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Die Rolle der Bildung für die Integration

Wie lässt sich die Benachteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem erklären und welche Lösungsansätze bieten sich an?

Seminararbeit 2011 25 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Begriffsannäherungen
2.1.1 Integration
2.1.2 Abgrenzung zu Assimilation
2.3 Benachteiligung von Migranten im Bildungssystem
2.3.1 Migration
2.3.2 Erklärungsansätze zur Benachteiligung von Migranten im Bildungssystem
2.3.3 Konzeptentwicklung für eine spezifische Bildung von Migranten
2.4 Ansatzpunkte und Gegenmaßnahmen

3. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Die soziale Herkunft darf nicht über die Bildungschancen entscheiden.“ (Schultz 2008). Dieses Zitat, welches für den Titel eines Artikels aus einer früheren Ausgabe der Süddeutschen Zeitung genutzt wurde, ist auch gleichzeitig eine aus den Reihen der Politik häufig gestellte Forderung. Nicht nur die Grundrechte der Menschenwürde und der Gleichberechtigung, sondern auch ökonomische Gesichtspunkte verbieten es Menschen aus verschiedenen Gründen Bildungschancen vorzuenthalten. Die Tatsache, dass bis heute Sätze, wie das einleitende Zitat in der Öffentlichkeit kursieren, zeigt, dass eine formal rechtliche Garantie für den freien Zugang zu Bildung für eine wirkliche Gleichberechtigung der Bildungschancen besonders in Bezug auf Menschen mit Migrationshintergrund zumindest hinterfragt werden muss.

Diese Hausarbeit setzt sich mit der Rolle der Bildung für die Integration auseinander. Es soll der Fragestellung nachgegangen werden, wie sich die Benachteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund, die angeblich im deutschen Bildungssystem existent ist, erklären lässt und welche Lösungsansätze sich für eine Veränderung der Situation anbieten. Dabei wird schwerpunktmäßig unter Vernachlässigung des medialen Diskurses auf den wissenschaftlichen Umgang mit der Thematik eingegangen.

Beginnend mit einer Abhandlung der Begriffe Integration und Assimilation, die voneinander abgegrenzt und diskutiert werden, soll in einem weiteren Schritt die Benachteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund im Bildungssystem thematisiert werden. Dabei wird zunächst auf das Themenfeld der Migration eingegangen und Erklärungsansätze für die Benachteiligung geliefert, woraufhin die Konzeptentwicklung für eine spezifische Bildung im Verlauf der jüngeren deutschen Migrationsgeschichte nachgezeichnet werden soll. Im Anschluss sollen dann mögliche Ansatzpunkte und Gegenmaßnahmen im Rahmen dieses Forschungsfeldes aufgezeigt werden. Abschließend wird im Schlussteil die Leitfrage nach den möglichen Erklärungsansätzen für eine Benachteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem und den etwaigen Lösungsansätzen nochmals aufgegriffen. Es soll dazu geprüft werden, ob sie im Hauptteil beantwortet wurde. Zudem werden die Forschungsergebnisse zusammengefasst und eine Bewertung dieser vorgenommen.

Außerdem wird ein Ausblick gegeben unter welchen Gesichtspunkten man die behandelte Thematik noch untersuchen könnte.

2. Hauptteil

2.1 Begriffsannäherungen

Ehe auf den Zusammenhang von Bildung und Migration genauer eingegangen wird, soll sich zunächst mit den Begriffen Integration, Assimilation und Migration differenziert auseinandergesetzt werden.

2.1.1 Integration

Das Wort Integration findet seinen Ursprung in dem lateinischen Adjektiv integer, was übersetzt so viel wie unversehrt, ganz oder makellos bedeutet und dem Verb integrare, was man zu wiederherstellen oder ergänzen verdeutschen kann. Im Allgemeinen ist also mit Integration „die Wiederherstellung eines Ganzen“ ( Jantzen 2010, S. 96) gemeint. Daraus ergeben sich verschiedene Deutungsmöglichkeiten, sodass der Begriff immer vor dem Hintergrund des jeweiligen Kontextes definiert werden muss. Man kann zwischen zwei Formen der Integration unterscheiden, der Systemintegration und der Sozialintegration. Aufgrund des gewählten Schwerpunktes auf die soziale Integration wird die Systemintegration an dieser Stelle weniger Beachtung finden.

Die Systemintegration beschreibt den Zusammenhalt von Gesellschaften. Den Theorien der Soziologen Bourdieu und Luhmann folgend, bewegt sich Integration innerhalb und zwischen gesellschaftlichen Teilsystemen und in einer differenzierten Machtbalance von Teilhabe über Kontrolle bis hin zur aktiven Ausgrenzung (Vgl. Korte/Sch ä fers 2010, S. 104).

