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Technikwandel oder sozialer Wandel?

Die Medienform Social Media als Symptom und Ursache von Veränderungen

Essay 2011 13 Seiten

Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Architektur von Social Media: Alles nichts Neues?

3. Digitalisierte Beziehungen durch Social Media

4. Ein Definitionsversuch von Social Media

Fazit

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Dass das Internet die menschliche Kommunikation und die Nutzung von Information revolutioniert hat, darüber sind sich mittlerweile alle einig. Doch ist jede weitere Neuentwicklung in der digitalen Welt, die auf dem Internet basiert wiederum eine Revolution oder gar ein institutionalisiertes Medium? Gerade in der frühen Phase der Verbreitung eines Mediums sind utopische wie dys- topische Szenarien weit verbreitet.1 So lautet der Anspruch von Google - quasi der Benutzer- oberfläche des Internets - an sich selbst „ Don't be evil “, und die Technikvision von Facebook (dem „ sozialen Betriebssystems “ 2 des Internets) lautet: "Giving people the power to share and make the world more open and connected". Twitter hingegen formuliert seine Vision nicht ganz so heroisch, sondern betont vielmehr die beiden technischen Vorzüge seines Produkts, nämlich den globalen und zeitlichen Anspruch: "Folge deinen Interessen - Was gibt es Neues in der Welt? Updates von deinen Freunden, von Prominenten und Experten in Echtzeit". 3 Diese Visionen zeigen auch, dass der Nutzen einer technischen Entwicklung nicht immer in deren Schaltkreisen oder der Software zu finden sein muss, sondern vielmehr in ihrer Anwendung durch den Nutzer und ihrer sozialen Be- deutsamkeit. Dies ist besonders bei Social-Media-Plattformen der Fall.

Weil sich Medien nicht allein über ihre technologische Struktur definieren lassen, soll im Folgenden kurz untersucht werden, ob die Medienform Social Media eher als Symptom oder doch als Ur- sache von nutzungsepisodischen Veränderungen dargestellt werden kann und auch, ob die verschiedenen Verwendungsweisen dieser Plattformen und deren “ Protokolle ” 4 auf einen tatsächlichen Technikwandel schließen lassen oder doch eher auf einen sozialen Wandel, welcher dieser Technik erst zur Entfaltung ihrer Möglichkeiten verholfen hat.

2. Die Architektur von Social Media: Alles nichts Neues?

Das Internet ist für Individualkommunikation geeignet, es ist aber auch als Massenmedium nutzbar und komplementiert die alten Massenmedien hierdurch. Der Begriff „ Komplementierung “ bedeutet, dass ein (neues) Medium als ergänzendes, jedoch eigenständiges und neuartiges Kommunikationsmittel das System durch seine eigenen, besonderen Qualitäten vervollständigt.

Social Media ist damit nur eine der möglichen Verwendungsweisen des „ Universalmediums “ 5 Internet und hat sich aus einer Formierung von Netzwerken (Beziehungsstrukturen) sowie der Institutionalisierung von Nutzungsepisoden (Regelstrukturen) gebildet.6 Das Internet selbst ist nach Jan Schmidt als Technologie bereits institutionalisiert, weil "sich dominante Verwendungsweisen herausgebildet haben" 7. Auf dieser Internet-Infrastruktur basierend schaffen soziale Netzwerke einen virtuellen lokalen Raum8, in welchem mediatisierte Interaktion stattfindet, die laut Hjarvard genauso Interaktion ist, wie nicht-mediatisierte.9

Wenn man die technische Struktur der Social Media Angebote in die einzelnen Bestandteile zerlegt, dann entdeckt man unerwartet wenig Neues: Facebook, Youtube und Twitter waren nicht die ersten Websiten, sie waren nicht die Ersten, die einen eigenen Server in ihrem Rechenzentrum vorzuweisen hatten, und auch die systemerzeugende Software und deren Applikation auf ver- schiedensten stationären und mobilen Geräten ist nicht neu. Bei der Betrachtung der einzelnen Dienste, die Social-Media-Plattformen offerieren, gibt es ebenfalls nicht viel Neues: Fotoalben, Briefkästen, Pinwände, Statusmeldungen und den Austausch von Musik- und Videodateien hat man auch schon in anderen On- und sogar Offline-Medien nutzen können. Auch bei der Ananlyse der hinter sozialen Netzwerken stehenden Freundeskreise zeigt sich, dass nur wenige der Online- Freunde wirklich neu sind, sondern Beziehungsgeflechte bereits zuvor bestanden.10 Aber worin liegt denn dann die eigentliche Neuerung?

