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Sprachkritische Betrachtungen von Freuds 'Das Unbehagen in der Kultur'

Seminararbeit 2010 17 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Einleitung

2. Dekonstruktion – Die Grundrelationen des Textes

3. Rekonstruktion – Die Entwicklung der Konzeption

4. Exkurs – Ausflug in Beweggründe und Einflüsse

5. Kritik – Sprachkritische Betrachtung

6. Resümee

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mit Freuds Essay Das Unbehagen in der Kultur trat ein Ereignis zu Tage, in dem sich Kultur gewissermaßen selbst betrachtet. Nun ist dies nicht erwähnenswert, wäre die Perspektive, die eröffnet wird, nicht eine außerordentliche. Üblicherweise waren derartige Ausführungen eine philosophische Angelegenheit und mit Freud verschob sich der Fokus erheblich. Erwartungsgemäß versuchte er die Psychoanalyse auf die Kultur zu entfalten und rückte dementsprechend das Subjekt, in dem sich Kultur ja formiert, und dessen Psyche ins Zentrum der Betrachtungen. Angesichts der Unausgereiftheit der Psychoanalyse, die beständig Thesen produzierte, deren Belegung noch auf sich warten ließ, war das eine spekulative wie spannende Sache. Freud[1] widmete sich vorrangig dem Zusammenhang von Glück und Kultur, immer im Wechselspiel mit den Lehren und Erkenntnissen der Psychoanalyse.

Die folgenden Untersuchungen wenden sich der These zu, dass Freuds Ausführungen an einem sprachlichen Problem kranken, das, in gütiger Absicht, den Erkenntnisgewinn des Gesamten kaum einschränkt. Konkret meint das die Begrifflichkeiten Trieb, Es, Ich und Über-Ich, die sich als angenehm vielseitig erweisen, jedoch nur ein beträchtlich ungenaues Verständnis von Realität vermitteln können.

Im ersten Teil der Arbeit soll der Text in seine Grundannahmen und -relationen zerlegt werden. Im zweiten soll dann nachvollzogen werden, wie Freud sein Verständnis von Kultur daraus entwickelt.

Danach wird der Versuch unternommen, Freud selbst soweit zu beleuchten, dass die Kritik, die folgt, würdigend verstanden werden kann. In dieser Kritik werden die sprachlichen Grundlagen des Textes untersucht. Ich beschränke mich bewusst auf sprachliche Unstimmigkeiten, da Freuds Werk insgesamt ein differenziertes Verständnis von der menschlichen Psyche aufweist, allerdings die Schwierigkeit birgt, dieses auch angemessen zu vermitteln. Da die umstrittenen Gedanken des Textes schon zur Genüge Kritik erfahren haben, sollen vor allem die noch immer fruchtbaren Ideen des Textes Beachtung finden und ihre sprachlichen Probleme entlarvt werden.

2. Dekonstruktion – Die Grundrelationen des Textes

„[…] »Kultur« [ist] die ganze Summe der Leistungen und Einrichtungen […], in denen sich unser Leben von dem unserer tierischen Ahnen entfernt und die zwei Zwecken dienen: dem Schutz des Menschen gegen die Natur und der Regelung der Beziehungen der Menschen untereinander.“[2]

Damit greift Freud einen Antagonismus auf, der in der Geistesgeschichte eine lange Tradition hat – Kultur gegen Natur. Nun sind die Grenzen dabei nicht klar zu ziehen, doch als Gedankengerüst verspricht diese Vorstellung ertragreich zu sein. Zudem bedient sich Freud einer hedonistischen Anthropologie. Der Mensch richte sein Leben nach Glück aus und erstrebe „[…] einerseits die Abwesenheit von Schmerz und Unlust, anderseits das Erleben starker Lustgefühle. Im engeren Wortsinne wird »Glück« nur auf das letztere bezogen.“[3] Nun sei der menschliche Organismus so konstituiert, dass dieses Lustprinzip zwar seinen Lebenszweck beherrscht, zugleich aber mit der Innenwelt und Außenwelt im Konflikt zu stehen scheint und eigentlich nur der Kontrast der Lustgefühle intensiv zu genießen ist.[4]

