 zu dokumentieren. Vielmehr interessiert eine fokussierte Befragung des Quellenmaterials auf die Darstellung und Verhandlung der Arbeiten Mapplethorpes im Rahmen der NEA-Kontroverse. Aufgrund der Fülle an Dokumenten und ob des formalen Rahmens konzentriere ich mich dabei bewusst auf den Zeitraum von Mai bis Oktober 1989.

Um einen thematischen Einstieg zu schaffen, werden zu Beginn der Untersuchung die Stiftung des „National Endowment for the Arts“, der Ausbruch der kulturpolitischen Debatte sowie der gesellschaftspolitische Kontext im Jahr 1989 in den USA einer näheren Betrachtung unterzogen. Diese Vorüberlegungen sollen es dem Leser erlauben, die im Hauptteil der Arbeit ausgeführten Argumente für respektive gegen Robert Mapplethorpe zeitgeschichtlich und hinsichtlich der verschiedenen Geisteshaltungen in den USA Ende der 1980er Jahre einzuordnen. Den Kern der Studie bildet eine diskursanalytische Betrachtung der Kontroverse um die öffentliche Ausstellung der Mapplethorpe'schen Fotografien. Dabei werden zunächst die Ablehnungsgründe der Gegner des Künstlers herausgefiltert, um anschließend die Seite der Befürworter zu untersuchen.

In einem abschließenden Fazit sollen die wichtigsten Ergebnisse der Arbeit komprimiert zusammengefasst und Impulse für nachfolgende Forschungen gegeben werden.

Neben mehreren Schriften zu den Themenkreisen „Kunstförderung in den USA“ und „Obszönität in der Kunst“, stützt sich die vorliegende Studie primär auf das Buch „Culture Wars“, herausgegeben von Richard Bolton im Jahr 1992, welches ein breites Spektrum an Quellenmaterial zur Thematik auf übersichtliche Weise zusammenträgt und damit einen einzigartigen Einblick in die „delikate[n] rhetorische[n] Manöver“[6] der verschiedenen Interessengruppen in der Arena der Kulturdebatte gewährt.

2. Kontextualisierung

2.1. Das „National Endowment for the Arts“

Das „National Endowment for the Arts“ wurde 1965 als halbstaatliche Verwaltungsbehörde auf Bundesebene mit Sitz in Washington, D.C. im Rahmen des „National Foundation on the Arts and Humanities Act“ gegründet. Mit der Etablierung des NEA verpflichtete sich der Staat erstmals offiziell dazu, Kunst und Kultur zu finanzieren, existierten in den Jahren zuvor nur wenig staatliche Initiativen zur Kunstförderung. 1965 schließlich kam es zur Veröffentlichung einer Studie, welche sich für die finanzielle Unterstützung der Kunst durch den Staat aussprach und damit einen entscheidenden Anstoß zur Schaffung des NEA gab.[7]

Der zum Gründungszeitpunkt formulierte Auftrag an das NEA intendierte zwei grundlegende Zielsetzungen. Mittels der finanziellen Unterstützung von Kunstinstitutionen und einzelnen Künstlern seitens der Stiftung wollte man nicht nur den Erhalt einer vielfältigen Kunst- und Kulturlandschaft fördern, sondern zugleich über Impulsgebung ein größeres Publikum für die Kunst innerhalb des Landes aufbauen und das private Engagement für diese stärken. In einem Report des NEA von 1995 heißt es denn auch:

„The mission of the National Endowment for the Arts is: To foster the excellence, diversity and vitality of the arts in the United States, and to broaden public access to the arts.“[8]

Entscheidend ist die Tatsache, dass das NEA unter dem Stern der Unabhängigkeit vom Staat gegründet wurde und dieser Autonomie bis heute verpflichtet ist.[9] Es wird sich in der vorliegenden Arbeit jedoch zeigen, dass der Pfeiler der oftmals postulierten Independenz, der nicht zuletzt einen Garant für die Qualität der Förderinstitution bildet(e), besonders im Jahr 1989 mehrmals ins Wanken geriet. Da eine detaillierte Darstellung des strukturellen Aufbaus der Stiftung den Rahmen dieser Studie sprengen würde, sollen im Folgenden die wesentlichen Konturen aufgezeigt werden.

