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Der Koran in der Praxis und im Alltag

Inwiefern ist der Koran ein Leitfaden für das Leben der Muslime?

Essay 2012 8 Seiten

Theologie - Praktische Theologie

Leseprobe

Einführung

„Man nennt ihn al karim - den Großzügigen, Edlen."[1]

Mit diesen Worten beginnt das Editorial der Zeitschrift Welt und Umwelt der Bibel 01/2012: Der Koran - mehr als ein Buch. Ich habe dieses Zitat als den perfekten Einstieg für die nachfolgende Durchleuchtung über eine Schrift empfunden, die im Islam nichts geringeres als eine heilige Schrift, die göttliche Offenbarung und der Begleiter für das Leben eines glaubigen Muslimen ist.[2]

Der Qur'an galt, auch in der "alten" Qur'an-Forschung als eine Art Abklatsch bzw. gescheiterte Nachahmung der Bibel. Theologen und Forscher der alten Qur'an-Forschung haben versucht, ihn "historisch" zu lesen und sind zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen gekommen, da die historisch-kritische Forschung letztenendes stets eine Suche nach dem "Urtext" ist.[3]

Dabei ist der Qur'an mehr, viel mehr. Das Wort qur'an bedeutet Vortrag, Le­sung bzw. Rezitation. Der Qur'an ist somit auch ein Vortrag der gezielt an Men­schen gerichtet ist und weitergegeben wird, von Generation zu Generation, von Gemeinde zu Gemeinde, von Mensch zu Mensch. Manche Menschen spüren, lesen, sehen und horen in ihm einen größeren Ursprung: einen gottlichen Ur­sprung. Die Rezitation des Qur'an gilt als das verkorperte Wort Gottes. Um diesen Zustand aber vom Christentum abzugrenzen, sprechen Religionswissen­schaftler in diesem Zusammenhang von einer Inlibration (Buchwerdung), die theologisch eine Analogie zur Inkarnation (Menschwerdung) darstellt.[4] Es ist aber immer noch nicht präzise genug ausgedrückt, womit wir es hier zu tun haben.

Besonderheiten

Hinter dem Wort Qur'an verbirgt sich etwas, das mit Besonderheiten versehen ist. Die Qur'an-Wissenschaftlerin Angelika NEUWIRTH versucht es folgender­maßen auf den Punkt zu bringen:[5]

„Praziser gesprochen ist der Koran die tonale, akustisch zugangliche Verkörperung des Gotteswortes. Darum wird er im kultischen Vor­trag vor der Gemeinde wie auch von Einzelnen eher gesungen als gelesen. Im Klang der altehrwürdigen arabischen Kantilene mani­festiert sich fur den muslimischen Glaubigen seine himmlische Her­kunft. Die gesungene Koranrezitation ist wie eine Resonanz der Stim­me Gottes. Um dieser Mitschwingung moglichst nahe zu bleiben, wird stets der arabische Wortlaut verwendet. Sie verleiht dem Ko­ran einen Sonderstatus, den die Bibel in Judentum und Christentum nicht besitzt. Dieser Qualitat muss man sich bewusst sein, wenn man sich als Außenstehender dem 'Buch' des Koran nahert."

Für viele bleibt der Qur'an jedoch weiterhin etwas Fremdes, mit dem ein un- gewohnlicher Umgang verbunden ist, dessen Inhalt meist verdachtigt und Quel­le für Terror und Unmenschlichkeiten zu sein scheint. Religionswissenschaftlich zeigt sich bereits in diesem Punkt, dass keine Differenzierung stattfindet, denn beispielsweise ist die Bibel nicht harmloser und gewaltfreier als der Qur'an. Die biblischen Schriften werden, dies sei am Rande erwahnt, im Qur'an sogar als gottliche Offenbarung geachtet.

Für nachfolgende Betrachtungen ist an dieser Stelle wichtig, einige Fakten um den Qur'an zusammenzufassen. Der Qur'an hat einen Korpus bestehend aus 114 Suren, die im Prinzip der Lange nach geordnet sind (von lang nach kurz), wobei das Eingangsgebet die kurze al-Fatiha ("die Eröffnende") ist. Da der Qur'an oftmals die grobe Richtung angibt und, wie andere heilige Schriften auch, unter­schiedlich auslegbar ist, halten sich Muslime in der Praxis meist an die Regeln die von Gelehrten bestimmter Richtungen kommen (sogenannte Lehrmeinungen bzw. Rechtsschulen).[6]

Vieles aus der islamischen Glaubenspraxis ist aus der Sunna begründet, dem Brauch und der Praxis Muhammads samt seinen Gefahrten.[7]

