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Wer Nazi ist, entscheiden wir! - Die mediale Entnazifizierung und die Verlogenheit der deutschen Medienlandschaft

Ein Essay über die Schwierigkeiten der einheitlichen Bewertung Filmschaffender unter der NS-Regierung und dem heutigen Umgang mit ihren Werken anhand von Leni Riefenstahl

Essay 2011 19 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Leni Riefenstahl – Zwischen Genie und Wahnsinn
2.1 Leni Riefenstahls Aufstieg – Ein Mädchen erobert die Herzen Deutschlands
2.2 Leni und Adolf – Ein Zwecksbündnis oder politisches Engagement?
2.2.1 Triumph des Willens – Ein Sieg wider der Vernunft?
2.2.2 Riefenstahls Olympiafilme – Ästhetisches Meisterwerk oder faschistisierende Ideologiesierung?

3. Die Stunde Null der Riefenstahl
3.1 Riefenstahls Neuanfänge und die Last der Vergangenheit
3.2 Leni und die Nuba

4. Das Erbe der Riefenstahl
4.1 Bewertung durch deutsche Kritiker
4.1.1 Während der NS-Zeit
4.1.2 Nach dem Neuanfang und posthum
4.1.3 Rammstein und die Riefenstahl – Eine neuerliche Nazi-Debatte
4.2 Bewertung durch die internationale Filmgemeinschaft
4.3 Riefenstahls Einfluss auf die Filmwelt – alles nur überbewertet?

5. Wer Nazi ist, bestimmen wir! Die Verlogenheit des deutschen Fernsehens

Quellen

1. Einleitung

Ihm steht die Anspannung ins Gesicht geschrieben, Schweiß tropft von seinem Gesicht oder ist es nur Wasser? Sein ganzer athletischer Körper steht unter Spannung, während er einen Fuß vor den anderen setzt. Nun hält er noch einmal kurz inne, holt Luft, schwingt seine Arme, geht dabei in die Hocke, stößt sich dynamisch vom Sprungbrett ab und fliegt majestätisch durch die Lüfte. Währenddessen schwenkt die Kamera um. Nun sieht man ihn von unten mit ausgestreckten Armen dahin schweben und könnte ihn auch für einen stolzen Adler halten.

Diese Beschreibung entspringt keineswegs nur meiner Fantasie sondern basiert auf Leni Riefenstahls Meisterwerk, den Olympiafilmen Fest der Völker und Fest der Schönheit. Diese Filme sind bis heute ebenso umstritten wie beachtet. Die Kameraführung und -einstellungen, die genutzten Techniken und die an den Tag gelegte Kreativität zur Lösung der technologischen Beschränkungen gelten ihrer Zeit weit voraus und zum Teil bis in die heutige Zeit unerreicht. Gegenwärtig genutzte Kameratechniken im Sport wie die fahrbare Kamera am Rand eines Fußballfeldes oder neben der 100m-Bahn in der Leichtathletik gehen auf sie zurück.

Doch ebenso wie sie noch in der Gegenwart geachtet wird, steht sie wegen ihrer Nähe zum Nationalsozialismus, ihrem Wirken unter dem Hakenkreuz und ihrer scheinheiligen Distanzierung nach der faschistischen Ära in der Kritik.

Wohl kaum eine Kunstschaffene Deutschlands wird, vor allem im eigenen Land, derart kontrovers rezipiert und diskutiert wie Frau Riefenstahl und derart verlogen von der Medienlandschaft verklärt. Zwischen Genie und Wahnsinn, zwischen Mythos und Realität, zwischen Nazianhängerin und deutschem Kulturgut, Leni Riefenstahl wird so präsentiert, wie es die Medien gerade brauchen, doch wird ihr dies gerecht?

Dies möchte ich auf Grundlage meines Essays „Die beiden großen deutschen R – Riefenstahl und Rammstein“ und ausgewählter Literatur beantworten.

