Lade Inhalt...

Evangelische Kirche und Nationalsozialismus

Positionen und Interdependenzen bis 1933 mit besonderer Berücksichtigung der Glaubensbewegung Deutsche Christen

Hausarbeit 2011 26 Seiten

Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Hinführung zum Thema

2. Situation der evangelischen Kirche in der Weimarer Republik

3. Nationalsozialistische Religionspolitik

4. Die Entwicklung der Glaubensbewegung Deutsche Christen bis ins Jahr 1933
4.1 Die Richtlinien der Deutschen Christen von 1932
4.2 Aufstieg und Fall der Deutschen Christen

5. Beurteilung der Ereignisse und Fazit

Anhang A: Literatur- und Quellenverzeichnis I

Anhang B: Richtlinien der Glaubensbewegung Deutsche Christen von 1932 V

1. Einleitung und Hinführung zum Thema

Die Fragestellung der zu ordnenden Verhältnisse zwischen Staat bzw. Politik und Kirche ist in historischen Debatten oft thematisiert worden. Ob sich Vertreter der Institutionen auf Augenhöhe gegenübertreten oder ob ein Über- bzw. Unterordnungsverhältnis gegeben ist, war bereits intensiv im mittelalterlichen Investiturstreit ausgefochten worden. In Deutschland stellt sich diese Frage in Zeiten der Weimarer Republik und dem darauf folgenden „Dritten Reich“ erneut. Diese Ausarbeitung thematisiert das Zusammentreffen einer nationalsozialistischen Weltanschauung mit dem deutschen Protestantismus in einer Phase, in welcher Ersterer noch keine feste Machtbasis besitzt und die evangelische Kirche, in Landeskirchen zersplittert, die Auswirkungen von Weltkrieg und Absetzung des Kaisertums im Rahmen des Versailler Vertrags aufarbeitet. Zu diskutieren wäre, inwiefern die evangelische Kirche agiert oder reagiert hat, sowie welche Impulse von welcher Seite ausgingen. Diese Prozessbetrachtung erfolgt im Wesentlichen aus einer Makroperspektive heraus. Sobald die Situation umrissen wurde, wandert der Fokus dieser Arbeit auf die Glaubensbewegung Deutsche Christen, welche völkische Interessen und „artgemäßes Christentum“ in sich vereinigen wollte. Um zu verstehen, wie eine solche Organisation gegen Ende der Weimarer Republik sowie zu Beginn nationalsozialistischer Herrschaft aufsteigen konnte um ab 1934 wieder in Bedeutungslosigkeit zu verschwinden, ist es zweifellos erforderlich den im ersten Teil der Ausarbeitung umrissenen soziokulturellen Rahmen zu kennen. Dies soll dabei helfen zu klären, inwiefern bereits vor 1933 abzusehen war, dass die Glaubensbewegung Deutsche Christen im weiteren geschichtlichen Verlauf stark an Bedeutung verliert. Waren die Deutschen Christen bewusst lediglich nur so lange in der Gunst Hitlers bis diese nicht mehr benötigt wurde oder richtete man sich, z.B. mit einem dilettantischen Reichsbischof Müller, später selbst zugrunde, sodass die Nationalsozialisten sich distanzieren mussten? Inwieweit war der Niedergang der Deutschen Christen bereits vor der Machtergreifung der NSDAP wahrscheinlich? Hierzu sollen als Schwerpunkt dieser Betrachtung die Richtlinien der Deutschen Christen, auf deren Basis eine zukünftige Programmatik dieser Bewegung analysiert werden kann, diskutiert werden. Daraufhin soll skizziert werden, inwiefern Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede zu einer Religionspolitik der NSDAP vorliegen. Abschließend wird eine Beurteilung der Geschehnisse vorgenommen und ein Fazit gegeben.

