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Subkulturen und ihre Außendarstellung als Abgrenzungsmechanismus

Eine Analyse der Diskrepanzen von szeneinternen Realitäten und der öffentlichen Meinung anhand der Punk- und der Hardcore-/Metalcore-Szene

Hausarbeit 2011 24 Seiten

Musik - Sonstiges

Leseprobe

1. Einleitung

Im Rahmen der Popular Music Studies ist auch auf universitärem Niveau die Notwendigkeit erkannt worden, sich mit moderneren Arten der Musik, Genres welcher der sogenannten Unterhaltungsmusik zugeordnet werden, und im Zuge damit mit den dazu gehörigen Subkulturen, Szenen und Ideologien auseinander zu setzen. Dabei werden die verschiedensten wissenschaftlichen Kategorien angewendet, um der Komplexität des Themas einigermaßen gerecht zu werden und so verwundert es nicht, dass es strukturalistische, poststrukturalistische, soziologische, semiotische, musikwissenschaftliche und kulturwissenschaftliche Ansätze der Szenenanalysen gibt, um nur einige der vielfältigen Versuche der Themenerschließung zu nennen.

Doch trotz dieser ausführlichen Analyseversuche, schafft es die Wissenschaft nicht, die so genannte Popularmusik in allen ihren Facetten zu erfassen und zu kategorisieren. Dies liegt vor allem an zwei Schwachstellen der akademischen Analyse. Zum einen sind die Szenen einem ständigen Wandel unterlegen, welcher, vor allem durch die Kommunikationsmöglichkeiten des 21. Jahrhunderts, durch Vernetzung im Internet und multinational fungierende Labels und Verlage, immer rasanter von statten geht, sodass Analysen, welche aus jahrelangen empirischen Erfassungen, umfangreichen Szeneanalysen und langwierig erarbeiteten Schriften bestehen, oft mit Erscheinen schon überholt und nicht mehr wirklich aktuell sind. Zum anderen wird versucht, Phänomene, welche auf Zusammenhalt, jugendliche Identitätssuche, Lebensgefühl und vor allem dem Erlebten basieren, akademisch und objektiv bei zu kommen. Dieser Versuch ist auf der einen Seite, um eine objektive Beschreibung der Subkulturen zu erhalten, natürlich völlig legitim, kann jedoch nie oder nur sehr schwer die Gesamtheit dieser Konstrukte, und nichts anderes sind Subkulturen im Endeffekt, erfassen, da diese Analysen oftmals von szeneexternen Verfassern erstellt sind und damit die Ebene des Erfahrens, welche erst das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Subkultur konstituiert, fehlt und damit das emotionale und irreale Moment außen vor gelassen wird. Zwar wird versucht, über Umfragen und Interviews diese Ebene nachträglich einzubauen, doch kann dies meiner Meinung nach niemals ausreichend sein, da es unglaublich schwer, wenn nicht gar unmöglich ist, diese empirisch zu erfassen.

Folglich werden oftmals nur unzureichend die teilweise sehr unterschiedlichen Arten einer Subkultur behandelt, Stereotypen erstellt oder aus der öffentlichen Meinung übernommen und diese analysiert. Dies mag bei einigen Szenen evtl. ausreichend sein, doch möchte ich in dieser Arbeit zeigen, welch fundamentale Unterschiede es in ein und derselben Szene geben kann, wie diese sich voneinander, aber auch vom gesellschaftlichen Mainstream abgrenzen, welche, zum Teil unberechtigten, Ressentiments dadurch entstehen und wie die Szenen mit diesen umgehen. Dazu ziehe ich musikwissenschaftliche, semiotische, strukturalistische sowie Ansätze der Gender und Queer Studies heran.

Als Beispiel soll die gar nicht mal unbedeutende, doch von der Öffentlichkeit weitgehend ignorierte Metalcore-Szene dienen, welche sich über den Hardcore aus dem Punk heraus entwickelte. Als weiteres Beispiel soll die Punkszene angerissen werden, da diese schon ein ums andere Mal für akademische Betrachtungen herhalten musste und nun überprüft werden soll, ob sie dabei würdig erarbeitet wurde. Da sie die Grundlage für die verschiedensten Core-Arten legte, ist es außerdem notwendig vorher noch mal auf diese einzugehen.