In der Sozialintegration geht es dagegen um die individuelle Eingliederung in die Gesellschaft, welche von jedem Einzelnen geleistet werden muss. Diese wird als Anpassung an die Norm und die Lebensweise einer Gesellschaft aufgefasst. In diesem Zuge werden abweichende Verhaltensweisen mit der Zeit abgelegt.

Die damit verbundenen Erwartungen sind in erster Linie an Ausländer und Immigranten gerichtet, welche sich in die deutschen Gewohnheiten einfügen wollen, aber auch an Minderheiten, wie beispielsweise Menschen mit Behinderung. (Vgl. Korte/Sch ä fers 2010, S. 104)

Der Prozess der Sozialintegration von Migranten kann in vier Phasen unterteilt werden. Im Rahmen der Kulturation werden für das Aufnahmeland benötigte Kompetenzen erlernt, während der Platzierung findet die gesellschaftliche Positionierung statt und im Verlaufe der Interaktion werden „interethische Kontakte und Beziehungen“ ( Janssen 2010, S. 335) geknüpft. Die letzte Phase bildet die Identifikation mit dem Aufnahmeland. Als Indikator für einen etwaigen Integrationserfolg kann unter anderem die Existenz interethischer Beziehungen herangezogen werden. (Vgl. ebenda )

Für den deutschen Soziologen Hartmut Esser ist Sozialintegration in zwei Gesellschaftsgruppen möglich. Zum einen die ethnische Gemeinde, dargestellt durch eine zahlenmäßig große Gruppe von Migranten, deren „[r]äumliche Segregationen1 und kulturelle Segmentationen2 […] sich gegenseitig [verstärken]“ ( Esser 2000, S. 301). Aufgrund der Segregationen werden über eine „strukturell erzeugte Kontaktdichte der Akteure kulturelle Segmentationen“ (ebenda ) gefördert, welche wiederum räumliche Segregationen hervorrufen, woraufhin sich ethnische Gemeinden institutionalisieren. Zum anderen das angesprochene Aufnahmeland, dargestellt durch die gesamte Bevölkerung. Bleibt die Sozialintegration sowohl in die ethnische Gemeinde als auch in das Aufnahmeland aus, so entsteht Marginalität3. Geschieht die soziale Integration simultan auf beiden Seiten, so spricht Esser von einer Mehrfachintegration. Jedoch schränkt er dabei ein: „Die Mehrfachintegration ist zwar ein oft gewünschter, theoretisch jedoch kaum realistischer und empirisch auch sehr seltener Fall […] Daher kann man die vollzogene Sozialintegration von Migranten in die Aufnahmegesellschaft realistischerweise bis auf die wenigen Ausnahmen von Diplomaten, Akademikern oder sonstigen Kosmopoliten, wohl kaum anders denn als Assimilation4 verstehen.“ ( Janssen 2010 S. 336 zit. n. Esser 2001)

Als erfolgreich integriert sieht Esser jene an, die „ihre Kontakte zur eigenethnischen Gruppe zugunsten von Kontakten zu Personen des Aufnahmelandes aufgeben“ (Janssen 2010, S. 336). Dies zieht eine herausragende Bedeutung der Notwendigkeit von interethnischen Kontakten mit sich.

Eine weitere Möglichkeit der theoretischen Annäherung an den Integrationsbegriff ist die Frage nach den Kriterien für Inklusion und Exklusion. Inklusion wird von dem lateinischen inclusio abgeleitet, was mit Einschließung oder Einsperrung übersetzt werden kann. Abhängig von der Forschungsperspektive kann Inklusion sozialethisch als „die Gleichwertigkeit eines Individuums als Vielfalt in der Differenz“ ( Jantzen 2010, S. 96) oder systemtheoretisch als „die Art und Weise, wie soziale Systeme Menschen beeinflussen, die sie in ihren Relevanzraum aufnehmen, ihren Handlungsraum zugleich entfalten und eingrenzen“ ( Jantzen 2010, S. 96 zit. n. Nassehi ), begriffen werden. Die Pädagogik versteht Inklusion dagegen als umfassenden Ansatz, „der auf der Basis von Bürgerrechten argumentiert, sich gegen jede gesellschaftliche Marginalisierung wendet und somit allen Menschen das gleiche volle Recht auf individuelle Entwicklung und soziale Teilhabe ungeachtet ihrer persönlichen Unterstützungsbedürfnisse zugesichert sehen will“ (Hinz 2006, S. 98).

