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Von Grice zu Levinson - Von Kooperationsprinzip und Konversationsmaximen zu Default-Prinzip und Heuristiken

Hausarbeit 2008 22 Seiten

Germanistik - Semiotik, Pragmatik, Semantik

Leseprobe

Inhalt

1. Von Grice zu Levinson – Thematische Einführung

2. Grice – Kooperationsprinzip und Konversationsmaximen
2.1. Kooperationsprinzip
2.2. Konversationsmaximen
2.2.1. Die Maxime der Quantität
2.2.2. Die Maxime der Qualität
2.2.3. Die Maxime der Relation
2.2.4. Die Maxime der Modalität
2.3. Konversationelle Implikaturen
2.3.1. Spezialisierte konversationelle Implikaturen
2.3.1.1. Implikaturen ohne Maximenverletzung
2.3.1.2. Implikaturen durch Maximenverletzung
2.3.2. Generalisierte konversationelle Implikaturen

3. Levinson – Default-Prinzip und Heuristiken
3.1. Default-Prinzip
3.2. Drei Prinzipien als Heuristiken
3.2.1. Q-Heuristik
3.2.2. I- Heuristik
3.2.3. M- Heuristik
3.3. Konversationelle Implikaturen
3.3.1. Q-Implikaturen
3.3.2. I-Implikaturen
3.3.3. M-Implikaturen
3.4. Die Präferenzfolge der Heuristiken
3.4.1. Q-Implikaturen stehen über I- Implikaturen
3.4.2. Q- Implikaturen stehen über M- Implikaturen
3.4.3. M- Implikaturen stehen über I- Implikaturen

4. Grice und Levinson – Vergleich

5. Literatur

1. Von Grice zu Levinson - Thematische Einführung

In der folgenden Arbeit werden die Theorien von Henry P. Grice und Stephen C. Levinson bezüglich ihrer Grundprinzipien in Kommunikation und Implikaturtheorie dargestellt und verglichen. Grice legte mit seinem Kooperationsprinzip und den Konversationsmaximen den Grundstein für eine klassische Theorie der konversationellen Implikaturen und stellte sich der Fragestellung, wie die Prozesse strukturiert sind, die ein Verständnis vom Gesagten zum Gemeinten erst möglich machen. Jene Überlegungen bildeten die Grundlage für Levinsons Theorie der generalisierten konversationellen Implikaturen und wurden durch dessen Default-Prinzip und Heuristiken modifiziert, ergänzt und weiterentwickelt. Der Übergang von Grice zu Levinson wird zuletzt durch Vergleich beider Theorien dargestellt.

2. Grice – Kooperationsprinzip und Konversationsmaximen

Henry P. Grice (1913-1988) begründete 1967 mit seiner Vorlesung „Logic and Conversation“ die klassische Implikaturtheorie. Diese geht davon aus, dass konversationelle Implikaturen erklärt werden können, indem Kommunikation als Akt von zielgerichtetem und kooperativem Handeln verstanden wird. Er legte der Kommunikation ein sogenanntes Kooperationsprinzip zugrunde, auf dem anschließend die Konversationsmaximen basierten.

2.1. Kooperationsprinzip

Die Gesprächsteilnehmer folgen in der aktuellen Kommunikation einer bestimmten zugrundeliegenden Richtlinie, die Grice das Kooperationsprinzip nennt:

„Mache deinen Gesprächsbeitrag jeweils so, wie es von dem akzeptierten Zweck oder der akzeptierten Richtung des Gesprächs, an dem du teilnimmst, gerade verlangt wird.“[1]

Sind beide Teilnehmer am Gelingen der Kommunikation interessiert, lassen sich folgende Grundsätze festhalten:

- „Die Beteiligten haben irgendein gemeinsames unmittelbares Ziel“[2], d.h. die Gesprächsteilnehmer folgen einem mehr oder weniger bestimmten Zweck, der zu Beginn oder während des Verlaufs festgelegt werden kann.
- Gemäß dieser Absicht gestalten die Teilnehmer ihre Beiträge. „Die Beiträge der Beteiligten sollen zueinander passen, sollen wechselseitig voneinander abhängen.“[3]
- „Es besteht eine Art Einvernehmen, dass die Konversation in angemessenen Stil fortgesetzt wird, bis beide Teilnehmer einverstanden sind, dass sie beendet werden soll.“[4]

2.2. Konversationsmaximen

Auf diesem zugrundeliegenden Prinzip der Kooperation basieren vier speziellere normative Regeln: Die Konversationsmaximen. Einige gliedern sich in Ober- und Untermaximen auf und verkörpern nach Grice bestimmte Richtlinien, denen die Kommunikationsteilnehmer grundsätzlich folgen.