2. Die Punkszene:

„Punk entstand 1975 etwa zeitgleich in England und den USA und erreichte im Sommer 1976 seinen Höhepunkt in London“ (Mulder 2010: 25)

Ausgehend von diesem Zitat aus Merle Mulders Buch „Straight Edge: Subkultur, Ideologie, Lebensstil?“ könnte die Punkbewegung für eine sehr kurzlebige und seit langem tote Bewegung gehalten werden. Doch dem ist mitnichten so. Zwar gibt es immer wieder Diskussionen, inwiefern heutiger Punk noch Punk sei, da es doch eine kaum überschaubare Entwicklung gab, doch auch heute trifft man in jeder größeren Stadt auf meist junge Menschen mit bunten Haaren, zerschlissenen Klamotten und jeder Menge Aufnäher wie „Punks not dead“ und dem großen A in einem runden Kreis, meist mit über den Kreis hinaus verlängerten Linien, welches für Anarchie bzw. Anarchismus steht.

Diese Art des Punks bestimmt auch heute noch vielfach das Bild in der Öffentlichkeit. So verbanden bei einer von mir durchgeführten, anonymen Umfrage 64,3% das Wort Punk sofort mit bunter Kleidung/ bunten Haare/ buntem Lifestyle. Was soweit noch nicht weiter problematisch ist, da bunte Haare ja nichts negatives darstellen, maximal den Durchschnittsbürger schocken, was durchaus beabsichtigt ist, zeigt aber beim Stichpunkt „asoziales Benehmen“ schon bedenkliche Wirkung. Immerhin 28,6% aller Befragten verbanden Punk mit diesem Stigma, damit war es nach den bunten Haaren und der Musik die dritthäufigste Assoziation.

Dass solche Assoziationen, gar stark gehäuft, auftreten, ist natürlich nicht völlig unbegründet. Jeder kennt die Punks vom Bahnhof, mit ihren Hunden, ihren zerrissenen Hosen und ihrer Musik. Dies an sich ist natürlich kein Problem, vielleicht sogar eine positive Erscheinung, die die Stadt etwas bunter machte, wäre da nicht das weit verbreitete Verhalten des Rumpöbelns, des sich in der Öffentlichkeit Betrinkens und des schamlosen Bettelns, welches sie meist nicht nötig haben, da sie abends ihre Sachen einpacken und nach Hause zu ihren Eltern fahren: Dies erlebte ein ehemaliges Bandmitglied meines ersten musikalischen Projektes, welches Verbindungen in die Oi-Szene hatte.

Allerdings ist dies nur ein Teil der Punkszene, gibt es heutzutage doch Skate-Punk, Pop-Punk, Polit-Punk, Horror-Punk, Punk-Rock, Ska-Punk, Street-Punk, Oi-Punk und weitere Punkarten, welche sich wieder individuell voneinander unterscheiden.

Im Folgenden möchte ich auf ausgewählte Arten bzw. Epochen des Punks und zum ersten Mal auf Diskrepanzen zwischen der öffentlichen Wahrnehmung und der Szenewirklichkeit eingehen.

2.1 Punk der Frühphase:

Die Subkultur des Punks bildete sich Mitte der 70er Jahre in den USA und in GB etwa zur selben Zeit heraus, der Ursprung der Szene ist bis heute nicht einwandfrei geklärt (siehe Kapitel 3.1).

Sie war aber auf jeden Fall ein Sammelbecken für Jugendliche, die von der Gesellschaft enttäuscht waren, durch Jugendarbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit gebeutelt, und sich radikal von dieser lossagten. Neben der „No-Future“-Einstellung entwickelte sich eine Spaßszene als Rückzugsort und Parallelgesellschaft. Doch ganz frei von Politik war auch sie von Anfang an nicht. Zwar war sie keiner parteipolitischen Richtung zuzuordnen, doch das Auftreten der Jugendlichen mit ihren bunten Haaren, den zerrissenen Klamotten und ihrer neuen Lebensweise revolutionierten die bisherigen Jugendszenen.

Bis dato beliebte Szenen wie die der Mods, der Teds oder auch der Rootboys verzichteten auf allzu radikale Outfits. Die Punkszene setzte hingegen mit ihren provozierenden Outfits neue semiotische Standards für Jugendsubkulturen und widersprach nun auch in aller Öffentlichkeit durch bloße Nutzung von Bildern und Symboliken wie Totenköpfen, durch Nieten, bunten Haaren und szeneinterne Codes der Gesellschaft und ihren Werten und Normen.