Neuere Medien verdrängen die älteren Medien zwar nicht, aber sie ergänzen sie, und mit dem Aufkommen neuer Medien verschiebt sich die Funktion, die einzelne Medien erfüllen.11 Die computervermittelte Kommunikation macht in der Regel nur einen Teil der Interaktionen in den sozialen Netzwerken aus12 und verdrängt somit andere Kommunikationsmodi nicht, sondern ergänzt diese vielmehr und führt zu Hybridbeziehungen.13 Zwar bietet Social Media also vielleicht nur Ergänzungen, Verbesserungen und eine gewisse Beschleunigung, aber manchmal ist es eben das "one more thing", das eine Neuentwicklung zur kleinen technischen Revolution macht14 und neue Bedüfnisse schafft oder vorhandene besser berfriedigt. Eine Erklärung hierfür lautet: "media are not the cause but the symptom" 15. Vielleicht ist Social Media oder ganz allgemein eine neue Technologie zunächst nicht die Ursache, sondern das Symptom einer Veränderung innerhalb eines sozialen Netzwerkes. Ein neues Medium wird - nach McLuhan - aber nur dann Symptome im Netzwerk auslösen, wenn durch die Nutzung des Mediums neue Bedürfnisse im Netzwerk ent- stehen, bzw. wenn es vorhandene Bedürfnisse gibt, die bislang nicht abgedeckt werden konnten. Worin ein solcher Zusatznutzen bei Social Media liegt, soll im Folgenden verdeutlicht werden.

3. Digitalisierte Beziehungen durch Social Media

Nicholas Negroponte prophezeite in den frühen 90er Jahren als Direktor des Massachusetts Institute of Technology (MIT) die Aufhebung räumlicher Beschränkungen für soziale Interaktionen, weil über das Internet quasi in Echtzeit beliebig weit entfernte Orte miteinander kommunizieren können.16 In einer solchen "Placeless Society “ kann durch Erreichbarkeit überall ein zu Hause entstehen.17 Massenmedien sind ein Ersatz für physische Anwesenheit, und durch Netzwerk- medien ist der direkte Kontakt miteinander nicht mehr notwendig. „ Medien lassen Raum ver- schwinden “ 18, und d iese Aufhebung der räumlichen Trennung und ein damit verbundenes “ Enlargement of peripheral Relationships “ sind zwar nicht erst durch das Auftauchen von Social- Media-Plattformen möglich geworden, treten jedoch in jüngster Zeit vermehrt in Erscheinung, weil das Internet „ generell die Transaktionskosten f ü r Aufbau und Pflege von sozialen Beziehungen senkt “ 19. Die steigende Zahl und erhöhte Distanz solcher Beziehungen ist insbesondere als Kon- sequenz einer räumlichen Trennung in Folge der Globalisierung zu erklären.20 An jedem Ort bilden sich wieder neue Beziehungen,und ständig "neue, digitale Wahlverwandtschaften" 21 sind deren Folge. Somit sind Social-Media-Plattformen die Globalisierungstechnik schlechthin, und auch

Twitter, als "kollektiv-immersive Kommunikationsplattform" welche eine "holistisch-reaktive Echtz- eitorientierung unserer Zeit" bietet22, folgt damit dem Prinzip der „ evolution of nomadic social participation “ . 23

Neu ist jedoch auch der Zwang, den dieses Internet-basierende Medium auf seine Nutzer ausübt, weil es dem Rezipienten gewisse Verhaltens- und Erlebnisweisen vorschreibt, und damit Möglich- keiten bietet und Grenzen setzt ("Der Zwang des Mediums"). Die Zugangsgrenzen zur Medien- nutzung weisen bei Internet-basierenden Angeboten eine höhere Komplexität auf, die das Vorhan- densein von einem Account, einer Internetverbindung und einer IP-Adresse voraussetzt. Die tech- nische Infrastruktur schafft also nicht nur den Zugang zu den Medien, sondern kann auch eine Begrenzung dieses Zugangs darstellen. Ein weiterer Zwang besteht darin, dass einige technische Neuerungen nicht ganz unbeabsichtigt das Ziel haben, "Nutzer in einen geschlosenen Daten- kosmos" zu zwingen24, und meist folgt dabei die kulturelle Entwicklung einer technischen Vorgabe.25