2. Situation der evangelischen Kirche in der Weimarer Republik

Der deutsche Protestantismus ist seit jeher eine außenordentlich plurale Größe, was sich in der Zersplitterung in 28 Landeskirchen lutherischer, unierter und reformatorischer Ausrichtung, die in einem lockeren Bund zusammengefügt sind, zeigt. Deshalb wird man nicht umhin kommen dieser Organisation eine gewisse Meinungsvielfalt, theologisch als auch (kirchen-)politisch, zu attestieren.[1] Im Großen und Ganzen wird man innerhalb des Protestantismus jedoch eine Mehrheit erkennen, welche sich mit dem wilhelminischen Kaisertum verbunden fühlte. Überwiegend identifizierte man sich mit der nationalistischen Politik des Deutschen Reiches, was ebenso deren Kriegspolitik[2] sowie den Optimismus zum Weltkrieg beinhaltete. Deshalb wurden in der politisch konservativen, patriotischen und patriarchalischen Geistlichkeit die Alleinschuld am Ersten Weltkrieg sowie die Auflagen des Versailler Vertrags zunehmend als Demütigung empfunden.[3] Da man auch die Demokratie für eine „verlorene Sache“ hielt, trat man teilweise für eine strikt autoritäre Staatsführung ein. Als Beispiel hierfür kann das Altonaer Bekenntnis vom 11. Januar 1933 gelten.[4]

Rechtlich wurde mit Art. 137 der Weimarer Verfassung die Trennung von Staat und Kirche manifestiert und damit die über Jahrhunderte bestehende Verbindung von Thron und Altar, gemäß van Norden ein Teil des „Wesens“ des Protestantismus, aufgehoben.[5] Die Kirchen waren Körperschaft öffentlichen Rechts mit der Legitimation Kirchensteuern zu erheben. Darin enthalten ist ein Recht zur Selbstverwaltung hinsichtlich Verwaltung und Bekenntnis. Während Baumgärtner diese dem Protestantismus neue Umwelt als feindlich entgegentretende Republik beschreibt[6], meint Conway, dass die neuen Vorzüge der Autonomie nicht wahrgenommen worden wären.[7]

Die oben beschriebenen Gedankengänge mündeten zwangsläufig darin, dass völkisches Gedankengut innerhalb des Protestantismus auf breite Zustimmung stieß, weshalb die NSDAP aus diesen Reihen auch eine „starke Anhängerschaft“ gewann.[8] Bereits 1921 hatte sich hierzu unter Friedrich Andersen und Kurd Niedlich der „Bund für Deutsche Kirche“ konstituiert, innerhalb dessen man sich für ein christliches Evangelium deutscher Ausprägung einsetzte. Für die Anhänger dieser Ideologie bedeutete dies, dass man die Bibel von seinem jüdischen Hintergrund reinigen sowie das Alte Testament entkanonisieren[9] sollte, denn man sah im „internationalen Judentum und seiner Weltverschwörung (…) die Wurzel aller Entartungserscheinungen und Bedrohungen des Deutschen Volkes.“[10] Jesus Christus wurde als Kämpfer nordischen Geschlechts proklamiert, der als Held geboren und gestorben sei.[11]

Nochmals radikaler stelle sich die 1927 gegründete Kirchenbewegung Deutsche Christen dar, welche unter der Führung der thüringischen Pastoren Siegfried Leffler und Julius Leutheuser auf eine „völlig neue Interpretation des Christentums“ in Form der Offenbarung in Person Adolf Hitlers abzielte.[12] In ihrer bedenkenlosen Hingabe an den Nationalsozialismus wähnten sie sich als geistliche Führer im Kreuzzug für „Deutschlands Wiedergeburt“.[13] Diese Initiative bildete ab 1927 zunächst einen Pfarrer- und Lehrerkreis, welcher sich als „Lebens- und Kampfgemeinschaft“ verstand.[14] Die politische Identifikation mit der NS-Weltanschauung wurde ab 1930 offiziell unterstrichen, da man sich fortan, nach Gründung einer NSDAP-Ortsgruppe, als „Nationalsozialistischer Pfarrer- und Lehrerkreis“ traf. Dabei wurde immer wieder Art. 24 des NSDAP-Parteiprogramms hervorgehoben, in welchem ein „positives Christentum“ mit völkisch-nationalen Bestandteilen verbunden war (vgl. Kap. 3). Man wollte eine überkonfessionelle deutsche Nationalkirche schaffen und interpretierte hierzu die Trinitätslehre in Gott, Führer und Volk um.[15] Bei den Kirchenwahlen 1931 trat die Bewegung unter dem Namen „Kirchenbewegung Deutsche Christen“ erstmals öffentlichkeitswirksam kirchenpolitisch hervor.