Grice ist sich der unterschiedlichen Gewichtung der Maximen untereinander bewusst: „Offensichtlich ist die Beachtung einiger dieser Maximen weniger dringend als die Beachtung anderer.“[5] Eine ausführlichere Erläuterung bleibt jedoch aus.

2.2.1. Die Maxime der Quantität

1. „Mache deinen Beitrag so informativ wie (für die gegebenen Gesprächszwecke) nötig.
2. Mache deinen Beitrag nicht informativer als nötig.“[6]

Die Maxime der Quantität verlangt ein angemessenes Maß des Gesprächsbeitrages: Sage soviel wie möglich, aber nicht mehr als nötig. In (1) wird gegen diese Maxime verstoßen.

(1) A: „Wie komme ich zum Bahnhof?“

B: „Indem sie dahin laufen.“

B verletzt die erste Submaxime der Quantität, indem B zu wenig Information zum Gespräch beiträgt. Gegen die zweite Quantitätsuntermaxime würde B verstoßen, wenn zusätzlich zur Wegbeschreibung die anliegenden Geschäfte mir Öffnungszeiten genannt werden würden.

2.2.2. Die Maxime der Qualität

- „Versuche deinen Beitrag so zu machen, dass er wahr ist.

1. Sage nichts, was du für falsch hältst.
2. Sage nichts, wofür dir angemessenen Gründe fehlen.“[7]

Die Maxime der Qualität bezieht sich auf den Wahrheitsgehalt des Gesprächsbeitrages und gliedert sich in eine Ober- und zwei Untermaximen auf. Zusammengefasst: Sage nur Wahres. In (2) wird dies bewusst missachtet.

(2) A: „Wie komme ich zum Bahnhof?“

B: „Das weiß ich nicht.“ (B kennt jedoch den genauen Weg.)

B äußert eine bewusste Lüge und verstößt somit gegen das Wahrheitsgebot der Qualitätsmaxime.

2.2.3. Die Maxime der Relation

- „Sei relevant.“[8]

Die Maxime der Relation betrifft die Relevanz des Gesprächsbeitrages und wird daher auch Relevanzmaxime genannt: Trage nur Angemessenes und Passendes bei. In (3) geschieht dies nicht.

(3) A: „Wie komme ich zum Bahnhof?“

B: „Die heutige Höchsttemperatur beträgt 21°C und der Wind weht aus Südost.“

Die Antwort ist unpassend, irrelevant und unkooperativ, da dies nichts zum eigentlichen Zweck des Gespräches beiträgt.

2.2.4. Die Maxime der Modalität

- „Sei klar.

1. Vermeide Dunkelheit des Ausdrucks.
2. Vermeide Mehrdeutigkeit.
3. Sei kurz.
4. Der Reihe nach.“[9]

Bei der Maxime der Modalität handelt es sich um die Art und Weise der Beitragsgestaltung. Zusammengefasst: Drücke dich deutlich, eindeutig und kurz aus, und bringe die Beiträge in der richtigen Reihenfolge. Es werden eine Ober- und vier Untermaximen unterschieden und ein Verstoß gegen diese Maxime wie in (4) kann auf mehrere Art und Weise geschehen.

(4) A: „Wie komme ich zum Bahnhof?“

B: „Am Ende biegen sie rechts ab. Zuerst gehen sie geradeaus...“

Hier verletzt eine Wegbeschreibung mit Vor- und Rücksprüngen die vierte Submaxime der Modalitätsmaxime.

2.3. Konversationelle Implikaturen

Das Kooperationsprinzip und die Konversationsmaximen bilden laut Grice die Basis für die sogenannten konversationale Implikaturen. Diese werden im weiteren als konversationelle Implikaturen bezeichnet.

