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Modern Orthodox oder religiöser Antifundamentalismus von Rav Abraham Isaak haKohen Kuk

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 22 Seiten

Theologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Persönlichkeit von R. Kuk

3. Alltagspraxis in der Philosophie von R. Kuk
3.1. Torah und Halacha – die unveränderbaren Grundlagen des Judentums und des jüdischen Gesetzes
3.2. Traum von Zion – der Staat Israel und die Einheit des Volkes
3.3. Moderne Gesellschaft im 19./20. Jahrhundert

4. Schlussbetrachtung: Gusch Emunim und die aktuelle Situation in Israel aus der Sicht der religiösen Zionisten

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Am Anfang des 20. Jahrhunderts, als die Welt immer säkularer wurde und die Menschen sich von ihrer traditionellen Religion entweder zu den Neuerungen aus dem Osten wendeten oder gar zum Atheismus, spürten einige religiöse Führer ein Bedürfnis der Veränderung in ihren Dogmen, Ritualen, Bräuchen und der Alltagspraxis. Manche von ihnen sprachen der Religion jede Autorität ab, manche wollten nichts an der Religion verändern, doch die Meisten erkannten, dass ohne eine Anpassung die Religion nur schwer in die neue Umwelt integrierbar sein wird.

Diese Veränderungen gingen auch am Judentum nicht spurlos vorbei. Schon im 18. Jahrhundert entstand unter der Obhut von Moses Mendelssohn die Bewegung der Haskala, welche versuchte das mittelalterliche Judentum an die sich immer schneller verändernde Welt anzupassen. Was aus dieser Bewegung schon nach nur hundert Jahren wurde und welche Folgen es für das heutige Judentum hat, ist nicht Thema dieser Arbeit. Es wird sich im Folgenden um eine Persönlichkeit gehen, welche etwa 120 Jahre nach Mendelssohn den entscheidenden Einfluss auf das orthodoxe Judentum ausübte und zu der Bildung des religiösen Zionismus beitrug.

Rav Abraham Isaak haKohen Kuk, der ein strenger Orthodoxe an der Jahrhundertwende war, erkannte, dass das orthodoxe Judentum die Menschen mehr abschreckt, als von seiner Richtigkeit überzeugt. Als Folge solcher Überlegungen hat er sich nicht zu seinen Büchern zurück gezogen, wie es die meisten Ultraorthodoxen machten und machen, sondern fing an die Probleme im Judentum selber zu suchen und diese versuchen zu beheben, damit die Juden erkennen könnten, dass ihre Religion nicht starr ist und durchaus den modernen Forderungen der Welt angepasst werden kann.

Die folgende Arbeit besteht aus zwei Abschnitten. Zuerst wird auf die Persönlichkeit von Rav Kuk eingegangen. Im zweiten Teil soll die Philosophie von Rav Kuk im Hinblick auf die Spiritualität, Alltagspraxis und die Umwelt untersucht werden. Es wird um solche Fragen wie Gebote und Verbote für das Individuum, den Umgang mit anderen Strömungen im Judentum und außerhalb diesen, die Frage des Nationalismus und des Staates Israel gehen. Als Schlussbetrachtung in der Arbeit wird die Bewegung Gusch Emunim vorgestellt, dessen geistiger Gründer Rav Kuk war.

2. Persönlichkeit von R. Kuk

Rav Abraham Isaak haKohen Kuk (Kook) wurde am 06.09.1865 (15. Elul 5625 nach jüdischer Zeitrechnung) in Griva[2] in Lettland geboren. Die Stadt stand an der Grenze von Kurland und Lettgallen, zwei der fünf Bezirke in Lettland. Wenn in Kurland die jüdische Gemeinschaft stärker den Einflüssen der Haskala[3] ausgesetzt war, so hielten die Juden in Lettgallen mehr an der Tradition fest, wobei sich aber die Anhänger der Mitnagdim[4] und Chassidim[5] nicht immer einfach machten.[1]

