Lade Inhalt...

Schenken als Kriegsersatz. Das "Nibelungenlied" im Kontext der Gabentheorie

Hausarbeit 2011 13 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Schenken statt Krieg führen

2. Definition des Gebens laut Mauss und Verbindung zum Nibelungenlied

3. Ablauf des Schenkungswettstreits / Schenken als Kriegsersatz
3.1 Die erste Gabe: Gunther bereitet Siegfried einen friedlichen Empfang
3.2 Die zweite Gabe: Siegfried kämpft an der Seite der Wormser gegen die Sachsen
3.3 Die dritte Gabe: gruoz und kuss von Kriemhild für Siegfried
3.4 Die vierte Gabe: Die Erringung Brünhilds für Günther
3.5 Die fünfte Gabe: Siegfried bekommt Kriemhild
3.6 Die sechste Gabe: die Bezwingung Brünhilds durch Siegfried

4. Der Abbruch der Tauschbeziehung und der Mord an Siegfried

1. Einleitung: Schenken statt Krieg führen

Im ersten Teil des Nibelungenlieds kommt es zur Ermordung des Helden Siegfrieds. Ursachen für den Tod dieser Figur sind augenscheinlich der Konflikt zwischen Kriemhild und Brünhild und die Ehrenrettung des Hofes, oder auch die Chance auf einen Machtgewinn für den Wormser Hof. Neben derartigen offensichtlichen Faktoren werde ich in dieser Arbeit einen weiteren Grund für das Ende Siegfrieds behandeln der nicht sofort ins Auge sticht.

Der systematische Austausch von Gaben, den man zwischen den beiden Höfen Worms und Xanten erkennen kann, zieht sich wie ein roter Faden durch den ersten Teil des Epos. Durch das gegenseitige Schenken werden Abhängigkeiten zwischen den beiden Höfen geschaffen. Statt mit Gewalt wird die Hierarchie unter den Königstümern hierbei anhand des Wertes der jeweiligen Gabe bestimmt. So kann ein dauerhaftes System des Schenkens entstehen, dass den Krieg und die Gewalt mit dem Schenken von Gütern und Gaben ersetzt. Dieses System setzt allerdings zwei Bedingungen voraus. Zum einen, dass der Gabenaustausch permanent fortgeführt werden muss und zum anderen, dass das erhaltene Geschenk, wiederum durch ein eigenes Präsent übertroffen wird. Sollte jedoch eine der Parteien in diesem Schenkungs-Duell unterliegen, muss sie sich hierarchisch unterordnen, was einen gewaltigen Ehrverlust zur Folge hätte. Um diesen drohenden Ehrverlust zu umgehen, wird das Schenkungssystem im Nibelungenlied von den unterlegenen Burgunden aufgebrochen und es kommt zum Ausbruch der zuvor unterdrückten Gewalt, die sich am Mord Siegfrieds manifestiert.

In der folgenden Arbeit werde ich nun auf den Begriff der „Gabe“ näher eingehen, anschließend die einzelnen Schritte des Schenkungswettbewerbs erläutern und Gründe aufzeigen die zum Ende des Gabenaustausches und dem daraus resultierenden Mordes an Siegfried führten.

2. Definition des Gebens laut Mauss und Verbindung zum Nibelungenlied

Der französische Soziologe Marcel Mauss untersucht in seinem Werk „Die Gabe - Form und Funktion des Austausches in archaischen Gesellschaften“ den Gabenaustausch in vorneuzeitlichen Gesellschaften. Mit den dort gewonnen Erkenntnissen lässt sich die Absicht, die im Nibelungenlied hinter dem Schenken steht besser verstehen und die Vorgehensweise der beiden Höfe erkenntlich machen.

So erkennt Mauss in der skandinavischen Kultur, dass ein Austausch von Verträgen in der Form von Geschenken von statten geht[1], wie im Nibelungenlied scheinen diese aus einer freiwilligen Handlung heraus übergeben worden zu sein in Wirklichkeit jedoch ist das Geben, genauso wie das Erwidern der Gabe, Pflicht. In einer Gesellschaft ohne allgemeine Gesetzgebung sollen diese Geschenke fehlende Verträge ersetzen. Was somit als eine großzügige und spontane Geste anmutet, ist nichts anderes als eine„ zwanghafte und eigennützige Leistung“[2] bei der es im Grunde um wirtschaftliche Interessen geht. Im Nibelungenlied nutzt der Wormser Hof zum Beispiel die Verbindung von Siegfried und Kriemhild. Die Burgunden wissen um die Abhängigkeit Siegfrieds von Kriemhild und können ihn deshalb mit Gesten und Höflichkeiten der Angebeteten lange als starken Partner im Krieg an den eigenen Hof binden.

Einen weiteren Grundsatz des Schenkens erkennt Mauss darin, dass der Austausch von Gaben nie zwischen zwei Individuen allein erfolgt, sondern dass sich immer gleich ganze Kollektive im Schenkungsprozess gegenseitig verpflichten.[3] Im Falle des Nibelungenliedes sind diese Kollektive die verschiedenen Königshöfe denen als Repräsentant der König vorsteht und dessen Gaben und vor allem auch Gesten auf den gesamten Hof übertragbar sind.

Diese Gesten wiederum bilden eine weitere Gesetzmäßigkeit in Mauss Theorie. Das Geben von nichtmateriellem wirtschaftliche unnützlichen Dinge nämlich.[4]

So erkennt er, dass nicht ausschließlich ein Austausch von Gütern und Reichtümern stattfindet, sondern auch Höflichkeiten, Festessen, Rituale, Militärdienste, Frauen, Kinder, Tänze und Feste, sowie Märkte gezielt als Geschenke eingesetzt werden.

Wenn man das Nibelungenlied auf diese Art von Gaben überprüft fällt auf, dass so gut wie alle genannten nicht materiellen Gaben zum Einsatz kommen. Ob es nun das Einladen zu einer „ hòchgezìt “[5], das Vergeben des Heiratsrechts einer höfischen Dame an einen Helden, wie zum Beispiel bei der Heirat zwischen Kriemhild und Siegfried[6], bei der Gunther einwilligt: „sò wil ich dir ze wìbe mine swester geben“ oder aber auch die unauffällige Höflichkeit des Entgegenkommens Gunthers beim Empfang von Siegfried[7] ist, es sind alles Gaben, die zwar wirtschaftlich keinen Faktor darstellen, aber als Bündnisse oder Kriegsaufforderungen gemeint sind.

[...]


[1] Mauss Marcel: Die Gabe - Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften, Frankfurt a.M. 1990 S.17

[2] Mauss Marcel: die Gabe S.18

[3] Mauss Marcel: die Gabe S.21

[4] Mauss Marcel: die Gabe S.22

[5] Das Nibelungenlied Band 1 - Mittelhochdeutscher Text und Übertragung, 2.Auflage: Frankfurt a.M. Dezember 2009, Strophe 750 Vers 3

[6] Das Nibelungenlied Band 1 - Strophe 334 Vers 1

[7] Das Nibelungenlied Band 1 - Strophe 104 Vers 4

Details

Seiten
13
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783668095618
Dateigröße
385 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v190368
Institution / Hochschule
Universität Bayreuth
Note
1,00
Schlagworte
Nibelungenlied Siegfried Schenkung Wettstreit Kriemhild Gunther Krieg Worms Band 1 Schenken ere minne gruoz Hagen Brünhild

Autor

Zurück

Titel: Schenken als Kriegsersatz. Das "Nibelungenlied" im Kontext der Gabentheorie