2. Leni Riefenststahl – Zwischen Genie und Wahnsinn

„'Verdient keinen Nachruf. Hat sie sich alles schon selbst gemacht. Und man hat's ihr abgenommen. Soll nicht in Frieden ruhen.' Klaus Theleweit zum Tod Leni Riefenstahls“ (Glasenapp 2009: 7)

„1997: Die Filmvereinigung Cincecon verleiht ihr in den USA eine Auszeichnung für ihr Lebenswerk. Die umstrittene Ehrung wird von großem Applaus, aber auch deutlicher Ablehnung im Publikum begleitet.“ (Uni-Bielefeld 2002)

Diese beiden von mir gewählten Zitate verdeutlichen, dass es nicht einfach ist, Leni Riefenstahl zu kategorisieren. Sie ist zwischen Genie und Wahnsinn anzusiedeln und wird dementsprechend rezipiert. Doch wer war diese Frau Riefenstahl und wie gelangte sie zu weltweitem Ruhm?

2.1 Leni Riefenstahls Aufstieg – Ein Mädchen erobert die Herzen Deutschlands

„Wer war Leni Riefenstahl, die Frau, die wohl jeder kennt, aber über die doch kaum jemand wirklich etwas weiß? Geboren ist sie [am] 22. August 1902, also noch im deutschen Kaiserreich, einer sehr autoritär geprägten Gesellschaft, in Berlin.

Schon früh schien sich heraus zu kristallisieren, dass ihr eine künstlerische Karriere bestimmt sei.

So studierte sie „ Malerei und begann ihre künstlerische Laufbahn als Tänzerin. Schon nach ihrem ersten Tanzabend wurde sie so berühmt, daß Max Reinhardt sie für sein Deutsches Theater engagierte. “ (Riefenstahl 2004)“ (Weigel 2011: 3)

Die ersten Schritte der Leni Riefenstahl können getrost noch als unpolitisch beschrieben werden.1 Der heilige Berg (1926), Der große Sprung (1927), Das Schicksal derer von Habsburg (1928), Die weiße Hölle vom Piz Palü (1929, laut ihrer offiziellen Homepage Riefenstahls liebster, nicht selbst inszenierter Film), Stürme über dem Mont Blanc (1930), und Der weiße Rausch – neue Wunder des Schneeschuhs (1931) ebneten ihr den Weg als Schauspielerin, sie spielte sich in die Herzen der Menschen und gewann immer mehr an Popularität, sodass sie nun den nächsten Schritt wagen konnte. So folgten ab nun Produktionen, welche sie sowohl als Schauspielerin, als auch als Regisseurin und teilweise Produzentin begleitete. Schon früh zeigte sich dabei, welchen Wert Riefentahl dabei auf die Ästhetik und das Zusammenspiel und -wirken der Bildersprache mit dem Inhalt legte:

„Dr. Fanck hat immer sehr schöne Bilder gemacht, die oft märchenhaft wirkten durch das Gegenlicht, durch den Schnee, das Eis, und das Glitzern und die Blüten und so weiter, aber die Handlungen waren realistisch. Und ich empfand, daß man zu realistischen Handlungen auch realistische Bilder machen sollte. Das heißt, wenn man so schöne Bilder bringen möchte, was mir auch gefiel, dann sollte man auch eine Handlung zeigen, die entweder aus der Märchenwelt, aus einer Legende oder aus einer Ballade kommt, wo das schöne Bildmotiv eine Voraussetzung ist. Während bei einem normalen Geschehen, wenn jemand jemanden rettet, oder wenn man fliegt, also etwas Realistisches geschieht, könnte Sonne, könnte aber auch schlechtes Wetter sein, wie es im Leben auch so ist. Und dieses Gefühl, daß es gut wäre, wenn Form und Inhalt sich decken, aus diesem Wunsch heraus kam mir der Gedanke, ich müßte, um solche Bilder bringen zu können, eine Ballade, ein Märchen oder eine Legende schreiben. Das war der Grundgedanke. Und darum habe ich »Das Blaue Licht« geschrieben, weil diese Legende geradezu herausfordert, sie in ausgefallenen Bildern zu gestalten.“ (Leni Riefenstahl official 2003)

Es folgten die noch mehr oder minder unpolitischen, auf jeden Fall nicht vordergründig propagandistischen, Filme Das blaue Licht – Eine Legende aus dem Sarntal (1932) und SOS Eisberg/ S.O.S. Iceberg (1933 Kooperation der deutschen Universal AG und der Universal Corp. NY).

