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Das Jahrzehnt der Reaktion in Preußen

Von der Gegenrevolution zum Machtantritt Bismarcks

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 21 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Revolution und Gegenrevolution in Preußen
1.1. Die Revolution von 1848
1.2. Die Gegenrevolution

2. Das Reaktionsjahrzehnt in Preußen
2.1. Die preußische Verfassung
2.2. Die Ära Manteuffel

3. Preußens Innenpolitik bis zum Machtantritt Bismarcks
3.1. Die neue Ära und der Konflikt um die Heeresreform
3.2. Verfassungskonflikt und der Machtantritt Bismarcks

4. Resümee

Quellen- und Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Jahre 1848 und 1849 markierten den Beginn einer Epoche des Übergangs von der post-napoleonischen Staatenordnung des Wiener Kongresses von 1815 hin zu der nationalstaatlichen Konsolidierung Deutschlands, die mit der Krönung des Königs von Preußen, Wilhelm I., zum deutschen Kaiser im Spiegelsaal zu Versailles ihren Endpunkt fand. Die einsetzende Industrialisierung sowie das damit erwachende Bürgertum entwickelten sich zu einem immer bedeutsameren Machtfaktor. Das Bürgertum wollte daher auch politisch ein Mitbestimmungsrecht. Die sich daraus entwickelten Spannungen zwischen alt und neu waren letztlich der Ausgangspunkt für die Revolution von 1848/49 und die darauf folgenden Jahre, die die Politik der deutschen Regierungen in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts bestimmten.

Auch in Preußen herrschte nach der Revolution und Gegenrevolution die Reaktion. Es war der Versuch, den konservativ-bürokratischen Obrigkeitsstaat wieder fest zu etablieren und gegen den Liberalismus und alle revolutionären Tendenzen abzuschirmen. Dabei geriet Preußen im Verlauf dieser Jahre an den Rand einer ernsten Staats- und Verfassungskrise, in der der König sogar zum Abdanken bereit gewesen war. Die vorliegende Seminararbeit beschäftigt sich mit der innenpolitischen Situation während des Reaktionsjahrzehnts in Preußen. Dabei soll zunächst auf die folgenden Fragen eingegangen werden: Wie reagierte Preußen auf die deutsche Revolution von 1848/49? Was prägte das Jahrzehnt der Reaktion in Preußen? und Wie konnte es dazu kommen, dass Wilhelm I., König von Preußen mehrmals abdanken wollte, um schließlich Bismarck, einen Mann von dem sein Bruder Friedrich Wilhelm IV. schon 1848 sagte: „Richt nach Blut! Nur zu gebrauchen, wenn das Bajonett schrankenlos waltet!“1, zum Ministerpräsidenten zu ernennen und damit die Weichen für seine spätere Krönung zum deutschen Kaiser gestellt zu haben.

Um diese Fragen zu beantworten beschäftigt sich der erste Teil dieser Seminararbeit mit der Revolution und der Gegenrevolution in Preußen. Dabei wird in der gegebenen Kürze auf deren Verlauf in Preußen eingegangen werden. Den zweiten Abschnitt bilden die oktroyierte Verfassung Preußens und die danach einsetzenden Jahre der Reaktion. Hier soll aufgezeigt werden mit welchen Mitteln die Regierung versuchte, so gut es ging an vorrevolutionäre Verhältnisse anzuknüpfen und die alte Herrschaftsordnung zu erhalten.

Im Anschluss daran wird im dritten Teil auf das Ende der Reaktionsjahre eingegangen

werden. Dabei wird das Hauptaugenmerk auf den innenpolitischen Konflikt der Heeresreform und dem sich daraus entwickelndem Verfassungskonflikt, bis zur Ernennung Bismarcks zum Ministerpräsidenten, liegen.

Auf Grund der gegebenen Kürze dieser Seminararbeit werden außenpolitische, wirtschaftliche, sowie gesamtdeutsche Ereignisse, wie beispielsweise der preußischösterreichische Dualismus und die Erfurter Union nicht näher erläutert beziehungsweise nur kurz erwähnt werden.

