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Der Aufstieg Chinas in der Weltwirtschaft: Ursachen, Dynamik und Folgen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 22 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Wirtschaftsgeographie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Phasen der Wirtschaftsreformen in China seit 1978
1.1 Phase 1: 1978 - 1991
1.2 Phase 2: 1992 - 2001
1.3 Phase 3: ab 2002

2. Dynamik der chinesischen Volkswirtschaft seit 1978
2.1 Bruttoinlandsprodukt
2.2 Industrieproduktion
2.3 Ausländische Direktinvestitionen

3. Wachsende räumliche Disparitäten als Folge der Wirtschaftsreformen in China seit 1978
3.1 Zentrale Ursachen der räumlichen Disparitäten
3.2 Einkommensunterschiede als Maß der räumlichen Disparitäten

Fazit/Ausblick

Literaturverzeichnis

Internetquellen

Tabellen und Abbildungen

Einleitung

Mit Einsetzen der Wirtschaftsreformen unter Deng Xiaoping im Jahr 1978 trat die Volksrepu­blik China in eine Phase zunehmender wirtschaftlicher Liberalisierung, Vermarktlichung und Globalisierung ein, die über die vergangen drei Jahrzehnte an Intensität gewonnen hat und bis heute andauert. Die daraus resultierende wirtschaftliche Wachstumsdynamik hat China inner­halb eines aus historischer Sicht sehr kurzen Zeitraums erneut einen zentralen Platz im Gefü­ge des weltwirtschaftlichen Systems sowie implizit auch im politischen Kräfteverhältnis der Welt gesichert. So verwundert es auch nicht, dass der chinesische Aufstieg in der öffentlichen Berichterstattung gerne anerkennend mit dem Label „Wirtschaftswunder“ versehen wird. Auf der anderen Seite werden aber auch negative Stimmen laut, die vor dem wieder erstarkten asiatischen Giganten warnen und polemisch von der „gelben Gefahr“ sprechen. So erwachsen aus der neuen Position Chinas nicht nur neue Probleme für die Weltwirtschaft, sondern es er­geben sich auch deutliche Veränderungen im globalen militärisch-politischen Kräfteverhält­nis. Darüber hinaus stehen das Demokratie-Defizit Chinas sowie der Umgang der Regierung mit Menschenrechtsfragen in Zeiten steigender wirtschaftlicher und politischer Bedeutung zu­nehmend im Fokus der öffentlichen Auseinandersetzung.

Was die Betrachtung Chinas als Teil des weltwirtschaftlichen Systems teilweise verdeckt, ist, dass es durch die Wirtschaftsreformen auch zu bedeutenden Folgen innerhalb Chinas gekom­men ist. Insbesondere die wachsenden räumlichen Disparitäten innerhalb der Volksrepublik, geraten dabei zunehmend in den Blickpunkt. Eine ungleiche Partizipation verschiedener Be­völkerungsschichten und Regionen an den positiven Effekten des wirtschaftlichen Auf­schwungs und das wachsende Reichtumsgefälle teilen das Land so in zwei Systeme unter­schiedlicher Entwicklung und Geschwindigkeit. Die geographischen Ausmaße des Landes, seine Rolle als bevölkerungsreichster Staat der Erde - mit aktuell etwa 1,35 Milliarden Men­schen (United Nations 2010) - aber auch die Besonderheiten seines politischen Systems so­wie seiner ideologischen Basis unterstreichen die Relevanz dieser Thematik.