Bis dato legte Leni Riefenstahl eine steile, erfolgreiche, aber von den Nationalsozialisten unabhängige Karriere hin. Doch dann erfolgte am 30.Januar 1933 die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten. Dieser Tag sollte alles verändern, für die nächsten 12 Jahre gehörte die Demokratie in Deutschland der Vergangenheit an, es wurde ein Krieg vorbereitet und durchgeführt, der weltweit ca. 60 Millionen Menschen das Leben kostete, davon allein 6 Millionen Juden durch eine technokratische und systematische Verfolgung und Vernichtung, und Leni Riefenstahl bastelte weiter an ihrer Karriere durch eine Kooperation mit dem NS-Regime.

2.2 Leni und Adolf – Ein Zwecksbündnis oder politisches Engagement?

„Durch ihre zahlreichen Propagandafilme, die sie in der Frühphase des deutschen Reiches im Auftrag Hitlers drehte und ihre, selbst von Goebbels misstrauisch beäugte, Freundschaft zum so genannte[n] Führer des dritten Reiches, war sie schnell als Nationalsozialistin abgestempelt. Diesen Vorwurf zu entkräften, fällt insofern schwer, als dass sie schon relativ früh, als noch keine Notwendigkeit bestand, Propagandafilme drehte, wie zum Beispiel „Sieg des Glaubens“ (1933) oder „Tag der Freiheit – unsere Wehrmacht“ (1935), und sie von den Strukturen der NS-Filmindustrie profitierte und für den Film „Tiefland“ (1940/41, fertig gestellt 1954) 60 Sinti und Roma aus einem Konzentrationslager einkaufte. (dhm 2011)

Zwischen 1941 und 1945, also in den Hochzeiten des Krieges, drehte sie dann keine Filme mehr, allerdings nicht aus politischen Gründen, sondern auf Grund von knappen Produktionsmitteln und Krankheit. (dhm 2011)“ (Weigel 2011: 3)

2.2.1 Triumph des Willens – Ein Sieg wider der Vernunft?

Ein erschöpfter kleiner Mann mit Schnauzbart steht vor der jubelnden, entindividualisierten, gleich geschalteten Masse, hinter ihm wehen die roten Hakenkreuzfahnen mit dem weißen Kreis und der gekippten Swastika. Bis dato sah man eine energiegeladene Rede, die dem sogenannten Führer alles abverlangte, Fahnenapelle, Zeremonien, die an das Christentum erinnerten. Und Hitler schien in alledem als Heiliger, als Messias zu dienen.

Mit dieser Inszenierung des Reichsparteitages 1934, einem Jahr nach Hitlers Machtübernahme oder besser -übergabe durch das so genannte deutsche Volk, machte sich Leni Riefenstahl spätestens international einen Namen. Der Film wurde ob seiner martialischen Ästhetik, die augenscheinlich nicht nur in Deutschland zur damaligen Zeit geschätzt wurde, international mit Lob und Preisen bedacht. (Vgl. Rene Clairs Ausspruch unter 4.1.1) Dennoch darf bei aller internationaler Wertschätzung nicht vergessen werden, dass es sich bei diesem Film unweigerlich um NS-Propaganda stärksten Ausmaßes handelt.

Triumph des Willens verdeutlicht zu dem in ungleich konzentrierter Form, dass der Nationalsozialismus weniger als systematische Weltanschauung denn als Konglomerat verschiedener Elemente, Effekte und ästhetischer Zeichen in Erscheinung trat, welche in mitreißenden Spektakeln ausgefeilster Dramaturgie und Choreographie und ritualisierten Demonstrationen zur Anschauung gebracht wurden.
Schon früh beschäftigte sich eine Gruppe exilierter Autoren mit diesen sinnlich-anschaulichen Aspekten faschistischer Herrschaft. Konsens herrschte bezüglich der Einsicht, dass der Nationalsozialismus traditionelle Politik in Symbolhandlungen übersetzte und seine totalitären Herrschaftsformen an ästhetischen Modellen orientierte. Während Kracauer den Faschismus und seine filmischen Produkte als >>Pseudorealität<< oder >>Travestie der Realität<< entlarvte, Brecht Hitler als >>Anstreicher<< charakterisierte und die >>Theatralisierung der Politik durch den Faschismus<< konstatierte, drängte insbesondere Bloch darauf, diese theatralen Bildinszenierungen nicht als bloßen Schein zu vernachlässigen, sondern vielmehr als elementaren Bestandteil der Wirkungsweise und Macht des Systems zu verstehen.“
(Oberwinter 2007: 21)

