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Venezianischer Winter in Brodskys "Ufer der Verlorenen"

Hausarbeit 2012 13 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Venedig bei Tag

3. Venedig bei Nacht

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wie oft ist Venedig wohl schon beschrieben worden? In wie vielen Metaphern, wie vielen Analogien? Mal als Hort für Romantiker oder als Treffpunkt allen Weltschmerzes. Mal als Mittelpunkt aller Sehnsüchte, mal als das Zentrum aller Sinnlichkeiten.

La Serenissima (wörtlich: die Durchlauchtigste) wird Venedig oft genannt. Dies mag auf das frühere Venedig eines Shakespeare oder Goethe wohl noch eher zutreffen als auf Brodskys Venedig. Im Laufe der Zeit scheint der Glanz dieser Stadt wie bei einer Lampe bis auf einen schwachen Schimmer gedimmt worden zu sein. Besonders im winterlichen Nebel erscheinen die Farben nur sehr schwach und blass. Die Gründe dafür sind vielfältig. Zum einen nagt der Zahn der Zeit an der Substanz der z.T. Jahrhunderte alten Bauten. Zum anderen trägt sicher auch der Machtverlust seit Beginn des 16. Jahrhunderts und der Wandel vom Handels- zum Touristenzentrum der Region Venetien bei.

Heute überrennen in den Sommermonaten Millionen von Touristen die Lagunenstadt, als gälte es diese einzunehmen. Zu dieser Jahreszeit wird auch der letzte glanzvolle Schimmer vom heran strömenden Kapitalismus hinweg gespült. Keine Zeit und noch weniger Raum bleibt dem Genussmenschen, sich der Schönheiten dieser Stadt bewusst zu werden. Ob er sie überhaupt je erfassen kann, sei dahingestellt. Der Strom der Touristen tost ohrenbetäubend durch die Stadt und ihre Lagune und veranlasst die Venedigliebhaber zur Flucht. Sie kehren erst zurück, wenn der Strom verebbt ist und sie ihr Venedig wieder für sich allein haben.[1] Dies geschieht im Winter, wenn Venedig einen Teil seiner früheren Pracht offenbart. Und genau zu dieser Jahreszeit zog es auch Joseph Brodsky immer wieder hierher, in die Stadt des Auges, in der alle anderen Sinne nur eine untergeordnete Rolle spielen.[2]

Ziel dieser Arbeit ist es, anhand von Joseph Brodskys „Ufer der Verlorenen“ die Wirkung des winterlichen Venedigs auf den Betrachter zu analysieren. Dabei findet eine Differenzierung zwischen den Tageszeiten bzw. Lichtverhältnissen (Tag und Nacht bzw. hell und dunkel) statt. Zuerst wird Venedig bei Nacht analysiert und anschließend bei Tag. Abschließend werden die Erkenntnisse aus beiden Teilen nochmals kurz zusammengefasst.

2. Besonderheiten Venedigs

Bevor mit der eigentlichen Analyse begonnen wird, sollen einige kurze Erläuterungen zu den Charakteristika Venedigs ein besseres Verständnis für Brodskys Sichtweise (im wahrsten Sinne des Wortes) ermöglichen. Seine Beobachtungen konzentrieren sich auf die Altstadt Venedigs. Den sich auf das Festland erstreckenden Teil Venedigs ignoriert er, da es ihm nur um die Schönheit dieses historischen, von Wasser geprägten Stadtteils geht. Deshalb wird dieser im Folgenden kurz dargestellt.

Venedig beherrschte im frühen Mittelalter mit seiner hervorragenden Galeerenflotte das Mittelmeer und das Schwarze Meer. Die Macht beruhte auf dem Handel mit dem Orient (Seide, Gewürze). Die Zentrale war der Markusplatz mit dem Dogenpalast. Hier saß der Regierungschef (Doge), ein Amt auf Lebenszeit. Erst Napoleon zerschlug 1797 die Republik Venedig.