Die Leitungstätigkeit des NEA übte der sogenannte „Chairman“ (Vorsitzender) aus, welcher vom jeweiligen Präsidenten der USA ernannt wurde – dies wird bis heute so durchgeführt.

Bis 1995 nahmen zwei Organe die Beratungsfunktion des Chairman ein; der „National Council on the Arts“ (Kulturbeirat) und das „Panel System“ (Fachgremien für die einzelnen künstlerischen Sparten). Der Weg bis zur endgültigen Förderungsentscheidung begann beim Panel System, das den konkreten Förderantrag prüfte und gegebenenfalls mit einer Empfehlung an den National Council on the Arts weiterreichte, der den Vorsitzenden beriet, welcher im positiven Falle schließlich die Vergabe von Fördermitteln bestätigte.[10]

Obwohl die Auswirkungen der NEA-Tätigkeit auf das kulturelle Leben der US-Amerikaner in der Forschung als positiv bewertet wurden, musste man 1996 massive Kürzungen des Budgets verzeichnen.[11] Diese hatten zur Folge, dass das NEA insbesondere in struktureller Hinsicht und bezüglich dem Prozess der Förderungsentscheidung einen markanten Umbruch erlebte.

Doch nicht nur das Jahr 1996 kann innerhalb der Geschichte des NEA als „schwarzes Jahr“ bezeichnet werden. Womöglich noch viel schwärzer gestalteten sich die Monate im Jahr 1989 für die halbstaatliche Förderinstitution.

„In the spring of 1989, controversy over two photographers' works that appeared in institutions funded by the Arts Endowment begins a public debate over the types of projects supported by the agency.“[12]

So zumindest beschreibt es das NEA in einer im Jahr 2000 erschienenen Broschüre über die Chronologie der Stiftungstätigkeit selbst. Tatsächlich lösten zwei brisante Vorfälle im Frühsommer 1989 eine öffentliche Debatte aus. Dass im Rahmen dieser jedoch nur die Frage, welche Projektarten das NEA fördern soll, verhandelt wurde, würde einen komplexen Sachverhalt in unangemessener Weise simplifizieren.

2.2. „Piss Christ“ – Der Kampf beginnt

Den ersten brisanten Vorfall bildete die 1987 aufgenommene Fotografie „Piss Christ“ des Künstlers Andres Serrano. Die Brisanz dieses Werkes gründete weniger auf dem Titel, vielmehr nahmen zahlreiche konservative Gruppierungen an der Tatsache Anstoß, dass die Fotografie einen im Urin Serranos schwimmenden Plastik-Kruzifix zeigte. Obgleich der Künstler mit seiner Fotografie anstatt bloßer Effekthascherei eine nicht zu verachtende gesellschaftskritische Intention verband,[13] reduzierten seine Gegner das Kunstwerk auf den nüchternen Vorgang: „[...] photographing a crucifix of Christ submerged in a vase filled with Serrano's urine and named ,Piss Christ’“[14]. Als das Werk in Richmond, Virginia öffentlich präsentiert wurde, gab ein Besucher der Ausstellung seiner Entrüstung in einem Leserbrief, veröffentlicht in der Zeitung „Richmond Times“, Raum. Nicht nur, dass dieses Bild existierte, Andres Serrano hatte zudem ein Stipendium von 15 000 Dollar erhalten, welches von dem NEA mitfinanziert wurde.[15] Die Kontroverse geriet schließlich über den konservativen Priester Donald Wildmon, welcher als Leiter der „American Family Association“ (AFA) fungierte, in den Senat nach Washington. Als dort am 18. Mai 1989 die Tätigkeit des NEA diskutiert wurde, war es in erster Linie der republikanische Senator Alfonse D'Amato, der sich gegen Serranos Kunstwerk und dessen Förderung seitens des NEA aussprach. Senator D'Amato erklärte:

„They [Briefe, Anrufe und Postkarten, welche D'Amato von seiner Wählerschaft erhielt; Anm. d. V.] said, ,How dare you spend our taxpayers' money on this trash.’ [...] This so-called piece of art is a deplorable, despicable display of vulgarity. [...] This is not a question of free speech. This is a question of abuse of taxpayers' money.“[16]

[...]