Folgt man dieser Argumentation ist der Film nicht nur inhaltlich sondern auch ästhetisch NS-propagandistisch ausgelegt, verbreitet und huldigt er doch die Symbole des Nationalsozialismus, inszeniert Hitler als Messias und vermittelt die Inhalte und Propaganda des Reichsparteitages von 1934.

„Eine zentrale Rolle wurde der Bildpropaganda zugedacht., da man Bilder als emotionsstärkstes Medium begriff.“ (Oberwinter 2007: 22)

Dieser Umstand verbunden mit der Machart des Filmes, welcher auf emotionalisierende Weise die Propaganda des 3.Reiches mit Hitler als totalitären, allwissenden und unangefochtenen Führer, darstellt, lässt keine Zweifel daran aufkommen, dass Leni Riefenstahl damit Politik betrieb. Ob sie allerdings wirklich überzeugte Nationalsozialistin war oder ihr Engagement einfach nur der Freundschaft mit Hitler geschuldet, vermag ich nicht zu beurteilen. Dennoch lässt dieser Film alle später erfolgten Beteuerungen Riefenstahls, sie sei keine NS-Aktivistin gewesen, absurd erscheinen.

Untermauern möchte ich die Nazivorwürfe gegen Leni Riefenstahl in Bezug auf den Film mit zwei Zitaten:

„Für Benjamin suchte der Faschismus, die zeitgemäße Forderung nach der Beseitigung der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse unter Rückgriff auf ästhetische Mittel zu verhindern. Der Scheincharakter sozialer Harmonie bedurfte eines Pendants in der ästhetischen Sphäre der Öffentlichkeit, um symbolhaft zu erfüllen, was real versagt wurde, somit war die permanente Inszenierung für die Stabilität des Regimes unerlässlich, um von der sozialen und politischen Wirklichkeit abzulenken.“ (Oberwinter 2007: 22)

Für Goebbels sollte der Parteitag >> […] der Öffentlichkeit ein Bild geben von der Einigkeit, Geschlossenheit und ungebrochenen Kampfkraft der Partei im ganzen und innere Verbundenheit zwischen Führung und Gefolgschaft sichtbar vor Augen führen. Auf den Parteitagen soll der Parteigenosse neuen Mut und neue Kraft sammeln. Der Gleichklang der Marschschritte der SA-Bataillone soll ihnen genauso wie die scharfe und kompromißlose Formulierung der geformten Beschlüsse erheben und stärken; er soll vom Parteitag wie neugeboren an seine alte Arbeit zurückgehen.<< “(Oberwinter 2007: 30)

Diese beiden Zitat lassen sich problemlos auf Riefenstahls Triumph des Willens, welcher in engster Zusammenarbeit mit der NS-Führungselite entstand, Hitler soll sogar den Namen des Films erdacht haben (Vgl. Oberwinter 2007), anwenden und zeigen damit, welch wichtige Funktion Leni Riefenstahl innerhalb des NS-Kulturapparates inne hatte.

