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Wie wirkt sich die Institution Studentenverbindung sozialisierend auf die Ausprägung einer hegemonialen Männlichkeit von Verbindungsstudenten aus?

Seminararbeit 2011 24 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Begriffseingrenzung Institution
2.2 Vorstellung des Verbindungswesens
2.2.1 Historie
2.2.2 Studentische Tradtionen
2.4 Theoretischer Ansatz: Hegemoniale Männlichkeit
2.4 Theoretischer Ansatz: Satisfaktionsfähige Gesellschaft
2.5 Theoretischer Ansatz: Männerbund

3. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Untersucht man die öffentliche Darstellung von studentischen Verbindungen, so stößt man unter anderem auf Sätze, wie „Eine Verbindung ist eine Institution der Freundschaft“ (Katholisch österreichische Studentenverbindung Frankonia 2011) oder „Die Institution Burschenschaft genießt in den Reihen der Bevölkerung höchste Anerkennung“ (Burschenschaft Arfeld 2011). Die beiden Zitate werfen dabei unterschiedliche Schwerpunkte auf. Das erste sieht die verbindende Freundschaft, das zweite eher die öffentliche Akzeptanz im Vordergrund. Als verbindendes Element der beiden Äußerungen stellt sich der Begriff Institution dar. Beide Verbindungen sehen sich jeweils als eine Institution an.

Diese Hausarbeit setzt sich mit dem Phänomen Studentenverbindung auseinander. Dabei soll am Beispiel des Verbindungstypus der Burschenschaften geprüft werden, ob es sich dabei wirklich um eine Institution handelt. Es soll die These verfolgt werden, dass Burschenschaften als Institutionen in ihrer sozialisierenden Wirkung für die Ausprägung einer hegemonialen Männlichkeit von Verbindungsstudenten verantwortlich sind.

Beginnend mit einem Abriss über den Begriff der Instution, wird unter Berücksichtigung der Inhalte des Seminars Was sind Institutionen , deren Abschluss diese Arbeit bildet, auf das soziologische Konstrukt der Institution eingegangen und soziologische Perspektiven auf diese Thematik vorgestellt. Anschließend soll ein grober Überblick über die Geschichte und Traditionen des Studentenverbindungswesens gewährt werden. Dabei werden Belege geliefert, dass es sich bei Studentenverbindungen um Institutionen im soziologischen Sinne handelt. Danach sollen drei verschiedene Theorieansätze im Zusammenhang mit studentischen Verbindungen vorgestellt und aufeinander angewendet werden. Die Theorie der hegemonialen Männlichkeit wird aus der Perspektive der beiden Soziologen Connell und Bourdieu vorgestellt. Daraufhin werden mit Norbert Elias Theorie der satisfaktionsfähigen Gesellschaft sowie der Männerbundtheorie zwei Modelle vorgestellt, die belegen sollen, dass studentische Verbindungen Einfluss auf die Sozialisation der Verbindungsstudenten und deren Habitus einer hegemonialen Männlichkeit haben.

Abschließend wird im Schlussteil die Leitfrage nach der Verantwortung der Institution Studentenverbindung für die Ausprägung einer hegemonialen Männlichkeit nochmals aufgegriffen und geprüft, ob sie im Hauptteil beantwortet wurde. Zudem werden die Forschungsergebnisse zusammengefasst, eine Bewertung dieser vorgenommen und ein Ausblick über eine vertiefende Forschung in diesem Themenbereich gewährt.

2. Hauptteil

2.1 Begriffseingrenzung Institution

Die zentrale Frage dieser Hausarbeit setzt sich mit dem sozialisierenden Einfluss des Studentenverbindungstyps der Burschenschaft auf den Verbindungsstudenten auseinander. Dabei wird von der Annahme ausgegangen, dass es sich bei diesem Verbindungstypus um eine Institution handelt. Um die Thematik näher zu erörtern, soll in diesem Kapitel eine definitorische Grundlage des Begriffs Institution geschaffen werden. Ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit sollen Teile des Seminars Was sind Institutionen , deren Abschluss diese Arbeit bildet, aufgegriffen werden.

Der Begriff Institution hat seinen Ursprung in dem lateinischen Wort institutio , was man mit den deutschen Substantiven Einrichtung, Erziehung oder Anleitung übersetzen kann. Der Begriff ist, abhängig von der jeweiligen Wissenschaft, in der er verwendet wird, mit verschiedenen Bedeutungen belegt. Als Gemeinsamkeit haben jedoch alle Definitionen, dass „das Konzept der Institution als in den Erwartungen der Akteure verankerte und sozial verbindlich geltende Regeln des Tuns“ ( Esser 2000, S. 9) verstanden wird. Eine Institution kann „einem bestimmten Bereich zugeordnete gesellschaftliche, staatliche, kirchliche Einrichtungen [sein], die dem Wohl oder Nutzen des Einzelnen oder der Allgemeinheit dient.“ ( Dudenonline 2011).

