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Thomas Müntzers theologische Rechtfertigung von Gewalt im Rahmen der Bauernkriege

Hausarbeit 2011 18 Seiten

Theologie - Systematische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

II: Abkürzungsverzeichnis

1. Hinführung zum Thema

2. Die Verkündigung des Glaubens als Aufgabe und Problem – Müntzers Kritik an der Kirche

3. Müntzer über die originäre Aufgabe der Fürsten

4. Das Verhältnis Müntzers zu Obrigkeit und Volk zur Allstedter Zeit

5. Müntzer zwischen Allstedt und dem Bauernkrieg

6. Müntzers Ansichten zur Anwendung von Gewalt im Bauernkrieg

7. Fazit

Anhang A: Literatur- und Quellenverzeichnis

II: Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Hinführung zum Thema

Als der Bauernkrieg am 15. Mai 1525 bei Frankenhausen in Thüringen auf eine seiner bedeutendsten Schlachten zusteuerte, war ein Theologe Anführer der Bauern im Kampf gegen die Fürsten. Ein tief religiöser Mensch an der Spitze einer Bewegung, welche auf eine neue Gesellschaftsordnung abzielt und bereit ist, diese mit Gewalt herbeizuführen? Wie passen jene zunächst scheinbar widersprüchlichen Forderungen zusammen, wenn man diese vor dem Hintergrund urchristlicher Werte in Form von Barmherzigkeit, Friedensstiftung und Sanftmut (Bergpredigt, z.B. Matthäus 5, 3-12) reflektiert? Für Thomas Müntzer, den Mann an der Spitze des Bauernhaufens, ergab sein Handeln Sinn. Doch um zu verstehen, warum Müntzer gegen die Fürsten in die Schlacht zog, muss man einige Schritte vorab ansetzen. Schließlich gab Müntzer sich nicht einer opportunistischen Bewegung hin, welche für ihn materielle Vorteile versprach. Vielmehr basieren seine Zielvorstellungen darauf, die richtigen Bedingungen zur Ausgestaltung des Gottesglaubens im damaligen Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation herzustellen. An dieser Ausgestaltung hatten die Fürsten im Weltbild Müntzers einen maßgeblichen Anteil. Daher erfolgt in dieser Ausarbeitung zunächst eine Darstellung zu den Aufgaben von Kirche und Fürstentum aus Müntzers Sicht. Auf dieser Basis lassen sich Obrigkeits- und Widerstandsvorstellungen Müntzers skizzieren, welche im weiteren Verlauf der Arbeit im Kontext des Bauernkrieges reflektiert werden. Zum Abschluss dieser Ausarbeitung wird ein Fazit der wesentlichen Elemente Müntzers Lehre gegeben.

2. Die Verkündigung des Glaubens als Aufgabe und Problem – Müntzers Kritik an der Kirche

Die erste Erklärung Müntzers gegenüber einer größeren Öffentlichkeit ist zweifellos das Prager Manifest, welches von ihm im November 1521 in Prag verfasst wurde. Innerhalb dieses Dokuments prangert der Reformator das Versagen der Kirche in der Verkündigung des Glaubens an. Er selbst habe seit seiner Jugend den allerhöchsten Fleiß aufgewandt, um den heiligen und unüberwindlichen Christenglauben im Kern verstehen zu können. Jedoch habe kein Mönch, Pfarrer oder Gelehrter ihm dieses Wissen vermitteln können.[1] Das Versagen der Geistlichen und Gelehrten stellt für Müntzer einen großen Fehler von katastrophalem Ausmaß dar: Die eigentliche Aufgabe der Kirchen, die Anleitung zum rechten Glauben, werde nicht erfüllt. Zudem sei kein Dialog mit jener Gesellschaftsschicht über Glaubensfragen möglich, da diese inhaltliche Diskurse scheut und „allezceyt wollen obenansitzen“.[2] In Folge dessen spricht Müntzer der den Geistlichen und Gelehrten die Legitimation ihres Amtes ab, denn sie haben die Stimmen Gottes nicht vernommen. Sein antiklerikaler Gedankengang gipfelt darin, dass die Geistlichkeit als Hindernis angesehen wird, welche zwischen Gott und dem Volk stehe.[3]