Die Altstadt von Venedig ist eine Stadt im Wasser. Sie setzt sich aus 118 Inseln zusammen, zwischen denen sich unterschiedlich breite Kanäle hindurch ziehen. Dabei wurden seit dem 19. Jahrhundert immer mehr Kanäle zugeschüttet oder für den Wasserverkehr stillgelegt. Dieser Gegensatz zwischen Land- und Wasserverkehr setzt sich bis heute fort. Die meisten Kanäle werden nur noch wenig oder gar nicht befahren. Die Dominanz des Wasserverkehrs wird am vier Kilometer langen Canal Grande augenfällig, der nur stückweise von Fußgängern erreichbar ist, vor allem um die Rialtobrücke, dem ehemaligen kommerziellen Zentrum der Stadt. Am Kanal ballen sich stattdessen die repräsentativen Palastbauten des Stadtadels, die als Palazzi oder Case (Häuser) bezeichnet werden. Da die Grundstücke hier sehr begehrt sind, wacht seit dem 13. Jahrhundert eine Baubehörde über die Bautätigkeit. Diese sorgt u.a. dafür, dass nicht mehr als zwei Geschosse gebaut werden. Die Gebäude Venedigs sind auf Holzpfählen erbaut, die in verschiedene Schichten von Ton und Sand eingerammt sind. Die Technik der „palificazione“ hat sich, abgesehen von einer Mechanisierung, bis heute im Wesentlichen nicht geändert. Rund um den Kernbereich der Stadt liegen zahlreiche Inseln, denen bereits im Mittelalter verschiedene Aufgaben zugewiesen wurden: eine Friedhofsinsel (San Michele), eine für die Glasbläser (Murano) oder eine für die Gemüseproduktion (Sant’Erasmo).

3. Venedig bei Nacht

Da auch Brodsky bei seinem ersten Besuch in Venedig zu nächtlicher Stunde eintrifft, beginnt die Untersuchung ebenfalls mit dem Bild des nächtlichen Venedigs.[3] Unabhängig von der Tageszeit spielt Wasser für Brodsky eine entscheidende Rolle bei seinen Beobachtungen. Viele Stellen in seinem Buch deuten darauf hin. Gleich zu Beginn seines ersten Besuchs in Venedig hinterlässt der Geruch von gefrierendem Seetang einen prägenden Eindruck bei ihm.[4] Dieser ist für Brodsky ein Synonym für Glück, sowie für andere Menschen z.B. der Geruch von frisch gemähtem Gras. Der Grund dafür ist, dass er sich selbst darin erkennt. Verdeutlicht wird dies, als er aus dem Bahnhof heraus an die kalte Luft kommt und dabei das Gefühl hat, in sein eigenes Selbstporträt zu treten.[5] Bei Nacht gibt Venedig Brodsky als Fremden das Gefühl der Unendlichkeit. Und diese beginne bereits dort, wo das Licht einer Laterne nicht mehr hinfällt.[6]

„Wasser erschüttert das Prinzip der Horizontalität, insbesondere bei Nacht,…“.[7] Diese Erkenntnis kommt Brodsky während einer Schiffsfahrt auf dem Canal Grande. Weil der vermeintlich feste Untergrund eines Decks auf dem Wasser hin und her schwankt, gleichzeitig jedoch selber still steht, wird der Gleichgewichtssinn irritiert. Die Sinne werden auf dem Wasser geschärft weil die natürliche Balance des Landes fehlt. Bei Nacht ist zudem die Sicht stark eingeschränkt und dem Auge wird es erschwert, einen Fixpunkt zu finden. Deshalb erscheinen die durch einen schwachen Lichtschimmer erkennbaren geschlossenen Fensterläden der Palazzi selbst wie Augen, die hier und da träge auf das Wasser hinaus blicken. Weiterhin täuscht das Wasser durch seine Reflexionen das Auge, zumindest solange, wie die Oberfläche des Wassers glatt bzw. unbewegt bleibt. Brodsky greift im Verlauf seines Werkes die Funktion des Wassers als Spiegel immer wieder auf. Dieses Merkmal wird im Kapitel über Venedig bei Tag näher betrachtet.

Nachts ist es im winterlichen Venedig kalt, feucht und düster. Dies bekam Brodsky am eigenen Leib zu spüren. Während einer seiner Aufenthalte fiel in seiner gemieteten Wohnung die Heizung aus. Durch die architektonische Beschaffenheit der Palazzi (hohe Decken und Fenster, schlecht isoliert) kühlen die Räume ohne Heizung schnell aus.