In der Soziologie wird mit Institution unter anderem eine „bestimmten stabilen Mustern folgende Form menschlichen Zusammenlebens“ ( ebenda ) oder einfacher „die Art und Weise, wie bestimmte Dinge getan werden müssen“ ( K ö nig zit. n . Esser 2000, S. 9), gemeint. Hierzu zählen beispielsweise die Institution der Ehe oder der Familie. So zählt die Soziologie Institutionen zu ihren wichtigsten Grundgerüsten.

Soziales Handeln wird durch sie beschränkt, wodurch eine normative Wirkung erzeugt wird. Dies äußert sich in der Vorgabe von Werten und der Festlegung von Pflichten. Dadurch ergeben sich zwei wichtige Funktionen der Institution. Sie formt die Bedürfnisse des Menschen und sichert den Aufbau bzw. den Bestand einer Gesellschaft. Gemäß der Bedürfnispyramide1 des amerikanischen Psychologen Abraham Maslow baut die menschliche Motivation auf der Befriedigung von Bedürfnissen auf. Die rahmengebende Institution gibt jedoch vor, in welchem Maße sich ein solches Bedürfnis darstellt und welchen Stellenwert dessen Befriedigung darstellt. (Vgl. H ä u ß ling/Lipp 2010, S. 113) Sie bildet Referenzgrößen für eine gemeinsame Weltanschauung. Dabei wird versucht diese Gemeinsamkeiten in Form einer Ordnung zu wahren und durch Kontrolle von außen zu sichern. Dies beschreibt auch der amerikanische Philosoph John H. Rawls, indem er Institutionen als ein „öffentliches Regelsystem“ versteht. „Nach diesen Regeln sind bestimmte Handlungsformen erlaubt, andere verboten; für den Übertretungsfall sehen sie bestimmte Strafen, Gegenmaßnahmen usw. vor.“ (Rawls 2006)

Innerhalb der Soziologie finden sich wiederum unterschiedliche Betrachtungsweisen und Beschreibungen für die Wirkung von Institutionen. Der französische Soziologe und Ethnologe Émile Durkheim charakterisiert die gesamte Soziologie als die Wissenschaft von Institutionen, die das menschliche Handeln regeln und das Zusammenleben ordnen. (Vgl. H ä u ß ling/Lipp 2010, S. 113 f.) Der deutsche Soziologe Arnold Gehlen sieht Institutionen in der Funktion eines Instinktersatzes, der dem Menschen im Gegensatz zum Tier nicht angeboren ist. Daher nennt er den Menschen ein Mängelwesen, dem es erst durch Institutionen möglich wird sein Leben zu führen und somit eine Identität zu erlangen. (Vgl. Gehlen 2004, S. 10 ff.)

Der Amerikaner Peter Berger und der deutsche Soziologe Thomas Luckmann verstehen Institutionen als Regelwerk mit dessen Hilfe Probleme im Alltag gelöst werden. Diese, von Menschen entwickelten, Regeln können sich sehr schnell verfestigen und Macht gegenüber den Menschen ausüben. (Vgl. Berger/Luckmann 2009, S. 56 ff.) Dies kann sich bereits in alltäglichen Situationen wie beispielsweise der Anwendung von Umgangsformen oder der Kleiderwahl ausdrücken.

2.2 Vorstellung des Verbindungswesens

Um den Nachweis liefern zu können, dass es sich bei Burschenschaften bzw. deutschen Studentenverbindungen im Allgemeinen um Institutionen handelt, soll im Folgenden die Geschichte des Verbindungswesens skizziert, seine eigentümlichen Traditionen vorgestellt und abschließend die Frage nach dem sozialen Regulativ beantwortet werden.

2.2.1 Historie

Studentische Verbindungen entstanden im europäischen Raum in enger Verknüpfung mit den mittelalterlichen Universitäten, den sogenannten hohen Schulen im 12. Jahrhundert. Um nach dem aristotelischen Vorbild angesehenen Gelehrten zu folgen, wurden neben althergebrachten Klosterschulen neue Bildungseinrichtungen geöffnet. (Vgl. Schulze/Ssymank 1910, S. 5) Die hohen Mietpreise und die begrenzten Wohnmöglichkeiten in der Nähe diesen Einrichtungen umging man, indem man sich in Lern- bzw. Wohngemeinschaften, sogenannten Kollegien, organisierte (vgl. Meiners 1802, S.8 f.).