1. Revolution und Gegenrevolution in Preußen

1.1. Die Revolution von 1848

Die Nachricht von der Verbrennung des Throns König Louis Philippe von Frankreich am 24. Februar 1848 auf dem Bastilleplatz war der Funke der die angespannte Situation in den deutschen Landen zum entzünden brachte. Trotz der Hungerrevolten von 1847 und Revolutionsangst der Konservativen, kam die Revolution für die deutschen Fürsten und Könige unerwartet.2 In den ersten Märzwochen brachte ein Sturm von Versammlungen, Straßenkundgebungen und Delegationen, gestützt und vorwärtsgetrieben durch das Bürgertum, sowie Bauern, Handwerker und Arbeiter die Führer der Liberalen Opposition in mehreren deutschen Einzelstaaten an die Spitze der Regierungen. Die Revolution verbreitete sich wie eine Kettenreaktion im dritten Deutschland. In ganz Deutschland wurden die gleichen Forderungen, allgemein als „Märzforderungen“ bezeichnet, laut. Überall forderte man die Freiheit der Presse und der Versammlungen, das Ende des Waffenmonopols der monarchischen Armeen, also die Bewaffnung des Volkes. Gleichfalls sollten Reformen im Wahlrecht und die Demokratisierung der Justiz, es wurden Geschworenengerichte gefordert, durchgesetzt werden. Auch forderten die aufgebrachten Mengen ihre Regierungen zur Mitarbeit am Aufbau eines deutschen Bundesstaates auf und forderten ein deutsches Nationalparlament.3

Fast widerstandslos konnte sich die revolutionäre Bewegung in den meisten deutschen Staaten durchsetzen. Während der Märzrevolution wurden die alten Gewalten nicht, wie in Frankreich, vertrieben, sondern gaben nur ihre Positionen preis und ließen Liberale in die Spitzen ihrer Regierungen treten.4

Schließlich griff die Revolution auch auf die beiden deutschen Großmächte über. Während die Ereignisse im Vielvölkerstaat Österreich sich nur mittelbar auf Gesamtdeutschland auswirkten, so bestimmte der Verlauf der Revolution in Preußen direkt den Gang der deutschen Revolution.5 Obwohl sich der Revolutionsgedanke in Preußen von West nach Ost langsam vorarbeitete, kam es in den ersten Märztagen bis zum Abtreten Metternichs in Österreich, in Preußen zu keinen ernsthafteren Unruhen.

Die Revolution in Preußen nahm ihren Auftakt in Köln. Am 3. März 1848 kam es hier zu einer Massendemonstration der Arbeiter, die ihre „Forderungen des Volkes“ am Rathaus dem dort tagenden Gemeinderat vortrugen.6

In Berlin trafen sich die Bürger im Tiergarten zwischen Kaffeehäusern und Biergärten, diskutierten die neuesten Nachrichten und protestierten, angesichts der gesamtdeutschen Proteste verhältnismäßig friedlich. Es entstand schnell eine Art improvisiertes Parlament mit Wahlregeln, Resolutionen und gewählten Delegationen, das schließlich begann mit dem Magistrat der Stadt zusammen zu arbeiten.7 Auch in Berlin kam es zu Petitionen die eine Vielzahl von politischen, gesetzlichen und konstitutionellen Reformen forderten. In der immer weiter anschwellenden Menge kristallisierten sich aber auch ökonomische und soziale Forderungen heraus.8 Am 18. März 1848 gab König Friedrich Wilhelm IV. schließlich nach. Er erließ ein Patent, dass Preußen die volle Pressefreiheit und eine Verfassung für das Königreich versprach, außerdem berief es den Vereinigten Landtag zum 2. April ein und verhieß statt des deutschen Staatenbundes einen Bundesstaat, eine deutsche Wehrverfassung und eine Flotte. Um den Ausbruch der Gewalt in Berlin aufzuhalten kamen die Zugeständnisse einen Tag zu spät.9 Aus einer Demonstration auf dem Schlossplatz, während der versehentlich zwei Schüsse durch das preußische Militär abgegeben wurden, entwickelte sich am 18. und 19. März zu Barrikadenkämpfen zwischen Militär und revoltierender Bevölkerung. Mit Friedrich Wilhelms Aufruf „An meine lieben Berliner“ und dem Rückzug des Militärs aus Berlin hatte sich der König schließlich in die Hände der Revolution begeben.10 Für das liberale Bürgertum, auch für die Mehrheit der bürgerlichen Demokraten endete die Notwendigkeit des revolutionären Drucks mit der Einsetzung des liberalen „Märzkabinetts“ um Ministerpräsident Camphausen. Die offenen Ziele sollten durch parlamentarisch legitimierte Reformen erreicht werden, damit hatte Friedrich Wilhelm IV. seinen Thron vor der Revolution gerettet.11 Trotzdem kam die innere Lage Preußens monatelang nicht ins Gleichgewicht. Während die preußische Nationalversammlung mit der zu entwickelnden Verfassung versuchte, das alte System der monarchischen Autorität durch immer schärfere Gesetze zu zerstören, gewann die radikale Linke in vielen Teilen Preußens und Deutschlands an Zulauf und Selbstbewusstsein. Gleichzeitig entwickelte sich auf dem Lande eine konservative Gegenbewegung aus junkerlich-interessenpolitischen und ideologischen Antrieben. Bei dem aussichtslosen Versuch eine Basis zwischen dem sich radikalisierenden Parlament und der erstarkenden Reaktion zu schaffen, verbrauchte sich schließlich die Kraft der liberalen Minister. Die preußische Gegenrevolution hatte begonnen.12