[1] Morrisroe, Patricia: Mapplethorpe. A Biography. New York 1997, S. 322.

[2] Stockholm Gay & Lesbian Network: Robert Mapplethorpe 17 June – 2 October 2011. www.stockholm-gay-lesbian-network.com/2011/05/10/robert-mapplethorpe-at-fotografiska/, 07.01.2012.

[3] Robert Mapplethorpes Bilder zeigen jedoch nicht nur Aktfotografien. Vielmehr bilden diese lediglich einen Teil eines breiten Spektrums an Motiven, darunter Porträts, Skulpturen, Blumen sowie Gemüse.

[4] Brenson, Michael: The Many Roles of Mapplethorpe. Acted Out in Ever-Shifting Images. In: New York Times, 22.07.1989 (Bolton 1992, S. 69).

[5] Diese Aussage wurde von Senator Jesse Helms am 26.07.1989 im US-amerikanischen Senat getätigt. Auszüge der Senatsdebatte sind in dem von Richard Bolton 1992 herausgegebenen Buch „Culture Wars. Documents from the Recent Controversies in the Arts“ abgedruckt. Zitierte Aussage siehe S. 77.

[6] Zimmermann, Anja: Skandalöse Bilder – Skandalöse Körper. Abject art vom Surrealismus bis zu den Culture Wars. Berlin 2001, S. 227.

[7] Vgl. Lüders, Jelka: Geld für die Kunst: Kulturfinanzierung und Fundraising in den USA. Kulturförderung des Bundesstaates – das National Endowment for the Arts. In: Höhne, Steffen (Hg.): „Amerika, Du hast es besser“? Kulturpolitik und Kulturförderung in kontrastiver Perspektive. In: Weimarer Studien zur Kulturpolitik und Kulturökonomie, Bd. 1, Leipzig 2005, S. 52-53.

[8] National Endowment for the Arts: NEA. 1995 Annual Report. PDF,

www.nea.gov/about/AnnualReports/NEA-Annual-Report-1995.pdf, 08.01.2012, S. 8.

[9] Vgl. National Endowment for the Arts: NEA. 1995 Annual Report. PDF,

www.nea.gov/about/AnnualReports/NEA-Annual-Report-1995.pdf, 08.01.2012, S. 8.

[10] Vgl. Lüders, Kulturförderung des Bundesstaates, 2005, S. 53.

[11] Vgl. Lüders, Kulturförderung des Bundesstaates, 2005, S. 55-59.

[12] National Endowment for the Arts: 1965 2000. A brief Chronology of Federal Support for the Arts. PDF, www.nea.gov/pub/NEAChronWeb.pdf, 08.01.2012, S. 45.

[13] Vgl. Zeigler, Joseph Wesley: Arts in Crisis. The National Endowment for the Arts versus America. Chicago 1994, S. 69: „His [Andres Serrano; Anm. d. V.] point was twofold: first to comment on the commercialization and cheapening of religion, and second to work with bodily fluids and the Catholic imagery of transmogrification [...]“.

[14] American Family Association: Press release on the NEA. 25.07.1989 (Bolton 1992, S. 71).

[15] Vgl. Lüders, Kulturförderung des Bundesstaates, 2005, S. 57.

[16] Diese Aussage wurde von Senator Alfonse D'Amato am 18.05.1989 im US-amerikanischen Senat getätigt. Auszüge der Senatsdebatte sind in dem von Richard Bolton 1992 herausgegebenen Buch „Culture Wars. Documents from the Recent Controversies in the Arts“ abgedruckt. Zitierte Aussage siehe S. 28.

Details

Seiten
25
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656151746
ISBN (Buch)
9783656151890
Dateigröße
602 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v190668
Institution / Hochschule
Universität Bern – Institut für Theaterwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Robert Mapplethorpe Obszönität NEA NEA-Kontroverse Subventionierung von Kunst Robert Bolton Pornographie Kunst Fotografie Diskurs Kulturdebatte Culture Wars

Autor

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