Die Familie von Rav Kuk geht auf den Rabbiner Mordekhei ben Abraham Jaffe (1535-1612) zurück, der vor allem durch sein religiöses Werk Lewusch bekannt geworden ist. Rabbi Schlomo Salman Kuk (1844-1929), der Vater, war ein Anhänger der litauischen Schule und vermittelte seine Werte an den Sohn weiter. Dagegen kam seine Mutter, Perla-Slata, aus einer chassidischen Familie. Dieses mündete in ihrem Bestreben Abraham zu einem charismatischen Führer zu erziehen, was sich mit einem kühlen Gelehrten der rabbinischen Schule, nach Wünschen des Vaters, anscheinend kaum vereinbaren ließ. Doch vielleicht gerade wegen dieser Unterschiede entwickelte sich Rav Kuk zu einer so großen Persönlichkeit, die sowohl in den schwierigsten halachischen Fragen eine Antwort finden konnte, als auch einen offenen Zugang zu den Menschen und ihren Problemen hatte.

Als Kind bekam Rav Kuk eine traditionelle orthodoxe Erziehung. Er wurde in die jüdische Schule Heder geschickt, musste diese aber schon mit 9 Jahren verlassen, da seine Lehrer ihm nur unzureichende Antworten geben konnten. Bis zu seinem 13. Lebensjahr blieb er zu Hause, wo er von seinem Vater und seinem Großvater mütterlicherseits, ein glühender Chassid, unterrichtet wurde. In den nächsten sechs Jahren bereiste Abraham Kuk als Jugendlicher die benachbarten Gemeinden um dort bei verschiedenen Gelehrten lernen zu können. Schon zu Hause mit der Liebe zum Erez Israel aufgewachsen, entwickelte sich in dieser Zeit ein stärkerer Kontakt mit der Chibbat-Zion-Bewegung[6], die Ideale welcher man später auch in seiner Lehre vorfinden kann.

Mit 19 Jahren nahm R. Kuk sein Studium in der berühmten litauischen Jeschiwa von Woloschin[7] an. Die Hauptideen der Jeschiva von der Wichtigkeit der Persönlichkeitsentwicklung, sowie der Verbesserung des jüdischen Volkes im Allgemeinen, wurden zu Grundprinzipien in der Philosophie von Rav Kuk. Sowohl der Leiter der Jeschiwa Rabbi Naftali Zwi Jehuda Berlin[8], als auch der Rabbiner Chaim Solowejtschik[9], welcher zeitweise in der Jeschiva unterrichtete, übten einen wichtigen Einfluss auf Rav Kuk aus. In dieser Zeit heiratete Rav Kuk die Tochter von Rabbiner David Rabinowitsch-Teomim Bat-Schewe-Alte und blieb auch eine Zeit lang im Hause seines Schwiegervaters, um bei Ihm lernen zu können.

Mit gerade 22 Jahren wurde Abraham Kuk zum Rabbiner eines kleinen Ortes Namens Sojmeli, nicht weit von Kovno, ernannt. Gleichzeitig beschäftigte sich Rav Kuk sehr viel mit der jüdischen Mystik, der Kabbala, und studierte die, für damalige Verhältnisse untypischen, Gesetze bezüglich der landwirtschaftlichen Tätigkeit in Eretz Israel und des Tempeldienstes. In der selben Zeit stirbt seine Frau kinderlos und Rav Kuk heiratet ihre Cousine Rae-Rivka, welche ihm Kinder gebärt. 1897 ging Rav Kuk nach Bausk (Kurland), um dort als Rabbiner tätig zu sein und gründete dort eine Jeschiwa, bis man ihn 1904 nach Palästina einlud und ihm den Posten des Rabbiners von Jaffo und der neu gegründeten Siedlungen in Israel anbot, welchen er, ohne langes Überlegen, annahm. Am 13.05.1904 (28. Ijar 5664) kam Rav Kuk mit seiner Familie nach Erez Israel.[10]

Als eine seiner wichtigsten Aufgaben betrachtete Rav Kuk vor allem die Förderung der jüdischen Bildung in Israel. Das zeigte sich zum Teil in der Unterstützung der schon vorhandenen Lehranstalten, aber auch in der Gründung neuer religiöser Einrichtungen und der Stärkung der Beziehungen zu den nicht religiösen Siedlungen. So versuchte er Kontakte mit den sozial-zionistischen Arbeitern zu knüpfen, welche hofften in Israel einen sozialistischen Staat aufbauen zu können.