In dieser Arbeit sollen Ursachen, Dynamik sowie Folgen der wirtschaftlichen Entwicklung Chinas in den vergangenen drei Jahrzehnten dargestellt und analysiert werden. Hierzu werden unter Punkt 1 zunächst die zentralen Phasen der Wirtschaftsreformen in China seit 1978 dar­gestellt. Hierbei soll die Frage nach den zentralen wirtschaftspolitischen Weichenstellungen im Zentrum der Betrachtung stehen. Darüber hinaus sollen aber auch die politisch-gesell­schaftlichen Implikationen in die Betrachtung einfließen. Anschließend soll unter Punkt 2 an- hand verschiedener volkswirtschaftlicher Kennzahlen die aus den Reformen resultierende wirtschaftliche Dynamik dargestellt werden. Punkt 3 beschäftigt sich aufbauend darauf mit den wachsenden räumlichen Disparitäten in China, die aus den Reformen resultieren. Hier soll der Frage nachgegangen werden, welches die zentralen Ursachen der wachsenden Un­gleichheit sind und wie diese sich messen lassen. Abschließend soll ein Fazit aus dieser Arbeit gezogen und ein Ausblick auf etwaige zukünftige Entwicklungen gegeben werden.

1. Phasen der Wirtschaftsreformen in China seit 1978

Nach dem Tod Mao Zedongs im Jahr 1976 und dem folgenden Aufstieg Deng Xiaopings in der chinesischen Politik im Jahr 1978 kam es zu einschneidenden Veränderungen in der wirt­schaftspolitischen Ausrichtung des Landes. In Abkehr von der stark ideologisch geprägten Wirtschaftspolitik unter Mao setzte sich unter Deng ein neuer Pragmatismus durch. Das marktorientierte Programm Dengs und seiner Unterstützer zeichnete sich insbesondere durch seine neue Offenheit nach außen aus, die in einem deutlichen Kontrast zur Vorstellung einer autarken Entwicklung der chinesischen Wirtschaft stand, wie sie unter Mao vorgeherrscht hat­te. So setzte sich in der politischen Führung die Einsicht durch, dass eine Planwirtschaft nicht weiter als Perspektive für die Zukunft Chinas gelten konnte. Die daraus folgenden Wirt­schaftsreformen lassen sich in drei Phasen einteilen, die im folgenden detaillierter betrachtet werden sollen (vgl. TAUBMANN 2001: 14ff.).

1.1 Phase 1: 1978 - 1991

Der Aufstieg Deng Xiaopings 1978 markiert grob den Beginn der ersten Phase der Wirt­schaftsreformen in China. Zwei Jahre nach dem Tod Maos wurde durch das „dritte Plenum des 11. Kongresses“ der Kommunistischen Partei Chinas (KPC) die Reformpolitik beschlos­sen (vgl. TAUBMANN 2001: 14). Bis 1991 wurden vorsichtige Liberalisierungen eingeleitet und erste Schritte in Richtung einer wirtschaftlichen aber auch politischen Außenöffnung des Landes getan.

Die alten, strikten Planvorgaben für Im- und Exportprodukte wurden drastisch reduziert. Um eine Importsubstitution anzustoßen, wurden zudem die Importzölle angehoben und die Pro­duktion von bisher aus dem Ausland importierten Waren gefördert. Darüber hinaus wurde die Zahl der für den Export zugelassenen Produkte deutlich erhöht. Besondere Beachtung sollte in diesem Zusammenhang der Errichtung der so genannten Sonderwirtschaftszonen (SWZ) seit 1980 geschenkt werden. Unter Beteiligung von ausländischen Unternehmen und Investoren sowie unter wirtschaftlichen und gesetzgeberischen Sonderkonditionen sollten dort - mit dem Ziel ausländisches Kapital ins Land zu holen - in erster Linie für den Export bestimmte Wa­ren produziert werden. Ab 1984 folgten weitere SWZ sowie andere Formen wirtschaftlicher Sonderzonen (TAUBMANN 2001: 15, Tab. 4). Zwar änderte sich an den staatlichen Mono­polindustrien sowie an den traditionellen Produktionsmethoden und Verwaltungsstrukturen in großen Teilen des Landes vorerst nichts, die Förderung der Exportwirtschaft in den SWZ zog allerdings zunehmend Investoren an, die nun China als vorteilhaften Produktionsstandort zu erkennen begannen (SCHÖTTLI 2008: 9f.).