Für Müntzer ist Gotteserkenntnis nicht lehrbar. Stattdessen müsste jeder Einzelne einen inneren Leidensweg durchschreiten und im Rahmen mystischer Erkenntnis zum richtigen Gottesglauben kommen. Hier wendet sich Müntzer auch gegen Martin Luther und dessen sola scriptura, was Müntzer als Glaubensfiktion ablehnt.[4]

Obwohl Glauben nach Müntzers Meinung nur durch Erfahrung entstehen kann, ist es dennoch erforderlich den Menschen zu predigen. Auf diesem Weg soll den Menschen das Wort Gottes „in dye herczen“ gegeben werden, damit den Zuhörern in Aussicht gestellt wird, welche Erkenntnisse der Glauben für sie bereit hält.[5] Gottesdienst hat demnach die Aufgabe einen aktiven Aneignungs- bzw. Forschungsprozess anzustoßen und dem nach Gottes Wort dürstenden Volk Möglichkeiten zu geben, um zu geistigen Einsichten zu gelangen.

Müntzer wähnt sich einsam in einer von Scheinglauben gefangenen Christenheit, in welcher das lebendige Gotteswort nicht gelehrt und der Wunsch des gemeinen Mannes, den Glauben Gottes verstehen zu können, nicht erfüllt wird.[6] Schließlich hätten die Seelen der Menschen Unkenntnis von sich selbst und die Erkenntnis sei nicht dafür ausgebildet, dass man seine eigene Bestimmung verstehen könne.[7]

3. Müntzer über die originäre Aufgabe der Fürsten

Wenn dem Volk „Angebote“ in Form jener oben beschriebenen Gottesdienste nach Müntzers Vorstellung gemacht würden, so hätten nach seinen Ansicht die Regierenden die Verpflichtung das Angebot zu fördern. Keiner dürfe daran gehindert werden, zum rechten Glauben zu gelangen. Insbesondere dürften Fürsten den Geistlichen nicht behindern. Wie auch Luther verweist Müntzer hierzu als Begründung auf Röm 13. Martin Luther fokussiert dabei Vers 1, welcher besagt: „Jedermann sei Untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet.“[8] Damit kommt Luther zum Ergebnis, dass die feudalistische Ordnung des ausgehenden Spätmittelalters von Gott gewollt sei und somit nicht angezweifelt werden solle. Während dies Luther die Unterstützung der Obrigkeit sichert, welchen er zum Erfolg seiner Reformation benötigt, betont Müntzer hingegen Röm 13, 3 – 4: „Denn die Gewaltigen sind nicht den guten Werken, sondern den bösen zu fürchten. Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes, so wirst du Lob von ihr haben.“[9] Hier wird nicht die Pflicht des Untertans gegenüber der Obrigkeit beschrieben, sondern die Pflicht der Obrigkeit gegenüber den Untertanen. Trotz dieses entscheidenden Unterschiedes handelt es sich hier um kein negativ besetztes Über- und Unterordnungsverhältnis, welches Müntzer ablehnt oder gar verdammt. Grundsätzlich erkennt Müntzer eine Gesellschaftsordnung mit bestehenden Klassen damit an, denn einer Gesellschaftsschicht werden legitime Rechte und Pflichten gegenüber einer anderen zugemessen. Damit kann man bereits jetzt erkennen, dass Müntzers Anliegen sicherlich kein „Klassenkampf“ ist, wie ihn bsp. Friedrich Engels erkannt haben will.[10] Dem zustimmend fügt Wolgast hinzu, dass Müntzer den Fokus auf den Amtsethos der Fürsten lenke und den Untertanengehorsam der Wittenberger Dialektik nachrangig betrachtet.[11]