Manche seine Entscheidungen bezüglich der religiösen Gesetze stießen auf Widerstand seitens der orthodoxen Juden, doch wahrscheinlich machten gerade diese wiederum den Kontakt mit der assimilierten Mehrheit erst möglich. So beschloss Rav Kuk, dass in dem Jahr von Schemita[11] es erlaubt wäre, die Felder an Nichtjuden zu verkaufen. Bei seiner Entscheidung, welche eigentlich nicht gegen das Gesetz selber, sondern lediglich gegen die Versträngung des Gesetzes[12] gerichtet war, wurde er von der Sorge über die noch sehr junge und noch nicht starke jüdische Landwirtschaft geleitet. Aus ähnlichen Gründen erklärte er auch das Sonnenblumenöl von einer Ölpresse in Jaffo in der Pesachzeit für koscher, und bestand auf seiner Entscheidung auch als das Rabbinatsgericht in Jerusalem sich dagegen aussprach. Solche Entscheidungen machten es möglich, dass die nicht religiösen Siedlungen anfingen sich an die Gesetze der Abgabe des Zehnten zu halten und erlaubten bei ihnen Schulen zu öffnen. Gleichzeitig verfasste Rav Kuk auch zahlreiche Aufsätze und schrieb an seinen Werken weiter.

Obwohl Rav Kuk nicht vor hatte jemals aus Israel zu verreisen, entschloss er sich an einer Weltkonferenz von Agudat Israel[13] in Deutschland teil zu nehmen. Als er im Jahr 1914 dort anreiste, begann der 1. Weltkrieg und alle Wege nach Palästina waren blockiert. Einige Zeit verbrachte er in der Schweiz, da er noch ein russischer Staatsbürger war konnte er nicht in Deutschland bleiben, bis man ihn nach London auf den Posten eines Rabbiners einlud. Seine Tätigkeit dort war sehr vielseitig. So beantwortete er nicht nur die halachischen Fragen, welche er von Rabbinern aus aller Welt bekam, sondern half auch russischen Juden in England, sorgte sich um jüdische Soldaten in der britischen Armee und half bei der Vorbereitung der öffentlichen Stimmung bezüglich der Balfour-Deklaration[14].

Nach dem Ende des Krieges kehrte Rav Kuk nach Israel zurück und nahm 1919 die Stellung des aschkenasischen Oberrabbiners von Jerusalem an. Sein Ziel, die Gründung eines rabbinischen Gerichtshofes von Israel, wurde im Frühling 1921 verwirklicht. 1928 wurde diese Instanz als „oberste religiöse Behörde des jüdischen Jischuw anerkannt“[15], trotz der Befürchtungen seitens der sefardischen Rabbiner, dass so eine Institution Nachteile für die Juden bringen würde[16].

1924 gründete Rav Kuk eine Jeschiwa in Jerusalem, die den Namen Merkaz ha-Rav bekam und sich stark von den bereits vorhandenen in ihrem Studium der Religion und ihrer Einstellung zum Zionismus unterschied. So war eine der Neuheiten ein synthetisches Studium der praktischen Halacha, des religiösen Gesetzes, in der Reihenfolge, wie diese im Talmud aufgeschrieben ist. Denn das Ziel war die Unterschiede zwischen dem Talmudstudium und der praktischen Halacha zu löschen und diese Bereiche in eine Einheit zu bringen.

Angesichts der immer wieder vorkommenden terroristischen Angriffen, vor allem im Jahr 1929, als es ein Massaker in Hebron gab, blieb Rav Kuk nicht tatenlos. Aber trotz Allem, konnte er keinen Einfluss auf die britische und arabische Regierungen und Bevölkerung ausüben. Auch bei der Auseinandersetzung der Arbeiterbewegung mit den Revisionisten, nach dem Mord an Chajim Arlosorow, war Abraham Kuk aktiv und ruhte nicht, bis der, vielleicht zu Unrecht, beschuldigte freigelassen wurde.