1.2. Die Gegenrevolution

Das Schicksal der Revolution in Preußen entschied sich durch die Wechselwirkungen der Auseinandersetzung zwischen Krone, Regierung und Parlament einerseits und den außerparlamentarischen Bewegungen und Aktionen auf der anderen Seite.13 In den Monaten zwischen März und November legten drei preußische Ministerpräsidenten ihre Ämter nieder. Sie waren an den Verhandlungen zwischen Krone und Parlament um die Verfassungsfrage, auch um die Oberbefehlsgewalt über das preußische Militär, gescheitert. Während es im ganzen Land immer wieder zu Zwischenfällen zwischen preußischem Militär und Bürgerschaft kam, forderte das Parlament dazu auf, das Militär auf den konstitutionellen Rechtszustand und seine Durchsetzung zu verpflichten. Friedrich Wilhelm und seine Berater sahen dies als direkten Eingriff in die Rechte der Exekutive des Königs und lehnten es strickt ab.14 In den Verfassungsberatungen des Oktobers 1848 wandte sich die preußische Nationalversammlung unmittelbar gegen die Krone, den Adel und das Beamtentum. Sie fasste Beschlüsse die sich bewusst gegen die Symbole der alten Ordnung - wie den Zusatz „von Gottes Gnaden“ - richteten.15 Ab Mitte Oktober kam es schließlich zu Arbeiterunruhen in Berlin, die sich bis Ende Oktober immer weiter verstärkten und am 30. und 31. Oktober schließlich in tumultartigen Straßenunruhen endeten. Nach dem Rücktritt General Pfuels als Ministerpräsident, ernannte der König General Graf Brandenburg zum neuen Ministerpräsidenten. Dies bedeutete einen eindeutigen Kurswechsel der Regierung die nun offen zu einer reaktionären Politik überging. Eine Protestdelegation der Nationalversammlung, die am 2. November gegen die Ernennung Brandenburgs beim König vorsprechen wollte, wurde abgewiesen16

[...]


1 Zt. n. Schulze, Hagen: Preußen von 1850 bis 1871. Verfassungsstaat und Reichsregierung. In: Büsch, Otto (Hg.): Handbuch der preußischen Geschichte: Das 19. Jahrhundert und Große Themen der Geschichte Preußens. Bd. 2, Berlin 1992, S. 331.

2 Nipperdey, Thomas: Deutsche Geschichte: 1800 - 1866; Bürgerwelt und starker Staat. 6. Aufl., München 1993, S. 595.

3 Ebd., S. 595f., siehe auch: Mann, Golo: Deutsche Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert. 10. Aufl., Frankfurt/Main 2004, S. 194f.

4 Schieder, Theodor: Vom Deutschen Bund zum Deutschen Reich. 16. Aufl., München 1999, S. 80.

5 Ebd., S. 83.

6 Vogler, Günter/Vetter, Klaus: Preußen. Von den Anfängen bis zur Reichsgründung. 4. Aufl., Berlin 1975, S. 224.

7 Clark, Christopher: Preußen. Aufstieg und Niedergang 1600 - 1947. München 2008, S. 537.

8 Ebd.

9 Schoeps, Hans-Joachim: Preußen. Geschichte eines Staates. 2. Aufl., München 2001, S.176.

10 Siehe Clark, 2008, S. 540ff.

11 Huber, Ernst Rudolf: Deutsche Verfassungsgeschichte. Bd. 2, Stuttgart 1967, S. 578.

12 Schieder, 1999, S. 84f., auch: Clark, 2008, S. 547ff.

13 Nipperdey, 1993, S. 647.

14 Ebd., S. 648.

15 Huber, 1967, S. 742f.

16 Mieck, Ilja: Preußen von 1807 bis 1850. Reformen, Restauration und Revolution. In: Büsch, Otto (Hg.): Handbuch der preußischen Geschichte: Das 19. Jahrhundert und Große Themen der Geschichte Preußens. Bd. 2, Berlin 1992, S. 269.

Details

Seiten
21
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656150824
ISBN (Buch)
9783656151524
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v190638
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Historisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
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