Ziemlich schnell entwickelte sich die Punkbewegung allerdings zu einer kommerzialisierten Modeszene, es wurde modern gegen Staat und Eltern zu rebellieren und so spaltete sie sich schon bald nach ihrer Begründung auf. Auf der einen Seiten gab es jene, die sich von den sogenannten „Modepunks oder Pseudopunks“ (so wurden oftmals Jugendliche Punks abwertend bezeichnet, welche aus besseren Verhältnissen kamen, angeblich nicht rebellisch und laut Szene erst recht nicht authentisch waren, ein Streitunkt, welche in jeder Jugendbewegung auftritt [Vgl. Wächter 2009]) abgrenzten, sich schließlich neu orientierten, als Streetpunks, im Oi und im Hardcore ihre Auffassung des Punks weiter auslebten und auf der anderen Seite eben jene neueren Punks, welche die Subkultur für sich entdeckten und neu interpretierten, ohne unbedingt direkt in die Szene integriert zu sein.

Doch neben der Kommerzialisierung der Szene und der Abspaltung unpolitischer Spaßkulturen, radikalisierte sich auch ein Teil der Bewegung und wendete sich nun klar politischen Extremen zu. Die bis heute in der Szene umstrittene Politisierung nahm ihren Lauf.

2.2 Politisierung und Kommerzialisierung

Bis heute ist die Szene sich in der Frage der Politisierung uneins. Eine Menge Punks, vor allem jene an den Bahnhöfen und Punks der Oi-Szene, lehnen allzu offensichtliche Politik ab und sind aus dieser Ablehnung heraus ein klarer Gegner der Antifa. So ist es nicht selten, dass es in Berlin am Alexanderplatz oder auch an der Frankfurter Allee zu Pöbeleien, Gewalttätigkeiten bis hin zu schweren Körperverletzungen von Seiten der Punks gegen offensichtliche Antifaschisten kam.

Fakt ist jedoch, dass es politisierte Teile in der Punkszene gibt und diese der Öffentlichkeit auch durchaus geläufig sind. So bewerteten die 84 Teilnehmer meiner Umfrage auf einer Skala von 1 bis 10 die Affinität der Punkkultur zur linken Szene im Durchschnitt mit einer 8,02, im Median mit einer 8,5.

Hier zeigt sich ein öffentliches Bild, dass von medienwirksamen Bands wie „Die Toten Hosen“, welche alle Jahre wieder ihre Sondersendungen auf Sendern wie Viva, MTV oder auch den öffentlich-rechtlichen haben, oder ZSK, eine Göttinger/Berliner Band, musikalisch dem Skatepunk zuzuordnen, die in den 10 Jahren ihres Bestehens, von 1997 bis 2007, ein große Rolle in der Antifa-Szene spielte, die „Kein Bock Auf Nazis-Kampagne“ mit ins Leben rief und im Jahr 2007 sogar beim Kinderkanal auftrat, um schon kleinere Kinder zu sensibilisieren und auf das Problem Rechtsradikalismus aufmerksam zu machen (http://www.youtube.com/watch?v=KMWmhwICl_4, 05.03.2011, 17:25), bewusst gemalt wurde, um über die Musik neue Mitglieder in die linke Szene zu integrieren. Andererseits ist dies auch das Selbstverständnis sogenannter Polit-Punks wie Fahnenflucht und hunderter weiterer Bands und mehr ein Lebensgefühl als politische Strategie.

So spricht Fahnenflucht im Lied „Willkommen in Deutschland“ auf der CD „Beissreflex“ das Problem der Rechtsradikalen sowie des halbherzigen Widerstandes der Deutschen Bevölkerung an: „ Willkommen in Deutschland/ wo Idioten aufmarschier’n/ und Lichterketten brennen/ um das Gesicht nicht zu verlieren/ Willkommen in Deutschland/ der Eintritt, der ist frei/ halt’s Maul und pass‘ dich an/ und schon bist du dabei

Lieder dieser Art findet man bei vielen bedeutenden Punkbands, egal ob Pop-Punk („Schrei nach Liebe“ – Die Ärzte, „Sascha – ein aufrechter Deutscher“ – Die Toten Hosen), Skatepunk (ein Großteil der Lieder ZSK‘s waren linkspolitisch) oder Politpunk (Fahnenflucht) um nur einige Beispiele zu nennen.

Wann genau diese Politisierung einsetzte, ist schwer zu datieren. Einige Punks, vor allem die linkspolitischen, die diese Entwicklung gutheißen, gehen soweit zu sagen, dass Punk schon immer politisch und linksoffen war, auf Grund der klaren Abkehr vom Wertesystem der Gesellschaft und dem Bezug zur Anarchie/dem Anarchismus. Unterstützt wird diese These durch die Probleme mit Rechtsradikalen, die es eigentlich schon immer gab, da diese, vom Führerprinzip beeinflussten, auf Disziplin, Ordnung, Maskulinität und nationalem Stolz basierenden Subkulturen in den Punks eine Gefahr der nationalen Identität sahen und ihnen zutrauten, die nationale Leitkultur zu zersetzen und die Jugend zu gefährden.