Am 3. Elul 5695 (1935), sechzehn Jahre nachdem Rav Abraham Isaak haKohen Kuk in Jerusalem, nach seinem Exil in Europa, ankam, wurde er bei einer großen Ansammlung von Menschen zu Grabe getragen.

Zu Lebzeiten von Rav Abraham Kuk, wurden nur wenige seiner Schriften veröffentlicht. Die meisten blieben im Archiv als Manuskripte erhalten. Sein Sohn, Zwi Jehuda haKohen Kuk, machte sich zur Aufgabe, diese nach und nach zu veröffentlichen. Einige Werke wurden später teilweise übersetzt und überwiegend in Englisch, aber auch in Russisch und Deutsch ediert.

3. Alltagspraxis in der Philosophie von R. Kuk

3.1. Tora und Halacha – die unveränderbaren Grundlagen des Judentums und des jüdischen Gesetzes

Diejenigen, welche Rav Kuk als ihren Lehrer ansehen und sich seinen Zielen angeschlossen haben, werden häufig nicht religiöse Zionisten genannt, sondern als Modern Orthodox bezeichnet. Auf den ersten Blick ist diese Beizeichnung unverständlich, da sie zwei Gegensätze zu verbinden sucht. Auf der einen Seite die Orthodoxie und auf der anderen die Modernisierung. Doch gerade diese Formulierung bezeichnet wohl am Besten Rav Kuks Lehre, welche sich zwar streng an die religiösen Gesetzen hält, es aber auch nicht scheut bei Bedarf gegen diese zu sprechen.

Für Rav Kuk, der eine orthodoxe Bildung bekam, war das Studium der Torah untrennbar von seinem ganzen Leben. Für ihn, der schon sehr früh ein anerkannter Gelehrter wurde, war es wichtig jede freie Minute dem Studium zu widmen. Die Forderung: „Torah studieren, um den Selbstwillen der Torah“ bekam bei ihm jedoch eine neue Bedeutung. Durch das Studium soll man die Torah wiederaufbauen und vertiefen und dadurch erkennen wie die scheinbaren Kleinigkeiten in das Gesamtbild passen.[17] Und wenn die Menschen früher von den Wegen der Torah aus bösem Willen abgebogen sind, so ist es heute eher aus Unwissenheit über das wahre Judentum.[18]

Die religiösen Gesetze haben nicht die Aufgabe das Leben der Juden zu erschweren. Sie sind dazu da, um in schwierigen Situationen dem Menschen Trost zu spenden. Es wäre aber falsch sich ausschließlich nur auf die religiöse Seite des Lebens zu konzentrieren, da man immer versuchen sollte die einzelne Situation als Teil der geschichtlichen Entwicklung zu betrachten und das Ziel nicht zu vergessen. Konkrete Handlungen bezüglich der Gebote lassen das göttliche Licht, welches in der Ganzheit der menschlichen Zivilisation und Kultur verborgen ist, nach Meinung von Rav Kuk, zum Vorschein treten. Dieses ist dazu nötig, um alle Aspekte des menschlichen Lebens auf ein entsprechendes Niveau zu bringen und zu zeigen, dass das lebendige Licht sogar in dem alltäglichen und vergänglichen Leben verborgen ist.[19] Mit anderen Worten, da das Ziel Gottes bei der Schöpfung die Realisation der Heiligkeit in der ganzen Welt war, ist in dem materiellen Teil ein großes Potenzial an Heiligkeit verborgen, welches von den Juden durch die Erfüllung der Gebote zum Vorschein gebracht werden soll. Diese Arbeit kann aber nicht nur durch die orthodoxe Minderheit getan werden, sondern nur durch das Mithelfen des ganzen Volkes und jedes Einzelnen. Zur Verrichtung dieser Aufgabe muss der Mensch all seine Seelenkraft anwenden.