Diese Konzeption synthetisiert er mit seiner Persönlichkeits- und Triebtheorie. Einmal verknappt dargestellt, konzipiert sich die Psyche des Menschen aus drei wesentlichen (dynamischen) Instanzen. Freud nennt sie Es, Ich und Über-Ich. Das Es umfasst Triebe, Wünsche und Bedürfnisse, die alle nach dem Lustprinzip, d.h. nach sofortiger Befriedigung strebend, funktionieren und es kommt damit der Natur am nächsten. Das Über-Ich beinhaltet Norm- und Wertvorstellungen, die durch Gesellschaft, also Sozialisation insbesondere Erziehung, geprägt werden. Diese Instanz funktioniert nach dem Moralitätsprinzip, d.h. es wird versucht die Normen in Übereinstimmung mit psychischen Prozessen zu bringen. Damit ist das Über-Ich der Vorstellung von Kultur am verbundensten. Das Ich vermittelt zwischen den anderen und versucht dabei möglichst beiden gerecht zu werden. Diese Vermittlungsweise beschreibt Freud mit dem Realitätsprinzip. Die Reize der Umwelt auf das Es und die Einflüsse auf das Über-Ich, beantwortet das Ich demnach durch Reaktionen. Das Es stellt beständig Forderungen und ist dem Unbewussten zuzuordnen, wohingegen das Über-Ich strafend und kontrollierend agiert. Es ist weitgehend mit dem Gewissen zu vergleichen. Ich und Über-Ich sind damit vorwiegend bewusst.

Zum Zeitpunkt des Erscheinens von Das Unbehagen in der Kultur sah die mehrfach überarbeitete Triebtheorie grob so aus: Freud unterscheidet grundlegend zwischen Lebenstrieb (Eros) und Todestrieb (Thanatos). Der Eros ist der Trieb zur Vereinigung, der sich zum Beispiel in Sexualtrieben und Selbsterhaltungstrieben äußert, und der Thanatos sein Gegenspieler, der Trieb zur Zerstörung und Zersetzung, der unter anderem den Aggressionstrieb umfasst. Auch hier gilt wieder, dass beide nicht starr voneinander zu trennen sind, sich sogar zwingend ständig bedingen.[5][6] Die Triebe sind im Persönlichkeitsmodell dem Es zuzuordnen.

Diese Darstellung wird in ihrer Kürze der wesentlich komplexeren Theorie nach Freud nicht gerecht und ist ohne Beispiele auch noch sehr leer, soll jedoch für die weiteren Ausführungen genügen.

3. Rekonstruktion – Die Entwicklung der Konzeption

Der Definition von Kultur folgend, beschreibt Freud die Entwicklung dergleichen als einen Prozess, der sich, einmal in Gang gesetzt, zunehmend aus sich selbst entfaltet. Dabei lehnt Freud implizit jeglichen Fortschrittsgedanken ab. Ein Beispiel soll diese Überlegung erläutern:

„Gäbe es keine Eisenbahn, die die Entfernungen überwindet, so hätte das Kind die Vaterstadt nie verlassen, man brauchte kein Telephon, um seine Stimme zu hören. […] Was nützt uns die Einschränkung der Kindersterblichkeit, wenn gerade sie uns die äußerste Zurückhaltung in der Kinderzeugung aufnötigt, so daß wir im ganzen doch nicht mehr Kinder aufziehen als in Zeiten vor der Herrschaft der Hygiene, dabei aber unser Sexualleben in der Ehe unter schwierige Bedingungen gebracht und wahrscheinlich der wohltätigen, natürlichen Auslese entgegengearbeitet haben?“[7]

Freud interpretiert Kulturentwicklung also als Verschiebungsprozess. Dabei wird der Mensch durch Wissenschaft und Technik hin zu seinen Idealvorstellungen vervollkommnet und der Radius seiner Möglichkeiten erweitert. Diese Kulturerrungenschaften gehen immer einher mit Werten, und eben Idealen (einem Konglomerat aus Werten, wenn man so will). D.h. Innen und Außen stehen in direkter Verbindung.

