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Der Sinn des Lebens

Eine philosophische Analyse

Seminararbeit 2011 9 Seiten

Philosophie - Epochenübergreifende Abhandlungen

Leseprobe

Was ist, wenn das Leben komplett sinnlos wäre. Wenn es gleichgültig ist, was ich mache und wie ich es mache, wenn es ohne Bedeutung wäre, ob ich je existiert habe oder nicht. Müsste dann nicht unter diesen Prämissen des sinnlosen Lebens am Ende die Konsequenz des Selbstmordes in Erwägung gezogen werden? Dem Mythos von Sisyphos haftet zumindest diese Idee an. Die Sinnlosigkeit mit der Sisyphos jede Minute seines Lebens verbringt, ein und denselben schweren, großen Stein, immer und immer wieder unermüdlich den Berg hinaufschiebend. Nur um kurz vor dem Erreichen des Gipfels von Gott wieder hinunter gestoßen zu werden. Dieser Kreislauf findet erst durch den Tod des tragischen Helden sein Ende. Zieht man diese Betrachtungsweise heran, dann muss der Tod eine Erlösung von einem sinnlosen Leben sein. Aber ist und kann überhaupt Leben sinnlos sein? Welche Bedingungen müssen herrschen, wenn wir von sinnlosem oder sinnvollem Leben sprechen? Das Glück jedes Einzelnen liegt in dem Vermögen das Leben so zu gestalten, dass es einen persönlichen empfundenen sinnvollen Inhalt erreichen kann. An dessen Ende aber wieder nur der Tod wartet. Betrachtet man es sehr nüchtern, ergibt das alles keinen wirklichen Sinn.

Ich möchte versuchen, anhand eines Gedankenexperiments, die möglichen Konsequenzen vom Verlust des Sinns in einem Leben zu konstruieren und darauf mögliche Antworten zu finden. Gehen wir davon aus, dass eine Person namens Joseph ein gutaussehender, erfolgreicher junger Student ist. Nebenbei ist er auch sehr sportlich und bei den Frauen äußerst beliebt. Finanzielle Sorgen kennt er nicht. Im Laufe der Zeit verlieren wir aber den Kontakt zu ihm, sodass wir richtig erschrocken sind, ihn Jahre später, schwer depressiv in einer heruntergekommen Kneipe zufällig wieder zu erkennen. Er empfindet sein Leben als sinnlos, nicht aufgrund einer einzelnen Handlung oder einer momentanen Gefühlslage. Er vermag überhaupt keinen Lebenssinn mehr zu finden. Wie soll man sich in einer solchen Lage ihm gegenüber verhalten? Vergleicht man seinen aktuellen Zustand mit dem der Vergangenheit, wird man feststellen, dass sein soziales Verhalten sich gravierend geändert hat. Ob nun als Folge der Veränderung oder als Auslöser sei dahingestellt, aus dem fröhlichen, zugänglichen und für neue Kontakte offenen Joseph wurde ein einsamer, verschlossener Mensch. Auch die Arbeit litt darunter, sodass er schließlich seinen Job verlor, die Freunde wandten sich von ihm ab, die Anerkennung durch die Gesellschaft verschwand immer weiter. Auch Grundbedürfnisse, wie Essen, Kleidung, Wohnung maß er nicht mehr den selben Wert wie früher zu. Statt gutes Essen zu genießen, greift er nun immer häufiger zu billigen Produkten und sein letztes Geld investiert er in billigen Alkohol. Wie kann man nun so einen Menschen begegnen? Mit Logik kommt man hier nicht weiter. Stellt man die Prämissen auf, dass er lebt, dass er gesund und arbeitsfähig ist, noch gute Freunde hat, so wird die Antwort immer dieselbe deprimierende Aussage bleiben. Wie könnte man aber einem Sinn auf die Schliche kommen, wo ist er fassbar? Es scheint vielleicht gerade in unserer modernen Zeit, wo alles vereinheitlicht wird, ein wesentliches Bedürfnis zu sein, seinem Leben einen individuellen Sinn zu verleihen. Wie und wo immer man diesen auch finden mag, es ist einleuchtend, dass der Sinn immer ein ganz persönlicher sein muss. Mag auch der Sinn des Einzelnen darin bestehen in der Menge aufzugehen, so ist dies lediglich die Auslebung des sehr persönlichen Wunsches nach starker sozialer Anerkennung. Man kann und darf hier nicht von einem Gesellschafts- oder Gemeinschaftssinn sprechen. Wenn, wie in dem traurigen Fall unserem Joseph, dass Leben sinnlos ist, kann gegenargumentiert werden, was ihm zwar nicht weiterhelfen würde, aber trotzdem in diesem Zusammenhang mir als wichtig erscheint, dass der Begriff sinnlos, nicht ohne weiteres mit der Definition von Leben zusammenpasst. Als sinnlos werden allgemein Zeichenreihen, wie "Gkhea" oder ähnliches betrachtet. Sprechen wir hingegen von einem sinnlosen Leben, so meinen wir generell, dass unser Leben für uns in dem Moment keinen Wert mehr hat oder zumindest den Anschein danach hat.