Die Seelen von den „Abtrünnigen“, welche sich nur mit den Problemen des jüdischen Volkes, des Landes Israel und der nationalen Wiedergeburt beschäftigen (die säkularen Zionisten Anfang des 20. Jh.), befinden sich, nach der Meinung von Rav Kuk, auf einer höheren Stufe im Vergleich zu den „wahren Gläubigen“. Gleichzeitig relativiert er diese Behauptung, indem darauf verwiesen wird, dass es hier nur im die irdischen Seelen geht. Da sich die göttlichen Seelen bei den Gläubigen, wegen ihrem Folgen der Gebote, auf einer höheren Stufe befinden.[20] Trotz allem scheinen für die jüdische Geschichte die säkularen Zionisten fast wichtiger zu sein. Denn sie schafften es, durch ihre nüchterne Position die Heiligkeit Gottes in den profanen Sachen zu sehen, ohne dieses vielleicht als heilig wahrzunehmen, und somit das göttliche Konzept, das Bauen eines unabhängigen jüdischen Staates, zu verwirklichen. Durch das Missachten der Gebote leiden aber diese Menschen, auch wenn es für sie nicht sichtbar ist, sowohl körperlich, als auch seelisch.

Rav Kuk bewundert also die säkularen Zionisten, weil sie ohne Glauben die Ziele Gottes zur Erlösung Israels wahrnehmen. Gleichzeitig hat er aber Mitleid mit ihnen, weil sie sich vor dem Göttlichen in ihnen selber verschlossen haben und deswegen keine Vollkommenheit in ihrem Leben erreichen können. Wie es aber schon oben erwähnt wurde, machen sie es aus Unwissenheit. Die bestehende Aufgabe ist also die Halacha so zu verändern, dass sie verständlich für den modernen Juden werden könnte.

Nach der Lehre der Kabbala, welche von Rav Kuk intensiv studiert wurde, erfolgte ein Zerbrechen der Gefäße mit göttlichem Licht. Die einzelnen Funken fielen auf die Erde und wurden von einer unreinen Schale gefangen genommen. Die Aufgabe besteht also darin, diese Funken zu entdecken und der Halacha hinzu zu fügen, um die Tradition und ihre Vollkommenheiten zu erreichen. Dieses würde automatisch eine so notwendige Modernisierung des Gesetzes bedeuten. Doch da es früher alles göttliches Licht war, ist diese Aufnahme der fremden Gedanken, eigentlich eher eine Wiederherstellung als eine Reformierung. Da man aber die Funken noch erst von den unreinen Schalen befreien muss, entsteht folgendes Schema: Man hat das gegenwärtige Judentum und irgendeine Bewegung in welcher sich positive ethische Momente erkennen lassen, welche im Judentum fehlen. Man nimmt diese, verleiht ihnen ein authentisches Verständnis im Judentum und integriert sie in das heutige Judentum. Als folge hat man ein bereichertes, aber nicht verunreinigtes, Judentum.[21] Demnach sind die Juden, welche sich nichtjüdischen Bewegungen angeschlossen haben keine „schlechten Juden“, sondern Menschen, welchen im Judentum etwas Entscheidendes gefehlt hat, was sie in der anderen Religion bzw. Vereinigung finden konnten.

Es währe nun an der Zeit über die Probleme zu sprechen, welche beim Zusammentreffen der Halacha und der Ethik entstehen und über ihre Lösungsmöglichkeiten nach Rav Kuk. Der Ausgangspunkt ist, dass wenn diese Probleme entstehen, normalerweise nur zwei Möglichkeiten ihrer Lösung gesehen werden. Entweder, man sagt, dass die Halacha heilig ist und über den menschlichen ethischen Gefühlen steht, da sie von Gott ist – das entspricht der Ansicht der Orthodoxen. Oder andersrum, dass die Halacha aus der Geschichte entstand, wogegen die Ethik ein übermenschliches Gefühl ist – die Position der Reformisten. Rav Kuk schlägt keinen Kompromiss vor, da bei solchem beide Seiten unzufrieden bleiben und die Lösung meistens nur zeitlich begrenzt ist. Sein Gedanke ist eine Synthese der beiden Standpunkte, indem man aus den beiden Ideologien die Funken göttlichen Lichtes entnimmt und diese in einer neuen verbindet.[22]

[...]