2.2.2 Riefenstahls Olympiafilme – Ästhetisches Meisterwerk oder faschistisierende Ideologiesierung?

Es ist bis heute schwierig mit Filmen aus der Zeit zwischen 1933 und 1945 umzugehen, da es keine einheitliche und wirklich bindende Leitlinie und Bewertung zu diesen Filmen gibt. Sind denn alle Filme aus dieser Zeit Nazipropaganda? Und wird man selbst zum Nazi, wenn man Filme von damals nutzt? Oder gehört nicht ein Teil der damaligen Filme, welche nicht explizit propagandistisch ausgelegt waren, zum deutschen Kulturgut? Dürfen sie in unsere kulturelle Sammlung übergehen? Immerhin ist unsere Kultur unbewusst auch unter anderem von Sprichwörtern, Parolen und Begrifflichkeiten aus der NS-Zeit durchsetzt, bspw. „Jedem das Seine“ oder „Bombenwetter“. (Weigel 2011: 2)

Die Olympiafilme Fest der Völker und Fest der Schönheit sind bis heute ein Streitthema in der Bewertung Riefenstahls. Handelt es sich dabei um einen NS-Film oder nicht? Während Filme wie Triumph des Willen oder Sieg des Glaubens eindeutig als NS-Filme eingestuft werden müssen, auf Grund des Inhalts, der Machart und den Anlässen dazu (Vgl. 2.2 ), ist dies bei den Olympiafilmen nicht ganz so einfach.

Die Filme zeigen deutliche Merkmale faschistischer Ästhetik. So steht die gesamte Zeit eine teils martialische Überbetonung der Körperlichkeit der Athleten im Mittelpunkt des Filmes, ein Motiv dass sich im Nationalsozialismus häufig wiederfand. Getreu dem Motto, dass ein gesundes Volk einer gesunden Seele und eine gesunde Seele eines gesunden Körpers bedürfe, stand in Organisationen wie der HJ und dem BDM, aber auch in Hitlers Eliteschule Napola die 'körperliche Ertüchtigung' im Vordergrund. Denn über die Organisation junger Menschen in Vereinen konnte eine Gleichschaltung leichter erfolgen, außerdem bedurfte es junger, dynamischer, gesunder und sportlicher Männer in Vorbereitung auf den Krieg. All dies findet sich bei Leni Riefenstahl wieder.

Neben dieser inhaltlichen Nähe zur nationalsozialistischen Ästhetik begünstigte ihre Darstellung der olympischen Spiele allerdings auch die Propaganda des Deutschen Reichs. Mit den olympischen Spielen 1936 präsentierte sich Hitlerdeutschland der Weltöffentlichkeit als offen, tolerant und gastfreundlich, die Verbotsschilder für Juden wurden teilweise temporär abgenommen und der Weltöffentlichkeit wurde vorgespielt, dass das NS-Regime gar nicht derart totalitär, menschenverachtend und Minderheiten unterdrückend sei, wie es von Gegnern nach außen getragen wurde. Diese Inszenierung stützte Frau Riefenstahl, indem sie das sportliche Großereignis international in die Kinos brachte und damit von der wirklichen Realität, die in Deutschland vorherrschte und Verfolgung von Juden, Kommunisten, Sinti und Roma und anderen politischen oder ethnischen Minderheiten hieß, ablenkte.

Auf der anderen Seite wurden die Filme vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) mit dem „Olympischen Diplom“ ausgezeichnet (Vgl. Leni Riefenstahl official 2003), einem Verband, der offiziell für ein tolerantes und sportliches Miteinander steht, und auch international sehr gelobt und mit Preisen bedacht, so

„1937 die Goldmedaille von Paris, 1938 den ersten Preis von Venedig als bester Film der Welt und 1956 wurde er in den USA als einer der zehn besten Filme der Welt klassifiziert.“ (Leni Riefenstahl official 2003)

Dies nimmt dem Film wieder etwas von der Charakteristik des Propagandainstruments.

Die Olympiafilme fallen damit genau in die Sparte der Filme, welche nicht offensichtlich für das NS-Reich warben, aber in jenem entstanden, zumindest indirekt die Kultur und die Propaganda fortführten und damit durchaus auch als NS-Filme eingestuft werden könnten. Doch ist es ziemlich problematisch, wenn man alle Filme der damaligen Zeit als NS-Film kategorisiert, so würde man doch eine ganze Filmepoche diskreditieren und ohne einzelne Prüfung Werke und Schaffende in politische Ecken drängen, in welche sie evtl. gar nicht gehörten.