Unpolitische Szenevertreter, allen voran die Oi-Punks, hingegen argumentieren, dass die Punkszene sich traditionell aus der Politik heraus hielt, eben von dieser enttäuscht war und sich Punk nur auf Spaß, Drogen und Alkohol bezog (Vgl. 3.2). Die später entstehende Polit-Punkszene hingegen sei Verrat an der ursprünglichen Subkultur und deren Mitglieder keine authentischen Punks. Verworren sind hingegen die Schuldzuweisungen. So meinen einige, dass die Sex Pistols die Szene (links) politisiert hätten, doch wenn sie als Begründer der Szene gemeinhin gelten, war es sie dann nicht von Anfang an? Außerdem trat Sid Vicious hin und wieder mit Hakenkreuz-T-Shirts auf, aus Gründen der Provokation, nicht der politischen Meinungsäußerung, welche bei dem meist bildungsfernem Publikum stets gut ankam.

Die Wahrheit ist, dass Punk schon immer politisch war, ob nun progressiv und nach links gerichtet oder durch die „No-Future“-Kultur einfach nur ablehnend gegenüber der Gesellschaft ohne Alternativen anzubieten, das mag ich nicht zu entscheiden, da es meiner Meinung nach nicht mehr rekonstruierbar ist.

Allerdings gab es noch eine weitere Politisierung, von der Öffentlichkeit größtenteils nicht wahrgenommen, doch innerhalb der Szene kontrovers diskutiert. Ausgehend von der unpolitischen Oi-Punkszene, die, wie erwähnt, Ressentiments gegenüber der linken Punkbewegung hegt, entwickelte sich eine rechte Auslegung des Punks die sich bis in den Rechtsextremismus hinein entwickelte. So stellen vor allem Oi- (Skinhead-) und Nazipunkbands eine wichtige Stütze der rechten Musikszene dar. Bands wie Kroizfoier, Störkraft oder Braune Brüder spielen augenscheinlichen Punk, die Texte jedoch verbreiten nationalistische bis nationalsozialistische Inhalte.

Leider versäumt es die unpolitische Punkszene immer wieder sich von der rechten Auslegung zu distanzieren. Die Begründungen sind dabei oftmals dieselben, es ginge doch nicht um Politik sondern nur um Spaß. Die linke Punkszene dagegen fordert immer die klare Abgrenzung bis zur Bekämpfung der rechten Punkszene. So widmete die Berliner Band „NeuWahl“ dieser Problematik einen eigenen Song („Nazipunk“):

Sie haben bunte Haare/ und sehen aus wie wir/doch sie sind was anderes/ kannst du das nicht kapier’n? “, fragen sie dort provokant in Richtung der Oi-Szene. Welch gefährliche Auswirkungen das Tolerieren von Rechtsextremen in der Punkszene haben kann, verdeutlichen sie am Ende des Liedes und ziehen Konsequenzen daraus:

Und triffst du ihn/ irgendwann/ mit seinen Kameraden/ aber dann/ aus und vorbei/ ein Satz mit x/ jetzt weißt du erst/ was er wirklich ist/ Ein Mensch mit bunten Haaren und trotzdem ein Faschist/ Nazipunk – wir kriegen dich/ ein Mensch mit bunten Haaren und trotzdem ein Faschist/ Nazipunk – wir woll’n dich nicht!

Dieser Aussage kann ich mich nur anschließen. Die Szene täte gut daran, sich konsequent von jeglichen rechten Tendenzen zu distanzieren. Ob Punk nun links ist oder nicht, sollte jeder für sich selbst entscheiden, doch sich mit einer Subkultur einzulassen, welche gelegentlich zum „Zecken klatschen“ (allgemein übliche Formulierung für gewalttätige Übergriffe der rechten Szene auf Punks) aufruft, kann nicht der Anspruch der Szene sein. Alternative Lebensräume sollten intensiver verteidigt werden, da die NS-Bewegung immer wieder versucht, diese zu unterwandern (siehe Kapitel 3.2).

2.3 Chaostage vs. Gemeinnützigkeit

Für negative Schlagzeilen sorgten in unregelmäßigen Abständen die sogenannten Chaostage. Erstmals fanden sie am 18.Dezmber 1982 in Hannover statt (Vgl. Nagel 2010).