Das Prinzip und das Ziel kultureller Betätigung erklären sich durch Nutzenzuwachs. Die menschliche Triebfeder ist dabei der Lustgewinn. Selbst die Regelung menschlichen Zusammenlebens ist damit erfasst. Für die Entwicklung des Einzelindividuums in Kultur, dessen ökonomische Lebensaufgabe die Befriedigung von Triebanlagen ist, bedeutet das Anpassung. Diese geschieht im Wesentlichen durch drei Vorgänge. Triebe werden umgeformt und zu Charaktereigenschaften verfestigt. Außerdem werden Triebziele sublimiert, also verfeinert und auf die kulturellen Möglichkeiten der Zeit zugeschnitten. Dabei werden die Bedingungen der Triebbefriedigung verschoben und verteilt. Aus diesem Prozess ergibt sich die besondere Bedeutung wissenschaftlicher, künstlerischer und ideologischer Aktivitäten. Zuletzt die Triebunterdrückung, die wichtigste Form der Anpassung, ermöglicht überhaupt erst soziale Beziehungen.[8]

Der vorangehende Absatz stellt ein Exzerpt der Voraussetzungen von Kulturentfaltung dar. Nun sind die meisten dieser Gedanken weder neu noch innovativ angeordnet. Der Begriff Trieb und die ausführliche Weise mit ihm zu operieren bezeichnet zwar den psychoanalytischen Einfluss, doch gerade dieser Begriff zeigt sich als problematisch, sobald man ihn zu hinterfragen beginnt. Dies wird jedoch an anderer Stelle erörtert.

Das nächste Kapitel von Freuds Aufsatz könnte man die psychologische Rekonstruktion von Kulturgeschichte nennen. Es gestaltet sich schon wesentlich neuartiger und offenbart die Einflüsse der Psychoanalyse in vollem Ausmaß und ist fast in gleicher Tragweite umstritten bzw. widerlegt oder zumindest modifiziert worden. Ich schenke diesen Ausführungen daher nur wenig Aufmerksamkeit.

Den Grund erster Gemeinschaften, eine patriarchale Urfamilie, vermutet Freud in dem, zu einer Art Dauerzustand angewachsenen Bedürfnis genitaler Befriedigung. Ergo sollte das Sexualobjekt dem Männchen nahe bleiben. Die Nachkommen, die wie die Mutter, der Willkür des Vaters ausgesetzt waren, vereinigten sich zur Überwältigung des Vaters. Die daraus entstandenen Brüderclans bildeten erste primitive Rechtsordnungen aus und ermöglichten so eine größere Gemeinschaft. Freud sieht damit die Not (Ananke), die die Natur dem Menschen auferlegt und gegen die er sich behaupten muss (Arbeitsteilung, erste Werkzeuge etc.), und Eros, in Form von Selbst- und Arterhaltung, als Eltern der Kultur an. Da der Eros nur Familien zusammenhielt, der Ananke allerdings noch größere Gemeinschaften forderte, wurde der Eros kanalisiert und zielgehemmt auf andere übertragen. Genitale und zielgehemmte Liebe sind die Grundsäulen des menschlichen Zusammenlebens.[9]

Der dem Menschen ebenfalls verwurzelte Thanatos ist beständig im Begriff durch aggressive Neigungen (Missgunst, Neid, Feindseligkeit usw.) das soziale Gefüge zu unterwandern und zu zerstören.[10]

Die Kultur findet also im Todestrieb ihr stärkstes Hindernis und ist genötigt ihn zu hemmen. Es bildete sich daraus ein Über-Ich, das die Aggressionsbereitschaft einschränkt und kontrolliert. Das strafende Gewissen, durch Erziehung und Sozialisation gebildet, ist die kulturelle Folge dieses Triebverzichts.[11] [12]

Dieses Schuldbewusstsein, das phylogenetisch die gesamte Kulturentwicklung durchzieht, genetisch durch Aggressionsverzicht erwächst, sank als Schuldgefühl ins Unterbewusste und löste beim Menschen ein Unbehagen aus, welches oft vermeintlich andere Motivierungen sucht – Das Unbehagen in der Kultur ist begründet.[13] Dieser Grundgedanke scheint stark an die Idee der biblischen Erbsünde zu erinnern.