Sinn macht ein Leben daher, wenn wir in der Lage sind, in ihm einen Sinn zu deuten. Das bedeutet zeitgleich auch, dass der Sinn eines Lebens immer nur in einem Augenblick erkannt werden kann, nämlich genau dann, wenn eben in diesem Moment die Person meint, fühlt, denkt, dass sein Leben lebenswert ist. Damit kann festgestellt werden, dass der Lebensinn von unserem Joseph nur in einem Augenblick erkennbar ist und man sich immer auf der Suche nach einem neuen Sinn befindet. Wir haben die Perspektive betrachtet, dass der Sinn eines Lebens immer ein persönlicher sein kann und nur im Augenblick greifbar ist. Wir jagen also immer unserem Sinn nach. Die Frage danach, woraus dieser Sinn denn letzten Endes bestehen würde, lässt sich kaum fassen. Werfen wir noch mal einen Blick auf unseren Joseph. In den Zeiten als er das Leben als lebenswert und als sinnvoll betrachtete, waren zeitgleich auch jene Momente, welche mit einer gewissen Tätigkeit, ja man könnte sogar sagen, mit einer klaren Aufgabe gefüllt waren. Im jetzigen Zustand kann wohl kaum einer behaupten, dass sein Leben von einer Aufgabe dominiert wird, vielmehr fristet er sein Leben vor sich hin. Das bedeutet aber nicht, dass der Sinn des Lebens zwangsläufig durch eine Aufgabe definiert werden kann. Zwar haben viele große Denker wie Frankl behauptet, dass eine Aufgabe notwendig für den Lebenssinn wäre, dem möchte ich aber mit einer Erweiterung des Gedankenexperimentes dagegenhalten. Nehmen wir an, dass Joseph's Leben weiterhin so aussichtsreich verlaufen wäre. Er hätte sein Studium beendet, erfolgreich eine berufliche Karriere gestartet und vielleicht mit seiner Familie in einem idyllisch gelegenen Familienhaus direkt am See gelebt. Mit der Zeit wachsen die Kinder heran und begannen sich vom elterlichen Nest zu lösen. Die Zeit der Pension rückt näher und da er, sowie seine Frau immer noch glücklich sind und sich bester Gesundheit erfreuen, genießen sie einfach nur das Leben. Mal reisen sie in ferne Länder, dann wieder lassen sie einfach die Seele baumeln. Sie haben keine Verpflichtungen, keine spezielle Aufgabe mehr, sie leben einfach wie sie es in dem Moment möchten. Dieser Joseph ist nun offensichtlich das genaue Gegenteil, von unserem verloren Joseph aus der Kneipe. Dieser Gedanke widerspricht scheinbar dem gesunden Menschenverstand, ein Leben ohne irgendeine Ausrichtung zu bestehen. Denn wenn der Mensch nichts mehr anstrebt, dann hat er kein Ziel auf das sein Handeln gerichtet ist und demnach wären seine gesetzten Handlungen sinnlos, weil sie eben nicht einem höheren Zweck dienlich sind. Unter dieser Prämisse lebt nun Joseph sein Leben. Und es muss daher sinnlos sein. Das Leben des erfolgreichen, lebenslustigen Joseph auf der Terrasse am See ist ebenso sinnlos, wie das des "kränklichen" Joseph in der herunter gekommen Kneipe mit billigen Schnäpsen. Und trotzdem muss es da einen gravierenden Unterschied geben. Beide Personen haben keine konkrete Aufgabe und das macht ihr Leben eigentlich sinnlos. Wie aber kann es sein, dass der eine Joseph dennoch glücklich ist, während dem anderen, lediglich die Konsequenz des Selbstmordes übrig zu bleiben scheint? Nun kann behauptet werden, dass ein sinnloses Leben, wie jenes welches der ältere Joseph führt nicht sinnlos sein kann, da er ja sich trotzdem ein Ziel setzt, obwohl es ihm gar nicht bewusst ist. Ein unbewusstes Ziel könnte sein den heutigen Tag, die scheinende Sonne, das Plätschern des Sees und vielleicht die kühlende Nässe des Wassers zu genießen. Hier spreche ich ganz bewusst von einem Genießen des Lebens, man kann auch von einer Lebensfreude sprechen. Anders sieht es bei dem Fall des Joseph`s von der Kneipe aus. Hier kann zwar auch argumentiert werden, dass ein unbewusstes Ziel besteht, nämlich das Leben erträglicher durch den Konsum von Alkohol zu machen, doch streite ich vehement ab, dass es sich in diesem Fall um einen Genuss handelt. Vielmehr würde spreche ich hier ganz bewusst von einer Flucht aus der Realität sprechen. Auf jeden Fall muss es irgendetwas geben, wonach unsere beiden Joseph`s streben. Bei dem depressiven Joseph kann es sein den Tag zu überstehen und die Probleme zu verdrängen, während dem anderen Joseph die Zeit als viel zu kurz erscheinen könnte. Ich möchte aber zu bedenken geben, dass das "Sein" an sich nicht sinnlos sein kann, ganz gleich wie es sich gestaltet. Es mag zwar keinen Sinn in einem spirituellen Rahmen finden, vielmehr hat es seinen festen Platz im Konzept der evolutionären Welt. Ich behaupte hier, dass ein Regenwurm nicht fragt, warum er existiert und warum gerade er ein Regenwurm ist. Er existiert streng nach seinem genetischen, evolutionären Prinzipien und hilft mit seiner Existenz, als ein winziger Teil vom Ganzen, dieses Konstrukt zusammen zuhalten, auch wenn er am Ende seines Daseins womöglich lediglich von einem Vogel verspeist wird. Aber beim Menschen ist das anders. Aus irgendeinem Grund hat die Evolution oder meinetwegen auch irgendeine Gottheit, zumindest ist irgendetwas dafür verantwortlich, dass sich Moleküle, Atome zu dem zusammengefunden haben was wir gemeinhin als Menschen bezeichnen. Aufgrund der Zusammenstellung dieser winzigen Teilchen sind wir in der Lage darüber nachzugrübeln warum wir existieren und welchen Sinn es hat. Wir drehen uns also im Kreis und landen in dem von Hans Albert dargestellten Münchhausen-Trilemma. Entweder wir fragen immer weiter nach einem Grund und finden keinen Ausweg aus dem Infinitiven Regress oder unsere Begründungsversuche drehen sich im Kreis. Da beide Möglichkeiten für mich auszuschließen sind, nehme ich an, dass an einer gewissen Stelle die Diskussion abgebrochen werden muss. Somit geht man geschickt weiteren Komplikationen aus dem Weg, was zwar auch keine befriedigende Lösung sein mag, aber immer noch besser ist, als sich immer wieder nur im Kreise zu drehen.