Ursprünglich als friedliche Reaktion auf „eine von der Polizei geführte Punker-Kartei“ (Nagel 2010: Fragen & Antworten), welche die Bewohner Hannovers in Staunen, aber auch in die übliche Angst versetzte, wenn sich eine größere Anzahl an Punks und Skinheads versammelt, entwickelte sich dieses Treffen im Laufe der Zeit „mehr und mehr zu einer ‚sportiven Auseinandersetzung‘ “ (Nagel 2010: Fragen & Antworten) zwischen Polizei und subkulturellen Jugendlichen. Ziel dieser Auseinandersetzungen waren Randale, Spaß, Verängstigung der etablierten Gesellschaft sowie ein möglichst großer wirtschaftlicher Schaden durch Plünderungen.

Diese Verhaltensmuster sind von den alljährlichen „Revolutionärer 1.Mai“-Demonstrationen in Berlin bekannt und zielen auf das ideologische Selbstverständnis vieler politischer Punks als Klassenkämpfer ab. Diese nehmen wirtschaftlichen Schaden billigend in Kauf und instrumentalisieren ihn um so die herrschenden Verhältnisse zu überwinden.

Doch dieses lange Zeit die Medien beherrschende Bild des Punks, als in der Öffentlichkeit Bier trinkender Randalierer, wird der Szene nicht gerecht. Viele, vor allem politisch aktive Punks, haben durchaus eine soziale Ader. So engagieren sich in so genannten „autonomen“ oder „selbstverwalteten“ Jugendzentren, organisieren Konzerte und Festivals. Sie sind in politischen Gruppen wie der Antifa, in Schülergremien und Vereinen tätig.

Als ich noch in der Punkszene aktiv war, gab ich gratis Mathenachhilfe, und wurde zum ehrenamtlichen Fußballtrainer. Meine damals beste Freundin, ebenso Punk, war Rettungsschwimmerin, ihr damaliger Freund, durch den sie zum Punk kam, kümmerte sich einmal die Woche um einen körperlich behinderten Menschen, sein freiwilliges soziales Jahr leistet er in Frankreich in einer Jugendeinrichtung ab. Nach Beendigung des Selbigen möchte er nach Deutschland zurückkehren und Frühpädagogik studieren.

Zwar basieren diese Betrachtungen auf Fallbeispielen und können keineswegs als empirische Wahrheiten gelten, doch ist auch dies ein Teil der Punkszene.

So bunt wie die Haare der Punks sind, so bunt und vielfältig ist auch die Ansammlung derer, welche sich unter dem Etikett Punk organisieren.

2.4 Reflektion der Außendarstellung innerhalb der Szene

Wie geht nun aber die Punkszene selbst mit der Reduzierung auf linksradikale Gewalttäter auf den Chaostagen und pöbelnde, alkoholisierte Spaßrebellen um? So diversifiziert wie die Szene ist, so uneinheitlich ist auch der Umgang mit diesen Paradigmen.

So wird der übermäßige Alkoholgenuss oft besungen und auf Konzerten zelebriert. Bands wie „Pöbel & Gesocks“, als typische Oi-Punkband mit einem (ehemaligen) Nazipunk in der Band, widmet sich ausgiebigst diesem Thema. So ließ schon ihr erster Name „Becks Pistols“, welcher von der Bremer Brauerei gerichtlich verboten wurde (Pöbel & Gesocks 2011), Konzerte vermuten, welche in Trinkorgien endeten. Auch nach ihrer Umbenennung in „Pöbel & Gesocks“ blieben sie ihrem Motto treu. Und damit haben sie bis heute Erfolg. Auf fast jedem Punkkonzert und an öffentlichen Sammelplätzen ist aus oftmals betrunkenen Kehlen der Schlachtruf „Pöbel und Gesocks, oi, oi, oi“ zu vernehmen und die Band hat mir der entsprechenden Assoziation überhaupt kein Problem, im Gegenteil, sie spielt damit.

Die Chaostage wirken dagegen teilweise mystisch auf die Szene. Während einige das Thema umgehen, dazu nichts wissen oder wissen wollen, glorifizieren andere die Chaostage. So gibt es mittlerweile einen Kinofilm darüber (siehe News auf chaostage.de), eine eigene Internetseite, Lieder. Im Februar 2010 wurde dieser Mythos beispielsweise in vereinzelten Bussen, die auf dem Weg nach Dresden waren, um den großen Naziaufmarsch zum Gedenken des „Bombenholocausts“ (rechtsradikale Bezeichnung für das Bombardement Dresdens am 13.-15.Februar 1945) zu verhindern, genutzt, um mit dem Kinofilm „Chaostage – We are Punk“ zum einen die Zeit mit viel Gelächter zu vertreiben, auf der anderen Seite aber auch um schon einmal in Stimmung zu kommen.