Neben der durch die chinesische Führung forcierten Ausrichtung auf eine stärkere Exportori­entierung der Wirtschaft kam es in der ersten Phase zu weiteren wichtigen wirtschaftspoliti­schen Änderungen. Bis Ende der 1970er Jahre lassen sich deutliche Tendenzen einer zuneh­menden Vermarktlichung erkennen. Kleinunternehmen in Industrie und Handwerk wurden zu­gelassen und die Entkollektivierung des Agrarsektors vorangetrieben. Auch kam es zu einer ersten schrittweisen Deregulierung des Arbeitsmarktes, insbesondere in Bezug auf das Kündi­gungsrecht. 1980 trat China darüber hinaus der Weltbank und dem Internationalen Währungs­fonds (IWF) bei und wurde in den darauf folgenden Jahren zu einem der weltweit wichtigsten Empfänger von Entwicklungskrediten (SCHMALZ 2010: 487).

Auf politischer Ebene ließen sich ebenso vorsichtige Öffnungstendenzen erkennen. Das unter Mao vorherrschende Bild Chinas als „Speerspitze der Weltrevolution“ wurde durch eine schrittweise Annäherung an den „kapitalistischen Westen“ und insbesondere die Vereinigten Staaten von Amerika entschärft. Die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwi­schen Washington und Peking 1979 kann als wichtiger Schritt in dieser Entwicklung angese­hen werden.

Zwar wird die gewaltsame Niederschlagung der Proteste auf dem „Platz des himmlischen Friedens“ im Jahr 1989 beispielsweise von SCHÖTTLI (2008: 11) als Zäsur und Endpunkt der ersten Phase angesehen. Aus einer wirtschaftspolitischen Blickrichtung bietet es sich je­doch an, den Endpunkt der Phase nach diesem Ereignis globaler Bedeutung sowie seinen Nachwirkungen zu setzten. In diesem Zusammenhang erscheint es wichtig, die Auseinander­setzung mit den Vorkommnissen aus einer westlichen Perspektive kritisch zu hinterfragen.

SCHMALZ (2010: 487) etwa weist darauf hin, dass die von der Studentenbewegung geforderten Veränderungen hin zu mehr demokratischen Rechten nur einen Teilaspekt der Proteste darstellten. Die sehr heterogene Gruppe der Protestierenden umfasste auch eine große Zahl einfacher Arbeiter, deren Anliegen weniger auf die Schaffung demokratischer Verhältnisse als auf eine Kritik der laufenden Marktreformen zielte. So forderten sie eine bessere soziale Absicherung, Preisstabilität und ein entschiedeneres Vorgehen gegen die wachsende Korruption. Nach der erfolgreichen Niederschlagung der Proteste und dem Ersticken kritischer Stimmen kam es so auch nicht etwa zu einschneidenden Veränderungen, sondern vielmehr zu einer Festigung der politischen Verhältnisse und einer Beschleunigung und stärkeren Implementierung der Marktreformen.

1.2 Phase 2: 1992 - 2001

Das Jahr 1992 markiert den Beginn einer zweiten Phase. Das vom neuen Parteivorsitzenden der KPC, Jiang Zemin, propagierte Modell der „sozialistischen Marktwirtschaft“ sollte zu ei­ner deutlichen Verstärkung der Öffnungs- und Liberalisierungstendenzen in China führen.

Die Privatisierungen, die in der vorhergegangenen Phase zunächst langsam voran getrieben worden waren, wurden fortgesetzt und beschleunigt. Zwar blieben die größten und wichtigs­ten Staatsunternehmen weiterhin unter staatlicher Kontrolle, jedoch wurden kleine und mittle­re Unternehmen mit geringer Effizienz zunehmend privatisiert. So reduzierte sich die Zahl der Staatsunternehmen im Zeitraum von 1996 bis 1999 deutlich um mehr als 50 Prozent von 127.600 auf 61.300. Jedoch sollten, wie SCHMALZ (2010: 487f.) feststellt, diese Entwick­lungen nicht darüber hinweg täuschen, dass noch 2002 rund 70 Prozent des Investitionsvolu­mens von staatlichen Unternehmen getätigt wurden.

