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Paste Up´s, Sticker, Adbusting - Geklebte Interventionen aus Papier im urbanen Raum

Moderne Ausdrucksform politischen Protests?

Hausarbeit 2011 32 Seiten

Kunst - Installationen, Aktionskunst, 'moderne' Kunst

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Historische Entwicklung der Ursprünge
A. Zur Geschichte des Plakats
B. Zur Geschichte der Streetart
1. Kulturrelevante Einflüsse
1.1 Agitprop
1.2 DADA
1.3 Situationisten
1.4 Culture Jamming
1.5 Pop Art

III. Betrachtung verschiedener Erscheinungsformen
A. Paste-Up´s
1. Plakate
2. Cut-Out´s
3. Scherenschnitte
B. Sticker
1. Spuckies
C. Adbusting
1. Collage

IV. Akteure des Genres
A. Shepard Fairey
B. JR
C. Swoon und Armsrock
D. Influenza
E. FTW-Crew
V. Form des modernen Protests?
A. Soziologische Aspekte
B. Motivationen

VI. Fazit

VII. Quellenverzeichnis

I. Einleitung

Der Haupttitel !Geklebte Interventionen aus Papier im urbanen Raum“ ist so gewählt, dass möglichst präzise die Erscheinungsform dieses Teilaspekts zum Ausdruck kommt und im Sinne der Worte als dessen Definition funktioniert. Dadurch ist von einem eigenen, wenn auch nicht unabhängigen Genre der Streetart zu sprechen. Dieses Genre umfasst die im Obertitel genannten Erscheinungsformen, die der Verortung dienen.

Ich habe mich für dieses Thema entschieden, da ich großes Interesse an Streetart im Allgemeinen habe. Seit der 2000er Wende ist das öffentliche Interesse an Streetart stetig gewachsen und es ist in den letzen Jahren einige Literatur, auch in deutscher Sprache, dazu erschienen, auf die ich mich teilweise in dieser Arbeit beziehen werde. Jedoch ist das Feld der Streetart sehr umfangreich. Daher habe ich mein Augenmerk auf jenen Teilbereich gelegt, der für mich von größtem Interesse ist - den des geklebten Papiers.

Die Fragestellung !Moderne Ausdrucksform politischen Protests?“ im Untertitel gibt darüber Auskunft, worauf die Arbeit inhaltlich abzielt. Diese Frage stellte sich mir, da mir bei meinen Recherchen sehr viele gesellschaftskritische, politisch motivierte Arbeiten auffielen. Im Alltag begegne ich jedoch überwiegend unpolitischen oder sogar vermeintlich inhaltslosen Werken im urbanen Raum.

Um dieser Frage nachzukommen wird im Hauptteil der Hausarbeit zunächst ein Einblick in die geschichtliche Verortung und die wesentlichen Einflüsse des Genres gegeben, um ihre kulturelle Relevanz hervor zu heben.

Danach werden die unterschiedlichen Erscheinungsformen kurz dargelegt, für eine genaue Eingrenzung und Kategorisierung der genrespezifischen Begriffe und Gattungen.

Anschließend hierzu werden einige wesentliche Akteure des Genres und exemplarische Arbeiten von ihnen vorgestellt um einen besseren Eindruck über die Ansätze, Wirkungsweisen, Erscheinungen und Relevanz des Themas zu geben. Um der Fragestellung, ob es sich um eine Form des modernen politischen Protests handelt nachzukommen, wird im darauf folgenden Abschnitt ein Einblick in die Soziologischen Aspekte und Motivationen der Akteure und des Genres gegeben. Abschließend werde ich im Fazit den Versuch unternehmen, begründet auf den Inhalten der Arbeit, mich einer Antwort anzunähern.

Anm.:

Auf Grund der besseren Lesbarkeit wird im Folgenden jede geschlechtliche Form mitgedacht.

II. Historische Entwicklung der Ursprünge

Dieser Abschnitt gibt einen Einblick in die, für das Genre der geklebten Interventionen aus Papier im urbanen Raum, wesentlichen geschichtlichen Wurzeln und Einflüsse.

A. Zur Geschichte des Plakats

Das Plakat ist laut Kai Artinger !ein Medium der Massenkommunikation zur Übermittlung von Ideen und Emotionen in Schrift und Bild mit dem Ziel, den Betrachter in einer bestimmten Weise zu überzeugen und in seinem Handeln zu beeinflussen“2.

Die ersten Vorläufer des Plakats finden sich schon in vorchristlicher Zeit. Das Wort selbst ist jüngeren Ursprungs. Erstmals tauchte es im 16. Jahrhundert in den Niederlanden auf, in der Zeit des niederländischen Befreiungskrieges gegen Spanien. Damals hatten die Holländer antispanische Flugblätter, Pamphlete und Einblattdrucke mit Klebstoff an Häuserwände und Mauern !geplackt“.