Denkt man an den Sinn des Lebens, so redet man generell doch nur von dem eigenen Sinn. Und daran kann man zerbrechen. Es irritiert bereits, dass die Aussage "Der Sinn des Lebens", im Singular formuliert ist, was streng genommen so viel bedeutet, wie das es nur einen einzigen Sinn im Leben geben könne. Das passt lediglich auf den Glauben, denn hier läuft alles auf Gott zu, sobald es von Gott erschaffen wurde. Also wieder ein unendlicher Kreislauf. Ich denke vielmehr, dass es sich hier um eine sehr ungenaue sprachliche Ausdrucksweise handelt. Der Sinn im Leben, sollte eher mit "den Sinnen im Leben" übersetzt werden. Ich spreche hier nicht von den Sinnen, welche im allgemeinen mit den Wahrnehmungsfähigkeiten in Zusammenhang gebracht werden. Vielmehr liegt meiner Argumentation die Idee zugrunde, dass es nicht nur einen Sinn im Leben geben kann, sondern dass das Leben aus einer Aneinanderreihung von einzelnen Sinnen besteht. Grundlegend sind die lebensnotwendigen Grundbedürfnisse zu nennen. Ohne sie kein Leben und ohne Leben auch kein Sinn. Vernachlässigt man sie, kann das zum Tod führen. Laut diesen Bedingungen muss der Sinn des Lebens, eben auch diese Komponente enthalten.

Im nun folgenden Abschnitt des Essays, werde ich diese Komponenten etwas ausführlicher behandeln. Es wird sich zeigen, dass die Gewichtung eine sehr persönliche ist, das es keine universelle Lösung geben kann, wie es die Epikureer es so gerne verstanden hätten.