Darüber hinaus bemühte sich die Regierung auch verstärkt die Außenöffnung des Landes vor­anzutreiben. Das Lizenz- und Quotensystem für den Außenhandel wurde tiefgreifend refor­miert und die gemittelten Zölle auf Importe bis zum Jahr 1996 auf 23 Prozent fast halbiert (SCHMALZ 2010: 488). Auch wurden die planwirtschaftlichen Import- und Exportplanungen fast gänzlich abgeschafft. Es kam zu einem massiven Zufluss von ausländischen Direktinves­titionen (ADI) nach China. Diese richteten sich größtenteils auf die Küstenregion beziehungs­weise die SWZ mit ihren günstigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen (vgl. SCHMALZ 2010: 488). Der Beitritt zur Welthandelsorganisation (WHO) im Jahr 2001, der weitere Zoll- Senkungen und Liberalisierungen im Dienstleistungs- und Agrarsektor nach sich zog, stellt einen weiteren wichtigen Aspekt dieser Entwicklung dar.

Auch auf politischer Ebene waren einschneidende Veränderungen zu erkennen. Die durch die neuen wirtschaftlichen Möglichkeiten rasant wachsende urbane Mittelschicht entpolitisierte sich zunehmend und drängte ideologische Fragestellungen immer weiter in den Hintergrund. Gleichzeitig wurde die ungleiche Verteilung des wirtschaftlichen Wachstums und damit die wachsenden räumlichen Disparitäten immer deutlicher. Die Küste beziehungsweise der urba- nisierte Ostteil Chinas profitierte deutlich stärker vom wirtschaftlichen Aufschwung als das Inland beziehungsweise das rural geprägte Zentral- und Westchina (SCHÖTTLI 2008: 14 und SCHMALZ 2010: 487f.).

2.3 Phase 3 - ab 2002

Der Beginn der dritten Phase kann auf das Jahr 2002 datiert werden. So kam es unter der Re­gierung Hu Jintao zu einer Fortsetzung der Außenöffnung, Privatisierung und Vermarktli- chung. Dies ist in dieser Phase insbesondere auf die Umsetzung der Regeln der WTO zurück­zuführen.

Die liberalere Wirtschaftspolitik führte zu einem Investitionsboom und in der Folge zu einer weiter wachsenden Exportausrichtung des Landes. Durch diese wirtschaftliche Konstellation ist zudem die bis heute andauernde Anhäufung ausländischer Devisen, insbesondere in US- Dollar, zu erklären.

Auch, und das erscheint für diese Phase als nicht minder relevant, kam es zu einer Reihe insti­tutioneller Reformen. Seitens er KPC kam es zu bedeutenden Zugeständnissen gegenüber dem Unternehmertum. Die gesetzliche Garantie von Privatbesitz im Jahr 2007 kann als deutli­ches Beispiel dieser Tendenz gewertet werden (vgl. SCHMALZ 2010: 487f.).

Darüber hinaus konnten seit 2003 aber vermehrt auch Ansätze seitens der Politik identifiziert werden, die eine sozialere Ausrichtung in der Wirtschaftspolitik forcierten. Die „Politik des Wachstums um jeden Preis“, die mit ersten Blasenbildungen insbesondere im Immobiliensek­tor ihre Schwachstellen zeigte, sollte auf lange Sicht durch eine „Politik des nachhaltigen Wachstums“ abgelöst werden (SCHÖTTLI 2008: 20).

[...]

Details

Seiten
22
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656150954
ISBN (Buch)
9783656151609
Dateigröße
1.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v190610
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,3
Schlagworte
Wirtschaftsreform 1978 Weltwirtschaft Aufstieg China Bruttoinlandsprodukt BIP Industrieproduktion Ausländische Direktinvestition ADI FDI Disparität

Autor

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