Diese exemplarisch herausgegriffenen Initiativen am rechten Rand des politischen Spektrums mündete 1932 in die Gründung der Glaubensbewegung Deutsche Christen, welche im weiteren Verlauf der Arbeit thematisiert wird.[16]

3. Nationalsozialistische Religionspolitik

Zu Beginn kann festgestellt werden, dass Hitlers Äußerungen zahlreiche religiöse Motive enthalten. So stilisiert Hitler beispielsweise die Bekämpfung der Juden zum „Werk für den Herrn“.[17] Diskussionen, ob Hitler Glaubenswahrheiten nachgegangen sei oder nicht, sollen nachfolgend jedoch nicht vertieft werden.[18] Vielmehr sollen politisch-motivierte Handlungen von Nationalsozialisten mit Wirkung auf den Protestantismus, bzw. die Wechselwirkungen zwischen diesen Organisationen, hier folgend erörtert werden.

Jene Handlungen und Auseinandersetzungen müssen vor allem berücksichtigen, dass sich der Nationalsozialismus als Weltanschauung versteht. Systematisch nimmt eine nationalsozialistische Politik gegenüber christlichen Religionsgemeinschaften daher eine untergeordnete Stellung ein, da sie aus Oberzielen deduziert wird. Diese setzen sich u.a. aus Antibolschewismus, Antisemitismus sowie dem Kampf gegen den Versailler Vertrag zusammen. In Folge dessen kann man religionspolitischen Handlungen einen taktischen Charakter zubilligen, denn schließlich soll das Erreichen religionspolitischer Zwischenziele den Oberzielen dienlich sein.

Insofern muss man erkennen, dass Hitler jede Position einnahm, die der Erreichung seiner augenblicklichen politischen Zielsetzung diente.[19] So war es wichtig, dass Hitler in der Phase seines Aufstiegs keinen Anstoß bei den Mitgliedern der christlichen Kirche fand, sondern vielmehr den Glauben für sich zu nutzen wusste. Hitler musste den Kirchen folglich einen „sicheren Platz“ im Staat einräumen, wenn er sie für sich gewinnen wollte. Diese Taktik wird bereits nach seinem gescheiterten Staatsstreich im Jahr 1923 deutlich, in Folge dessen er gegenüber seinem Mitstreiter General Erich Ludendorff erklärt, warum er das Christentum nicht bekämpft, sondern sich scheinbar loyal verhält: „ (…) aber Euere Exzellenz können es sich leisten ihren Gegnern vorher anzukündigen, dass Sie sie totschlagen wollen. Ich aber brauche für den Aufbau einer großen politischen Bewegung die Katholiken Bayerns ebenso wie die Protestanten Preußens. Das andere kommt später!“[20] Aus dem Grund formulierte Hitler den § 24 des NSDAP-Parteiprogrammes (1920), welcher das Verhältnis zu Religionsgemeinschaften thematisiert, bewusst vage:

Wir fordern die Freiheit aller religiösen Bekenntnisse im Staat, soweit sie nicht dessen Bestand gefährden oder gegen das Sittlichkeits- und Moralgefühl der germanischen Rasse verstoßen. Die Partei als solche vertritt den Standpunkt eines positiven Christentums, ohne sich konfessionell an ein bestimmtes Bekenntnis zu binden. Sie bekämpft den jüdisch-materialistischen Geist in und außer uns und ist überzeugt, daß eine dauernde Genesung unseres Volkes nur erfolgen kann von innen heraus auf der Grundlage: Gemeinnutz vor Eigennutz.