Auf die Frage nach dem Sinn des Lebens, stellen wir uns allgemein eine theologische Antwort vor, was gleichsam mit der Frage nach dem Sinn des gesamten Universums einhergeht oder eine Einordnung des Menschen in die biologischen, soziokulturellen Entwicklungen. Die Frage wurde schon so oft versucht zu beantworten, meist sind es religiöse oder philosophische Antworten. Einige von ihnen münden in fundamentalistische Sichtweisen, andere hingegen befürworten einen Selbstmord und wiederrum andere versuchen nicht nach einem Sinn zu suchen, sondern begnügen sich mit dem einfachen "Sein". Günther Anders hat es einmal auf den Punkt gebracht: "Warum setzen Sie eigentlich voraus, dass ein Leben, außer da zu sein, auch noch etwas haben müsste oder auch nur haben könnte - eben das, was Sie Sinn nennen?"[1] Über die Frage wurde und wird immer wieder nachgedacht. Analog zu diesen Überlegungen könnte auch die Frage nach der Sinnhaftigkeit solcher Fragen gestellt werden und ob es nicht klüger wäre, nicht ständig einen Sinn zu suchen, sondern das Leben einfach als gegeben zu akzeptieren. Die meisten religiösen Glaubensgemeinschaften enthalten die Sinnfrage als ein Grundfundament ihrer Theologie, sodass sich aus diesem heraus eine verbindliche, dogmatische Sinnerfüllung ergibt. Findet man den persönlichen Sinn nicht in einer solchen kaum noch hinterfragenden Institution, kann auf die unterschiedlichen Betrachtungsweisen zurückgegriffen werden. In der Regel kann behauptet werden, dass der Mensch in der Lage ist seinen Lebenssinn, zumindest in einem begrenzten Rahmen, selber zu setzen und diesen auch zu verwirklichen. Vorausgesetzt werden muss eine ausreichende Befriedigung der lebensnotwendigen Grundbedürfnisse. Sollte dies nicht gegeben sein, demnach also Hunger, Angst, Schmerz oder Durst den Tag dominieren, wird der selbstgesetzte Sinn unter dieser bedrückenden Last verloren gehen. Ich möchte an dieser Stelle behaupten, dass die Grundbedürfnisse nicht den Sinn des Lebens ausmachen, sondern nur ein wesentlicher Bestandteil als auch Bedingung darstellen . Eine Ausrichtung des Lebenssinnes kann sich an den materiellen, sozialen und geistigen Bedürfnissen des Menschen orientieren. So kann man den persönlichen Lebenssinn in dem Streben nach Macht, Besitz, Ansehen, ja sogar auch in der Fortpflanzung finden. Passend zu diesem Gedankengang beschreibt Manfred Spitzer in seinem Buch "Vom Sinn des Lebens"[2] ein sehr interessantes Experiment. In diesem Versuch ging es darum abzuklären, welches Ereignis von größerem Wert sei, das Einkaufen von materiellen Dingen oder von Erlebnissen. Die Teilnehmer wurden gebeten sich an die letzten Investitionen in einem Wert von rund 100 Dollar zu erinnern. Sie sollten beschreiben um was für eine Investition es sich hierbei gehandelt hatte und wie zufrieden sie in dem Moment und auch noch später waren. Es stellte sich heraus, dass diejenigen, welche in Erlebnissen, also Urlaub, Konzerte oder ähnlichen investierten, weitaus glücklicher darüber waren und es auch weniger bereuten. Damit kann die doch recht plumpe Redewendung "Geld macht nicht glücklich", zwar nicht gänzlich vom Tisch geräumt werden, denn insofern Erlebnisse auch vom Geld abhängig sind, lassen aber den Schluss zu, dass es nicht in erster Linie darum geht in materielle Sachen zu investieren. Fügt man diesen Überlegungen noch die folgende Prämisse hinzu, dass der Kauf von materiellen Dingen in erster Linie für sich selbst bestimmt ist und Erlebnisse immer mit anderen Personen stattfinden, lautet die Konklusion aus diesem Gedankenspiel, dass ein sehr wichtiger Teil unseres Lebens auf Freundschaft, auf Beziehung, schlichtweg auf den sozialen Kontakt beruht. Es ist also wesentlich, ob ich in der Gesellschaft integriert bin oder ob ich eher im Abseitsstehe. Von diesem Standpunkt geht auch Spitzer aus indem er sagt, dass man geschickt oder ungeschickt in sein Glück investieren kann.

[...]


[1] ANDERS, Günther "Die Antiquiertheit des Menschen: Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution" München: 2002, 3. Auflage, C.H. Beck, Seite 369

[2] SPITZER, Manfred "Vom Sinn des Lebens. Wege statt Werke" Stuttgart: 2007, Schattauer GmbH, Abschnitt "Vom Sinn des Lebens", Seite 15

Details

Seiten
9
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656150510
ISBN (Buch)
9783656150015
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v190319
Institution / Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz
Note
2
Schlagworte
Sinn des Lebens Philosophie Leben sinnlos Sinnsuche

Autor

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