Neben den Kollegien bildeten sich in der Folge zunehmend Gemeinschaften ausländischer Studenten, die sich in der Fremde mit ihren Landsleuten vereinigten. Aus dieser Zeit rührt auch der Begriff der Burschenschaft, welcher darauf zurückgeführt wird, dass der wöchentlich zu zahlende Betrag für Verpflegung und Miete in einer gemeinsamen Geldbörse gesammelt wurde. Das lateinische Wort Burse bezeichnet neben der besagten Börse auch das „Haus, das von einer aus einem Beutel lebenden Gesellschaft bewohnt wird.“ ( Krause 1983 , S. 19).

Die Bewohner einer solchen Burse wurden in ihrer Gesamtheit als die Bursch bezeichnet (vgl. ebenda , S. 19 ff.).

Die Tendenz sich über die Muttersprache und die regionale Herkunft zu definieren, führte im 16. Jahrhundert zu einer stärker werdenden Differenzierung, weshalb die Gemeinschaften als alte Landsmannschaften bezeichnet wurden. Deren Gründungszweck lag darin, „den Studierenden am Universitätsort Unterstützung und Beistand in finanziellen Belangen (bei Krankheit, Geldnot) aus der Gemeinschaftskasse zu gewähren, sie vor Angriffen zu schützen, Streitigkeiten beizulegen und zu tugendhaften Eigenschaften (Ehrbarkeit, Treue sowie zur Freundschaft) zu erziehen“ ( Kaupp 2006, S. 194, zit. n. Bauer/Riederer 1991). Die Landsmannschaften sind auch an der Gestaltung der in Teilen bis heute praktizierten studentischen Traditionen beteiligt, welche im weiteren Verlauf vorgestellt werden. So erfinden sie eine eigene Studentensprache, dichten Lieder, erfinden Trinkrituale und duellieren sich mit Waffen, um ihre Tapferkeit zu beweisen oder eine Beleidigung eines anderen Verbindungsstudenten zu rächen. (Vgl. Kaupp 2006, S. 40 ff.; Schulze/Ssymank 1910, S. 87)

Der Begriff der Landsmannschaft geriet nach einem Verbot landsmannschaftlicher Verbindungen in der „Verordnung wider den Nationalismus“ ( Kaupp 2006, S. 194; Krause 1983, S. 43) bei den Behörden Mitte des 18. Jahrhunderts in Verruf. Das Verbot ignorierend trug man fortan den Titel Corps, gemäß der damaligen Bezeichnung für eine Zusammenkunft mehrerer Personen (vgl. Krause 1983, S. 74). In der Folge der napoleonischen Befreiungskriege wird Anfang des 19. Jahrhunderts der Wunsch vieler Studenten nach einem deutschen Nationalstaat während des Wiener Kongress von 1814 bis 1815 nicht befriedigt. In der Enttäuschung über diese Vorgänge gründen 1815 Mitglieder verschiedener Landsmannschaften in Jena die erste deutsche Burschenschaft, welche bis heute besteht und auch als Urburschenschaft bezeichnet wird.

[...]


1 Entworfen, um die Motivationen von Menschen zu beschreiben. Die Stufen der Pyramide bilden menschliche Bedürfnisse. Sie bauen aufeinander auf, jeder versucht zuerst die Bedürfnisse der niedrigen Stufen zu befriedigen bevor die nächste Stufe erreicht werden kann. Die Stufen sind im einzelnen:
1. Körperliche Grundbedürfnisse - Essen Trinken Schlafen Sex.
2. Sicherheit - Haus fester Job Versicherungen persönliche Zukunftsaussichten Religion persönlicher Waffenbesitz.
3. Soziale Beziehungen - Kommunikation Partnerschaft Freundeskreis.
4. Soziale Anerkennung - Karriere Status Macht Selbstachtung.
5. Selbstverwirklichung - Altruismus Individualität Gerechtigkeit Güte Talententfaltung. (Vgl. Zimbardo 2004, S. 421 f.)

Details

Seiten
24
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656148340
ISBN (Buch)
9783656148227
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v190384
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg – Professur für Bildungs- und Erziehungssoziologie
Note
1,0
Schlagworte
institution studentenverbindung ausprägung männlichkeit verbindungsstudenten

Autor

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