Passagen dieser Norm beginnen stets mit positiven Aussagen und können gleichzeitig als „recht unspezifisch“ bezeichnet werden, da man keinen Anstoß erregen wollte.[21] Die Freiheit der religiösen Bekenntnisse wird zwar versichert, jedoch mit zwei Einschränkungen versehen. Was den Bestand des Staates gefährdet bzw. gegen das beschriebene Sittlichkeits- und Moralgefühl verstößt, vermochte weder das Programm selbst zu klären, noch wollte Hitler dazu Stellung nehmen. Auch lässt sich dem Begriff eines „positiven Christentums“ nichts Wesentliches entnehmen, das zur Beurteilung der nationalsozialistischen Bewegung hinsichtlich deren Kirchenpolitik dienen kann. Insofern müssten weitere Quellen herangezogen werden, wobei Hitlers „Mein Kampf“ wegen seines Umfangs „so wenig gelesen wurde, dass er de facto“ hierfür keine Rolle gespielt hat.[22]

Zunächst wurde das Programm der NSDAP aufgrund deren mangelnden politischen Bedeutung kaum zur Kenntnis genommen. Erst ab 1930, als die NSDAP politische Erfolge verzeichnete und aus der Versenkung einer Splitterpartei hervortrat, war man dazu gezwungen sich näher mit dieser Norm auseinanderzusetzen. Die einzig tatsächlich kritische Auseinandersetzung findet sich lediglich bei Herrmann Sasse, welche dieser im kirchlichen Jahrbuch für das Jahr 1932 niederschrieb.[23] Protestanten des rechtskonservativen Spektrums genügte es offenbar aufgrund eines Bekenntnisses zum „positiven Christentum“ eine Kirchenfreundlichkeit der Partei anzunehmen.[24] Sasses Kritik verhallte ohne nennenswerte Auswirkungen, was sich daran zeigte, dass er während der NS-Diktatur trotz seiner systemkritischen Haltung eine Professur für Theologie an der Universität Erlangen inne hatte.

Auch in der Folgezeit verstand es Hitler mit seiner Ideologie nicht bei den beiden Kirchen anzuecken. So wurde der Gauleiter von Thüringen Artur Dinter 1927 von Hitler abgesetzt, da dieser eine radikale Reinigung der christlichen Religion von jüdischen Elementen forderte und das Alte Testament abschaffen wollte.[25] Nachdem Dinter sich in der Folge mit Hitler anlegte, wurde er von diesem 1928 auch aus der NSDAP ausgeschlossen.

Ähnlich kann man Hitlers Reaktion auf das Gründungsvorhaben von Wilhelm Kube im Jahr 1932 beurteilen, welcher eine Bewegung namens Evangelische Nationalsozialisten gründen wollte. Wegen der Ansicht Hitlers, dass der Begriff Nationalsozialisten nicht mit einer bestimmten Konfession in Verbindung gebracht werden solle wodurch gleichzeitig eine Zurückweisung anderer Konfessionen einher ginge, wurde diese Bewegung schließlich als Glaubensbewegung Deutsche Christen gegründet (vgl. Kap. 4).

Stattdessen tarnte Hitler sein Vorgehen als „antikommunistischen Kreuzzug“, welcher der Geistlichkeit suggerieren sollte, dass durch diese Bemühungen das Christentum gestärkt bzw. geschützt werde und diese der NSDAP zur Seite stehen müssten. Dies sei nötig um gegen den internationalen Kommunismus vorgehen zu können.[26] So gab das Kabinett Hitler nach der Machtübernahme am 31.01.1933 bekannt: „Sie (Anm.: Die Regierung) wird das Christentum als Basis unserer gesamten Moral, die Familie als Keimzelle unseres Volks- und Staatskörpers in ihren festen Schutz nehmen.“[27]

Das diese Passage lediglich Fassade war, zeigt das konträre Bekenntnis gegen das Christentum von Hitler, welches dieser, vermutlich ebenfalls in diesen Tagen, gegenüber Herrmann Rausching abgab. Dieser hat Hitlers Erklärungen, ohne Datumsangabe, dokumentiert.