Die Geschichte des Plakats im öffentlichen Raum, wie wir es heute kennen, reicht allerdings nicht wesentlich weiter als in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Erst seit etwa 1830 entwickelten sich die technischen Voraussetzungen, wie günstige Druckverfahren und Papierherstellung, für das moderne Plakat. Neben jenen Neuerungen der günstigen Produktion, führte aber vor allem der durch gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen verschärfte Konkurrenzdruck dazu, dass es seit Beginn des 19. Jahrhunderts zu einer Masse an Plakaten kam, die an Hauswände und Mauern geklebt wurden.

Nicht zuletzt um sich von der Masse abzuheben, nahmen sich der Plakatherstellung vermehrt Künstler an. Sie lösten auf diesem Gebiet die Handwerker ab und formten das zeitgemäße, moderne Plakat. Zum Vorreiter dieser Entwicklung wurde Frankreich. Besonders durch Jules Chéret , der als Pionier des farbigen Bildplakats gilt, sowie dem Maler und Grafiker Henri de Toulouse-Lautrec.

Der Stellenwert des Plakats hat sich durch die Entwicklung von Massenmedien, wie Rundfunk, Fernsehen, Printmedien und Internet deutlich verändert. War es bis in die 1950er Jahre das Hauptwerbemedium, so ist es heute nur noch ein Werbemittel von vielen, was sich jedoch nicht reduzierend auf die Masse an Plakaten im öffentlichen Raum ausgewirkt hat.

B. Zur Geschichte der Streetart

Streetart ist vereinfacht gesagt die Weiterentwicklung von Graffiti. Es sind häufig massive, illegale, künstlerische Eingriffe in den öffentlichen Raum in bisher nicht da gewesenem Umfang. Streetart ist ein überwiegend westliches, sich global entwickelndes, transnationales3 Phänomen.4

Die Entstehung von Streetart ist zeitlich nicht genau einzuordnen. Daher wird im Allgemeinen die Entstehungsgeschichte des Graffitis herangezogen, in der die Streetart ihre Wurzeln hat.

Das Wort Graffiti bezog sich ursprünglich auf Jahrtausende alte Wandmalereien. Schon in vergangenen Hochkulturen verwendeten die Menschen Wände als Gestaltungsuntergrund für Schrift und Bild.

Das Graffiti unseres gegenwärtigen Sprachgebrauchs, als Vorbote der Streetart, hat seinen Ursprung allerdings 1968 in New York. Damals begannen Jugendliche mit Filzstiften ihre Tags5, in den von ihnen bewohnten Stadtteilen, so häufig wie möglich überall hin zu schreiben. Hier ist im Besonderen Taki 183 zu nennen. Er beschränkte sich als erster beim Taggen nicht mehr auf sein Viertel, sondern begann in ganz New York seinen Namen zu schreiben und löste eine regelrechte Flutwelle aus.

Das einfache Tag ging bald in der Masse unter und reichte daher im Kampf um Fame6 nicht mehr aus. In Folge dessen wurde vielen Writern die Qualität wichtiger als die Quantität. Dadurch entstand das so genannte Piece7. Die Formsprache (innerhalb der Szene wird von Styles8 gesprochen) sowie Symbole und Jargon der Gaffitisprayer entwickeln sich fortwährend.

In Frankreich tauchten im Zuge der Studentenrevolte im Mai 1968, also zeitgleich mit dem Graffiti in New York, politisch motivierte Schablonengraffitis und Plakate auf. Hierin liegt der Beginn einer sich in den 80er Jahren ausbreitenden Flut gesprühter Schablonen in Paris. Ebenfalls in den 80er Jahren schwappte die Graffiti-Welle durch Medien und Filme nach Europa.

Der Streetart liegt dasselbe Konzept wie dem Graffiti zugrunde: auf illegale Weise mit künstlerischen Mitteln in den urbanen Raum einzugreifen. Sie hat sich schließlich als Differenzqualität zum Graffiti entwickelt. Sowohl bei der Wahl des Materials als auch den Techniken sind dem Streetart-Akteur keine Grenzen gesetzt. Durch ihre differente Erscheinungsform tritt die Streetart aus der homogenen Masse des Graffitis hervor.

Auf der ganzen Welt waren Sprayer, Künstler, Polit- und Medienaktivisten, Architekten, Designer und weitere Kreative auf der Suche nach individuellen Ausdrucksformen und einer Möglichkeit der Interaktion mit dem urbanen Raum. In der Streetart fand diese heterogene Gruppe von Menschen ihren Platz.9 Sie veränderten die Graffiti-Szene maßgeblich und bereicherten sie durch neue kulturrelevante Einflüsse. Die Wichtigsten davon werden im folgenden Abschnitt kurz vorgestellt.