Schließlich gibt es noch diejenigen Künstler, wie die Band Fahnenflucht, welche die Paradigmen ironisch in ihren Songs verarbeiten.

So beginnt der Song „Gesox“ vom Album „Beissreflex“ mit dem, in der Punkszene durch dieses Lied und durch den Kinofilm, fast legendären Original-TV-Kommentar zu den Chaostagen in Hannover:

Der Bürger fasst sich an den Kopf, er begreift die Welt nicht mehr. Da ziehen einige hundert Chaoten aller Schattierungen durch Hannover, durch Bremen und durch andere Städte. Sie praktizieren Chaostage! Die Polizei wird wie sooft vorgeführt. Will es die politische Führung so, dass die Polizei zuschaut statt zuschlägt?

Dieses Intro rief verschiedenste Reaktionen hervor. So schüttelte ich jedes Mal mit dem Kopf, da ich eine völlig andere Realität gewöhnt war. Die Realität, die ich kannte, war die, der überzogenen Polizeigewalt auf Demos und beim Fußball. Doch irgendwie schmunzelte man auch jedes Mal, weil sich der Kommentator so fassungslos anhört und das Establishment mit der Situation einfach nur überfordert war.

Dass der ganze Song ironisch kritisierend gehalten ist und damit den Kommentar ins Lächerliche zieht, zeigt folgender Auszug:
Kann es denn so weiter geh’n/ Elend überall/ Ständig wird man angeschnorrt/ der reinste Überfall!/ Ausländer und Obdachlose/ Junkies, Dealer, Punks/ dafür ist doch hier kein Platz/ wir scheißen auf Toleranz/ die Horrorvision/ des Spießbürgertums/ die Horrorvision/ des Spießbürgertums

Sie geh’n bei Rot über die Straße/ achten nicht auf ihren Müll/ schubsen Kinder fies vom Fahrrad/ sind nach 10 Uhr noch nicht still

Auf der einen Seite wird ganz klar Kritik am Bürgertum geübt, welches auf abweichende Lebensmodellen mit großer Skepsis und Ausgrenzung reagiert, auf der anderen Seite werden die vorgebrachten Vorwürfe durch die Aufzählung ins Lächerliche gezogen und somit das Bürgertum entwaffnet.

Abschließend bleibt zu resümieren, dass die Punkszene die Vorurteile aufgreift und in sich verarbeitet, indem sie diese teilweise bedienen, teilweise ironisch überspitzen. Die eigentlich typische Reaktion, das Abstreiten, Dementieren und Einlassen auf eine offene Konfrontation bleibt dagegen aus.

3. Hard-/Metalcore als Weiterentwicklung des Punks

Ich hoffe, dass wir es weiter schaffen werden, unser Selbstbewusstsein als Metalcoreband zu behalten. Vielleicht fällt uns das leichter als anderen, weil wir unsere Wurzeln im Hardcore sehen. Metalcore ist für uns eine konsequente Weiterentwicklung des Hardcore, aber auch des Metal, also etwas ganz Natürliches. “ (Interview mit Narziss auf Bloodchamber.de)

Die Ausführungen in diesem Kapitel beziehen sich zum Großteil auf das Genre Metalcore. Da Metalcore allerdings eine Weiterentwicklung des Hardcore ist, wie auch Narziss in obig zitiertem Interview einräumte, und nicht wie häufig fälschlicherweise angenommen eine Unterart des Metal, wird auch der Hardcore selbst oft angesprochen. Des Weiteren wird es auch einige Ausflüge in Richtung Emocore geben, da der Emocore in seiner ursprünglichen Form dem Metalcore sehr verwandt ist, es teilweise nicht möglich ist, genaue Grenzen zu ziehen, da Bands wie Bullet for my Valentine problemlos zu beidem gezählt werden können und auch der Ursprung beider Stilrichtungen/ Szenen ziemlich identisch ist. Dennoch grenzen sich viele Metalcore’ler gern vom Emocore ab, zelebrieren teilweise regelrechten Hass gegen die Emoszene, was allerdings darin begründet liegt, dass die Emo-Szene von heut nichts mehr mit der ursprünglichen Szene zu tun hat (Vgl. Büsser 2009: 8, Stefan Greiner 2009), doch davon in Kapitel 3.1 und 3.3 mehr.