In Anbetracht dieser Nachteile stellt sich die Frage, nach dem dennoch zu beobachtenden Erfolg Internet-basierender Social Media. Everett M. Rogers nennt in diesem Zusammenhang fünf Attribute, welche die Entscheidung der UserInnen ein neues Medium dafür nutzen zu wollen begünstigt. Zwei dieser Attribute können die hohen Nutzerzahlen von Facebook&Co erklären, und das sind zum einen der relative Vorteil oder Nutzen einer Innovation gegenüber bisherigen Ideen oder Techniken ( „ Relative Advantage “ ) und zum zweiten die Kompatibilität der Innovation mit den bestehenden Werten, Erfahrungen und Bedürfnissen der Userinnen ( „ Compatibility “ ). Die unkom- plizierten Produktionsprozesse, die durch Social Media ermöglicht werden bewirken bei einem gleichzeitigen Bedürfnis der Menschen nach Kommunikation und sozialen Kontakten26 unterm Strich einen Vorteil, der so groß ist, dass er die Nachteile des Nicht-Funktionierens ausgleichen kann und damit auch die Schattenseiten dieser Technik akzeptabel macht.27

Als dritter Indikator dafür, ob vielleicht nicht die eigentliche Technik das Neue ist, sondern die Be- dürfnisse und die Benutzung ihrer Verwendergemeinschaft, ist folgender: Immer berücksichtigen muss man auch die Flexibilität auf Seiten der Nutzer, die in ihrer Aneignung, also den tatsächlich realisierte Verwendungsweisen einer Technologie bzw. eines Artefakts nicht den intendierten Gebrauchsweisen der Erfinder, Designer oder Entwickler folgen müssen, sondern davon abweichen können.28

[...]


1 Richard Münch und Jan Schmidt, „Medien und sozialer Wandel“in Jäckel, Michael (Hrsg.), „Lehrbuch der Mediensoziologie“, Opladen: Westdeutscher Verlag, 2005, S. 201-218, hier: S. 212.

2 Ben Elowitz zitiert in: Matthias Thieme und Frank-Thomas Wenzel, „Die Welt ist nicht genug“, Berliner Zeitung vom 24./25.9.2011, S. 9.

3 Twitter mit mehr als 100 Millionen aktiven Nutzern, die sich mindesten einmal im Monat einklinken, s. o. Verf., „Mitteilungsdienst Twitter wächst weiter rasant“, Berliner Zeitung vom 10./11.9.2011.

4 soziale oder kulturelle Praktiken / Bedürfnisse / Verhaltensmustern. s. Lisa Gitelman, "Always Already New: Media, History and the Data of Culture", MIT Press, 2006.

5 Jan Schmidt, "Der virtuelle lokale Raum. Zur Institutionalisierung lokalbezogener Online-Nutzungsepisoden.", Reihe @InternetResearch, Band 19, 2004,Reinhard Fischer, München, S. 10.

6 Jan Schmidt, "Der virtuelle lokale Raum", S. 193 ff.

7 Jan Schmidt, "Der virtuelle lokale Raum", S. 9.

8 Jan Schmidt, "Der virtuelle lokale Raum", S. 99.

9 s. Stig Hjarvard, "The Mediatization of Society: A Theory of the Media as Agents of Social and Cultural Change", Nordicom Review 29, 2008 ( 2), S. 105-134, hier: S. 112.

10 "Community Media" setzten schon ein gewisses Niveau von Sozialkapital in einer lokalen Gemeinschaft voraus. s. Richard Münch und Jan Schmidt, „Medien und sozialer Wandel“, S. 213.

11 s. Rudolf Stöber, „Mediengeschichte. Die Evolution 'neuer' Medien von Gutenberg bis Gates. Eine Einführung.“ Band 2: Film - Rundfunk - Multimedia, Wiesbaden, 2003, S. 243.

12 s. Richard Münch und Jan Schmidt, „Medien und sozialer Wandel“, S. 213.