1. Kulturrelevante Einflüsse

1.1 Agitprop

Agitprop ist ein Kofferwort aus Agitation10 und Propaganda11. Es ist ein zentraler Begriff der politischen kommunistischen Werbung seit der Oktoberrevolution 1917. Medien des Agitprop waren damals Film, Theater und Plakate.

Die Plakate wurden meistens mittels Schablonen von Hand produziert und vervielfältigt. Hierbei wurden besonders figurative Motive für die politische Argumentation und Emotionalisierung benutzt. Diese Charakteristika sind ebenfalls in der Streetart vertreten.

1.2 DADA

!Was Dada ist, wissen nicht einmal die Dadaisten, sondern nur der Oberdada, und der sagt es niemandem.“12 So der selbst ernannte `Oberdada´ Johannes Baader. !Oder ist es gar nichts, d.h. alles?“13 Wie es in der zweiten Ausgabe der Zeitschrift !Der Dada“, im Dezember 1919 zu lesen war.

Es gibt sicherlich mindestens so viele Erklärungen darüber, was Dada heißt und ist, wie es Dadaisten gab. Die Zitate beschreiben Beispielhaft die Geisteshaltung dieser Bewegung. !Ihren Widerspruch formulierten sie in anarchischen, irrationalen, widersprüchlichen und sinnfreien Aktionen, Rezitationen und bildnerischen Werken.“14 Dada vereinte Kunst, Literatur, Musik, Politik und Philosophie.

Die Bewegung bildete sich als Reaktion auf den Ersten Weltkrieg. Die Dadaisten verstanden ihren Aktionismus als Revolte gegen die Kunst und das Wertesystem ihrer Zeit, mit dem Ziel unmittelbar etwas zu Verändern. Hinter der Bewegung stand keine feste Gruppe. Dada war undefiniert und somit offen für Anhänger und Sympathisanten. So gab es Dadaisten in Berlin, Hannover, Köln und Zürich, (diese Städte gelten als Centum der Bewegung) Paris, Barcelona und New York, so wie in Holland, Belgien, Italien, Kroatien, Rumänien, Polen, Ungarn, Russland und der Tschechoslowakei.15

[...]


1 Jan Gabbert: Street Art - Kommunikationsstrategie von Off-Kultur im urbanen Raum, Masterarbeit, Potsdam 2007, S.17.

2 Kai Artinger : Die Grundrechte im Spiegel des Plakats von 1919 bis 1999, Deutsches Historisches Museum, Berlin 2000, S.15.

3 Transnational, wird hier im Sinne des politikwissenschaftlichen Gebrauchs verwendet. Es bezeichnet die Tatsache, dass Beziehungen zwischen Angehörigen von Bevölkerungen verschiedener Staaten bestehen.

4 Vgl. Jan Gabbert: Street Art - Kommunikationsstrategie von Off-Kultur im urbanen Raum, Masterarbeit, Potsdam 2007, S.10.

5 Ein Tag ist das Pseudonym eines Writers, welches mittels Sprühdose oder Marker geschrieben wird. Ein Writer ist ein Graffitisprayer der sich ausschließlich mit Schriftbildern und Buchstaben ausdrückt.

6 Fame wird in der Szene im Sinne von Ruhm verwand und ist ein elementarer Bestandteil der Graffitibewegung. Umso bekannter ein Alias wird desto mehr Respekt erfährt der Writer innerhalb der Szene.

7 Das Piece (kurz für Masterpiece), ist ein in aufwendiges, meist mehrfarbig gesprühtes Schriftbild.

8 Der Style bezeichnet das Charakteristikum in den Bildern eines Writers. Einen guten, möglichst einzigartigen Style zu kreieren ist eins der höchsten Ziele des Selbigen.

9 Vgl. Kito Nedo: Galerie der Gegenwart, art Magazin, Ausgabe 6, Hamburg 2006, S. 52.

10 Politische Aufklärung/Werbung, abwertend: politische Aufrüttelung, Hetze.

11 Verbreitung von Ideologien, Werbung der Wirtschaft, Synonym für Meinungsmache.

12 Susanna Partsch: Die 101 wichtigsten Fragen - Moderne Kunst, C. H. Beck, München 2005, S.32.

13 Dietmar Elger: Dadaismus, Taschen Verlag, Köln 2004, S.6.

14 Ders., S.7.

15 Vgl. Partsch: Die 101 wichtigsten Fragen - Moderne Kunst, S.31-32.

Details

Seiten
32
Jahr
2011
ISBN (Buch)
9783656152958
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v190487
Institution / Hochschule
Hochschule für Künste Bremen
Note
Schlagworte
Streetart Paste Up Adbusting Sticker Street Art Cut Out´s SWOON Armsrock Shepard Fairey JR Influenza FTW-Crew Form des modernen Protests

Autor

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