Die Exklusion, welche im lateinischen exclusio ihren Ursprung findet, kann mit Ausschließung oder Abweichung übersetzt werden. Der Begriff Exklusion löste im letzten Jahrzehnt den soziologischen Terminus sozialer Ausschluss ab. Dabei lässt er sich in drei Subkategorien unterteilen. Von der vollständigen Ausgrenzung, die mit dem Genozid gleichzusetzen ist, über den Aufbau geschlossener Räume zur Abtrennung von der Gesellschaft, beispielsweise Gefängnisse oder Ghettos bis zu einer Form des Ausschlusses, der eine Koexistenz mit der Gemeinschaft erlaubt, jedoch bestimmte Rechte beschneidet und die Beteiligung an gewissen sozialen Aktivitäten untersagt.

Bei der Anwendung der Begriffe Inklusion und Exklusion lassen sich vier Merkmale beobachten. Es handelt sich um Begriffe, die in Relation zu ihrer Bedeutung in der jeweiligen Gesellschaft betrachtet werden müssen. Die gesellschaftlich vorherrschenden Standards setzen den Maßstab für Inklusion und Exklusion (vgl. Janssen 2010, S. 336 zit. n. Marshall 1992) Zweitens umfassen die Begriffe verschiedene Dimensionen.

So beinhalten sie ökonomische, soziale, kulturelle, politisch-rechtliche und räumliche Dimensionen sowie deren Wechselwirkungen untereinander. Drittens werden Inklusion und Exklusion als Prozesse verstanden. Als Fixpunkt in diesen Prozessen kann beispielsweise eine dauerhafte, qualifizierte Beschäftigung und als deren Gegenpol die Überflüssigkeit auf dem Arbeitsmarkt gelten. Als letztes Merkmal fungiert die Abhängigkeit der beiden Begriffe von gesellschaftlichen und subjektiven Faktoren. So dürfen Individuen nicht nur als passiv Ertragende, sondern auch als aktiv Handelnde betrachtet werden. „Gesellschaftliche Bedingungen […] einerseits und Qualifikationen, Verhaltensweisen und Selbstdefinitionen der Individuen andererseits entscheiden darüber wie diese Prozesse verlaufen.“ ( Janssen 2010, S. 387)

Gerade der Verweis auf Inklusion und Exklusion macht deutlich, dass soziale Integration als zunehmend offener wechselseitiger Lernprozess zwischen der gesellschaftlichen Mehrheit und den verschiedenen Minderheiten verstanden werden muss, der „auch abweichende Eigenbereiche und Verhaltensweisen von Minderheiten innerhalb der Gesellschaft anerkennt“ ( Universit ä t Hamburg 2011).

2.1.2 Abgrenzung zu Assimilation

Der bereits im vorherigen Kapitel angeklungene Begriff der Assimilation stammt von dem lateinischen assimilatio, was mit Ähnlichmachung übersetzt werden kann (vgl. Dudenonline 2011). Allgemein versteht man unter dem Begriff ein Anpassungsmuster, welches dadurch gekennzeichnet ist, dass sich Merkmale von Individuen oder Gemeinschaften und jene einer Referenzgruppe einander immer mehr ähneln (Vgl. Leibold 2006, S. 9 zit. n. Brubacker 2001).

In der Erforschung von Integrationsverläufen stellt das sogenannte „Assimilationskonzept“ ( Leibold 2006, S. 9) ein Modell der Angleichung dar, in dem sich Immigranten an eine Aufnahmegesellschaft angleichen und, wenn auch in sehr viel geringerem Ausmaß, die einheimischen Mitglieder der Aufnahmegesellschaft an die Immigranten. Der amerikanische Soziologe Miltion M. Gordon geht in seiner Theorie von den Anforderungen aus, die von dem Aufnahmeland an die Immigranten gestellt werden. Gordon sieht die Assimilation als Integrationsprozess an sich an, im Gegensatz zu der bereits vorgestellten Theorie der vier Phasen der Sozialintegration.

[...]


1 Segregation ist nichts anderes als eine räumliche Abbildung sozialer Ungleichheit in einer Gesellschaft. (Difu 2006)

2 „Migranten verbleiben - bewußt oder nicht - der Kultur ihrer Herkunftsgesellschaft verhaftet, insbesondere in bezug auf das Sprachverhalten, die alltäglichen Gewohnheiten und Interaktionen und die emotionale Identifikation.“ ( Esser 2000, S. 300)

3 Beschreibt den Zustand der Nicht-Integration. (Vgl . T ä ubig 2009, S. 37)

4 Der Begriff der Assimilation wird in Kapitel 2.1.2 behandelt.

Details

Seiten
25
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656148319
ISBN (Buch)
9783656148272
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v190389
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg – Professur für Erziehungswissenschaft, insbesondere interkulturelle und vergleichende Bildungsforschung
Note
2,0
Schlagworte
rolle bildung integration benachteiligung menschen migrationshintergrund bildungssystem lösungsansätze

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