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Georg Heyms "Der Gott der Stadt" - Ein Kommentar

Essay 2012 9 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Georg Heym´s Der Gott der Stadt: Ein Kommentar .

„Er sieht die Erdengeschöpfe triefend und grau, in unaufhörlicher Verwesung. Alles fault vor seinen Augen, die sich nach weiten Himmelsausblicken sehnen“ (Drey 203). Dies ist zwar Arthur Dreys Urteil über Georg Heyms Wahrnehmung seiner Zeit in der Gedichtsammlung Der ewige Tag (1911), aber zugleich eine hervorragende Zusammenfassung von Der Gott der Stadt. Dieses Gedicht ist eines derjenigen, welche die vom Titel des Gedichtbandes erweckte Erwartung auf Kontinuität mit düsteren Untergangsszenarien enttäuschen, und, neben Die Dämonen der Städte, den Berlin -Gedichten oder Die Vorstadt, das Leben in einer Metropole abbildet. Als Werk des Frühexpressionismus ist Der Gott der Stadt natürlich auch von anderen Motiven beeinflusst, darunter die nicht-mimetische Darstellung der Wirklichkeit, die Sehnsucht nach dem Untergang als Vorstufe zu einem neuen Menschenbild und das Beherrschen der Natur dank technischen Fortschritts. Dieser hier angedeutete Kontext bildet den Rahmen für den folgenden Kommentar von Der Gott der Stadt, in welchem das Gedicht als eine Einheit aus Form und Inhalt erschlossen werden soll. Dabei ist es notwendig, so genau wie nur möglich jedem einzelnen der „wilde[n], harte[n], erbarmungslose[n] Töne, welche aus diesen Zeilen“ klingen (Balcke 375), zu lauschen, um am Ende der Intention des gesamten Textes vielleicht etwas näher zu kommen.

Wie die meisten Gedichte in Der ewige Tag bricht Der Gott der Stadt nicht gerade mit traditionellen Formen oder erfindet neue: Im Kreuzreimschema und fünfhebigen Jamben sind jeweils vier Verse in jeder der fünf Strophen angeordnet, welche wie gleichmäßig geformte Blöcke aufeinanderfolgen, und somit der äußeren Gedichtform den Anschein monotoner Struktur verleihen. Bereits vor einer eingehenden Analyse lassen sich also Vergleiche zu einer jeder Natürlichkeit beraubten und dafür streng technisierten Großstadtwelt anstellen. Der Titel des Gedichts erweckt zwar sogleich die Erwartung, den Gott der Stadt portraitiert zu bekommen, jedoch erfolgt dessen Beschreibung in der ersten Strophe sehr zögerlich und sparsam. Stattdessen führt Heym den lyrischen Adressaten über die Beschreibung der Umgebung des Gottes zum eigentlichen Protagonisten des Gedichts. So ist im ersten Vers die Lokalbestimmung („auf einem Häuserblocke“) des Satzes dem Subjekt („er“) vorangestellt. Im zweiten Vers taucht der Gott der Stadt, nur durch „seine Stirn“ angedeutet, abermals am Satzende auf, während der Satzanfang wieder mit dessen Umgebung beginnt („Die Winde“). Darüber hinaus wird den zwei Szenen im ersten und im zweiten Vers besondere Bedeutung beigemessen, da sie zugleich Sätze sind, also für sich alleine stehen und folglich die Aufmerksamkeit des Lesers auf sich ziehen. Das langsame Hinführen des Lesers zum eigentlichen Protagonisten des Gedichtes, dem Gott, erzeugt Spannung, gerade auch deshalb, weil dieser kein regloses Objekt ist, sondern extrem dominant wirkt. Seine physische Größe wird konkretisiert, da ihm ein „Häuserblock[…]“ als Thron dient, während das Adverb „breit“ Selbstsicherheit vermittelt. Außerdem kann man im ersten Vers einen Hinweis Heyms auf die Endlichkeit menschlicher Errungenschaften sehen- die imposante Behausung der Großstädter, unter ihnen sicherlich nicht wenige, die sich von der Industrialisierung Erfolg versprechen, dient jener Transzendenz lediglich als Sitzfläche. Das Erniedrigen des Großstadtlebens durch das konkrete Verkleinern seiner Symbole angesichts düsterer Geisterwesen ist ein häufiges Mittel Heyms und findet sich auch in Die Dämonen der Städte wieder: „Den einen Fuß auf einen Platz gestellt/ Den anderen gekniet auf einen Turm“ (V.9-10) und „Breitbeinig sitzen sie auf einem Fürst“ (V.31). Neben der dominanten Erscheinung wird dem Gott der Stadt im zweiten Vers auch Dämonie zugeschrieben. „Die Winde lagern schwarz um seine Stirn“ ist das Gegenteil von gleißendem Licht oder anderen Kräften, welche von vielen anderen göttlichen Antlitzen ausgehen. Der Gott der Stadt „schaut voll Wut“ und „sitzt […] breit“ [Betonung hinzugefügt], ist also eher statisch und nicht handelnd, aber dennoch lassen jene hier implizierte Aggressivität und Dominanz bereits eine Art Katastrophe erahnen. Der dritte und vierte Vers bilden eine Parataxe, welche sich als Enjambement vom dritten in den vierten Vers fortsetzt. Am Anfang dieser Parataxe, im Hauptsatz, taucht der Gott der Stadt als Subjekt auf, und ist somit im Fokus des dritten Verses („Er schaut voll Wut“). Zu Beginn des vierten Verses tauchen dann die „letzten Häuser“ auf, welche sich „verirrn“- der Leser folgt also dem Blick des Gottes, indem er der Form des dritten und vierten Verses folgt: Vom Gott im Hauptsatz über den Beginn des Relativsatzes („wo fern in Einsamkeit“) zum Subjekt des Relativsatzes („[d]ie letzten Häuser“). Das Auslassen des Reflexivpronomens „sich“ und die Reduktion des <e>-Graphems beziehungsweise der Synkope des /e/-Phonems in „verirrn“ mag der Einheitlichkeit des Metrums geschuldet sein, lässt aber Raum für einige Gedankenspiele: Könnten jene Auslassungen Verlorenheit als eine Bedeutung von „verirren“ ausdrücken oder gar Umgangs- oder Stadtsprache verschriftlichen? Völlig unstrittig ist hingegen der klare Kontrast zwischen dem passiv aggressivem Gott und seinen eher kraftlosen Anhängern, welche durch die sich verirrenden „Häuser“ symbolisiert werden. In Berlin II wird ebenfalls, genau wie im vierten Vers, die Stadt vor dem Horizont beschrieben, allerdings aus der entgegengesetzten Perspektive eines Bürgers, der eine Stadt beschreibt, und sie nicht zerstört: „Und sahn die Weltstadt fern im Abend ragen“. Die jeweilige Fokalisationsinstanz bestimmt also nicht nur die Perspektive, sondern dominiert die Szene, die über sie beschrieben wird.

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Details

Seiten
9
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656150817
ISBN (Buch)
9783656151531
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v190644
Institution / Hochschule
University of Kent – School of German
Note
1,0
Schlagworte
georg heyms gott stadt kommentar

Autor

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Titel: Georg Heyms "Der Gott der Stadt" - Ein Kommentar