„Meiner Meinung nach, ist es erforderlich sich mit den Filmen der damaligen Zeit inhaltlich auseinander zu setzen und dann zu entscheiden, ob es sich um einen NS-Film oder einen Film aus der NS-Zeit handelt. Der Unterschied wäre dabei essentiell. Ein NS-Film wäre ein Film, welcher NS-Propaganda verbreitet, dabei könnte dieser auch nach 1945 noch entstanden sein, denn auch heute ist die Naziszene nicht nur in der Musik aktiv. Filme aus der NS-Zeit wären einfach nur Filme, welche in der Zeit entstanden sind, sie müssten aber keine NS-Propaganda verbreiten. Daraus entstünden 3 Kategorien an Filmen. NS-Filme aus der NS-Zeit (gleichzeitig bedenkliche Filme der NS-Zeit), NS-Filme aus der Post-NS-Zeit, und unbedenkliche Filme aus der NS-Zeit.“ (Weigel 2011: 2)

3. Die Stunde Null der Riefenstahl

Nach Ende des 2.Weltkrieges schlug die sogenannte Stunde Null in der Kunst, der Musik, dem Film, vor allem aber in der Literatur. Doch nicht nur die Literaten, die nun auf Grund der Papierknappheit, der Zeitknappheit der Rezipienten und auf Grund des Erlebten praktisch komplett sich dem Genre der Kurzgeschichte zuwendeten, erlebten diese Stunde Null, von der an alles von vorn los gehen sollte. Auch Leni Riefenstahl war davon betroffen.

3.1 Riefenstahls Neuanfänge und die Last der Vergangenheit

„Da sie nach dem Krieg als Filmproduzentin, wohl vor allem auf Grund ihrer Vergangenheit, an alte Erfolge nicht mehr anknüpfen konnte, suchte sie sich, wahrscheinlich auch gezwungener Maßen, mit der Fotographie ein neues Betätigungsfeld.

Auch hier schaffte sie es, wieder überaus erfolgreich zu sein, so als offizielle Fotografin bei den olympischen Spielen 1972 in Deutschland oder mit Fotobänden über die „Nuba“ (1973 und 1976). Während sie im Ausland mit Fotoausstellung [en] wiederum große Erfolge feiert, werden in Deutschland durch Gerichtsverfahren und Dokumentationen immer wieder öffentliche Diskussionen geführt, welch Rolle sie im NS innehatte. Schließlich beantwortete sie die Frage selbst aus ihrer Sicht in ihrer Biographie (1987). Sie habe die Propagandafilme aus rein künstlerischen Aspekten gedreht, dabei aber keinerlei politischen Absichten verfolgt. (dhm 2011)“ (Weigel 2011: 3)

Allerdings schaffte Leni Riefenstahl es nicht, sich von der Last der Vergangenheit zu befreien. Wie im Folgenden genauer beschrieben, drehte sich Zeit ihres Lebens immer wieder alles um ihre NS-Vergangenheit, neue Arbeiten wurden als rassistisch interpretiert, dank einer Argumentation die heutzutage auch von linken Globalisierungsgegnern kommen könnte und dann als richtungsweisend gälte.

Dennoch ist es einfach imponierend, dass Leni Riefenstahl noch im Alter von 71 Jahren das Tiefseetauchen lernte und mit den beiden darauf folgenden Bildbänden Korallengärten und Wunder unter Wasse r internationale Erfolge feierte und wiederum Auszeichnungen sammelte, diesmal ohne jeden Verdacht des Fachismuseinflusses. (Vgl. Leni Riefenstahl official 2003)

Doch spätestens bei der Veröffentlichung ihrer

„Memoiren , die inzwischen in 13 Ländern erschienen sind und vor allem in Japan und den USA hohe Auflagen erzielten“ (Leni Riefenstahl official)

wurde sie wieder mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Ihr Umgang damit allerdings, und das muss klar gesagt werden, war alles andere als ehrlich und souverän.

3.2 Leni und die Nuba

Ab den 70er Jahren verschrieb sich Leni Riefenstahl einer neuen, diesmal eigentlich guten Sache. Sie dokumentierte die Lebensart der Nuba, einem schwarzafrikanischen Stamm, der noch recht traditionell lebte und von der erzwungenen Modernisierung Afrikas einigermaßen verschont wurde. Wie im Punkt 3.1 erwähnt, veröffentlichte sie mehrere Bildbände zu diesem Thema, führte Ausstellungen durch und wollte sogar den Stamm, in dem sie viele Freunde und vielleicht sogar eine Art Ersatzfamilie und -heimat fand2, besuchen und ihm beistehen, als dieser vom Bürgerkrieg im Sudan betroffen war.