Diese Implikaturen sind Propositionen, die aus einer Äußerung mit Bezug auf das Kooperationsprinzip und die Konversationsmaximen erschlossen werden können. Anders gesagt: Unter Annahme bestimmter Prinzipien kann aus dem explizit Gesagten etwas implizit Gemeintes erschlossen werden. Nach Grice weisen konversationelle Implikaturen folgende Merkmale auf:

- Konversationelle Implikaturen können explizit oder kontextuell storniert werden.[10]
- Konversationelle Implikaturen sind unabtrennbar.[11]
- Konversationelle Implikaturen „gehören [...] nicht zur Bedeutung der Ausdrücke, anderen Verwendung sie geknüpft sind.“[12]
- „Die Wahrheit des Gesagten bedingt nicht die Wahrheit des konversationalen Implikats.“[13]

Implikaturen können also nur in Zusammenhang mit ihrem sprachlichen Ausdruck verstanden werden, sind aber bezüglich Wahrheitswert und Annullierbarkeit vom Gesagten unabhängig.

- Konversationelle Implikaturen sind unbestimmt.[14]

Es gibt „mehrere verschiedenen Einzelerklärungen“[15], die eine konversationelle Implikatur erklären können.

Grice teilt konversationelle Implikaturen in zwei Klassen ein: Zum einen spezialisierte konversationelle Implikaturen, die sich aus einem bestimmten Kontext oder einer speziellen Situation ergeben, und zum anderen generalisierte konversationelle Implikaturen, die davon unabhängig entstehen.

2.3.1. Spezialisierte konversationelle Implikaturen

2.3.1.1. Implikaturen ohne Maximenverletzung

Grice nimmt an, dass die Gesprächsteilnehmer grundsätzlich kooperativ sind und den oben beschriebenen Maximen folgen:

- Befolgung der Maxime der Quantität

(5) A: „Laura behauptet, dass sie den Wettbewerb gewonnen hat.“

+> A weiß nicht, ob Laura den Wettbewerb gewonnen hat.

Hätte A Evidenz dafür, dass Laura den Wettbewerb gewonnnen hat oder nicht, würde A dies auch sagen.

- Befolgung der Maxime der Qualität

(6) A: „Peter wurde gefeuert.“

+> A weiß sicher, dass Peter gefeuert wurde.

Diese Aussage impliziert, dass A weiß, dass Peter gekündigt wurde, also dass A auch ausreichend Evidenz dafür hat und diese Aussage auch für wahrheitsgemäß erachtet.

- Befolgung der Maxime der Relation

(7) A: „Der Zucker ist alle.“

B: „Unsere Nachbarn waren gerade einkaufen.“

+> Sie würden wahrscheinlich etwas Zucker abgeben.

Die Antwort von B wäre irrelevant, wenn B wüsste, dass die Nachbarn zum einen keinen Zucker gekauft haben und zum anderen nichts abgeben würden. Somit legt B seinem Gesprächspartner nahe, dass dieser bei den Nachbarn nachfragen könnte.

- Befolgung der Maxime der Modalität

(8) „Maria ging hinaus und schloss die Tür.“

+> Maria ging zuerst hinaus und schloss dann die Tür.

Eine Verbindung mehrerer Ereignisse mit ‚und’ impliziert auch eine bestimmte zeitliche Abfolge. Folglich schloss Maria erst die Tür, nachdem sie den Raum verlassen hatte.

2.3.1.2. Implikaturen durch Maximenverletzung

Neben der Beachtung der Maximen kommt es in der realen Kommunikation jedoch vor, dass diese auf unterschiedlicher Weise nicht erfüllt werden:

- Verdeckte Maximenverletzung

(9) „Sabine stiehlt.“ (Sprecher weiß, dass dem nicht so ist.)

Der Teilnehmer lügt und verstößt bewusst, aber unbemerkt, gegen eine Maxime, da der Gesprächspartner von dessen Kooperation und dessen Beachtung der Qualitätsmaxime ausgeht.

[...]


[1] Grice (1979), S.248.

[2] ebd., S.252.

[3] ebd.

[4] Grice (1979), S.252.

[5] ebd., S.250.

[6] ebd., S.249.

[7] ebd.

[8] Grice (1979), S.249.

[9] ebd., S.250.

[10] Grice (1979), S.264

[11] ebd.

[12] ebd., S.265

[13] ebd.

[14] ebd.

[15] ebd.

Details

Seiten
22
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656149248
ISBN (Buch)
9783656149347
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v190363
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Germanistik
Note
2,3
Schlagworte
Herbert Paul Grice Steven Levinson Gesagt Gemeint Kooperation Prinzip Heuristik Default Semantik Pragmatik Vergleich

Autor

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