Aufgabe der Fürsten ist nach Ansicht Müntzers die Reinigung der Welt von allem Gottlosen. Sie sollen „die bösen, die das evangelion vorhindern, weckthun und absundern.“[12] Damit zeigen die Regierenden, dass sie sich zum christlichen Glauben bekennen und ihn entsprechend ihrer Funktion ausüben. Die zweite Aufgabe der Fürsten ist es, den Untertanen zu ermöglichen zum Glauben zu kommen. Bracht et al. bezeichnen diese Aufgabe auch als die „Errichtung des Reichs Gottes auf Erden“.[13] Tatsächlich wollte Müntzer, dass der Glauben des Herzens „auch zum Muster der Ordnung in der Welt“ würde. Diese Art der Ordnung herzustellen fällt in den Zuständigkeitsbereich der Fürsten.[14]

Man erkennt, dass für Müntzer das Zusammenwirken von Obrigkeit und Untertanen kein zentrales Thema ist. Es wird von der Frage abgeleitet, wie die Menschen zum richtigen Glauben kämen.[15] Die Funktion, die Müntzer den Fürsten hier zumisst, ist dennoch zweifellos anspruchsvoll und wichtig.

Herrscher, die sich nach Müntzers Vorstellung nicht konform im Bezug auf Römer 13, 3 – 4 verhalten, werden zu Tyrannen. Ihre Legitimation wird verwirkt, wenn sie dem Volk nicht zum rechten Glauben verhelfen wollen. Statt dem „gemeinen Mann“ Gottesfurcht beizubringen, regieren sie in dem Maße, dass diese Gottesfurcht von der Menschenfurcht verdrängt wird. Den Menschen wird die Möglichkeit genommen Gottes Wort zu vernehmen, da die Menschen ihre Wahrnehmung zu intensiv auf die Fürsten richten.[16] In Müntzers Logik ist diese Kausalkette katastrophal, denn Gotteserkenntnis und Glaube setzen für ihn Gottesfurcht voraus. Der Tyrann tritt im Bezug auf die Gehorsamkeitspflicht der Untertanen an die Stelle Gottes und verhindert den Glauben. Da die Obrigkeit in Folge dessen nichts gegen die Gottlosen unternimmt, fürchten an Stelle jener Gottlosen die Frommen hier die Obrigkeit fügt Wolgast hinzu.[17]

Sofern Tyrannen herrschen, ist das Volk nicht an Römer 13, 1 gebunden, da diese ihre Aufgaben nicht ordnungsgemäß erfüllen.[18] Die Bindung an den Willen der Regierenden seitens der Untertanen hängt folglich davon ab, ob diese ihr Amt in korrektem Maße ausüben.

[...]


[1] Vgl. MSB, 495, 10 - 12

[2] MSB, 510, 1 - 3

[3] Vgl. Goertz, 1978, S 35 f.

[4] Vgl. MSB 565, 15 f.

[5] MSB 492, 32 - 34

[6] Vgl. Mau, 1989, S. 31

[7] Zitiert nach Fauth, 1989, S. 40

[8] Text aus Röm 13, 1, Lutherbibel 1912

[9] a.a.O., Vers 3 und 4

[10] Vgl. Ebert, 1990, S. 123

[11] Vgl. Wolgast, 1989, S. 198

[12] Aus der Fürstenpredigt Müntzers, zitiert nach Schwarz, 1977 , S. 71

[13] Bracht, et al., 2007, S. 256

[14] Vgl. Grane, 1975, S. 100

[15] Vgl. Wolgast, 1989, S. 196

[16] Vgl. Schwarz, 1977 , S. 88

[17] Vgl. Wolgast, 1989, S. 198

[18] ebd.

Details

Seiten
18
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656150329
ISBN (Buch)
9783656149866
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v190471
Institution / Hochschule
Universität Kassel – Institut für evangelische Theologie
Note
1,3
Schlagworte
Reformation; Bauernkriege; Thomas Müntzer; Müntzer; Gewalt; Theologische Rechtfertigung
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Titel: Thomas Müntzers theologische Rechtfertigung von Gewalt im Rahmen der Bauernkriege