Einzelüberlieferungen davon (die in tausenden vorliegen) nennt man Hadithe. Religiöses Wissen leitet sich demnach aus der Sunna und dem Qur'an ab. Der Qur'an enthalt die fünf Saulen (Glaubensbekenntnis - Schahada; Ritualgebet - Salat; Almosensteuer - Zakat; Fasten - tSiyäm und die Pilgerfahrt - IHagg)[8], die dem Islam, trotz aller Untergruppierungen und Abspaltungen, seinen Rahmen geben.[9] Da der Islam keine kirchlichen Strukturen und keine einheitliche Lehr­instanz kennt, gibt es unterschiedliche Arten mit Problemen und Fragen um den Qur'an umzugehen. Der Arabist und Islamwissenschaftler Ismail MOHR meint dazu:[10]

„Die Imame und Prediger an den Moscheen, in den Sufi-Orden (tariqa), [...] Gelehrte an Hochschulen oder an ihren Wohnsitzen sind - neben den Büchern - die personlichen Referenzen,an die man sich wenden kann. [...] Jemand, der auf eine brennende Frage oder ein schwieriges persönliches Problem eine verbindliche Antwort braucht, wird sich, einmal davon abgesehen, dass er oder sie im Koran und den Hadithen Trost und Ermutigung sucht, in Büchern oder im Inter­net auf die Suche nach Ratschlagen und Rechtleitung begeben und [...] so lange suchen und forschen, bis die befriedigende Antwort ge­funden ist. Auf offizieller Ebene ware dies die Erbittung eines reli- gios-rechtlichen Gutachtens ('fatwa'), das nur jemand erteilen kann, der das Amt des mufti (des 'Auskunft Erteilenden', 'Gutachters') in­nehat."

[...]


[1] Baur 2012, S. 1. Ich selbst würde in die Übersetzung von al-karm noch das Wort ehrwürdig einbringen: der Großzügige, Edle, Ehrwürdige.

[2] Das Wort muslimün bedeutet Gottesergebener bzw. sich zu Gott hingebender oder (der sich) Gott unterwerfende. Ich verweise in diesem Zusammenhang für die nachfolgenden arabischen Be­griffe auf das Lexikon der islamischen Welt - von Kreisler und Wielandt 1992. Das Lexikon mag zwar 20 Jahre alt sein, genügt aber, um ein grobes Verstandnis für die begrifflichen Zu­sammenhange zu entwickeln.

[3] Dazu NEUWIRTH 2007, S. 325f.: „Allerdings hat dieser Forschungsansatz einen problemati­schen Schwachpunkt: Aus der hier eingenommenen Perspektive auf Muhammad, der von den früheren Traditionen sklavisch abhangiger scheint, sind die koranischen Texte nur als Re­produktionen, noch ofter sogar als verzerrte Wiedergaben alterer Texte wahrnehmbar. Man setzt so letztlich wenn auch ohne eine bewußte [sic!] Polemik die alte christliche antiislami­sche Tradition fort, die Muhammad als Autor für den Koran verantwortlich machte, um ihn so als vorsatzlichen Verfalscher gottlicher Wahrheit zu überführen."

[4] Vgl. Neuwirth 2012, S. 11.

[5] Vgl. Neuwirth 2012, S. 11f.

[6] In der Turkei, in Zentralasien, in Pakistan-Indien und auf dem Balkan ist beispielsweise der sunnitische Islam mit der hanafitischen Rechtsschule am starksten Vertreten.

Diese Rechtsschule folgt dem irakischen Gelehrten Abu Hanifa (699-767) und heißt daher hanafitisch. Typisches Merkmal dieser Rechtsschule sind Handbücher, die man beispielswei­se im türkischsprachigen Raum ilmihäl (wortwortlich "Wissen für jeden Fall") nennt. Eine Art Katechismus, wobei stets auf den Ursprung zu achten ist. Das türkische Präsidium für Religionsangelegenheiten DIB (Diyanet i§leri Ba§kanligi) hat auf ihrer Homepage beispiels­weise ein 1175-Seiten starkes ilmihal veröffentlicht: http://www.diyanet.gov.tr/yayin/ basiliyayin/ilmihal.pdf.

[7] Ein sehr wichtiges Beispiel hierfür ist die rituelle Waschung für das salah, das tagliche Pflicht­gebet. Im Qur'an ist nur grob die Rede von der rituellen Waschung (Sure 5:6), die Sunna erganzt und vervollstandigt jedoch alles fehlende.

[8] Dazu RADSCHEIT 2007, S. 302: "Es ist bemerkenswert, daß [sic!] in dieser Auflistung der Koran nicht erwahnt wird. Er hat hier lediglich indirekt einen Platz, und zwar in Zusammenhang mit dem zweiten der soeben aufgezahlten Pfeiler, namlich dem Gebet, der salah."

[9] Hier noch einmal der Verweis auf KREISLER und WIELANDT 1992.

[10] MOHR 2012, S. 30. Hervorhebungen im Original.

Details

Seiten
8
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656151012
Dateigröße
405 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v190292
Institution / Hochschule
Universität Bremen – Institut für Religionswissenschaft und Religionspädagogik
Note
1,0
Schlagworte
Koran Qur'an Muslime Moslem Leben Alltag Essay Koranexegese Imam Leitfaden Islam

Autor

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