[1] Vgl. dazu Polonsky, S.27-59; RJE, S.162.; KJE, Bd. 4, Sp.618-621.; Zobel, in: EJ, Sp.473-475; Zinger/ Ish-Shalom, in: EJ/SE, S.289-293, Hruby, Rav Kuk, S.145 f.

[2] Griva ist ein Städtchen in Lettland nahe Dünaburg (Daugavpils). Nach der Zählung im Jahre 1897 lebten dort 3027 Juden bei einer Gesamtbevölkerung von 8009 (38%), 1910 – 5207 (42%), 1920 – 160 (6%), 1930 – 230 (4%). Obwohl die Juden schon viel früher dort ansässig waren, wurde offiziell erst 1878 gestattet dort eine Gemeinde zu gründen. Die Hauptbeschäftigungen der Juden damals waren der Kleinhandel und das Handwerk, viele arbeiteten in den Fabriken der Stadt und manche betrieben auch Landwirtschaft und Gärtnerei. Im Jahr 1941, als die Stadt von der NS-Armee besetzt wurde, wurden die Juden in das benachbarte Ghetto in Daugavpils deportiert. Vgl.: M. Wischnitzer, in: EJ, Bd. 7., Sp. 682.; RJE, Bd. 4., S.345-346.

[3] Die Haskala, am Anfang unter der Leitung von Moses Mendelssohn (1729-1786), entstand im Rahmen der allgemeinen europäischen Aufklärung und versuchte sowohl die Gesellschaft über die Juden, als such die Juden selber über ihren Stand in der Gesellschaft aufzuklären. Man war bestrebt die Juden zu gleichwertigen Mitbürgern zu machen, durch die Beschränkung der Religion auf die Privatsphäre.

[4] Religiöse Bewegung, welche als Gegenbewegung zu dem Chassidismus entstand. Ihre Führer hielten streng an dem aus dem Mittelalter überbrachten Judentum mit seinem Lehrnormen fest und verweigerten jede Neuerung, besonders so eine, die ihre Autorität zu vermindern suchte.

[5] Eine weit verbreitete religiöse Massenbewegung, welche im osteuropäischen Judentum am Ende des 18. Jahrhunderts entstand und bis heute noch existiert. An der Spitze der Bewegung stehen die Zaddikim, welche eher charismatische Führer ihrer Gemeinden sind, als Gelehrte. Die Bewegung hat die jüdische Mystik, Kabbala, in ihre Lehre aufgenommen und sie ihren Anhängern in einer vereinfachten Form zugänglich gemacht. Gründer der Bewegung war Baal Schem Tov (1700-1760).

[6] Eine Bewegung die sich am Anfang der 1880 Jahre in Russland bildete und aus welcher später der osteuropäische Zionismus entstand. Auf dem ersten Treffen vereinten sich einzelnen Gruppen zu der Bewegung der Chowewej Zion zusammen. Sie war in der ganzen Welt verbreitet mit der Zielsätzung der Gründung eines Staates in Israel durch Bildung wirtschaftlicher Gemeinden.

[7] Kleine Stadt in Weißrussland. In den 1890-er Jahren war die Bevölkerung überwiegend jüdisch mit 1900 Juden, was 77,7% der Gesamtbevölkerung ausmachte. Die berühmte Jeschiwa wurde im Jahr 1803 von Chajim Woloschiner gegründet und bekam den Namen Ez Hajim. Mehrere Male wurde versucht die Jeschiwa zu schließen, sie hat aber weiter existiert und Zählte in ihren besten Zeiten bis zu 400 Schüler (Ende 1880). Vgl.: RJE, Bd. 4., S. 275-276.