Die Kälte dringt durch die Fenster ein und wird von den Wänden und den Böden (häufig Marmor) geradezu gespeichert. Da Brodsky ohnehin ein angeschlagenes Herz hatte, gaben ihm die Kälte und Feuchtigkeit den Rest und er war zur Abreise Richtung Paris gezwungen, da er den ortsansässigen Krankenhäusern misstraute. Paradoxerweise hielt ihn diese scheinbare Zurückweisung Venedigs nicht davon ab, im nächsten Jahr wieder zu kommen. Seine Liebe zu Venedig wurde von der Stadt nie erwidert und zeitlebens mühte er sich vergeblich ein echter Venezianer zu werden.[8] Allerdings ist es für Brodsky in einem gewissen Alter und Beruf nicht unbedingt erforderlich, dass die Liebe erwidert wird. Aus diesem Grund ist es überhaupt erst möglich Dinge wie Städte, Architektur oder Musik zu lieben. Brodsky beschreibt Liebe als „… Verhältnis zwischen einer Spiegelung und ihrem Gegenstand.“.[9] An dieser Stelle tritt erneut die Bedeutung des Spiegels hervor.

4. Venedig bei Tag

Der Winter ist für Brodsky eine abstrakte Jahreszeit, weil in dieser Jahreszeit die Farben schwach und die Ansprüche der Kälte und des kurzen Tageslichts stark sind.[10] Dadurch wird das Auge geschult und die Nerven, also die Wahrnehmung, unterwirft sich den Instinkten. Das Leben wirkt realer denn der Winter alles härter und strenger erscheinen lässt. Doch in Abwesenheit der eingangs beschriebenen Touristenströme stellt sich im Winter etwas gänzlich Unerwartetes ein: Normalität. Im Sommer ist Venedig geradezu belagert von Schaulustigen aus aller Welt. Dieser Andrang führte im Jahr 1999 zu einer ungewöhnlichen Aktion der Stadtverwaltung: Man warnte in Plakaten vor Venedig. Diese Aktion richtete sich gegen Tagestouristen, die der Stadt außer Belastung wenig einbringen. Diese Plakataktion von Oliviero Toscani warnte mit drastischen Fotos vor Ratten, verschmutzen Kanälen und verfallenden Palästen vor den hässlichen Seiten Venedigs, um diejenigen Besucher abzuschrecken, die eine Postkartenidylle erwarteten. Im Winter hingegen ist der Gestank der Kanäle verflogen, man atmet die frische, klare und kühle Winterluft ein und genießt den nun freien Blick auf den Dogenpalast und den Markusplatz. Wenige Orte auf dieser Welt sind so von ihren Abbildern und Beschreibungen überlagert und so von der bereitwilligen Inszenierung ihrer selbst geschwächt wie der Markusplatz. Unerträglich ist es hier im Sommer. Und zu Karneval. Und an Silvester. Und Ostern. Und doch: Dieser Platz ist der unbedingte Mittelpunkt der Stadt, auf ihn bezieht sich und von ihm strahlt alles Leben in der Lagune aus. Allerdings kann man nur im Winter das Glück haben, etwas vom ursprünglichen Charme der Piazza di San Marco zu verstehen und damit ein wenig von der ganzen Stadt. Auch die hier im Sommer auftretende Taubenplage, in ihrer Anzahl dem Herr von Touristen nahezu ebenbürtig, scheint im wahrsten Sinne des Wortes verflogen. Jetzt bekommt das Auge die Gelegenheit frei über die Fassaden der Palazzi zu schweifen. Es wird autonom und unterwirft den restlichen Körper seinem Willen, „… es schnellt los, schwebt, schwingt, taucht, quillt hervor.“.[11] Diese Unabhängigkeit des Auges ist vergleichbar mit der einer Träne, mit dem Unterschied, dass sich die Träne vom Körper trennt. Da dies dem Auge nicht möglich ist, unterwirft es ihn und nach kurzer Zeit betrachtet sich der Körper nur noch als Träger des Auges.[12]

[...]


[1] Vgl. Venezianischer Winter.

[2] Vgl. Brodsky, J. (2011), S. 24.

[3] Vgl. Brodsky, J. (2011), S. 7.

[4] Vgl. Brodsky, J. (2011), S. 8.

[5] Vgl. Brodsky, J. (2011), S. 9.

[6] Vgl. Brodsky, J. (2011), S. 9.

[7] Vgl. Brodsky, J. (2011), S. 14.

[8] Vgl. Brodsky, J. (2011), S. 85.

[9] Vgl. Brodsky, J. (2011), S. 86.

[10] Vgl. Brodsky, J. (2011), S. 21.

[11] Vgl. Brodsky, J. (2011), S. 25.

[12] Vgl. Brodsky, J. (2011), S. 33.

Details

Seiten
13
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656151821
ISBN (Buch)
9783668104853
Dateigröße
535 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v190339
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
1,0
Schlagworte
Venedig Brodsky Winter

Autor

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Titel: Venezianischer Winter in Brodskys "Ufer der Verlorenen"