Des Weiteren gilt es zu beachten, dass die Zuordnung der Bands zum Genre Metalcore in dieser Arbeit auf dem persönlichen Empfinden des Autors sowie der allgemein verbreiteten Meinung beruht. Dabei kann es aber auch zu Abweichungen von anderen, durchaus erstzunehmenden Einordnungen kommen, da die Core-Szene einfach zu komplex ist. So gibt es den Metal-, den Hard-, mit Abstrichen den Emo-, den Grind-, den Death- und den Post-Hardcore, um nur die gängigsten zu nennen, doch sogar von Jazzcore habe ich im Laufe der Recherchen für diese Arbeit gelesen. Deshalb passiert es auch schon mal, dass Metalcore-Bands als Melodic-Hardcore oder wie Heaven Shall Burn als Melodic-Death-Core eingeordnet werden oder auf Grund von musikalischer Weiterentwicklungen die Bands auf einmal nicht mehr als Metalcore geführt, sondern als Crossover gelistet werden (Bullet for my Valentine), obwohl sie jahrelang das Aushängeschild der Metalcoreszene waren.

3.1 Entstehung aus der Punkszene:

Es ist bis heute nicht eindeutig geklärt, woher der Begriff Punk stammt bzw. wie die Szene wirklich entstand. Eine der gängigsten Theorie besagt, dass sie in den USA entstand, dort schon ca. 1-2 Jahre existierte, bevor es in England richtig los ging, allerdings nannten sich die Bands dort nicht Punk, eine andere gängige Theorie geht davon aus, dass der Punk mit der Band Sex Pistols rund um den Bassisten Sid Vicious (erst 2 Jahre nach Bandgründung hinzu gestoßen, allerdings bis heute ein Idol der Szene) und den Sänger Johnny Rotten, mit bürgerlichen Namen John Lydon, entstand und eigentlich eine Art Vermarktungsstrategie ihres Managers Malcolm McLaren darstellte, welcher ein Modegeschäft in London zusammen mit der Designerikone Vivienne Westwood betrieb, dass die gängigen Punkklamotten konzipierte und verkaufte (Vgl. Bos 2010), auf jeden Fall bleibt festzustellen, dass der Punk, wenn er es nicht schon von Anfang an war, doch ziemlich schnell kommerzialisiert wurde.

Deshalb kam es gegen Ende der 70er Jahre zu einer Abspaltung innerhalb der Punkszene. Im Jahre 1977 tauchte eine neue Untergruppierung auf, welche sich Streetpunks nannte. Diese verurteilte jede Art des Kommerzes und grenzte sich strikt von den Modepunks ab. Aus dieser Abspaltung heraus entwickelten sich schließlich die beiden Szenen Oi! und Hardcore (HC).

Ziel der neuen Hardcorebewegung war es, sich von „dauerhaft alkoholisierten und benebelten Punks“ (Mulder 2010: 25) abzugrenzen und wieder mehr Inhalt in die Songs zu bringen, statt nur zu pöbeln, sich zu betrinken und aus reinem No-Future-Denken ohne Perspektive eine reine Spaßkultur im Hier und Jetzt zu sein. (Vgl. Mulder 2010: 25f)

Die Hardcoreszene beschränkte sich anfangs auf relativ simple Songs, oftmals nicht länger als eine Minute (Vgl. frühe Songs von Bands wie Minor Threat, z.B. „Straight Edge“ oder „12XU“), und basierte auf dem Prinzip, dass jeder in einer Band spielen können sollte.

Doch wie in der Einleitung schon beschrieben, unterliegen Szenen und Subkulturen im Allgemeinen dynamischen Prozessen, so auch die Hardcorebewegung. Auf Grund der überbetonten Maskulinität, des weit verbreiteten Sexismus innerhalb der Szene, „No Clit in the Pit“ (Merle Mulder 2010: 17), und der Beschränktheit der Themen, bildetet sich ziemlich schnell der Emocore als emotionale Variante des Hardcores, welcher sich musikalisch gar nicht allzu sehr vom Hardcore unterschied, aber erstmals die Gefühle der Künstler in den Vordergrund stellte, Schmerz und Trauer verarbeitete und mit dem Bild der übertriebenen Maskulinität brach. (Vgl. Wächter, 2009: 12-13)
Während viele Hardcorebands heutzutage immer noch dem alten Klischeebild des HC verhaftet sind, entwickelte sich die Emocoreszene weiter. Zum einen wurde auch sie kommerzialisiert und spätestens mit Beginn des neuen Jahrtausends eine völlig neue Emokultur erschaffen, welche musikalisch auch nicht mehr auf dem HC basiert, sondern auf Rock, Punk, Alternative. (Vgl. Wächter 2009: 14) Als Beispiele können hier Bands wie My chemical romance, 30 Seconds to Mars oder Hawthorne Hights genannt werden.