[8] Naftali Zebi Jehuda ben Jakob Berlin (1817-1893) war ein bedeutender Rabbiner, Jeschiwaleitor (ab 1853) und Autor. Unter seiner Leitung blühte die Jeschiwa auf, welche Berlin nach der Methode des Rabbi Elijahu Gaon aus Wilna leitete. Dieses bedeutet, dass Berlin den „größten Wert auf gründliche Kenntnis der älteren Quellen der talmudischen und gaonäischen Literatur (legte) und auf das Erforschen unklarer Stellen auf der Grundlage logischer Prinzipien“. Vgl.: J. Markon, in: EJ, Bd. 4, Sp. 266-268.

[9] Chaim Solowejtschik (1853-1918) bekannt auch als Chajim Brisker. Ab 1880 unterrichtete er an der Jeschiwa in Woloschin und ab 1892, nach dem Tod seines Vaters, Rabbiner in Brest-Litovsk. Er ist vor allem durch das Begründen der neuen Schule der Talmudinterpretation und -lehre bekannt. Vgl.: RJE, Bd. 3., S. 93.

[10] Am Tag, der 63 Jahre später zum „Tag von Jerusalem“, nach der Befreiung von den jordanischen Mächten, ernannt wird.

[11] Nach dem religiösen Gesetz muss das Land Israel jedes siebte Jahr ein Ruhejahr haben, so wie es in der Woche den Schabbat für die Juden gibt, an dem keine Arbeit verrichtet werden darf. In diesem Jahr darf man das Land nicht bearbeiten.

[12] Alle Gesetze werden ursprünglich aus der Tora abgeleitet. Man darf die Tora aber nicht wörtlich verstehen, deswegen entstanden Kodizes, wie Talmud oder Schulchan Aruch, welche die Gesetze deuten und erklären. Für das Übergehen der Gesetze gibt es unterschiedlich schwerwiegende Strafen, welche teilweise von Menschen aber auch von Gott selber ausgeführt werden. Um nicht in die Situation zu kommen, mit einer göttlichen Strafe konfrontiert zu werden, wurde es üblich um die Gesetze „Zäune“ zu bauen. Es sind Verbote, welche von den Rabbinern festgelegt wurden und über die Zeit verpflichtend wurden. Für einen Orthodoxen ist es heute nicht wichtig ob es Verbote aus der Tora oder von Rabbinern sind, die neuen Bewegungen im Judentum machen aber diesen Unterschied.

[13] Eine weltweite jüdische religiöse Bewegung, welche in eine politische Partei vereint ist, mit dem Ziel die religiösen Normen und Traditionen auf der Basis der Halacha in der jüdischen Gemeinschaft zu bewahren.

[14] Eine Deklaration über die Zustimmung von Großbritannien zur Gründung jüdischer Heimat in Palästina. Sie wurde am 11.11.1917 veröffentlicht und war ein erster politischer Schritt zur Gründung Israels seitens der Weltmächte.

[15] Hruby, Rav Kuk, S.148.

[16] Die Orthodoxen befürchteten die Veränderung der Halacha. Die Sefarden wollten, dass ihr Hacham Baschi (Weise), welcher von der otomanischen Regierung akzeptiert war, in seinem Amt bestehen bleibt. Die Mehrheit befürchtete jedoch, dass die neuen religiösen Erlasse einen verpflichtenden Status, auch für die nicht religiösen Menschen, bekommen würden.

[17] Vgl. Arfilej Tohar, in: Polonsky, S. 419.

[18] Auszug aus einem Brief in: ebd., S.509 f.

[19] Vgl. Arfilej Tohar, in: ebd., S. 424 f.

[20] Die menschliche oder tierische Seele ist dazu da, damit der Mensch sich in der Welt zurechtfinden kann. Aber erst die göttliche Seele erlaubt ihm zur weiterführenden Erkenntnis Gottes und seiner Aufgabe im Leben zu gelangen.

[21] Vgl. Polonsky, S.164 ff.

[22] Vgl. ebd., S.201 ff.

Details

Seiten
22
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656152064
ISBN (Buch)
9783656152392
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v190343
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Institut für Religionswissenschaft
Note
2+
Schlagworte
modern orthodox antifundamentalismus abraham isaak

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Titel: Modern Orthodox oder religiöser Antifundamentalismus von Rav Abraham Isaak haKohen Kuk