4. Exkurs – Ausflug in Beweggründe und Einflüsse

Dieser Exkurs soll die impliziten Urteile und Prägungen des Textes anreißen und damit verdeutlichen, was deskriptiv und was, möglicherweise versteckt, normativ ist. Zugleich soll es den Versuch darstellen die vorangegangenen, zähen und tristen Ausführungen, die mir als Grundlage nötig scheinen, aufzuwiegen. Es soll den erkenntnisbringenden Teil von Das Unbehagen in der Kultur von suggestiven Urteilen, eingebetteten Grundhaltungen und privaten Interessen unterscheiden helfen und eine Gewichtung von Freuds Gedanken ermöglichen.

Freud erinnert ständig daran, wie entscheidend die Psyche des Einzelnen, seine Wünsche, unbewussten Bedürfnisse und Prägungen, sind. Deshalb soll er hier selbst einmal auf die Couch gelegt werden.

Er war seit seiner Jugend geprägt von Goethe und ließ sich von dessen Aufsatz „die Natur“ sogar zum Studium von Naturwissenschaften bewegen. Sein Interesse für Literatur litt darunter jedoch nie. Goethe wurde ihm zum geistigen Vatersymbol und beeinflusste sein Denken deutlich.[14] Es drängt sich dabei die Assoziation auf, dass dem Kulturmaßstab den Freud schafft Goethe obenauf sitzt. Freuds Kulturvorstellung als Verschiebungsprozess nimmt dem Begriff zwar eine wertimplizite Tendenz. Doch stellt er sie damit neutral dar?

[...]


[1] Spätestens seit M. Foucault ist der Autorbegriff dekonstruiert. Da in dieser Arbeit jedoch nicht der Raum gegeben ist, Freud völlig im Diskurszusammenhang aufzulösen, sei Nachsicht geboten, wenn ich Freud als ideellen Autor erhalte.

[2] Freud, Sigmund; Bayer Lothar (Hrsg.); Krone-Bayer, Kerstin (Hrsg.): Das Unbehagen in der Kultur. Stuttgart: Reclam 2010, S. 36.

[3] Ebd., S. 20.

[4] Vgl. ebd., S. 21.

[5] Vgl. Köhler, Thomas: Freuds Psychoanalyse. Eine Einführung. Stuttgart: W. Kohlhammer Druckerei 2007, S. 52 - 58.

[6] Vgl. Dorsch, Friedrich; Häcker, Hartmut (Hrsg.); Stapf, Kurt H. (Hrsg.): Dorsch. Psychologisches Wörterbuch. 12. überarb. u. erw. Auflage. Bern: Verlag Hans Huber 1994, S. 454 f., S. 488, S. 647.

[7] Freud 2010, S. 35.

[8] Vgl. ebd., S. 37 - 46.

[9] Vgl. ebd., S. 47 - 55.

[10] Vgl. ebd., S. 62f.

[11] Vgl. ebd., S. 74 - 86.

[12] Die Introjektion, d.h. die Einverleibung, der Aggression ist für Freud die Voraussetzung für den berühmten Ödipuskonflikt, den unsere Vorfahren noch durch Vatermord zu lösen versuchten.

[13] Vgl. Freud 2010, S. 89.

[14] Vgl. Marcuse, Ludwig: Essays, Porträts, Polemiken. Zürich: Diogenes Verlag 1979, S. 137.

Details

Seiten
17
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656149132
ISBN (Buch)
9783656149309
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v190417
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Philosophie
Note
1,3
Schlagworte
sprachkritische betrachtungen freuds unbehagen kultur

Autor

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Titel: Sprachkritische Betrachtungen von Freuds 'Das Unbehagen in der Kultur'