„Mit den Konfessionen, ob nun diese oder jene: das ist alles gleich. Das hat keine Zukunft mehr. Für die Deutschen jedenfalls nicht. Der Faschismus mag in Gottes Namen einen Frieden mit der Kirche machen. Ich werde das auch tun. Warum nicht? Das wird mich nicht abhalten, mit Stumpf und Stiel, mit allen seinen Wurzeln und Fasern das Christentum in Deutschland auszurotten (...). Für unser Volk aber ist es entscheidend, ob sie den jüdischen Christenglauben und seine weichliche Mitleidsmoral haben oder einen starken, heldenhaften Glauben an Gott in der Natur, an Gott im eigenen Volke, an Gott im eigenen Schicksal, im eigenen Blute (…). Eine deutsche Kirche, ein deutsches Christentum, ist Krampf. Man ist entweder Christ oder Deutscher. Beides kann man nicht sein (…).“[28]

In diesem Zitat unterstreicht Hitler seine opportunistische Haltung gegenüber dem Christentum, wobei er hauptsächlich darauf abzielt eines seiner Oberziele, die „Lösung“ der Judenfrage, zu verwirklichen. Auch deutschchristliche Bewegungen lehnt er entschieden ab und verdeutlicht, dass nicht Konfession für ihn entscheidend ist, sondern Rasse. Es zeigt, dass Hitler mit seiner NS-Ideologie das Christentum ersetzen wollte.

4. Die Entwicklung der Glaubensbewegung Deutsche Christen bis ins Jahr 1933

Wie in Kap. 3 beschrieben war es Wilhelm Kube, von 1928 bis 1933 Vorsitzender der NSDAP-Fraktion im preußischen Landtag, der zusammen mit Joachim Hossenfelder, damals Pfarrer, und Friedrich Wienecke, ebenfalls Pfarrer, die Glaubensbewegung Deutsche Christen gründete. Als solche wird sie bisweilen auch als „Exponent der NSDAP in der evangelischen Kirche“ bezeichnet, was die unmittelbare Nähe zum Nationalsozialismus und Identifikation mit dessen Weltanschauung unterstreicht.[29] Diese Gruppierung trat ab Juni 1932, nun mit jenem Hossenfelder als „Reichsleiter“ öffentlich auf. Hierzu gab man sich Richtlinien, welche nachfolgend analysiert werden sollen. Diese wurden von Joachim Hossenfelder formuliert und bildeten die Grundlage für die preußischen Kirchenwahlen des Jahres 1932. Im Anschluss wird die Entwicklung der Deutschen Christen bis ins Jahr 1933 weiter dargestellt.

4.1 Die Richtlinien der Deutschen Christen von 1932

Die Richtlinien der Deutschen Christen mögen zwar auf ein konkretes Wahlereignis hin verfasst sein, enthalten jedoch als konstituierendes Dokument, mit dem man erstmals öffentlich auftrat, grundsätzliche Aussagen zur Identität dieser Strömung, anhand welcher sich elementare Forderungen, Ziele und Werte analysieren lassen. Wohl anerkennend, dass zahlreiche Opportunisten und sonstige Mitglieder dieser Bewegung angehörten, die dessen Wertevorstellungen nicht in der Form teilten, wie man an der Empörung vieler Mitglieder in Reaktion auf den Sportpalastskandal entnehmen kann, so wird man diesen Richtlinien dennoch zubilligen müssen, dass sie grundsätzliche Ansichten der Führungsriege dieser Bewegung widerspiegeln.[30] Insofern beschreiben sie das Wesen der Deutschen Christen in Form von zehn Leitsätzen.