„Noch ungewöhnlicher war ihr Entschluß, im Alter von 97 Jahren in den von jahrelangen Bürgerkriegen weltweit isolierten Sudan zu reisen, um dort nach dem Schicksal ihrer geliebten Nuba zu forschen und ihnen Hilfe zu bringen. 23 Jahre hatte sie von ihren Nubafreunden nichts mehr gehört - es war unmöglich gewesen, eine Einreise-Erlaubnis zu erhalten. Nach langen Bemühungen hat sie diese endlich bekommen und konnte sogar Kontakt mit dem Rebellenführer aufnehmen. Mit einem kleinen Filmteam, das die Odeon-Film zur Verfügung stellte, reiste sie, begleitet von ihrem langjährigen Mitarbeiter Horst Kettner, im Februar 2000 nach Khartum. Erst nach langem Warten und schwierigen Verhandlungen konnte das Team unter dem Schutz eines Militär-Konvois nach den Nubabergen fahren. Tausende von Nuba erwarteten Leni Riefenstahl, die bei ihrer Ankunft erfuhr, daß ihre besten Freunde Opfer des Bürgerkrieges wurden. Sie war tief erschüttert. Trotzdem wollte sie nach den noch lebenden Freunden suchen - doch dazu kam es nicht mehr. Durch das Ausbrechen neuer Kämpfe wurde sie gezwungen, sofort die Nubaberge zu verlassen.“ (Leni Riefenstahl official 2003)

Dieser rührende Einsatz galt manchen als Indiz, dass sie nicht dem NS zugerechnet werden könne, denn dieser diffamiert die Schwarzafrikaner als Wilde, andere kritisierten, dass sie durch die Dokumentationen auf Grund der traditionellen Lebensweise der Nuba genau dieses Vorurteil zementiert hätte.

„Dass es sich bei ihm bei genauerer Sichtung und zumal in Kombination mit Riefenstahls zweitem Nuba-Buch, Die Nuba von Kau von 1976, um eine höchst anstößige , da im Kern dem nationalsozialistischen Rassenantisemitismus verpflichtete Elegie handelt, habe ich an anderer Stelle mit Rekurs auf Sontags aufsehen erregende Kontinuitätsthese – nach den Berg- und den NS-Propagandafilmen fungiere, so die Amerikanerin, der Nuba-Bildband als „der dritte Teil ihres Triptychons faschistischer Darstellungen“ – aufgezeigt, wobei es mir unter anderem wichtig war, das letztendlich Selbstverständliche zu betonen: nämlich, dass es nicht die Fotos sind, die als problematisch bezeichnet werden müssen, sondern allein der sie begleitende Text, die die rassische Reinheit der Masakin-Qisar preist und ihren baldigen Untergang durch ein aus Urbanität, Syphilis und Geld bestehendes - mit anderen Worten jüdisches - Kontaminationskonglomerat katalysiert ausweist. “ (Glasenapp 2009b: 152)

Die nachfolgende Argumentation Glasenapps finde ich grenzwertig und nicht nachvollziehbar, sie erweckt viel mehr den Anschein, als wäre für ihn bei Riefenstahl alles faschistisch, egal was sie täte. Dennoch zeigt diese Kritik wieder einmal mehr, wie unterschiedlich Leni Riefenstahl rezipiert wird.

[...]

Details

Seiten
19
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656148289
ISBN (Buch)
9783656148456
Dateigröße
787 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v190399
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Musikwissenschaft und Medienwissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Nazi Nationalsozialismus Leni Riefenstahl Leni Riefenstahl Medien Deutsch Deutschland Olympia 1936 Triumph des Willen

Autor

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Titel: Wer Nazi ist, entscheiden wir! - Die mediale Entnazifizierung und die Verlogenheit der deutschen Medienlandschaft