13 Nicola Döring, „Sozialpsychologie des Internet. Die Bedeutung des Internet für Kommunikationsprozesse, Identitäten, soziale Beziehungen und Gruppen“, ohne Verlag, Göttingen, 2003, 2. Auflage, S. 485.

14 „ one more thing “ - mit diesen Worten stellte Steve Jobs bei den Vorstellungen neuster Apple-Produkte am Ende seiner Vorträge immer wieder kleine technische Sensationen vor, s. Marin Majica, „Der Zauberer von Apple“, Berliner Zeitung vom 7. Oktober 2011, S. 3.

15 Christoph Sattler, "Was ist Medienkonvergenz?", 2007 unter: http://blog.departure.at/2007/08/01/was-ist- medienkonvergenz-teil-4-not-the-cause-but-the-symptom/ (Abruf: 2.9.2011).

16 Nicholas Negroponte, „Total digital. Die Welt zwischen 0 und 1 oder Die Zukunft der Kommunikation“, Goldmann Verlag, München, 1997, Teil 3 „Digitales Leben“.

17 s. Max Ackermann, „Welt und Radio - oder der ferne Tod des Mandarins“, in: Schwanebeck, Axel und Ackermann, Max (Hrsg.), Radio erobert neue Räume: Hörfunk - global, lokal, virtuell, R. Fischer, München, 2001, S. 45-59., S. 49.

18 Jens S. Dangschat, „Technik, Gesellschaft und Raum, 4. Symposion Computergestützte Raumplanung“,, o. Verlag, Wien, 1999.

19 Richard Münch und Jan Schmidt, „Medien und sozialer Wandel“, S. 205.

20 Zerdick, Axel, Mobile Telephone and Mobile Internet in Europe: Issues and Considerations, Unterlagen zum Vortrag vor dem 10th German - Japanese Symposium, 2 - 3 April 2003 in Tokyo, Japan.

21 Marin Majica, „Ein Freund, einer guter Freund. Facebook, SchülerVZ und MySpace: Wie Online-Netzwerke unser sozialen Beziehungen verändern“, Berliner Zeitung vom 12./13.9.2009, S. 33. Doch gibt es auch die kulturkritische Sichtweise, nach der Medien die Menschen von echten sozialen Beziehungenentfremden und ihre Isolation steigern, und besonders Computernetze "isolieren uns voneinander und setzen die Bedeutung tatsächlicher Erfahrung herab" (Clifford Stoll,„Die Wüste Internet. Geisterfahrten auf der Datenautobahn“, 1998, S. 16. Hierzu siehe auch die neue Studie vom Institut für Wirtschaftsforschung (Ifo) vom Mai 2011 und o. Verf., „Internet macht gar nicht einsam. Studie belegt eher das Gegenteil“, Berliner Zeitung vom 28./29.5.2011.).

22 Johannes von Weizsäcker, „Bei jedem Hören wabert es anders“, Berliner Zeitung vom 30.5.2011.

23 Axel Zerdick, „Mobile Telephone and Mobile Internet in Europe.

24 Marin Majica, „Der Zauberer von Apple“.

25 s. Patrick Beuth, „Alles in einer Wolke“, Berliner Zeitung vom 8. Juni 2011, S. 2.

26 Netzwerke kennzeichnet „ Geschwindigkeit und globale Reichweite, das Aufweichen der Grenzen zwischen Privatem und Ö ffentlichkeit und eine Technologie, die sich mit zutiefst menschlichen Belangen aufl ä dt. “ (Marin Majica, „Ein Freund, einer guter Freund“) und diese Technologie „ verdichtet den Effekt des Mediums auf seine Nutzer. “

27 s. Ingo Schulz-Schaeffer, "Technik als Gegenstand der Soziologie", The Technical University Technology Studies Working Papers, TUTS-WP-3-2008, S. 2.

28 Jan Schmidt, "Das neue Netz: Merkmale, Praktiken und Folgen des Web 2.0", UVK Verl.-Ges., Konstanz, 2009, S. 46.

Details

Seiten
13
Jahr
2011
ISBN (Buch)
9783656151449
Dateigröße
627 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v190655
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft
Note
sehr gut
Schlagworte
Social Media Technikwandel Internet Techniksoziologie Technologie Digitalisierte Beziehungen Web 2.0 Construction of Technology

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