In Punkt eins betonen die Verfasser, dass sie sich an alle Deutschen richten und keine Splittergruppe sein wollen. Sie möchten ein Programm beschreiben, dass dabei helfen soll die Kirche neu zu ordnen. Statt sich einem Bekenntnis zuzuordnen, betont man den Praxisbezug dieser Richtlinien, welche ein „Lebensbekenntnis“ seien. Glaube und Leben sollen demnach miteinander verknüpft werden. Mit der Nicht-Bindung an ein Bekenntnis trägt man wohl der Tatsache Rechnung, dass die 29 evangelischen Landeskirchen Deutschlands unterschiedliche Bekenntnisse vertreten. Eine Bindung an ein einzelnes Bekenntnis würde die Bildung einer Reichskirche erschweren.

Die Bildung jener Reichskirche wird im nachfolgenden Leitsatz gefordert. Sie soll dem Bild einer machtvollen Großkirche nahe kommen. Als Reichskirche wird eine enge Verbindung von Staat und Kirche verstanden. In einer gemäßigteren aber auch naiven Interpretation könnte hiermit der Wunsch gemeint sein, dass die Trennung von Staat und Kirche aufgehoben und die Verhältnisse des Deutschen Kaiserreiches wiederhergestellt werden. Wahrscheinlicher ist jedoch eine intendierte Gleichschaltungspolitik zwischen Staat und Kirche, welche die Deutschen Christen zwar nie offiziell unterstützten, jedoch auch eine Kirche als „Staat im Staat“ ablehnten.[31] Darüber hinaus wird ein gewaltbereiter und aggressiver Hintergrund der Bewegung durch das Verb „kämpfen“ sowie das versinnbildlichte Marschieren in einer größeren Gruppe von Menschen verdeutlicht.

[...]


[1] Vgl. Van Norden, 1979, S. 9

[2] Vgl. Strohm, 2011, S. 10

[3] Vgl. Conway, 1969, S. 32

[4] Vertiefend bsp. Reese, 1974, S. 141 ff.

[5] Vgl. Vgl. Van Norden, 1979, S. 10

[6] Vgl. Baumgärtner, 1977, S. 200

[7] Vgl. Conway, 1969, S. 34

[8] Conway, 1969, S. 33

[9] Vgl. Buchheim, 1953, S. 45 f.

[10] Auszug aus der Satzung des Bund für Deutsche Kirche von 1924, abgedruckt bei Kühl-Freudenstein, 2003, S. 27

[11] Vgl. Kühl-Freudenstein, 2003, S. 33

[12] Conway, 1969, S. 34

[13] a.a.O., S. 36

[14] Vgl. Böhm, 2008, S. 63

[15] Strohm, 2011, S. 14

[16] Weiterhin ließen sich die Christlich-deutsche Bewegung um Walter Wilm (1930) sowie die gescheiterte Gründung des NS-Pfarrerbundes von Wilhelm Kube (1928) nennen, welche aus Platzgründen nicht ausführlicher diskutiert werden können.

[17] Hitler, 1933a, S. 70

[18] Weiterführend Kaiser, 2003, S. 13 ff.

[19] Vgl. Conway, 1969, S. 29

[20] Wright, 1977, S. 128

[21] Siegele-Wenschwitz, 1977, S. 14

[22] a.a.O., S. 14

[23] Weiterführend Beckmann, 1948, S. 2 ff.

[24] Vgl. Kaiser, 2003, S. 12

[25] Vgl. Jünger, 2001, S. 761

[26] Vgl. Conway, 1969, S. 38

[27] Hitler, 1933b

[28] Zitiert nach Ilsar, 2006

[29] Vgl. Bracher, et al., 1962, S. 330

[30] In Reaktion auf den Sportpalastskandal (1933) traten auch einige hochrangige Mitglieder der Deutschen Christen aus, vgl. Faber, 1998.

[31] Vgl. Maihold, 2008, S. 17

Details

Seiten
26
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656150336
ISBN (Buch)
9783656149965
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v190470
Institution / Hochschule
Universität Kassel – Institut für evangelische Theologie
Note
3,0
Schlagworte
Deutsche Christen; Nationalsozialismus; Drittes Reich; Protestantismus; Evangelische Kirche; Verhältnis Staat und Kirche; Staat und Kirche
Zurück

Titel: Evangelische Kirche und Nationalsozialismus