Bands, welche sich seitdem wieder dem ursprünglich Emocore zuwenden, wurden aus der neuen Sammelszene Emo, die alles charakterisiert, was in keine andere Szene passt, ausgeschlossen und einem neuen, künstlich erschaffenen Stil, dem Screamo, zugeordnet. (Vgl. Wächter 2009: 14)

Auf der anderen Seite brachten viele junge, aufstrebende Bands wie „Bullet for my Valentine“, „As I Lay Dying“, „It dies today“, „Avenged Sevenfold“ oder „Trivium“ Metaleinflüsse mit in die HC-/Emocoreszene und durchmischten beide. Dies passierte auch schon früher bei einigen Straight Edge Bands auf kleiner Ebene, doch als eigene Stilrichtung prägte sich der Metalcore erst Mitte bis Ende der 90er Jahre aus.

Metalcore ist also, wie das Zitat von Narziss zeigt, sowohl „eine konsequente Weiterentwicklung des Hardcore“ (siehe Kapitel 3) also auch eine Übernahme der ehemaligen Emocoreparadigmen und ein Wiederaufgreifen der Themen Gefühle, Sehnsucht, Schmerz, etc., welche durch das Ende des ursprünglichen Emocores sonst aus der Coreszene verschwunden wären.

3.2 politischer Anspruch und die Straight Edge – Bewegung:

Zu Beginn dieses Unterpunktes des dritten Kapitels möchte ich mit aller Deutlichkeit darauf verweisen, dass Themen wie Straight Edge so diffus und umfassend sind, dass allein über dieses Phänomen Arbeiten geschrieben werden könnten. Deshalb ist es mir nicht möglich, in diesem Zusammenhang die gesamte Straight Edge Szene zu analysieren, wen das besonders interessiert, dem sei das Buch „Straight Edge: Subkultur, Ideologie, Lebensstil?“ von Merle Mulder wärmstens empfohlen. Ich werde sie aber anreißen und drauf eingehen, da sie keine unwichtige Rolle im Metalcore spielt.

Straight Edge (SXE) gibt es in den verschiedensten Formen, von unpolitisch bis politisch, antireligiöse bis religiös, doch eines haben sie alle gemeinsam: Die Ablehnung von Drogen, Alkohol, Tabak, Promiskuität.

Der Ursprung dieser Bewegung findet sich in der Punk- sowie der beginnenden HC-Szene. Auf Grund der „No-Future“-Einstellungen dieser Szenen, welche unter anderem eine Folge der hohen Jugendarbeitslosigkeit war, kam es zu Alkoholexzessen, Drogenmissbrauch, vermehrtem Geschlechtsverkehr mit wechselnden Partnern, völlig los gelöst von Gefühlen wie Liebe oder Zusammengehörigkeit. Folgen dieser Eskapaden war eine steigende Lethargie innerhalb der Szenen, welche eine, aus Sicht der ersten Straight Edger, traurige Kraftlosigkeit mit sich brachte.

Um aus diesem Teufelskreis auszubrechen oder ihn gleich ganz zu umgehen, aber auch gegen den generell in der Gesellschaft verbreiteten Alkoholkonsum aufzubegehren, prägten sie die Straight Edge-Szene auf Grundlage des Songs „Out of Step“ von Minor Thread. Dort heißt es: „Don’t smoke, don’t drink, don’t fuck, at least I can fucking think!“Dabei muss betont werden, dass nicht Sex generell kritisierte wurde, sondern das “Ficken” (Ian McKaye), gefühlsloses, experimentelles Ausleben des Geschlechtsakts mit ständig wechselnden Partner, welches, laut McKaye im Fernsehen gefahrenlos propagiert wird, jedoch zu Geschlechtskrankheiten und Schwangerschaften führe. (Vgl. Mulder 2010: 13)

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Details

Seiten
24
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656149767
ISBN (Buch)
9783656149903
Dateigröße
592 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v190395
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Musikwissenschaft und Medienwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Punk Metalcore Emo Emocore Abgrenzungsmechanismus Subkulturen Subkultur Szene Szenen

Autor

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